Stadt in Trümmern

Anlässlich des 80. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs und der Neuauflage der Publikation "Herbert List. memento 1945" präsentierte die Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums im Jahr 2025 eine Auswahl von Trümmerfotografien der Nachkriegszeit. Gezeigt wurden Arbeiten von Herbert List (1903–1975), Clemens Bergmann (1903–1973), Dorothea Brockmann (1899–1983), Johann Danböck (1883–1962) und Helmut Silchmüller (1906–1980).

Zu Gast in der Rathausgalerie München

Mit der Rathausgalerie erschloss sich ein neuer Ausstellungsraum: geprägt von einer imposanten Glaskuppel, deutlich höher, offener und lichtdurchfluteter als die gewohnten Räume im Stadtmuseum. Diese besondere Architektur stellte zugleich eine Herausforderung dar.

Wie lässt sich eine Ausstellung mit Originalfotografien an einem Ort ohne Klimakontrolle und mit starkem Lichteinfall realisieren? Und wie kann die Fläche im Sinne des kuratorischen Konzepts strukturiert werden, ohne die räumliche Wirkung zu beeinträchtigen?

Kuratorische Idee

Im Zentrum der Ausstellung „Stadt in Trümmern. Herbert List und die Ruinenfotografie in München" standen die Fotografien von Herbert List, einem der prägenden Fotografen des 20. Jahrhunderts. Sein Werk bewegt sich zwischen Neuer Sachlichkeit und Surrealismus.

Nach Kriegsende kehrte List nach München zurück und begann ein langfristig angelegtes fotografisches Projekt zur zerstörten Stadt. Geplant war eine Publikation unter dem Titel "Die magischen Reste", die jedoch über Vorarbeiten nicht hinausging. Die Sammlung Fotografie verwahrt heute das vollständige Negativarchiv von Herbert List sowie über 1.000 Abzüge dieses Konvoluts.

Im Unterschied zu dokumentarisch arbeitenden Fotograf*innen verfolgte List keinen rein registrierenden Blick. Stattdessen suchte er gezielt nach ungewöhnlichen Perspektiven und extremen Blickwinkeln, um die Trümmerlandschaft in eine eigenständige Bildsprache zu überführen.

Einen kontrastierenden Zugang eröffnen die Farbdias von Clemens Bergmann, die im Zuge der Sammlungsrecherche entdeckt wurden. Als Turmbeobachter auf dem Nordturm der Frauenkirche hielt er heimlich die Bombardierungen Münchens zwischen 1942 und 1945 fest. Größtenteils sind die Negativfilme beschriftet und erlauben eine präzise zeitliche und geografische Einordnung. Die nächtlichen Aufnahmen zeigen oft nur die hellen Explosionen und die silhouettenhaften Umrisse der Stadt.

Ein weiterer Diabestand stammt von Dorothea Brockmann, die ab 1947 den Wiederaufbau Münchens in Farbe dokumentierte. Die Scherenschnittkünstlerin schuf in den 1940er Jahren privat Amateuraufnahmen. Neben ikonischen Bauwerken wie dem Wittelsbacher Palais, der Residenz und der Alten Pinakothek zeigen ihre Bilder auch weniger bekannte Straßenzüge sowie Szenen des Alltags: Fußgänger*innen, Radfahrer*innen oder ein Kind im Spielzeugauto. Besonders bemerkenswert ist die Verwendung von Farbfilm, der erst Mitte der 1930er Jahre von Agfa und Kodak auf den Markt gebracht wurde und in den unmittelbaren Nachkriegsjahren nur schwer verfügbar war.

Aus diesen Beständen entwickelte sich die kuratorische Leitidee: Zum einen sollte eine topografisch-dokumentarische Lesart der Fotografien einer künstlerischen Perspektive gegenübergestellt werden. Zum anderen galt es, die materielle Vielfalt fotografischer Medien sichtbar zu machen – von Dias über Abzüge bis hin zu gedruckten Fotografien und Echtfotopostkarten.

Dokumentarische Positionen repräsentieren die Trümmeransichten von Helmut Silchmüller, der seine Fotografien kommerziell als Postkarten vertrieb. Das ausgestellte Set von 25 Motiven erschien unmittelbar nach Kriegsende und richtete sich mit seinem dreisprachigen Titel – „München 1945. Fotos der zerstörten Stadt / Munich 1945. Pictures of the Destroyed City / Images de la ville détruite" – sowohl an die lokale Bevölkerung als auch an die alliierten Besatzungskräfte.

