Podcast

Zeitschleifen. Wiesn rewind

Tradition oder Mythos? In unserer neuen Staffel "Zeitschleifen. Wiesn rewind" tauchen wir mit euch ein in über 200 Jahre Oktoberfestgeschichte – mit zahlreichen Überraschungen, Wendungen und unbekannten Geschichten.

"Zeitschleifen. Wiesn rewind" -- überall, wo es Podcasts gibt.

Seit über 200 Jahren feiert München im Spätsommer das größte Volksfest der Welt: die Wiesn. Mit Millionen Besucher*innen, Tracht, Bier, Brathendl – und dem Gefühl, Teil einer bayerischen Tradition zu sein. Aber Moment mal: War das Oktoberfest wirklich schon immer so, wie wir es heute kennen? Oder steckt hinter der angeblich uralten Tradition ein ganz anderer Anfang?

Die Antworten findet ihr in der neuen Staffel von "Zeitschleifen. Wiesn rewind", dem Podcast des Münchner Stadtmuseums.

Verfügbar unter anderem auf Spotify | Apple Podcasts | YouTube Music | Amazon Music

Trailer zu "Zeitschleifen. Wiesn rewind":

Tradition oder Trend? Tracht auf dem Oktoberfest

Staffel 2, Folge 1

Erst wenn Sie zustimmen, erlauben Sie uns Daten von Podigee zu laden.

Wer heutzutage auf die Wiesn geht, tut das meist in Dirndl oder Lederhosen – so wie fast alle anderen Wiesnbesucherinnen. Denn Oktoberfest und Tracht, das sind zwei Dinge, die traditionell schon immer miteinander verbunden sind. Oder? Die Tracht erlebt derzeit ein Revival, aber so allgegenwärtig wie heutzutage war sie noch nie.

Zusammen mit Dr. Isabella Belting, Leitung der Sammlung Mode / Textilien des Münchner Stadtmuseums, finden wir heraus, wer die Tracht auf die Wiesn gebracht hat, warum sie lange Zeit verpönt war, was die Jugend stattdessen getragen hat und welches Großevent dazu beigetragen hat, das Dirndl wieder salonfähig zu machen. Kulturwissenschaftlerin Dr. Simone Egger erklärt, was Tracht mit Heimatverbundenheit zu tun hat und ob sie auf der Wiesn jeder tragen darf.

Shownotes

Inhalt
[00:00] Einleitung
[04:03] Reise in die Vergangenheit, Interview mit Dr. Isabella Belting, Leitung der Sammlung Mode / Textilien des Münchner Stadtmuseums
[12:56] Zurück in die Gegenwart, Interview mit Jun.-Prof. Dr. Simone Egger, Juniorprofessorin für Europäische Kulturanthropologie, Universität des Saarlandes
[18:19] Zusammenfassung und Ausblick
[23:12] Goodie

Abbildungen / Verweise

Dirndl der Olympia-Hostessen von 1972, Design: André Courrèges
Folge 2 aus der 1. Staffel "Zeitschleifen. Geschichte fast forward": Ein Schritt vorwärts, drei zurück? Feminismus und Geschlechterrolle

Quellen
Zitatcollage
https://www.youtube.com/watch?v=xG0ihFkzbg4 
https://www.youtube.com/watch?v=TOKOab-3_3w 
https://youtu.be/c2NGqI6FqeQ?si=E-G9H2-rDsceaggT 

Weiterführende Ressourcen
Weitere spannende Einblicke in das Thema München und Tracht bekommt ihr in der Ausstellung "What the City. Perspektiven unserer Stadt" im Kapitel "Fesch City".

Kontaktinformationen
Die Redaktion ist zu erreichen unter presse.stadtmuseum(at)muenchen.de.

Credits
Recherche und Skript: Anna Scholz
Redaktion: Carolina Torres, Carol Pfeufer, Maria Tischner, Ulla Hoering, Lena Hensel
Produktion: Anna Scholz, Carolina Torres, Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber
Host: Anna Scholz
Audio-Produktion: mucks audio (Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber)
Musik: mucks audio (Johannes Weber)

Transkription

Anna Scholz, Host

Dr. Isabella Belting, Leitung der Sammlung Mode / Textilien des Münchner Stadtmuseums

Jun.-Prof. Dr. Simone Egger, Juniorprofessorin für Europäische Kulturanthropologie, Universität des Saarlandes

verschiedene Stimmen einer Straßenumfrage aus München, Juni 2025

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UMFRAGE

"Ich habe auch mittlerweile in meinem Schrank fünf Dirndl, also München hat mich mittlerweile schon komplett gefangen im Trachtenfieber."

Anna Scholz

Wenn ich – als gebürtige Westfälin und Wahlhamburgerin – ans Oktoberfest denke, dann denke ich vor allem an zwei Sachen: an Bier und an Tracht. Vor meinem inneren Auge sitzen dann angeschwipste Menschen im Dirndl und in Lederhosen auf Bierbänken und schunkeln fröhlich zu Blasmusik. Und ja, ich weiß, dass da auch viel Klischee mitschwingt. Aber komplett daneben liege ich nicht, oder München?

UMFRAGE

"Ich trage Tracht. Ich bin damit aufgewachsen hier und ich finde es cool, dass man der Kultur dazu beistehen kann heute noch."

"Tracht ist Tradition, ist Heimatgefühl, vor allem im bayerischen Land."

Anna Scholz

Wer die erste Staffel dieses Podcasts gehört hat, der weiß, wir versuchen hier Brücken vom Gestern ins Heute zu schlagen und so etwas aus der Vergangenheit zu lernen. Und genau das wollen wir auch in dieser zweiten Staffel von Zeitschleifen machen – und diesmal nehmen wir dafür das Oktoberfest in den Fokus. Die "Wiesn", wie die Münchner*innen liebevoll sagen. Welche Bedeutung hatte das Oktoberfest früher und welche hat es heute? Wie konnte ein bayerisches Volksfest weltbekannt werden? Und was passiert eigentlich abseits der Bierzelte, in den Fahrgeschäften und Schaubuden – und wie sah es da früher aus? Wir liefern euch fun facts, mit denen ihr beim nächsten Wiesn-Besuch glänzen könnt und beginnen heute mit einem Thema, das einem literally ins Auge springt: Tracht. Wo kommt sie her, wer trägt sie, und war das eigentlich schon immer so?

Sogar ich habe mir für meinen bisher einzigen Oktoberfestbesuch vor über zehn Jahren ein Secondhand-Dirndl gekauft. Das hatte ich dann genau einmal an und seitdem hängt es im Schrank. Und wenn ich ehrlich bin dann hat es sich für mich damals so ein bisschen angefühlt wie Karneval, also irgendwie verkleidet – und ich habe mich auch gefragt: Ist es überhaupt ok, dass ich Tracht trage, obwohl ich so weit nördlich des Weißwurst-Äquators aufgewachsen bin?

UMFRAGE

"Also alle Touris, die dafür herkommen, kaufen sich ja auch überall dann irgendwie eine 20 Euro-Lederhose aus Plastik, also, jeder wie er mag. Aber das hat dann nichts mehr mit Tradition zu tun würde ich sagen, sondern einfach mit Trend."

Anna Scholz

Ja, ok. Zu meiner Verteidigung: Mein Dirndl war zumindest kein Fast Fashion aus dem Hauptbahnhofladen. Aber natürlich kann ich solche Aussagen verstehen. Das Oktoberfest ist bayerische Tradition, aber irgendwie läuft inzwischen ein großer Teil der Tourist*innen in Tracht herum. Und dabei ist es noch gar nicht so lange üblich, in Dirndl oder Lederhosen auf die Wiesn zu gehen.

UMFRAGE

"Habe ich noch nie getragen. Früher war das nicht üblich."

Anna Scholz

Warum ist die Tracht heute wieder so im Trend? Hat das etwas mit Heimatverbundenheit zu tun? Mit Politik? Oder vielleicht einfach mit Mode?

Wenn sich im Spätsommer die ersten Blätter bunt färben, veranstaltet München das größte Volksfest der Welt – um sich selbst, bayerisches Wir-Gefühl und das Leben zu feiern. Das Oktoberfest ist eine große Gaudi – und schlägt sich gleichzeitig mit dem Klischee herum, einfach nur ein kollektives Besäufnis zu sein. Aber die Wiesn ist mehr als Bier und Brathendl – und genau das wollen wir euch in diesem Podcast zeigen. Sie passt sich dem Zeitgeist an und ist gleichzeitig seit über 200 Jahren eine Insel der Verlässlichkeit und Tradition – und dabei heute beliebt wie nie. Wie machen die das?

Ich bin Anna Scholz, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin. Und in "Wiesn Rewind", der zweiten Staffel von "Zeitschleifen" geht es um das Oktoberfest, beziehungsweise die Wiesn – früher und heute.

Wir reisen jetzt einmal zusammen mehr als 200 Jahre in die Vergangenheit, ins Jahr 1810, zum allerersten Oktoberfest. Begonnen hat alles nämlich nicht mit Tracht, großen Bierzelten und Hendlbratereien, sondern mit einer königlichen Hochzeit und einem Pferderennen.

Es ist der 17.Oktober 1810. Du bist zehn Jahre alt und darfst mit deinen Eltern endlich zum großen Volksfest in München gehen, von dem dir deine Freund*innen erzählt haben. Seit fünf Tagen wird hier schon gefeiert, zu Ehren der Hochzeit von Kronprinz Ludwig von Bayern mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Du bist aufgeregt, weil du vielleicht einen Blick auf eine echte Prinzessin erhaschen wirst, aber auch, weil es heute ein großes Pferderennen geben soll. Bauern und Soldaten aus dem ganzen Königreich Bayern werden hier gegeneinander antreten. Schon aus der Ferne hörst du das Trappeln von Pferdehufen, fröhliches Stimmengewirr und das Spiel einer kleinen Blaskapelle. Es riecht nach feuchtem Gras, Pferden, Rauch von offenen Feuern und frisch gerösteten Kastanien.

Du gehst mit deinen Eltern über den großen Festplatz, es herrscht Gedränge. Auf einmal teilt sich die Menge und es ertönt Musik. Ein Festtagsumzug beginnt, angeführt von Musikern. Hinter ihnen laufen Kinderpaare, immer ein Junge und ein Mädchen. Jedes Paar trägt eine andere Tracht. Du weißt, dass München erst seit ein paar Jahren zum neugegründeten Königreich Bayern gehört, zusammen mit anderen Landkreisen und Regionen, von denen du noch nie gehört hast. Die Kinder, die an dir vorbeilaufen, tragen die traditionelle Kleidung ihrer Heimat. Es sind Paare aus Schwaben, Franken und der Pfalz, erklären dir deine Eltern. "So groß ist Bayern", staunst du. Und dann zupfst du deinen Vater am Ärmel und fragst, ob es dieses Fest im nächsten Jahr wieder geben wird.

Also das erste Oktoberfest war also eigentlich ein Hochzeitsfest, zu dem das ganze, frisch gegründete Königreich Bayern eingeladen war.

Jun.-Prof. Dr. Simone Egger, Juniorprofessorin für Europäische Kulturanthropologie, Universität des Saarlandes

Und dann ist man aber relativ bald auf die Idee gekommen, wir könnten ja aus diesem Fest, das jetzt schon einmal stattgefunden hat, so etwas machen wie ein Nationalfest.

Das ist Simone Egger.

Simone Egger

Bayern hatte ja sehr viele unterschiedliche, neue Menschen zu einen und auf einen König einzuschwören und da hat es sich eben angeboten, dass man aus diesem Fest, das Ereignis hatte man schon, ein Nationalfest macht.

Sie ist Kulturwissenschaftlerin und seit 2023 Juniorprofessorin für Europäische Kulturanthropologie an der Universität des Saarlandes.

Und sie beschäftigt sich seit ihrer Masterarbeit vor 20 Jahren mit dem Oktoberfest und da vor allem mit einem Thema: Tracht.

Simone Egger

Schon zu dem allerersten Pferderennen auf der Wiesn, die man später Theresienwiese genannt hat, gab es ja Kinderpärchen in Tracht und damals war die Idee, dass diese Kinderpaare in Tracht jetzt hier alle bayerischen Bezirke repräsentieren, die jetzt Teil des Königreich Bayerns sind.

Bayern wurde am 1. Januar 1806 durch Napoleon zum Königreich erhoben und das sogenannte "Altbayern" bekam im Zuge dessen drei neue Landesteile hinzu: Schwaben, Franken und die Pfalz. Und diese unterschiedlichen Regionen mussten nun vereint werden, und wie geht das besser als mit einem großen Fest – und eben Kindern in Tracht. Das war nicht nur für das Königreich wichtig, sondern auch für seine Bewohner*innen.

Simone Egger

Das verschafft natürlich auch Sicherheit. Das ist etwas, was mich alltäglich versichert, wenn ich weiß, wer ich bin, wo ich dazugehöre und wie ich in dem Umfeld auch agieren kann, wie ich mich bewegen kann, wenn ich nicht jedes Moment hinterfragen muss. Das heißt, ein Wir-Gefühl ist eigentlich etwas ganz Wesentliches, was die soziale Verfasstheit des Menschseins angeht.

So eine Tracht kann stark zu diesem "Wir-Gefühl" beitragen. Allerdings trugen die Besucher*innen des ersten Oktoberfestes höchstwahrscheinlich noch gar keine Tracht. Das Dirndl, wie wir es heute kennen, musste überhaupt erst noch erfunden werden. 