Eine weitere Perspektive eröffnen die Amateur-Fotoalben von Johann Danböck. Die drei gezeigten Alben "München I–III" dokumentieren den privaten Umgang mit fotografischen Bildern zwischen 1909 und 1956. Sie vereinen gekaufte Postkarten und eigene Aufnahmen, sind geografisch geordnet und häufig tagesgenau datiert, jedoch nicht chronologisch strukturiert. Über mögliche weitere in diesen Alben vertretene private oder berufliche Fotograf*innen, beispielsweise der Postkartenmotive, ist nichts bekannt.

Viele Fotografien wurden nachträglich kommentiert – etwa mit Vermerken wie "zerstört" oder "abgebrannt". Dadurch entsteht eine vielschichtige, editorische Erzählung, die die fortschreitende Zerstörung Münchens anhand zuvor intakter Architektur sichtbar macht. Menschen treten in diesen Bildern meist in den Hintergrund; im Fokus steht die Stadt selbst.

Umsetzung

Massive Stellwände mit Tapetenmotiven von Ruinen und Fotografien von List kamen aufgrund ihrer raumgreifenden Wirkung nur im Eingang und sich wiederholend an der parallel rückseitigen Wand infrage.

Zu den Seiten wurde ein offenes System entwickelt: eine zentrale Struktur, die so den Eindruck erzeugte, sich selbst in einer fragmentierten Architektur zu befinden. Nach innen öffnete sich die Konstruktion mit Holzflächen, auf denen ausschließlich Herbert List gezeigt wurde, nach außen mit eingehängten Paneelen, auf denen die gezeigten Fotografien der verschiedenen Fotografen geografisch sortiert nebeneinander wirken durften. Durch die offene Struktur war ein Durchblick möglich. Die weiteren künstlerischen Positionen wurden in den Randbereichen verortet, ergänzt durch Diaprojektionen auf großformatige Flächen.

Aus konservatorischen Gründen wurden in der Ausstellung keine Originalfotografien gezeigt. Die für Fotografie gängigen Klima- und Beleuchtungswerte von max. 50 Lux Beleuchtungsstärke und 45-50 % relative Luftfeuchtigkeit konnten im nichtmusealen Kontext nicht gewährleistet werden.

Resonanz

18.875 Besucher*innen in nur drei Wochen zeigen wie groß das Interesse an der Ausstellung war. Sowohl während der Ausstellung als auch im Nachgang erhielten wir ein vielschichtiges, in Teilen sehr persönliches Feedback. Zahlreiche empfanden die Ausstellung als Erinnerungsort, der sie in die eigene Vergangenheit zurückführte. Während andere Bezüge zur gegenwärtigen Weltlage, insbesondere im Kontext der zahlreichen Konflikte, herstellten.

Mary Glaser ist Kunsthistorikerin und arbeitet seit 2012 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums. Schwerpunkte sind Ausstellungsrealisation und Sammlungsarbeit.

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Besuchsinformation

Öffnungszeiten

Interimsausstellung “What the City. Perspektiven unserer Stadt” im historischen Zeughaus
Dienstag–Sonntag 11.00-19.00 Uhr
Eintritt frei

Filmmuseum – Vorstellungen
Dienstag / Mittwoch 18.30 Uhr und 21.00 Uhr
Donnerstag 19.00 Uhr
Freitag / Samstag 18.00 Uhr und 21.00 Uhr
Sonntag 17.00 Uhr

Das restliche Museum ist aufgrund der Generalsanierung aktuell geschlossen.

Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln

S/U-Bahn Station Marienplatz
U-Bahn Station Sendlinger Tor
Bus 52/62 Haltestelle St.-Jakobs-Platz

Kontakt

St.-Jakobs-Platz 1
80331 München
Tel. +49-(0)89-233-722370
E-Mail stadtmuseum(at)muenchen.de
E-Mail filmmuseum(at)muenchen.de

Kinokasse Tel. +49-(0)89-233-724150

Informationen zur Von Parish Kostümbibliothek in Nymphenburg