Dr. Isabella Belting, Leitung der Sammlung Mode/Textilien des Münchner Stadtmuseums

Die Tracht ist eigentlich und ursprünglich die praktische Arbeitskleidung bei der Landbevölkerung. Da kommt sie auch her. Das heißt, Lederhosen und Janker waren bei den Männern und Burschen üblich. Und die Bäuerinnen, Sennerinnen oder Mägde, die trugen das einfache Trachtenkleid mit Mieder und Schürze. Und das war immer aus Baumwolle oder Baumwollleinen und dadurch strapazierfähig.

Anna Scholz

Wer die erste Staffel Zeitschleifen gehört hat, erinnert sich vielleicht an diese Stimme.

Isabella Belting

Mein Name ist Isabella Belting und ich leite im Münchner Stadtmuseum die Sammlung Mode und Textilien.

Anna Scholz

In Staffel eins haben wir mit Isabella über das Kommen und Gehen des Korsetts im 20. Jahrhundert gesprochen und was das mit emanzipatorischen Bewegungen zu tun hatte. Wir verlinken euch diese Folge in den Shownotes. Heute sprechen wir aber über den Ursprung der Lederhose und des Dirndls – und der liegt auf dem Land und auf der Alm.

Isabella Belting

Ja, wenn man an die Landbevölkerung denkt, dann ist das ja mit viel körperlicher Arbeit verbunden. Sei es im Stall bei den Tieren oder auf dem Feld oder überhaupt die Leute damals haben ja wirklich schwer gearbeitet und da waren Lederhosen natürlich sehr praktisch. Haben auch lange gehalten und genauso eben die festen Röcke und Blusen für die Frauen, die konnte man dann auch gut waschen und so weiter. Darum ging es ja, dass es eben feste Stoffe sind.

Anna Scholz

Diese Kleidung sieht man erstmal nicht auf dem Oktoberfest. Aber: Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fährt die wohlhabende Stadtbevölkerung immer öfter zu der sogenannten Sommerfrische aufs Land und in die Berge. Und dort fällt den Frauen die Kleidung der Mägde auf.

Isabella Belting

Denn eine Magd wurde früher auch Dirn oder Dirndl bezeichnet. Das Dirndl war ein Magd und das Kleid war dann eben sozusagen das sogenannte Dirndlgewand.

Anna Scholz

Das waren so relativ einfache Baumwollkleider mit Schürzen. Und die wohlhabenden Frauen nahmen das als Inspiration wieder mit in die Stadt.

Isabella Belting

Vor allem aber ist es schon so, dass dieser modische Trend als Bäuerin oder Sennerin gekleidet zu sein von den Städtern übernommen wurde.

Anna Scholz

Es entstand dann so ein Stilmix aus dem einfachen Dirndlgewand und höfischer Mode: Das Dirndl behielt seinen einfachen Rock mit Schürze und bekam dazu ein enges Mieder und eine schmale Taille. Also das Dirndl, was man heute auf der Wiesn sieht, ist also gar keine uralte Bauerntracht, sondern eher eine Modeerscheinung – die sich auch immer weiter gewandelt hat. Der tiefe Ausschnitt zum Beispiel wurde dem Dirndl erst während der NS-Zeit hinzugefügt. Und das war ohnehin keine gute Zeit für das Dirndl.

Isabella Belting

Was auch interessant ist, dass zur Zeit des Nationalsozialismus, das Dirndl als neue deutsche Bauerntracht instrumentalisiert wurde. Das Dirndlkleid sollte ein Symbol für die, in Anführungszeichen, Arterhaltung gegenüber allem Fremden sein.

Anna Scholz

Nach dem zweiten Weltkrieg hat man daher noch weniger Dirndl auf dem Oktoberfest gesehen.

Isabella Belting

Und deshalb war es jetzt kurz nach dem Krieg natürlich auch nicht sonderlich beliebt, das Dirndl, weil man das automatisch auch mit den Nationalsozialisten in Verbindung gebracht hat.

Anna Scholz

Es sind dann schließlich die Olympischen Spiele 1972 in München, die den Ruf des Dirndls retten. Denn dort waren alle Hostessen in hellblaue Dirndl gekleidet – und so wurde es ein zweites Mal international berühmt, nun im positiven Sinne. Mehrere dieser Hostessendirndl gibt es übrigens auch in der Sammlung des Münchner Stadtmuseums. Wenn ihr sie live sehen wollt, könnt ihr es noch bis Mitte 2027 in der Ausstellung "What the City" im historischen Zeughaus in München finden. Nur auf der Wiesn hat man sie auch in den 70ern trotz Olympiahype immer noch nur selten gefunden.

Isabella Belting

Und in dieser Zeit war aber auch der Minirock und die Blue Jeans modern. Das heißt, die jungen Leute sind nicht in Tracht auf die Wiesn gegangen, sondern selbstverständlich im kurzen Rock und der hautengen Hose. Also für die Jugend in den 70ern war Tracht damals gleichbedeutend mit Spießigkeit und Stammtisch.

Anna Scholz

Was mich bei diesem Rückblick überrascht hat, ist, dass es gar keine so richtige Trachten-Tradition gibt auf dem Oktoberfest. Denn gerade im 19. Jahrhundert haben sich die Besucher*innen für dieses besondere Volksfest einfach noch so richtig in Schale geworfen – und das war in der Regel eben städtische Mode, oder für die Landbevölkerung auch so eine Art Festtagstracht. Und nachdem dann das Dirndl von den Nazis gekapert wurde, brauchte es eine ganze Weile, bis es nicht mehr mit rechter oder konservativer Politik in Verbindung gebracht wurde. So richtig freigeschwommen hat es sich eigentlich erst im 21. Jahrhundert. Und wie, das schauen wir uns jetzt an, mit Hilfe von Kulturwissenschaftlerin Simone Egger.

Simone Egger

Ich habe mich mit dem Oktoberfest und vor allen Dingen mit den Dirndl- und Lederhosen auf dem Okoberfest schon für meine Masterarbeit beschäftigt, die liegt jetzt rund 20 Jahre zurück und bin damals einem Phänomen nachgegangen, das ganz neu war, weil ich wissen wollte, was denn da dahintersteckt, wieso wird auf einmal so etwas wichtig, wieso ziehen auf einmal Leute Dirndl und Lederhosen an, wo das doch vorher niemals ein Thema war.

Anna Scholz

In ihrer Jugend wäre es Simone Egger nie eingefallen, Tracht zu tragen – obwohl sie selbst nur eine Stunde von München aufgewachsen ist

Simone Egger

Viele Leute in meinem Alter, die jetzt eher aus München kommen und Umgebung, die haben tatsächlich schon drüber gesprochen, dass ihnen das eigentlich peinlich gewesen wäre, wenn sie so mit 16 oder 17 hätten Dirndl oder Lederhosen anziehen müssen, weil einfach diese Kleidungsstücke sehr, sehr konservativ konnotiert waren und man eben noch keinen Zugang dazu entwickelt hatte. Also man wäre wirklich nicht auf die Idee gekommen, eigentlich weder aufs Oktoberfest zu gehen, noch diese Kleider zu tragen.

Anna Scholz

Aber Anfang des 21. Jahrhunderts ändert sich das rapide: Sowohl das Tragen von Tracht als auch die Beliebtheit des Oktoberfests bei jungen Menschen.

Simone Egger

Man konnte das wirklich Anfang der 2000er-Jahre Schritt für Schritt nachvollziehen. Wie diese sehr engen Bedeutungszuschreibungen, Lederhose und Dirndl bzw. Tracht, ist gleich konservativ, wie sich das verändert hat, wie es sich auch geöffnet hat und wie dann wirklich so sehr junge Leute auch begonnen haben, spielerisch mit diesen Kleidungsstücken umzugehen.

Anna Scholz

Diese Renaissance des Dirndl und der Lederhosen, die schreibt Simone Egger auch dem Retro-Trend der 00er Jahre zu. Auf einmal war es cool, alte Trachtenmode in Vintage-Läden zu kaufen. 

Simone Egger

Bei den jungen Leuten, die begonnen haben, sich in Dirndl, Lederhosen, Janker etc. zu kleiden, war das ein modisches Moment.

Anna Scholz

"It’s not that deep", würde die Jugend heute vielleicht sagen. Aber dass die Jugendlichen auf einmal in Scharen wieder auf ein altbackenes Volksfest strömen – und dann auch noch in Tracht, das war schon echtschwer vorauszusagen.

Simone Egger

Ja, also man könnte ja sich auch denken, was setzen sich jetzt 18-Jährige zur Blasmusik in so einem Bierzelt und schunkeln? Ja, es wäre ja auch möglich gewesen, dass Ende der 90er Jahre das Prinzip Volksfest in der Form irgendwie auch an ein Ende gekommen ist, aber das war ja das erste Erstaunliche, dass das eben tatsächlich nicht der Fall war, sondern ganz im Gegenteil, es hat ja einen Wahnsinnsaufwind erlebt, eben gerade unter diesen ganz jungen Besucher*innen, die sich eben dann dafür auch entsprechend angezogen haben.

Anna Scholz

Was meinst du, woher kam dieser Aufwind?  

Simone Egger

Man kann das Phänomen gar nicht nur mit einem Faktor erklären.

Anna Scholz

Wie gut, dass wir hier mit jemandem sprechen, die sich seit zwanzig Jahren mit diesem Phänomen beschäftigt. Also, Faktor Eins:

Simone Egger

Ganz wesentlich ist, dass diese Generation, die in den 2000er Jahren mit dem Phänomen Wiesntracht begonnen hat, diese Generation musste sich jetzt nicht mehr in der Form wie frühere Abgrenzen von einer Elterngeneration oder einer Großelterngeneration.

Anna Scholz

Denn die Eltern- und Großelterngenerationen haben wahrscheinlich selbst keine Tracht getragen. Wir erinnern uns an die Frau, die wir am Anfang dieser Folge schon gehört haben:

UMFRAGE

"Habe ich noch nie getragen. Früher war das nicht üblich. Ich bin das erste Mal 71 auf dem Oktoberfest gewesen und damals gingen viele noch mit Kostüm und Anzug oder einfach mit Freizeitkleidung."

Anna Scholz

Ein weiterer Faktor für diesen Wiesntracht-Aufwind, sagt Simone Egger, ist die Beziehung der Millennials zum Begriff Heimat – der war lange politisch konservativ besetzt. Und darum lehnten frühere Generationen häufig auch ab, was für sie Heimat symbolisierte, wie z.B. Tracht.

Simone Egger

Vorher war es klar, Lodenmantel bedeutet gleich CSU-Mitgliedschaft und das war jetzt mit einem Mal nicht mehr die Gleichung, sondern das war aufgelöst.

Anna Scholz

Denn dadurch dass so viele junge Menschen auf einmal Tracht als modisches Statement verstanden haben, verlor sie ihre politische Deutung. Und dieser jungen Generation-Tracht stand die ganze Welt offen. Es hat sich nicht ausgeschlossen, in der einen Woche im Dirndl aufs Oktoberfest zu gehen und in der nächsten für ein Auslandssemester nach Spanien zu reisen z.B. Und dennoch symbolisierte die Tracht für viele junge Menschen aber dennoch eine Zugehörigkeit – das Wir-Gefühl des ersten Oktoberfests taucht hier wieder auf. Das ist auch Simone Egger in ihrer Forschung aufgefallen.

Simone Egger

Wenn man Heimatverbundenheit jetzt erstmal bedeutungsoffen lässt, dann spielt es schon eine Rolle, weil es sehr interessant war, dass diese Leute, die ich auch befragt habe am Anfang, tatsächlich schon davon gesprochen haben, dass sie eine positive Bindung an den Ort haben, an dem sie sind oder an dem sie leben, das könnte München sein, konnte aber auch die Umgebung sein.

Anna Scholz

Also, ich fasse mal kurz zusammen: Die Tracht wird Anfang der 2000er auf einmal cool. Zum einen ist sie Trend. Zum anderen zeigt es aber auch eine positive Beziehung zum Elternhaus und Heimatbegriff generell – und dass die Millenials nicht mehr dieses kollektive Bedürfnis der Nachkriegsgeneration haben, sich abzugrenzen. Und: Es rückt immer mehr in den Hintergrund, dass die Nationalsozialisten die Tracht für ihre ideologischen Zwecke beansprucht haben.

Simone Egger

Das Unpolitische daran vielleicht ist, dass man sich gar nicht, dass man sich überhaupt nicht überlegt hat, wo sind denn diese Kleidungsstücke auch ansonsten schon einmal aufgetaucht.

Anna Scholz

Vielleicht ist das ja auch ganz gut so. Denn das Dirndl und die Lederhose sind dadurch eben nicht mehr so politisch aufgeladen. Und inzwischen ist Tracht unter jungen Leuten auf der Wiesn so verbreitet, dass man fast Ausgrenzung befürchten muss, wenn man sie nicht trägt. 

Simone Egger

Es geht schon erstmal vor allen Dingen darum, dass man auch dazugehören will.

Anna Scholz

Dazugehören, das wollen ja offensichtlich jedes Jahr auch viele Besucher*innen aus aller Welt – mich eingeschlossen. Aber war das ok, dass ich als Nicht-Bayerin mir einfach ein Dirndl übergeworfen habe? Oder war das kulturelle Aneignung?

Simone Egger

Von kultureller Aneignung spricht man ja eigentlich in dem Moment, wenn es darum geht, etwas zu adaptieren oder etwas sich zu eigen zu machen, um es vielleicht kommerziell auszuschlachten oder Symbole aufzunehmen, die eigentlich Symbole einer unterdrückten Minderheit sind, ohne die zu reflektieren. Aber all das ist ja in Bayern jetzt tatsächlich gar nicht so das Thema, sondern Dirndl sind Kleidungsstücke, die von vornherein designt, erfunden sind, im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Anna Scholz

Puh, Glück gehabt. Darüber diskutiert wurde aber schon, als die Tracht auf einmal Mode wurde.

Simone Egger

Die Debatten darum: Wer darf das jetzt tragen? Die gab es sehr wohl. Die gab's vor allen Dingen am Anfang, als dieses Phänomen Wiesentracht aufgekommen ist, Anfang der 2000er Jahre. Da war das immer wieder, vor allem in den Boulevard-Medien, ein Thema, dürfen die das, dürfen sie diese Kleider tragen?

Anna Scholz

Die Debatte lief aber nicht sonderlich lange und man war sich schnell einig, Tracht nicht zu gatekeepen.

Simone Egger

Das läuft ja dem kompletten Anspruch des Oktoberfests vollkommen entgegen, ja, und auch dieser Idee, "mia san mia" und gleichzeitig mit der ganzen Welt verbunden. Und es ist tatsächlich, es gab keinen großen Resonanzraum für diese Sachen. 

Anna Scholz

Über die Frage: Wer gehört dazu und darf – in Dirndl und Lederhose – mitschunkeln, sprechen wir übrigens noch ausführlicher in Folge Drei. 

In dieser Folge wollten wir klären, warum die Tracht auf einmal wieder Trend ist. Und die erste, für mich überraschende, Erkenntnis war, dass es eigentlich kein "wieder" gibt. Denn in dem Ausmaß wie heute gab es Trachtenmode auf der Wiesn eigentlich nie. Tracht war vor allem durch die Nazis lange mit rechter und konservativer Politik verknüpft und wurde erst durch frühe Millennials in den 00er Jahren entpolitisiert. Sie machten Tracht zum Trend, sie mussten nicht mehr in Miniröcken und Skinny Jeans gegen ihre Eltern rebellieren und zeigten mit der Tracht auch eine Art Heimatverbundenheit.

Und heute scheint die Tracht ein verbindendes Element zu sein, gerade auf der Wiesn. Aber gerade die rechts-konservativen Parteien haben in den letzten Jahren versucht, die Tracht-Symbolik zu kapern – und sie wieder mit einem sehr engen Begriff von "Deutsch-sein" zu verknüpfen. Zum Beispiel warb die AfD mit Dirndl und Bier dafür, "Tradition zu bewahren", in Anführungsstrichen. Aber da haben sie die Rechnung ohne das größte Volksfest der Welt gemacht.

Simone Egger

Erfreulicherweise ist das Oktoberfest nach wie vor so komplex, dass diese Versuche ja völlig abprallen.

Anna Scholz

Hoffentlich bleibt es so und die Wiesn ein Ort, an dem alle Willkommen sind, die Lust auf bayerisches Wir-Gefühl haben.

Für heute war es das, in der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit Spaß! Wer aufs Oktoberfest geht, will in erster Linie eine gute Zeit haben und wir schauen uns an, wie wichtig Spaß und Humor eigentlich sind. Und fragen aber auch: Wo hört der Spaß auf?

Wenn euch diese Folge gefallen hat, freuen wir uns, wenn ihr den Podcast abonniert, bewertet und weiterempfehlt. Bilder vom Hostessen Dirndl der olympischen Spiele findet ihr digital in den Shownotes – und in echt findet ihr sie in der Ausstellung "What the City" des Münchner Stadtmuseums im historischen Zeughaus in München. Schaut doch mal vorbei!

"Zeitschleifen. Wiesn rewind" ist ein Podcast des Münchner Stadtmuseums. Audioproduktion: Mucks Audio. Autorin dieser Folge bin ich, Anna Scholz, Redaktion: Carolina Torres, sowie das Team Kommunikation vom Münchner Stadtmuseum.

Moment, ganz vorbei ist diese Folge noch nicht. Wie in der letzten Staffel bekommt ihr auch hier jedes Mal noch einen kleinen Fun Fact zum Abschluss. Und der heutige ist gar nicht so unwichtig, wenn ihr im Dirndl auf die Wiesn gehen wollt. Denn ihr habt bestimmt schonmal davon gehört, dass man die Schleife, mit der man die Schürze bindet, auch zum Flirten nutzen kann. Aber wie knotet man sie richtig? Das habe ich Carol Pfeufer gefragt – eine der Verantwortlichen dieses Podcasts und Dirndl-Fan:

Carol Pfeufer

Ich glaube, links, wenn du die Schleife links trägst, bist du frei. Wenn du rechts, da trägt man ja auch klassischerweise den Ehring, das ist die raison, also da bist du vernünftig, da bist du vergeben. In der Mitte bist du Jungfrau und hinten ist verwitwet. Anna, schau das aber lieber noch mal nach.

Anna Scholz

Anna hat nachgeschaut und ja, das ist korrekt! Mit einer kleinen Ergänzung: Die Schleife vorne in der Mitte kann auch einfach heißen: Mein Beziehungsstatus geht dich gar nix an. Und ja, fair enough! Falls ihr zur Wiesn geht wünschen wir euch in jedem Fall eine gute Zeit!

Witzig! Spaß, Humor und der kontrollierte Kontrollverlust

Staffel 2, Folge 2

Erst wenn Sie zustimmen, erlauben Sie uns Daten von Podigee zu laden.

Ob Geisterbahn fahren, Zuckerwatte essen oder im Bierzelt tanzen – die Wiesn soll vor allen Dingen Spaß machen. Das war früher so und ist es auch heute noch. Aber was bringt uns eigentlich zum Lachen – und ist das für alle das Gleiche?

Zusammen mit Mascha Erbelding, Leitung der Sammlung Puppentheater / Schaustellerei, tauchen wir ein in die faszinierende Welt der historischen Wiesn-Attraktionen – vom legendären Schichtl-Zaubertheater über das rasante Teufelsrad bis hin zu originellen Scherzfotografien, die schon im 19. Jahrhundert für Lacher sorgten. Die Folge beleuchtet, wie sich Attraktionen und Unterhaltung in der langen Geschichte des Oktoberfestes verändert haben – aber auch, welche Traditionen bis heute geblieben sind.

Dabei kommt die Frage auf: Was ist witzig und wo hört der Spaß auf? Prof. Dr. Uwe Wirth erklärt, wie Humor funktioniert und warum auf der Wiesn andere Regeln gelten als im Alltag.

Shownotes

Inhalt
[00:00] Einleitung
[03:12] Reise in die Vergangenheit, Interview mit Mascha Erbelding, Leitung der Sammlung Puppentheater / Schaustellerei des Münchner Stadtmuseums
[13:03] Zurück in die Gegenwart, Interview mit Prof. Dr. Uwe Wirth, Professor für Neuere deutsche Literatur und Kulturwissenschaft, Justus-Liebig-Universität Gießen
[19:22] Zusammenfassung und Ausblick
[23:24] Goodie

Abbildungen / Verweise
Postkarte "Gruss vom Oktoberfest" mit Toboggan, 1909, Münchner Stadtmuseum
Paul Otto Engelhard, Ottmar Zieher, Postkarte "Das Teufelsrad. Gruß vom Oktoberfest", um 1910, Münchner Stadtmuseum
Mechanische Schießscheibe "Dukatenscheißer", um 1900, Münchner Stadtmuseum

Quellen
https://www.youtube.com/watch?v=4ngKZ8WpnY0
https://www.youtube.com/watch?v=azrG3IKG57c

Weiterführende Ressourcen
"Jedes Bild ein Treffer! Fotografie auf dem Jahrmarkt" Eine Ausstellung des Münchner Stadtmuseums, 20.09.2025–05.10.2025 im Museumszelt auf der Oiden Wiesn, Oktoberfest München

Kontaktinformationen
Die Redaktion ist zu erreichen unter presse.stadtmuseum(at)muenchen.de.

Credits
Recherche und Skript: Carolina Torres
Redaktion: Carolina Torres, Carol Pfeufer, Maria Tischner, Ulla Hoering, Lena Hensel
Produktion: Anna Scholz, Carolina Torres, Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber
Host: Anna Scholz
Audio-Produktion: mucks audio (Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber)
Musik: mucks audio (Johannes Weber)

Transkription

Anna Scholz, Host

Mascha Erbelding, Leitung der Sammlung Puppentheater/Schaustellerei des Münchner Stadtmuseums

Prof. Dr. Uwe Wirth, Professor für Neuere deutsche Literatur und Kulturwissenschaft, Justus-Liebig-Universität Gießen

verschiedene Stimmen einer Straßenumfrage aus München, Juni 2025

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UMFRAGE
"Ich glaube, der Spaß steht im Vordergrund einfach bei der Wiesn. So wie bei jedem Volksfest. Man geht mit einem Lachen eigentlich hin und man mag Spaß haben und das ist das Wichtigste."

Anna Scholz
Spaß. Den haben wir natürlich alle gern. Lachen soll ja auch sehr gesund sein – sogar die "beste Medizin". Und Spaß haben, da sind sich wirklich alle einig, das gehört zur DNA des Oktoberfests. Für die Münchner*innen sieht das so aus:

UMFRAGE
"Früher bin ich sehr gerne Kettenkarussell gefahren oder, was wirklich mein Wahrzeichen war, Rundschaukel."
"Riesenrad fahren."
"Gutes Essen, Brauchtümer, Fahrgeschäfte. Man hat dann alles auf einem Fleck dann mal für die Wochen und das finde ich auch cool."
"Fernab davon bin ich aber auch so ein klassischer Autoscooter, Geisterbahntyp, also man kann, ich bin für alles zu haben, so eine kleine lustige Fahrt mit den richtigen Leuten an der Seite macht immer Spaß."

Anna Scholz
Fehlt in diesen Aufzählungen nicht noch etwas?

UMFRAGE 
"Bierzelt fahren, Bier trinken."

Anna Scholz
Na bitte. Ein paar Kontroversen darüber, was Spaß bringt und wo Spaß aber auch aufhört, die gibt es aber doch. In den letzten Jahren wurde zum Beispiel immer wieder darüber diskutiert, ob dieses oder jenes Partylied auf der Wiesn verboten werden sollte. Bei "Layla" und seinen erniedrigenden Beschreibungen von Frauen wurde gegen ein Verbot entschieden. "L’Amour Toujours" dagegen wurde von den Playlisten gestrichen. Das war der Song, zu dem auf Sylt 2024 rassistische Parolen gesungen wurden. Aber schon 2014 erregte eine Schießbude auf der Oidn Wiesn Aufsehen, weil man da auf stereotype Darstellungen von Schwarzen schießen konnte – so wie früher auf der Wiesn üblich, im 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Auf der Wiesn wurde aber auch schon damals nicht über alles gelacht. Aber wer entscheidet, was lustig ist, und was nicht? Ist die Wiesn nicht eher ein Ort, an dem gilt: lachen und lachen lassen? Und: Warum sind Lachen und Spaß für uns eigentlich so wichtig?

Wenn sich im Spätsommer die ersten Blätter bunt färben, veranstaltet München das größte Volksfest der Welt – um sich selbst, bayerisches Wir-Gefühl und das Leben zu zelebrieren. Das Oktoberfest ist eine große Gaudi – und schlägt sich gleichzeitig mit dem Klischee herum, einfach nur ein kollektives Besäufnis zu sein. Aber die Wiesn ist mehr als Bier und Brathendl – und genau das wollen wir euch in diesem Podcast zeigen. Sie passt sich dem Zeitgeist an und ist gleichzeitig seit über 200 Jahren eine Insel der Verlässlichkeit und Tradition – und dabei heute so beliebt wie nie. Wie machen die das? 
Ich bin Anna Scholz Scholz, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin. Und in "Wiesn Rewind", der zweiten Staffel von "Zeitschleifen" geht es um das Oktoberfest bzw. die Wiesn – früher und heute.

Anna Scholz
Spaß war für Wiesn-Besucher*innen vor 200 Jahren genauso wichtig wie heute. Aber fanden wir damals und heute ähnliche Dinge lustig? Dazu reisen wir auf eine Wiesn, weit vor unserer Zeit, zu einem spätsommerlichen Nachmittag in den 1870ern.

Dir steigt ein süßlich-schwerer Duft von gezapftem Bier, gebrannten Mandeln – ja, die gab’s damals auch schon – und Pferdemist in die Nase, der über die Theresienwiese weht. Unter deinen Füßen knirscht es, die Wiese wurde vom Regen und den hunderten und tausenden Besucher*innen zu einer Matschlandschaft zertreten. Die Herbstsonne taucht die vielen Zelte, zwischen denen du umhergehst, in goldenes Licht. Die Schausteller*innen preisen ihre Attraktionen an und versuchen, dich und die anderen Besucher*innen in ihre Buden zu locken. Aus allen Richtungen dringt Stimmengewirr, lautes Lachen, durchmischt mit Akkordeonklängen, Glockengebimmel und dem Kreischen eines mechanischen Papp-Clowns, der an einer Kurbel wackelt und wild den Kopf schüttelt. Du schiebst den schweren Vorhang eines Zeltes zur Seite, hinter dem du ein klackerndes Geräusch hörst. Ein Schnellfotograf lichtet dahinter ein junges Paar vor einer imposanten Alpenlandschaft ab, die im Hintergrund auf einen Vorhang gemalt wurde. Zwischen den Zelten, Fress- und Bierständen marschiert ein kleiner Spielmannszug vorbei: Pauken, Trompeten, ein Dudelsack – und vorneweg ein Junge mit einer Tafel auf dem Rücken auf der steht: "Heute Abend: Illustriertes Schattenspiel – Der Untergang Pompejis".

So oder so ähnlich könnte ein Nachmittag auf der Wiesn im 19. Jahrhundert ausgesehen haben. Unter den Attraktionen gibt es ein paar, die wir damals wie heute auf der Theresienwiese finden. Zum Beispiel das "Zaubertheater" Schichtl, benannt nach der Künstler*innenfamilie. Die hat schon im 19. Jahrhundert mit ihren Aufführungen Oktoberfest-Besucher*innen zum Staunen und Lachen gebracht hat.

Mascha Erbelding, Leitung der Sammlung Puppentheater/Schaustellerei des Münchner Stadtmuseums
Also ich glaube über 150 Jahre ist der Schichtl ja schon auf dem Oktoberfest, das ist ja eine der ältesten Schaustellerdynastien.

Anna Scholz
Das ist Mascha Erbelding Erbelding. Sie ist Leiterin der Sammlung Puppentheater/Schaustellerei des Münchner Stadtmuseums. Und sie hat an der Ausstellung über Fotografie auf dem Jahrmarkt mitgearbeitet, die ihr dieses Jahr im Museumszelt auf der Oidn Wiesn sehen könnt. Aber dazu später mehr, wir bleiben erstmal beim Schichtl.

Mascha Erbelding
Der berühmt geworden oder sprichwörtlich geworden ist der Michael-August Schichtl. Und der war für zwei Dinge berühmt, also das war seine Tätigkeit als Rekommandeur, also draußen bei der Parade und da muss man sich das vorstellen, damals und auch heute noch steht der Schichtel ja draußen und wirbt für sein Geschäft.

Anna Scholz
Allein dem Schichtl dabei zuzusehen, wie er die Menschen in sein Zelt gelockt hat, das soll schon eine Attraktion gewesen sein. Und der zweite Teil seiner Show sind verschiedene Performances, die im Zelt aufgeführt werden.

Mascha Erbelding
Und da hat man dann verschiedene Nummern gesehen und eine Nummer, die tatsächlich bis heute im Programm ist, ist eben diese Enthauptung einer lebendigen Person. Sie ist insofern lustig, als auch da natürlich wieder die Talente des Moderators, des Rekommendeurs irgendwie zum Tragen kommen, also wen wählt er aus, was sagt er über den. Also da lacht man schon mal irgendwie, schon über den Zuschauer.

Anna Scholz
"Gschert", nennt man das in Bayern, wenn man, ich sage mal, nicht so ganz zimperlich mit anderen umgeht – aber auch nicht zu bösartig. "Crowd Work" würde man wohl heute in der Stand-up-Comedy sagen. Und der Reiz dieser Attraktion war für die Zuschauer*innen, dass man halt jederzeit selbst für die nächste Showeinlage ausgewählt werden konnte.

Mascha Erbelding
Und dann kommt eben diese Hinrichtung. Was auch ein verblüffender oder eigentlich erstaunlicher Effekt ist, wo der Schichtl auch nicht verrät, wie es jetzt ganz genau funktioniert. Es sieht wirklich so aus, es würde diese Person geköpft werden und danach kommt sie dann lebendig wieder heraus.

Anna Scholz
Krass, dass diese Nummer schon seit über 150 Jahren Publikum anlockt. Man kennt sie ja heute auch aus dem Zirkus oder aus Zaubershows. Eine andere, sehr alte Attraktion auf der Wiesn ist das Teufelsrad. Das gibt es schon seit 1910.

Mascha Erbelding
In der Mitte gibt es diese Scheibe, eine Drehscheibe, auf die sich Zuschauer setzen können und auch da gibt es wieder den Rekommendeur, der das ganze kommentiert und auch anleitet. Also jetzt alle Mädchen auf die Scheibe. Alle Frauen ab 80 und dann mal gucken, wer kommt. (lacht)

Anna Scholz
Alle, die mitmachen wollen, stürzen sich dann auf diese Scheibe, also einfach eine große, runde Fläche, sie setzen sich in die Mitte, die Erfahrenen verhaken ihre Arme mit ihren Mitfahrer*innen. Und um die Fläche stehen die Zuschauer*innen. In der Online-Sammlung des Münchner Stadtmuseums eine alte Postkarte von etwa 1910 sehen, auf der das Teufelsrad abgebildet ist. Wir verlinken sie euch in den Shownotes.

Mascha Erbelding
und dann fängt diese Scheibe an sich zu drehen und du schaust also von der Tribüne aus eigentlich zu, wie alle da so runter geschleudert werden, was einfach schon mal lustig ist, wie sie sich da so festhalten.

Anna Scholz
Mir wird schon beim Zuhören schwindelig. Aber es kommt noch doller:

Mascha Erbelding
dann kommt so ein Seil zum Einsatz und so eine Art von Medizinball. Also wird wirklich relativ rabiat versucht, die da runterzukriegen, zum Gaudium der Zuschauenden.

Anna Scholz
Ein bisschen weniger wild ging und geht es bei der Scherzfotografie zu. Ihr wisst schon, das sind diese Fotowände mit Löchern, durch die man seinen Kopf durchstecken kann. Oder lustige Hintergründe, vor die man sich stellt. Die gibt’s ja heute auch noch. In der diesjährigen Ausstellung des Münchner Stadtmuseums auf der Oiden Wiesn des Oktoberfestes, könnt ihr vom 20. September bis zum 5. Oktober im Museumszelt eine kleine Ausstellung zur Scherzfotografie anschauen. Die Ausstellung dreht sich außerdem um Ateliers, Fotoautomaten und ums Foto-Schießen.

Mascha Erbelding
Und das ist eine Tradition, die es tatsächlich schon seit dem 19. Jahrhundert gibt. Die Fotografie hat ja ein bisschen auf dem Jahrmarkt angefangen. Und nachdem es dann feste Ateliers eigentlich in allen Städten gab, war das nicht mehr so eine Attraktion und auch nichts mehr so Besonderes. Und deshalb war es für die Fotografen dann interessant etwas Besondereres anzubieten. Und das waren eben diese Scherzfotografien.

Anna Scholz
Ihr kennt vielleicht diese schwarz-weiß-Bilder, auf denen Fotografierte auf Stühlen sitzen und bierernst in die Kamera schauen. Klar, wenn man nur einmal im Jahr ein Foto von sich machen lässt, will man darauf nicht albern aussehen. Aber irgendwann war die Fotografie so weit verbreitet, dass man sich damit auch den ein oder anderen Spaß erlauben durfte. 

Mascha Erbelding
Und da haben wir ganz unterschiedliche Motive, manchmal geht es um Beziehungsthemen, also ein Paar im Bett, erotische Anspielungen gibt es auch, also im Waschzuber, aber du stellst dich natürlich eigentlich hochanständig angezogen hinter diese Tafel und dann bist du plötzlich nackert.

Anna Scholz
Damals, im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, da war Scherzfotografie noch so ein richtiges Ding und hat den Menschen total viel Spaß gebracht. Man konnte ganz kurz an einem anderen Ort sein, oder in das Leben anderer Menschen schlüpfen. Heute haben diese Fototafeln eher sowas Nostalgisches. Aber es gibt sie noch!

Wir könnten mit diesen historischen Attraktionen noch eine ganze Weile weitermachen. Den Toboggan zum Beispiel gibt es auch schon seit 1933 auf der Wiesn: Da wird man über ein holpriges Laufband und eine Wendeltreppe in einem Turm nach oben befördert und kann von da über eine Rutsche wieder herunterrutschen. Oder Spiegelkabinette mit Zerrspiegeln gibt es damals wie heute. Genauso Wurf- und Schießbuden. Wobei, die sehen heute ganz anders aus.

Mascha Erbelding
Bei den Wurfbuden, da gibt es eben auch welche mit figürlichen Darstellungen, wo man eben auf Köpfe zielt und die abwerfen kann. Also da sind dann Abbildungen von Großkopferten, würde ich sagen, also von Leuten, die irgendwie zu den Reichen gehören oder auch zum Beispiel Politikern oder eben auch, das kann dann auch der Feind sein, also der damaligen Zeit, der Engländer, der Franzos und das gibt eben natürlich auch in der Zeit antisemitische oder rassistische Stereotype, die da abgebildet werden, auch frauenfeindliche.

Anna Scholz
Was man heute zum Glück auch nicht mehr zwischen den Fahrgeschäften auf dem Oktoberfest findet, sind Menschen, die wegen ihrer körperlichen Besonderheiten "ausgestellt" werden. Weil sie zum Beispiel besonders groß, besonders dick oder besonders klein waren.

Mascha Erbelding
Das war eben ein Schaugeschäft, wo man reingehen konnte und dann im Prinzip in eine Miniaturwelt mit sogenannten Liliputanern, also Kleinwüchsigen, besuchen konnte, die teilweise auch artistische Darbietungen gebracht haben. Also das gab es auch eben vorher, also von eben Orchestern oder also musikalischen Nummern über tatsächliche Zirkusartistik.

Anna Scholz
Mindestens bis 1961 waren Shows mit Kleinwüchsigen aber noch Teil des Programms auf der Wiesn. 

Mascha Erbelding
Und da waren immer schon auch kleinwüchsige Artisten dabei, die dann mit sogenannten Riesen kombiniert wurden, um eben diesen Kontrast zu machen.

Anna Scholz
Heute wären solche Shows auf der Wiesn undenkbar. Aber auch früher war nicht alles denkbar.

Mascha Erbelding
In unserer Ausstellung zeigen wir auch zum Beispiel eben eine Scherzfotografietafel mit dem Motiv, das heißt Adam und Eva. Da ist viel Nacktheit drauf, aber es ist also gleichzeitig ein Scherzfotografie. Und es ist ja tatsächlich so, so niemand zieht sich aus, sondern man stellt sich nur dahinter und posiert quasi als nackt, ohne nackt zu sein, aber da hatte der Spaß dann eben schon für die bayerische Polizei ein Ende und das wurde eben damals, 1958, konfisziert, weil das nicht mehr lustig war, sondern eben unsittlich.

Anna Scholz
Worüber man lachen "darf" und worüber nicht, das wird also seit jeher diskutiert. Dabei sind ein paar Wiesn-Attraktionen aus dem Programm gefallen, andere haben den Sprung ins Heute geschafft, wie der Schichtl, die Wurfbuden oder das Teufelsrad zum Beispiel. Einige Attraktionen von damals sind auch einfach durch Innovationen verdrängt worden.

Mascha Erbelding
Mehr und mehr sind dann eben diese tollen Fahrgeschäfte auch interessanter geworden. Also da gibt es ja tolle technische Entwicklungen, da gibt's den einen amerikanischen Einfluss und da möchte man Autoscooter fahren oder weiterhin schießen, das gab es auch schon vorher, aber diese Schaubuden verlieren dann Attraktivität.

Anna Scholz
In Teilen amüsieren uns heute auf der Wiesn also noch die gleichen Attraktionen wie früher. Einiges hat sich aber auch verändert. Lasst uns an der Stelle einmal darüber sprechen, wie Humor eigentlich funktioniert, worüber wir lachen – und warum Lachen für uns so wichtig ist. Um das zu beantworten, haben wir einen weiteren Experten eingeladen.

Prof. Dr. Uwe Wirth, Professor für Neuere deutsche Literatur und Kulturwissenschaft, Justus-Liebig-Universität Gießen
Ja, schönen guten Tag. Mein Name ist Uwe Wirth, ich bin Professor für Neuere Deutsche Literatur und Kulturwissenschaft an der Universität Gießen und eines meiner Lieblingsschwerpunktgebiete ist tatsächlich die Komik.

Anna Scholz
Uwe Wirth ist also genau der richtige Mann, um uns zu erklären, warum Spaß für uns so wichtig ist. Hier kommt der erste Grund:

Uwe Wirth
Man entlastet oder kompensiert von einem Druck, also der Druck zum Beispiel, friedlich zu sein oder der Druck, sich zivilisiert zu verhalten und hat hier so eine kleine Auszeit.

Anna Scholz
Spaß haben und Lachen hilft uns also dabei, Alltagsdruck abzubauen.

Uwe Wirth
Also im Grunde ist natürlich ein Großteil unseres Lebens besteht darin, dass wir versuchen, Kontrolle zu gewinnen über unsere Lebenswelt, über das, was wir tun, über die Reaktionen anderer Menschen. Und es gibt eben bestimmte Gelegenheiten des kontrollierten Kontrollverlusts und Feste gehören dazu. Das ist so eine Art Ausnahmezustand in einem, in einer gesellschaftsförmigen Weise, wo man sagt, so und jetzt gelten hier andere Regeln. Also wir dürfen bestimmte Dinge tun oder wir tun bestimmte Dinge, die wir sonst nicht tun.

Anna Scholz
Mit Festen wie der Wiesn haben wir uns also einen Raum geschaffen, in dem ein bisschen andere Regeln gelten – oder vielleicht kann man auch sagen – mehr Regellosigkeit herrscht. Wo wir ein bisschen mehr Grenzen austesten können. Zum Beispiel auch, wenn wir in ein Kettenkarussell steigen oder mit einer Achterbahn einen Looping drehen.

Uwe Wirth
Also das eine ist jetzt das Schwindelgefühl, dass man sagt, da bringt man den Körper in eine Situation, die er eigentlich, für die er nicht gemacht ist.

Anna Scholz
Oder wenn wir in das Teufelsrad klettern, nur um wieder heraus geschleudert zu werden.

Uwe Wirth
Und man macht es trotzdem und sagt, das war jetzt eine Gaudi. Da haben wir jetzt sozusagen, ich habe mich selbst bereit erklärt, mich sozusagen zum Deppen zu machen. Und dann habe ich, über dieses mich selbst zum Deppen machen natürlich auch wieder die Kontrolle über die Situation und sage, ja, zum Glück war es niemand anderes, der mich da reingebracht hat. Ich habe mich selbstbewusst und selbst aus eigener freier Wahl in diese Situation begeben.

Anna Scholz
Kontrollierter Kontrollverlust eben. Man könnte also sagen: Auf dem Oktoberfest erlaubt sich der eine oder die andere noch etwas freier über sich selbst zu lachen. Aber auch über andere. Auf der offiziellen Webseite des Oktoberfests wird das Teufelsrad zum Beispiel als "garantiert nicht politisch korrekt", beschrieben. Denn der Schausteller foppt die Mitfahrenden gerne auch mal wegen ihres Äußeren, ihrer Kleidung, oder ihrer Körperform.

Uwe Wirth
Also der Reiz des politisch nicht korrekten ist natürlich der Reiz von jeder Regelübertretung, die ein ganz wichtiger Punkt für Komik und für Witz ist, dass man auf eine Art und Weise die vermeintlich normal geltenden Gesetze aushebelt. Dass man sich nicht komplett außerhalb der Gesellschaft steht, sondern dass man im Grunde so eine kleine Minisubversion hat, dass man sagt, also diese Regel, ob sie geschrieben oder eine ungeschriebene Regel ist dabei ganz egal, die hebele ich aus.

Anna Scholz
Politisch korrekt sein, das ist der Versuch, diskriminierungsfrei miteinander umzugehen. Das bedeutet aber auch, dass man immer alle Perspektiven immer mitdenken muss. Und das ist natürlich Arbeit. Auf der Wiesn darf man diese Arbeit – ich versuche es mal ganz wertfrei zu sagen – für ein paar Stunden niederlegen ohne sanktioniert zu werden. Es wird mehr toleriert. Und das bringt uns direkt zur zweiten Erklärung aus der Komiktheorie, warum und worüber wir lachen. 

Uwe Wirth
Und das zweite ist, dass man tatsächlich sagt, naja, also wir alle haben dieses Problem, dass wir uns manchmal dem Anderen überlegen und manchmal dem Anderen unterlegen fühlen. Und wenn wir uns überlegen fühlen, hat man tatsächlich, und das ist natürlich kein schöner Zug, aber das hat man, diese Überlegenheit, die man lustvoll empfindet. Und dann lacht man über den Anderen, der sich ungeschickt, da haben wir es jetzt, der sich dumm verhält und ich selber bin so klug und kann alles viel besser machen.

Anna Scholz
Humor dreht sich ja oft darum, dass man über andere lacht und sich über sie lustig macht. Und offenbar kompensieren wir damit Überlegenheits- oder Unterlegenheitsgefühle. Wobei man ja sagen muss: So ganz irrelevant ist es ja nicht, wer über wen lacht. 

Uwe Wirth
Also ich glaube, es gibt immer diese Tendenz, auch über Leute zu lachen, die schwächer sind als man selbst und das ist aber keine gute Tendenz. Und jeder Mensch, der die in sich verspürt, und ich behaupte jetzt mal, wir alle haben das an der einen oder anderen Stelle, der sollte sich zur Ordnung rufen, sozusagen da. Und gleichzeitig geht es aber nicht. Also das ist eben auch dann das Interessante, dass man, dieser moralische Zeigefinger, den ich jetzt schon wieder ins Spiel gebracht habe, der winkt eben nicht immer, sondern manchmal bricht es aus einem raus. 

Anna Scholz
Auf dem Jahrmarkt wird aber nicht nur über Schwächere gelacht, sondern gerne auch über die Mächtigeren, die "Großkopferten", wie Mascha Erbelding vom Münchner Stadtmuseum es vorhin genannt hat. Es wird also nicht nur nach unten, sondern auch nach oben gestichelt. Vielleicht sind gerade Bierzelte oder Schaubuden also Orte, an denen es ein bisschen mehr Akzeptanz für diese menschlichen Tendenzen gibt, mal nach oben und mal nach unten zu treten. Tendenzen, die wir im Alltag zum Wohle des Miteinanders etwas stärker kontrollieren.
Kommen wir jetzt zur letzten Lektion aus der Komiktheorie, die zu erklären versucht, was uns amüsiert. 

Uwe Wirth
Und dann gibt es noch so eine dritte Theorie. Die sagt also, ganz allgemein geht es darum, dass man irgendwie merkt, dass etwas nicht passt. Also das ist so eine, man nennt das Inkongruenz und dieses Unpassende, dieses Knirschen, das ist das, was einen erst mal überrascht und das ist dann noch gar nicht tendenziös im Sinne von, dass ein sich überlegen fühlt oder dass man sich, dass wir irgendwelche Hemmungen überwinden. Das ist einfach eine schräge Reibung, deswegen sagen wir auch mal, das kommt mir aber komisch vor. Da stimmt irgendwas nicht mit unserem, überein mit unserem System, wie wir bisher über die Welt, über den anderen oder über uns nachgedacht haben.

Anna Scholz
Nehmen wir etwa Zerrspiegel oder diese Enthauptungen beim Zaubertheater Schichtl: Dort zeigen sich Dinge aus ganz anderen Perspektiven, so funktioniert die Welt eigentlich nicht. Das ist erst mal komisch, kurios, gibt Reibung, und uns das Gefühl: Das gehört so irgendwie nicht – und daran kann man sich belustigen und erfreuen.

Fassen wir das mal zusammen. Die Wiesn ist ein Ort, an dem wir viel, laut und über alles mögliche lachen. Zum einen lachen wir über Kuriositäten: über Reibungen in unserer Wahrnehmung, über verzerrte Spiegelbilder. Zum anderen lachen wir auch viel über uns selbst: erlauben uns in diesem Kontext, ein bisschen die Kontrolle abzugeben, ein bisschen Druck rauszunehmen, wie so eine Art Ventil – und verlieren damit manchmal auch ein bisschen Zivilisiertheit. Bei vielen spielt da sicherlich auch Alkohol eine Rolle, der enthemmt schließlich.
Etwas unzivilisierter wird es auch dann, wenn wir anfangen mit Witzen nach unten und nach oben zu treten. Doch gerade bei diesem Punkt hat sich einiges getan: Kleinwüchsige in Schaubuden oder antisemitische und rassistische Zielscheiben in Wurfbuden ziehen heute eher Diskussionen als Lacher nach sich. Denn diese Grenze des "Lachbaren" wird ständig verhandelt. In den 50ern zum Beispiel, wie wir vorhin gehört haben, war eine Fototafel von Adam und Eva schon too much, weil ihre Körper nur mit einem Feigenblatt bedeckt waren. Heute dagegen gibt es die Datingshow "Naked Attraction" im Fernsehen, bei der man seine Dating-Partner*innen erst einmal nackt kennenlernt. Nacktheit schockt nicht mehr. Dafür sind wir heute viel sensibler, was diskriminierende Darstellungen und Witze angeht. Man hat sich gesamtgesellschaftlich etwas mehr darauf verständigt, dass wir lieber nach oben als nach unten treten wollen. Aber ist es sinnvoll, bestimmte Äußerungen einfach zu verbannen oder zu verbieten, sich über manche Menschen lustig zu machen? Uwe Wirth sagt: Ja.

Uwe Wirth
Aber das Wichtige finde ich, dass man sozusagen da den öffentlichen Raum jetzt sagt, also das machen wir nicht. Ihr könnt euch hier betrinken, ihr könnt euch sozusagen ins Teufelsrad begeben, aber das ist jetzt sozusagen eine Art von Vergnügen, in Anführungszeichen, das ihr euch hier nicht mehr zu Gemüte führen könnt.

Anna Scholz
Mir fällt vor allem auf, wie viele Widersprüchlichkeiten Humor und Spaß beinhaltet. Lachen ist selten nur harmlos. Wo Komik ist, ist immer auch eine gewisse Spannung. Denn worüber wir lachen, sagt oft auch etwas über Macht, Identität und Gruppenzugehörigkeit aus. Gemeinsam Lachen verbindet, ja – aber je nachdem, worüber man lacht, bzw. über wen, kann es auch zu Ausgrenzung führen. Lachen kann also, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Grenzgang sein. Und manchmal, werden Grenzen auch übertreten.
Besonders haarig kann das alles werden, wenn viel Alkohol konsumiert wird. Und an dem Punkt, da waren sich viele Münchner*innen einig, hört der Spaß wirklich auf. 

UMFRAGE
"Es ist schwierig bei den Leuten, wenn Alkohol im Spiel ist, da werden dann Grenzen getestet etc."
"Ja, wenn man zu sehr besoffen ist und andere begrapscht oder... Also das finde ich ganz übel."
"Oder wenn es zu exzessiv wird mit Bier trinken. Dann hört Auch der Spaß irgendwann auf."

Anna Scholz
Sowohl beim Humor als auch beim Bier gilt also: Das richtige Maß finden. Beziehungsweise, die richtige Anzahl an Maßn. Got it?

Für heute war es das, in der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit der Frage, wie die Wiesn es schafft, so weltoffen zu sein, wo es doch eigentlich ein Fest ist, dass Wir-Gefühl und Tradition feiert.
Wenn euch diese Folge gefallen hat, freuen wir uns, wenn ihr den Podcast abonniert, bewertet und weiterempfehlt. Bilder von früheren Attraktionen auf dem Oktoberfest, darunter auch von Scherzfotografien, findet ihr digital in den Shownotes. Und wenn ihr die Ausstellung zu Fotografie auf dem Jahrmarkt live und in Farbe sehen wollt, könnt ihr das noch bis zum 5. Oktober im Museumszelt auf der Oiden Wiesn tun. Schaut doch mal vorbei!

"Zeitschleifen. Wiesn rewind" ist ein Podcast des Münchner Stadtmuseums. Audioproduktion: Mucks Audio. Autorin dieser Folge ist Carolina Torres, Redaktion bin ich, Anna Scholz Scholz, sowie das Team Kommunikation vom Münchner Stadtmuseum.

Und wie das so üblich ist im Zeitschleifen-Podcast haben wir zum Schluss noch ein kleines Schmankerl für euch. Hier hört ihr nochmal Mascha Erbelding vom Münchner Stadtmuseum: 

Mascha Erbelding
Und zwar gab es so eine Mode, so ungefähr von den, ich glaube, 1880er Jahren bis so Anfang des 20. Jahrhunderts. Da gab es komplizierte und sehr, sehr schöne mechanische Schießscheiben. Also du hast auf so eigentlich eine Schießscheibe gezielt und dann wurde eine Mechanik ausgelöst. Und das sind so kurze Geschichten. Und da gibt es eben zum Beispiel, was weiß ich, es gibt einen Dukatenscheißer, der dann anfängt, eben Geld zu kacken.

Anna Scholz
Also über den Dukatenscheißer würde ich mich auch heute noch freuen, wenn er mir auf der Wiesn – oder anderswo – begegnen würde.

Wer feiert mit? Die Welt zu Gast auf dem Oktoberfest

Staffel 2, Folge 3

Erst wenn Sie zustimmen, erlauben Sie uns Daten von Podigee zu laden.

"Auf eine friedliche Wiesn!" – das sind jedes Jahr die Worte des Münchner Oberbürgermeisters, wenn er das Oktoberfest durch das Anstechen des ersten Bierfasses eröffnet. Jeden Herbst strömen Millionen Menschen aus der ganzen Welt auf die Festwiese in München. Aber wie weltoffen kann ein Fest, das sich Tradition auf die Fahnen schreibt, wirklich sein – und gibt es auch Schattenseiten?

Dr. Simon Goeke, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Sammlung Stadtkultur des Münchner Stadtmuseums, gibt Einblick in die Entstehungszeit des Oktoberfests, in der viele unterschiedliche Bevölkerungsgruppen geeint werden sollten. Schafft aber die Identifizierung mit einer Gruppe automatisch auch "das Andere"? Wir blicken zurück in eine Zeit, in der das „Andere“ auf dem Oktoberfest präsentiert wurde – und die auch noch gar nicht so lange vergangen ist, wie man glauben könnte. Kulturwissenschaftlerin Dr. Simone Egger erklärt, weshalb das Oktoberfest und bayerische Tradition auch international so anschlussfähig sind.

Shownotes

Inhalt
[00:00] Einleitung
[04:17] Reise in die Vergangenheit: DNA der Wiesn geprägt durch Abgrenzung, Interview mit Dr.Simon Goeke, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Sammlung Stadtkultur des Münchner Stadtmuseums und Kurator von "Racist City" in "What the City. Perspektiven unserer Stadt"
[14:04] Zurück in die Gegenwart: Wie schafft die Wiesn den Spagat zwischen Tradition und Weltoffenheit?, Interview mit Jun.-Prof. Dr. Simone Egger, Juniorprofessorin für Europäische Kulturanthropologie, Universität des Saarlandes
[19:05] Zusammenfassung und Ausblick
[21:36] Goodie

Abbildungen / Verweise
Schaustellerei: Friedländer-Plakate, Album in der Sammlung Online
SZ-Podcast "Das Thema"40 Jahre Oktoberfest-Attentat, Teil 1:https://www.sueddeutsche.de/leben/sz-podcast-das-thema-40-jahre-oktoberfest-attentat-neben-der-spur-teil-1-1.5034371, Teil 2:https://www.sueddeutsche.de/leben/sz-podcast-das-thema-40-jahre-oktoberfest-attentat-kampf-um-anerkennung-teil-2-1.5042344
Schaustellerei: Oktoberfest, Album in der Sammlung Online

Quellen
La Victoire est à Nous - Podcast ca. Min. 06
La Victoire est à Nous (Victory is ours) French Napoleonic Military March–Fanfare [HQ]
https://www.youtube.com/watch?v=njw-g09XPmM
https://www.youtube.com/watch?v=DtQ9N4YbXck
https://migrationsbeirat.muenchen.de/downloads/pressemitteilungen/23-04-23-Rassistische-Darstellungen-Oktoberfest.pdf
https://www.br.de/nachrichten/bayern/zwei-sexistisch-rassistische-motive-auf-der-wiesn-kommen-weg,Ti1HILR
https://www.youtube.com/watch?v=NT_IoUrtyds

Weiterführende Ressourcen
Weitere spannende Einblicke in das Thema bekommt ihr in der Ausstellung "What the City. Perspektiven unserer Stadt" im Kapitel "Recist City".  

Kontaktinformationen
Die Redaktion ist zu erreichen unter presse.stadtmuseum(at)muenchen.de.

Credits
Recherche und Skript: Carolina Torres
Redaktion: Anna Scholz, Carol Pfeufer, Maria Tischner, Ulla Hoering, Lena Hensel
Produktion: Anna Scholz, Carolina Torres, Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber
Host: Anna Scholz
Audio-Produktion: mucks audio (Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber)
Musik: mucks audio (Johannes Weber)

Transkription

Anna Scholz, Host

Dr. Simon Goeke, wiss. Mitarbeiter der Sammlung Stadtkultur des Münchner Stadtmuseums mit Schwerpunkt Migrationsforschung

Jun.-Prof. Dr. Simone Egger, Juniorprofessorin für Europäische Kulturanthropologie, Universität des Saarlandesverschiedene Stimmen einer Straßenumfrage aus München, Juni 2025

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O-Ton Karin Baumüller-Söder

"... diese tollen Leute und ich freu mich auf eine fröhliche, friedliche Wiesn und es ist wunderbar anzuschauen, wie hier alle zusammen feiern und zwar nicht nur aus Bayern, aus Deutschland, aus der ganzen Welt."

Anna Scholz

Wer sich hier so freut, ist Karin Baumüller-Söder, die Ehefrau des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Wir hören einen Auszug aus einem Interview mit ihr im Rahmen der Eröffnungsrede der Wiesn 2024, es fehlen gerade noch ein paar Minuten, bis Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter das erste Bierfass ansticht. Und auf Volksfesten hört man dieses Narrativ ja ganz gerne: "Hier feiern alle zusammen." Auch das Oktoberfest schreibt sich Weltoffenheit gerne auf die Fahne. Aber sind hier wirklich alle willkommen? Die einen Münchner*innen sagen so:

UMFRAGE

Ja, ich habe nichts Nachteiliges, nichts anderes eigentlich bisher erlebt. Kann ich nicht sagen, dass da irgendjemand vielleicht nicht willkommen wäre.

Anna Scholz

Die anderen sagen so:

UMFRAGE

Ich habe das Gefühl, das Oktoberfest ist ja darauf ausgelegt, so ein Magnet für alle Menschen von überall von der Welt zu sein. Das ist ja auch ein riesen Tourismusmagnet, ich habe allerdings auch schon hin und wieder Hitlergrüße gesehen, also da treffen dann schon zwei Welten aufeinander.

Anna Scholz

Der Migrationsbeirat der Stadt München und das Netzwerk Rassismus- und diskriminierungsfreies Bayern haben das Oktoberfest 2023 in einer Pressemitteilung gerügt. Rassistische und sexistische Darstellung seien auf der Wiesn nicht hinnehmbar. Außerdem schreiben sie:

Auszug aus der Pressemitteilung

"Im kolonialen Kontext war leider gang und gäbe, dass Afrikaner*innen und schwarze Menschen als "exotische und minderwertige Wilde" von vielen deutschen Firmen abgebildet und beschrieben worden waren. Während heute Menschenrechte für alle gelten, werden dennoch weiterhin, und zwar aus Kolonialnostalgie, Schwarze Menschen sexualisiert und exotisiert – wie es eben auch in den Abbildungen auf der Wiesn zu sehen ist."

Anna Scholz

Immer wieder gab es Kritik an sexistischen oder rassistischen Darstellungen auf Wurfbuden oder Fahrgeschäften auf der Wiesn. Aber trotzdem, das Oktoberfest ist definitiv eine internationale Veranstaltung. Schätzungen nach kommen 20 bis 30 Prozent der bis zu sieben Millionen Wiesn-Besucher*innen jedes Jahr aus dem Ausland. Und diese internationalen Gäste scheinen sich hier wohl zu fühlen. Diese Münchnerin glaubt zu wissen, was es braucht, um willkommen geheißen zu werden:

UMFRAGE

Ich glaube man muss sich halt einfach angemessen verhalten und halt das zu schätzen wissen was die Kultur hier mit sich bringt und das ist halt nicht nur ein Event das wo man sich unter den Tisch säuft um das mal so zu sagen, sondern dass da halt auch viel Geschichte dahinter steckt.

Anna Scholz

Aber steckt in der DNA der Wiesn, in seiner Geschichte, nicht per se Abgrenzung? Wie weltoffen kann ein Volksfest wirklich sein, das dazu da ist, lokale Traditionen zu feiern?

OPENER

Wenn sich im Spätsommer die ersten Blätter bunt färben, veranstaltet München das größte Volksfest der Welt – um sich selbst, bayerisches Wir-Gefühl und das Leben zu feiern. Das Oktoberfest ist eine große Gaudi – und schlägt sich gleichzeitig mit dem Klischee herum, einfach nur ein kollektives Besäufnis zu sein. Aber die Wiesn ist mehr als Bier und Brathendl – und genau das wollen wir euch in diesem Podcast zeigen. Sie passt sich dem Zeitgeist an und ist gleichzeitig seit über 200 Jahren eine Insel der Verlässlichkeit und Tradition – und dabei heute so beliebt wie nie. Wie machen die das?

Ich bin Anna Scholz Scholz, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin. Und in "Wiesn rewind", der zweiten Staffel von "Zeitschleifen" geht es um das Oktoberfest, beziehungsweise die Wiesn – früher und heute.

Um zu verstehen, in welcher Tradition das Oktoberfest überhaupt gefeiert wird, müssen wir uns nochmal seine Anfänge genauer anschauen. Wer Folge eins schon gehört hat, erinnert sich vielleicht: Begonnen hat alles vor mehr als 200 Jahren, im Jahr 1810.

Du stehst am Rand der Theresienwiese und blickst auf eine Menschenmenge, wie du sie selten gesehen hast. Aus allen Himmelsrichtungen sind sie gekommen: aus Schwaben, Franken, aus Altbayern, aus den Bergen und den Ebenen, aus kleinen Dörfern und Städten. Die Dialekte vermischen sich, die Menschen auch. Ein Ruf geht durch die Menge, dann ein kollektives Raunen, als sich alle zu der Wiese drehen, auf der gleich das Pferderennen stattfinden soll. Das Rennen wird zu Ehren des jungen Brautpaars Kronprinz Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen veranstaltet. Doch was hier gefeiert wird, ist mehr als nur die Vermählung zweier junger Menschen. Es ist ein neues Kapitel. Ein neues Königreich. Ein neues „Wir".

Du spürst es in den Blicken um dich herum. In der Art, wie Menschen sich vorsichtig mustern, zuprosten, sich zunicken. Noch vor kurzem wart ihr Fremde. Jetzt seid ihr alle Bayern. Und dieses Fest? Es ist das erste gemeinsame Zeichen. Ein Anfang. Eine Einladung.

Dr. Simon Goeke, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Sammlung Stadtkultur des Münchner Stadtmuseums mit Schwerpunkt Migrationsforschung

Der historische Hintergrund vom Oktoberfest ist eigentlich das Bedürfnis, ein bayerisches Nationalfest zu feiern.

Anna Scholz

Simon Goeke ist seit 2017 Sammlungsmitarbeiter und wissenschaftlicher Mitarbeiter für Migrationsforschung im Münchner Stadtmuseum. Und er weiß auch über die Anfänge des Oktoberfests Bescheid und was damals alles zelebriert wurde.

Simon Goeke

Bayern war ja bis 1806 kein Königreich, sondern Kurfürstentum, und ist praktisch durch das Bündnis mit Napoleon zum Königreich geworden und dadurch ist München zur Residenzstadt geworden. Und das hat auch dazu geführt, dass Bayern, also das Kurfürstentum Bayern, war kleiner als das Königreich Bayern und es kamen neue Bevölkerungsgruppen hinzu, weil die Grenzen sich sozusagen erweitert haben.

Anna Scholz

Machen wir hier mal eine kurze Geschichtsexkursion: Vor 1806 gehörte Bayern als Kurfürstentum zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen. Das sogenannte Altbayern umfasste damals die Gegenden um Regensburg, Passau, München und Augsburg. Nach den Napoleonischen Kriegen erlangte Bayern seine Souveränität, es regierte sich also eigenständig – und das ist was, wovon manche Menschen in Bayern vielleicht heute noch gerne träumen. Damals vergrößerte die neue Grenzziehung Bayerns Territorium. Zum Königreich Bayern gehören nun auch Teile Schwabens, der Pfalz und Franken. Und damit hatte Bayern auch neue "Untertanen".

Simon Goeke

Dementsprechend war ein wichtiger Aspekt jeglicher Kulturpolitik, eben dieses neue Königreich zu einen.

Anna Scholz

Also ein Wir-Gefühl herzustellen. Gleichzeitig suchte man einen Weg, die neuen Royals des Königreichs Bayern zu ehren und dem neuen bayerischen Volk zugänglicher zu machen. Und um diese zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, wurde aus der Hochzeit des Kronprinzen Ludwig I. mit Therese von Sachsen-Hildburghausen im Jahr 1810 das erste Oktoberfest. Dort galt es, den bayerischen Besucher*innen zu zeigen: Wir gehören jetzt alle zusammen. Das Oktoberfest sollte aber nicht nur die "alten" und "neuen" Bayer*innen einen.

Simon Goeke

Und es war ein Fest, bei dem sich die Landwirtschaft dann sehr bald auch präsentiert hat. Also, man kann sagen, es war auch der Versuch, Münchner Bürgertum mit bayerischer Landwirtschaft zu verknüpfen, um da sozusagen auch noch mal eine gemeinsame Identität von Residenzstadt und Landbevölkerung herzustellen.

Anna Scholz

Bayern war damals noch sehr agrarisch geprägt. Und deswegen durfte die Landwirtschaft auf dem Oktoberfest ihre Leistungsstärke zeigen – ihre Arbeit, ihre Geräte, ihr prächtiges Vieh. Dafür gab es dann entsprechende Prämien, die von der königlichen Familie übergeben wurden. Und es kamen alle zusammen: die alten und die neuen Bayer*innen, Stadt- und Landbevölkerung.

Wo aber ein starkes "Wir" betont wird, da muss es immer auch ein "die anderen" geben – das liegt in der Natur der Sache. Inklusion lebt eben auch irgendwie von Exklusion. Wenn es kein "ihr" gibt, gibt’s auch kein "wir". Und im Laufe der Jahre hat Bayern sich und seine Traditionen auf der Wiesn immer wieder stark abgegrenzt zu den "anderen", vor allem zu anderen Kulturen und Ethnien.

Simon Goeke

Ich glaube, die krassesten und sichtbarsten Formen der Exotisierung und des Rassismus in der Zeit waren sicherlich die Völkerschauen, in der eben Darsteller*innen, die teilweise wie Sklaven oder tatsächlich auch versklavt waren, nach München gebracht wurden, um vermeintlich fremde Kulturen darzustellen.

Anna Scholz

Diese Völkerschauen im 19. Jahrhundert, die waren nichts spezifisch Bayerisches, sondern in ganz Europa ein Ding. Auf dem Oktoberfest soll die erste Völkerschau im Jahr 1876 stattgefunden haben, nur wenige Jahre nach der Gründung des deutschen Nationalstaats. Aber wie muss man sich so eine "Völkerschau" vorstellen?

Simon Goeke

Und diese Menschen haben dann auf diesen Völkerschauen vermeintlich traditionelle Tänze aufgeführt. Sie haben Jagdszenen nachgespielt, sie haben Kriege nachgespielt. Also alles Inszenierungen, die eigentlich vor allem dazu gedient haben, ein europäisches Überlegenheitsgefühl nochmal zu verstärken und eben zu zeigen, propagandistisch zu argumentieren: Diese Menschen sind sozusagen unzivilisiert, sind Wilde, während wir sozusagen in Zivilisation und weitgehend in Frieden leben.

Anna Scholz

Auch diese Art der Abgrenzung oder diese Darstellung der "Anderen", können ein Wir-Gefühl befördern, so befremdlich das auch heute für uns klingt. Teilweise wurden Menschen damals auch neben nicht-heimischen Tieren "ausgestellt", wie in einem Zoo. Einem Menschen-Zoo eben. Ich finde das krass.

Simon Goeke

Was wir als Münchners Stadtmuseum von diesen Völkerschauen übrig haben, sind vor allem Ankündigungsplakate, Postkarten, Fotografien, die auch zeigen, wie die Königsfamilie sich sozusagen belustigt an diesen Völkerschauen. Und eben diverse Belege, die zeigen, dass das ein Massenspektakel war.

Anna Scholz

Die meisten dieser Ankündigungsplakate stammen aus der Druckerei von Adolph Friedländer, die er 1872 in Hamburg gegründet hat. Friedländer hatte sein Geschäft auf Aufträge von Zirkusunternehmer*innen, Schausteller*innen, Artist*innen und Varietékünstler*innen spezialisiert. Einige der Plakate von damals könnt ihr euch in der Online-Sammlung des Münchner Stadtmuseums anschauen. Die verlinken wir euch in den Shownotes. Schaut da unbedingt mal rein, diese Ausstellungsstücke sind echt eindrücklich und erzählen viel über die damalige Zeit; vor allem die Darstellung von denen, die vermeintlich nicht dazugehören.

Diese Völkerschauen fanden auf dem Oktoberfest noch bis 1959 statt, das ist noch keine 70 Jahre her – stellt euch das mal vor. Erst in der Nachkriegszeit formierten sich dann Bewegungen der Dekolonialisierung und viele kolonialisierte Staaten erklärten ihre Unabhängigkeit. Und damit wurde auch den Völkerschauen bald ein Ende gesetzt. Zum Glück.

Und dann gab es noch ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte der Wiesn, das zumindest in Frage stellt, wie weltoffen das Oktoberfest wirklich ist und sein kann.

O-Ton

"Meine Damen und Herren, guten Abend. Auch knapp 22 Stunden nach dem Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest herrscht über Täter und Motive noch immer Unklarheit."

 

Anna Scholz

Am 26. September 1980 explodierte am Haupteingang des Festgeländes des Oktoberfests eine Bombe, die in einem Mülleimer deponiert wurde. 13 Menschen starben, 221 wurden verletzt. Schnell war klar, dass es sich um einen rechtsextremen Terroranschlag handelt, ausgeübt vom Studenten Gundolf Köhler, ein aktiver Neonazi. Seine Tat richtete sich zwar nicht dezidiert gegen Nicht-Deutsche, aber sehr wohl gegen die Demokratie – und damit auch gegen eine weltoffene Gesellschaft. Das war ein Zusammenhang, den die Behörden lange nicht herstellten. Auf dem rechten Auge blind, wie man heute so schön sagt. Weil das Oktoberfestattentat komplex ist und wir ihm im Rahmen dieser Podcastfolge nicht gerecht werden könnten, erwähnen wir es hier nur, gehen aber nicht tiefer darauf ein. Wir haben euch in den Shownotes vertiefende Quellen bereitgestellt, unter anderem einen Link zu einem Podcast der Süddeutschen Zeitung. Dort könnt ihr euch umfassend über das Attentat informieren, wenn ihr mögt.

 

Okay, fassen wir also nochmal zusammen: Das Oktoberfest wurde ursprünglich ins Leben gerufen, um ein Wir-Gefühl zu erzeugen. Und zwar zwischen all den Menschen, die durch die zufällige Grenzziehung 1806 plötzlich zum bayerischen Volk zählten, als Bayern zum Königreich wurde. Und um diese Identität und das Wir-Gefühl zu definieren, gehört auch dazu, zu definieren, was nicht dazu zählt. Das extremste Beispiel dafür sind sicher die Völkerschauen, die im späten 19. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts eine Attraktion auf der Wiesn waren. Eine traurige Zäsur in Sachen Weltoffenheit markierte außerdem das Oktoberfestattentat im Jahr 1980. Und trotz alledem: Das Oktoberfest schafft es jedes Jahr aufs Neue, seinen Besucher*innen aus aller Welt das Gefühl zu geben, sie seien willkommen. Wie machen die das?

Simone Egger

Erstaunlicherweise passen ja immer die Sachen gut zusammen, von denen man gar nicht vermuten würde, dass sie gut zusammenpassen.

Anna Scholz

Das ist Simone Egger. Wenn ihr unsere erste Folge über Tracht schon gehört habt, kommt euch ihre Stimme vermutlich bekannt vor. Simone Egger ist Kulturwissenschaftlerin und Juniorprofessorin für europäische Kulturanthropologie an der Universität des Saarlandes. Und eines ihrer Spezialgebiete ist die Wiesn und ihre kulturellen Hintergründe.

Simone Egger

Und beim Oktoberfest passt eben genau das zusammen, dass es ja eigentlich nach wie vor ein relativ lokales Fest ist, zumindest wenn man den Umfragen vom Tourismusamt auch Glauben schenkt, und gleichzeitig eben weltweit bekannt ist. Es ist weltweit bekannt, es wird kopiert, es wird woanders gefeiert. Und es gibt natürlich auch jede Menge internationale Besucher*innen und Gäste auf dem Oktoberfest.

Anna Scholz

Das Oktoberfest ist so international anschlussfähig, dass das Konzept exportiert wurde. Ableger gibt es heute zum Beispiel in Blumenau in Brasilien, in Cincinnati in den USA, aber auch in Australien, China und Namibia besuchen jedes Jahr tausende bis sogar Millionen Menschen lokale Oktoberfeste. Warum lässt sich lokale bayerische Tradition so einfach in andere Länder und Kulturen übertragen? Um das zu verstehen, muss man sich bewusst machen, dass der Begriff lokal heute in München nicht mehr das gleiche bedeutet wie vor 200 Jahren.

Simone Egger

Aber lokal heißt natürlich in der heutigen Zeit keineswegs, dass die Bevölkerung dann eben völlig homogen ist und in der 47. Generation in Bayern geboren, sondern wir leben in der Großstadt mit 1,6 Millionen Menschen, die alle total unterschiedlich sind und unterschiedliche Geschichten und Erfahrungen mit sich bringen und die haben sich offensichtlich darauf geeinigt, dass dieses Bayerische, und da weiß man gar nicht, wo das eigentlich anfängt, wo es aufhört oder wie man das jetzt genau ausdefinieren muss, aber dieses Bayerische ist so etwas wie ein Medium der Kommunikation oder der Verständigung. Und darauf kann man sich auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts einigen, vielleicht auch weil dieses undefinierte Bayerische so bildhaft funktioniert.

Anna Scholz

Man muss sich das so vorstellen: Wenn jemand das erste Mal nach München kommt und man möchte dieser Person etwas typisch bayerisches präsentieren, dann geht man mit dieser Person vermutlich in den Biergarten. Oder auch auf die Wiesn, wenn die gerade stattfindet. Aber erst einmal bedeutet bayerisch einfach: Man sitzt zusammen. Irgendwo. Und man trinkt. Irgendwas.

Simone Egger

Und das Spannende ist aber, was das jetzt genau beinhaltet, das ist ja nirgendwo festgelegt oder das weiß auch gar keiner so genau und es muss auch keiner so wissen. Diese bayerischen Themen oder diese bayerischen Praktiken, Rituale, Bräuche, die sind auch deshalb so schön, weil sie in vielen Teilen auch so bedeutungsoffen sind. Wir treffen uns gemeinsam in dem Biergarten und sitzen da zusammen, das beinhaltet ja weder ich muss dort Bier trinken noch ich muss da irgendwie was bestimmtes machen, außer vielleicht mich unterhalten, aber ich kann was mitbringen, ich kann etwas dazu beitragen. Und das ist tatsächlich etwas, woran sehr, sehr viele teilhaben können.

Anna Scholz

Vielleicht ist das Oktoberfest also so weltoffen, weil die bayerischen Traditionen selbst so offen sind. Weil sie keine harten Grenzen haben, keine starren Regeln – und dabei offenbar trotzdem ein Wir-Gefühl erzeugen können, genau so, wie es sich die Königsfamilie damals ausgemalt hat.

Simone Egger

Natürlich ist es auch ein Spiel damit, dass man sagt, ja, es gibt hier Traditionen und die sollen auch alle kennenlernen, die aus verschiedensten Gründen jetzt auch hier in München oder in Bayern wohnen und natürlich wird es auch immer Leute geben, die sagen, ich weiß besser Bescheid darüber, wie man das jetzt genau macht und andere wüssten das nicht, aber im Kern geht es ja darum, dass es ums Zusammenkommen geht. Es geht ums Zusammenkommen, es geht um eine gute Stimmung erst mal und das lässt tatsächlich sehr, sehr viele Menschen miteinander verbinden.

Anna Scholz

Klar, viele werden sicher sagen: Brezn gehören doch zum Oktoberfest und zur bayerischen Tradition dazu. Hendl. Bier. Bayerischer Dialekt. Volksmusik, Tracht. Und einige dieser Dinge findet man auch auf Oktoberfesten in Brisbane, Zürich oder Qingdao in China. Aber letztlich ist doch der kleinste gemeinsame Nenner, und somit das Herzstück der Wiesn: Beisammensein.

Simone Egger

Und das lässt eben dieses Oktoberfest vor allen Dingen auch wahnsinnig gut kopieren, weil es ja nicht gesagt ist, wie man das jetzt genau ausführen muss. Wer würde das denn vorschreiben, sondern vor allen Dingen das Zusammenkommen wird ja kopiert unter dem Label Oktoberfest, was einfach sehr, sehr spannend ist.

Anna Scholz

Also: Die Wiesn stand früher vor allem in der Tradition der Inszenierung von Zugehörigkeit. Sie wurde ursprünglich geschaffen, um ein neues bayerisches Wir-Gefühl zu stiften. Und so wurden auf dem Oktoberfest über viele Jahrzehnte nicht nur bayerische Traditionen gefeiert, sondern auch koloniale Klischees reproduziert – zum Beispiel in Form rassistischer Völkerschauen. Solche Inszenierungen dienten auch dazu "die anderen" zu markieren und sich selbst abzugrenzen.

Und trotzdem: Heute ist die Wiesn ein Ort, an dem sich Menschen aus aller Welt willkommen fühlen. Vielleicht ist das gerade deshalb so, weil das, was heute als „bayerisch" gilt, erstaunlich offen und wandlungsfähig ist. Und damit auch ganz einfach zu kopieren und exportieren ist, ohne seinen charakteristischen Kern zu verlieren.

Simone Egger

Das Oktoberfest ist wie ein Gesellschaftsspiel, das sich eben auch in andere Kontexte übersetzen lässt, weil es etwas vorgibt, auch durchaus als Marke bekannt ist, aber eben nicht allzu viel vorgibt und nicht allzu viele Regeln hat.

Anna Scholz

Tatsächlich finden sich auch heute noch auf der Wiesn rassistische oder auch sexistische Darstellungen, die manche Menschen ausgrenzen. Und sicherlich gibt es dort auch rassistisch motivierte Vorfälle. Das liegt aber vor allem daran, dass diese Formen der Diskriminierung in unserer Gesellschaft gegenwärtig sind – es ist kein wiesnspezifisches Phänomen.

Ganz am Anfang des Oktoberfestes, im Jahr 1810, wurde den Menschen mehr oder weniger noch übergestülpt und auch so ein bisschen vorgegaukelt, was und wer zu Bayern gehört. Heute zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass die bayerischen Traditionen heute so offen sind und so offen gelebt werden können, dass sie alle möglichen Menschen einschließen und teilhaben lassen.

Für heute war es das, in der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit der Frage, welche Rolle Innovation und Staunen auf dem Oktoberfest spielt. Wenn euch diese Folge gefallen hat, freuen wir uns, wenn ihr den Podcast abonniert, bewertet und weiterempfehlt. Bilder von den Friedländer-Plakaten über Völkerschauen und andere weniger problematische Attraktionen auf früheren Oktoberfesten, findet ihr digital in den Shownotes.

"Zeitschleifen. Wiesn rewind" ist ein Podcast des Münchner Stadtmuseums. Audioproduktion: Mucks Audio. Autorin dieser Folge ist Carolina Torres, Redaktion bin ich, Anna Scholz, sowie das Team Kommunikation des Münchner Stadtmuseums.

Und zum Schluss gibt’s mal wieder einen kleinen Fun Fact. Und dreht der sich heute um die Frage, wer das Oktoberfest eigentlich erfunden hat.

Simon Goeke

Die Story ist, dass das ein Kutscher war. Der hat eben vorgeschlagen, zu Ehren des Königs bzw. des Kronprinzen und zu Ehren dieser Hochzeit von Ludwig und Therese ein Pferderennen zu feiern, mit einem großen Volksfest und das haben die Könige, oder das hat der König Maximilian damals sofort aufgegriffen und das befürwortet.

Anna Scholz

Dieser Kutscher pitchte die Idee mit dem Oktoberfest seinem Chef, Andreas Michael Dall’Armi, einem Generalkontrolleur der bayerischen Nationalgarde. Und weil Dall’Armi den Stein dann ins Rollen brachte und kurze Zeit später die erste Wiesn veranstaltet wurde, bekam er 1824 die allererste goldene Bürgermedaille der Stadt München verliehen.

Erstaunlich! Innovation und Tradition auf dem Oktoberfest

Staffel 2, Folge 4

Erst wenn Sie zustimmen, erlauben Sie uns Daten von Podigee zu laden.

Um die neusten Wunder der Technik zu bestaunen und sich weiterzubilden in Themen wie Anatomie, Geografie und Biologie geht man … aufs Oktoberfest? Was uns heute absurd vorkommt, war früher Realität. Die Wiesn hat über die Jahrhunderte viele ihrer Attraktionen bewahrt, aber einige davon sind in Vergessenheit geraten.

Dr. Kathrin Schönegg, Leitung der Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums, erklärt, welche Funktion Jahrmärkte früher hatten: In einer Zeit, in denen Bildung, Reisen und neue Technik einer reichen Oberschicht vorbehalten waren, waren Jahrmärkte wie das Oktoberfest ein wichtiges Informationsmedium für die breite Masse. Die Präsentation war sogar so aktuell, dass Nutzen oder Gefahren bestimmter Erfindungen noch gar nicht bekannt waren. Weshalb das Konzept der Tradition mittlerweile die größere Rolle spielt und ob wir es hier nicht vielleicht auch mit einer Erfindung zu tun haben, beantwortet Literaturwissenschaftler Dr. Philip Reich von der Universität Heidelberg.

Shownotes

Inhalt
[00:00] Einleitung
[04:01] Reise in die Vergangenheit: Oktoberfest als Ort der Innovation, Interview mit Dr. Kathrin Schönegg, Leitung der Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums
[16:10] Zurück in die Gegenwart: Warum verklären wir die Wiesn als Traditionsfest?. Interview mit Dr. Philip Reich, Literaturwissenschaftler an der Universität Heidelberg
[22:13] Zusammenfassung und Ausblick
[25:01] Goodie

Abbildungen / Verweise
Ferrotypie aus Bosco Photographie-Automat: Anonym, "Paar in Tracht", um 1900, Karton, Metall / Ferrotypie aus Bosco Photographie-Automat, Münchner Stadtmuseum
Daguerreotypie: Ellwood Garrett, "Frauenporträt", um 1955, Münchner Stadtmuseum
Daguerreotypie: Carl August von Steinheil, Elise Steinheil mit Tochter Lina, 1840–1841, 1/8 Platte, Münchner Stadtmuseum
Das Kaiser-Panorama, Album in der Sammlung Online
"Die Hand von Bertha Röntgen vom 22. Dezember 1895", Link Zum Beitrag des Bayerischen Rundfunk

Quellen
https://www.youtube.com/watch?v=ExL_iG1wkF4

https://www.facebook.com/watch/?v=3854940168158370

Weiterführende Ressourcen
Weitere spannende Einblicke in das Thema München und Tracht bekommt ihr in der Ausstellung
"Jedes Bild ein Treffer! Fotografie auf dem Jahrmarkt" noch bis 5. Oktober 2025 im Museumszelt, Oide Wiesn, Oktoberfest München

 

Kontaktinformationen
Die Redaktion ist zu erreichen unter presse.stadtmuseum@muenchen.de.

Credits
Recherche und Skript: Carolina Torres
Redaktion: Carolina Torres, Carol Pfeufer, Maria Tischner, Ulla Hoering, Lena Hensel
Produktion: Anna Scholz, Carolina Torres, Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber
Host: Anna Scholz
Audio-Produktion: mucks audio (Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber)
Musik: mucks audio (Johannes Weber)

Transkription

Anna Scholz, Host

Dr. Kathrin Schönegg, Leitung der Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums

Dr. Philip Reich, Literaturwissenschaftler, Universität Heidelberg

verschiedene Stimmen einer Straßenumfrage aus München, Juni 2025

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Anna Scholz

Oktoberfest gleich Traditionsfest.

O-Ton Markus Söder

Heute der ganz traditionelle Trachtenumzug hier zum Oktoberfest. Hier kommen aus ganz Bayern, die großen Trachten zusammen, das für was Bayern steht...

Anna Scholz

Wo bayerische Tradition gefeiert wird, da ist Markus Söder, der Ministerpräsident des Freistaates, natürlich nicht weit. Das Zitat von ihm eben war aus einem Video von ihm auf dem Trachtenumzug 2024, der – ganz traditionell – immer am Sonntag nach Wiesn-Anstich stattfindet. Und wofür steht die Wiesn noch so?

UMFRAGE

Bier trinken.

Anna Scholz

Na klar. Das würden sicher viele unterschreiben – wobei…

UMFRAGE

… und das halt nicht nur ein Event ist wo man sich unter den Tisch seufzt um das mal so zu sagen sondern dass da halt auch viel Geschichte dahinter steckt.

Anna Scholz

Den aufmerksamen Hörer*innen dieses Podcasts wird aufgefallen sein, dass die Erzählung von der Tradition einem Reality-Check nicht so richtig standhält. In unserer ersten Folge von "Wiesn Rewind" haben wir bereits darüber gesprochen, dass Tracht auf der Wiesn zu tragen eben keine uralte Tradition ist. Auch der Trachten- und Schützenumzug findet erst seit 1948 jährlich statt. Die Wiesn war auch nicht immer schon ein Bier- und Brathendlfest – darüber erfahrt ihr mehr in der letzten Folge dieser Staffel. Und trotzdem halten sich all diese Behauptungen hartnäckig – während andere Teile des Oktoberfests, die früher ganz fest zu seiner DNA gehört haben, heute überhaupt keine Rolle mehr spielen.

Dr. Kathrin Schönegg, Leitung der Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums

Gerade im 19. Jahrhundert haben wir ja mit der Aufklärung der Industrialisierung eine vollkommen neue Sozialstruktur. Und in diesem Kontext erfüllen eben Jahrmärkte wie das Oktoberfest wirklich eine Informationsfunktion.

Anna Scholz

Das ist Dr. Kathrin Schönegg, Leiterin der Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums.

Kathrin Schönegg

Also das sind die primären Medien, über die sich die Menschen informieren, die zu einem Großteil damals noch dann nicht lesen können. Es gibt wenig Zugang zu anderen Informationsmedien, so dass das wirklich, ja also Vorführung, Aufführung, Darstellung auf den Festen eine große Funktion der Wissensvermittlung innehaben.

Anna Scholz

Die Wiesn hat zwar auch früher schon Bayern zelebriert – aber sie war eben auch ein Ort, an dem Menschen ins Staunen gekommen sind. Ein Ort der Innovationen, wo man Dinge sehen und erleben konnte, die einem vorher noch nie begegnet sind. Früher hat man auf der Wiesn in die Zukunft geschaut – heute huldigt man im Festzelt am liebsten der guten alten Zeit. Die es so aber vielleicht gar nicht gab. Warum beschwören wir eigentlich so gerne Traditionen, wenn es um die Wiesn geht, wo das Oktoberfest doch lange Zeit so viel mehr war als das Feiern bayerischer Gepflogenheiten?

Wenn sich im Spätsommer die ersten Blätter bunt färben, veranstaltet München das größte Volksfest der Welt – um sich selbst und bayerisches Wir-Gefühl und das Leben zu feiern. Das Oktoberfest ist eine große Gaudi – und schlägt sich mit dem Klischee herum, einfach nur ein kollektives Besäufnis zu sein. Aber die Wiesn ist mehr als Bier und Brathendl – und genau das wollen wir euch in diesem Podcast zeigen. Sie passt sich dem Zeitgeist an und ist gleichzeitig seit über 200 Jahren eine Insel der Verlässlichkeit und der Tradition – und heute so beliebt wie nie. Wie machen die das?

Hallo! Ich bin Anna Scholz Scholz, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin. Und in "Wiesn Rewind", der zweiten Staffel von "Zeitschleifen" geht es um das Oktoberfest beziehungsweise die Wiesn – früher und heute.

München im Jahr 1897. Auf der Theresienwiese wird nun schon seit mehr als 80 Jahren das Oktoberfest gefeiert. Männer in Gehrock und Zylinder, Frauen mit bunt bestickten Halstüchern drängen sich zwischen den Buden. Aus einem Zelt dringt ein ungewohntes Klicken. Du wirst neugierig und schiebst den schweren Vorhang zur Seite: Ein Mann in Weste und Stehkragen steht neben einem großen, kastenförmigen Apparat. Vor diesem Apparat sitzt ein junger Mann auf einem Hocker und schaut konzentriert und fasziniert auf den Kasten. Ringsum gaffen die Leute, tuscheln, manche lachen ungläubig – ein Bild soll hier eingefangen werden, ganz automatisch, von eben diesem Kasten – und nur ein paar Stunden später sichtbar werden. Kann das wirklich sein?

Draußen locken andere Schausteller*innen: In einer Bude zeigt ein Tierhändler exotische Affen und Papageien, die in ihren Käfigen kreischen und flattern. Kinder und Erwachsene stehen mit offenen Mündern davor. Zwischen Trompeten, Fressbuden und dem Wiehern von Pferden scheint die Theresienwiese zu einem riesigen Panorama zu werden: Technik, Tiere, ferne Welten – und überall das Staunen in den Gesichtern der Besucher*innen.

So oder ähnlich könnte es ausgesehen haben auf der Wiesn, vor etwas mehr als 125 Jahren. Man konnte dort allem möglichen begegnen:

Kathrin Schönegg

… fremde Länder, fremde Völker, Tiere, die es hier nicht gab. Auf dem Oktoberfest gab es mal 30 Eisbären, 1907 zum Beispiel.

Anna Scholz

Das ist nochmal Kathrin Schönegg vom Münchner Stadtmuseum, dir wir eben schon einmal gehört haben. Gerade das Thema "fremde Länder und fremde Völker zeigen", das ist ein eher dunkleres Kapitel des Oktoberfests. Hört dazu gerne einmal Folge 3, dort beschäftigen wir uns ausführlicher damit.

Kathrin Schönegg

oder auch wirklich medizinische Zugänge, also der menschliche Körper wurde in anatomischen Modellen erklärt, also das war wirklich ein Modell der Aufklärung.

Anna Scholz

Wir befinden uns hier in einer Zeit, in der viele Menschen noch nicht lesen konnten, in der es sowieso noch kaum Medien gab. Jahrmärkte waren, wenn man so will, so etwas wie die Massenmedien der Zeit. Vor allem wurden früher auf Volksfesten den "Massen" auch neue Techniken vorgestellt. Im Jahr 1841 tritt zum Beispiel zum ersten Mal die Fotografie auf den Plan.

Kathrin Schönegg

Also man muss sich klar machen, das Medium ist 1839, also erst zwei Jahre vorher erfunden oder entdeckt worden, je nachdem, wie man das bezeichnen möchte. Und schon zwei Jahre nach ihrer Erfindung wird sie auf dem Oktoberfest präsentiert, und zwar als technische Attraktion.

Anna Scholz

Das erste gängige Fotografieverfahren kam aus Frankreich und nannte sich Daguerreotypie.

Kathrin Schönegg

Und die Fotografie kommt dann eben 41 aufs Oktoberfest durch Johann Baptist Isenring. Das ist ein früher Wanderdaguerreotypist gewesen, der einen Sonnenwagen, so hat er das genannt, gebaut hat und mit dem durch die Lande gezogen ist, um eben die Bilder der Sonne einzufangen. Und der hat auf dem Oktoberfest fotografiert. Sein Werk ist verloren, also es gibt keine Bilder mehr davon, aber man weiß durch verschiedene Quellen, dass er eben dort fotografiert hat und seine Bilder dann zwei Wochen später auf der Auer Dult ausgestellt hat.

Anna Scholz

Die Auer Dult ist ein kleiner Jahrmarkt in München, auf dem Mariahilfplatz im Stadtteil Au. Sie findet dreimal jährlich statt, einmal davon Ende Oktober, also kurz nach der Wiesn. Damals, im 19. Jahrhundert, war es noch ganz üblich, dass Fotograf*innen in mobilen Ateliers von Jahrmarkt zu Jahrmarkt getingelt sind und dass es zwei Wochen gedauert hat, bis die Fotografien entwickelt waren. Die Technik dahinter war für die damaligen Verhältnisse revolutionär.

Kathrin Schönegg

Das sind polierte Kupferplatten, die mit Quecksilber bedampft werden und dann eigentlich so ein Bild ergeben, das wie so eine blanke Spiegelfläche aussieht und das man so ein bisschen im Licht hin und her drehen muss, um überhaupt was zu erkennen. Also das changiert zwischen negativ und positiv und ist aber ein direkt positiv, das heißt ein Unikat, also eigentlich ein Modell, was man heute gar nicht mehr mit Fotografie verbindet. Diese Bilder gibt es eben nur einmal. Die sind luftempfindlich und wurden in so schönen Schmuckschatullen wirklich luftdicht verschlossen.

Anna Scholz

In den Shownotes haben wir euch eine Daguerreotypie von ca. 1840 verlinkt, die wahrscheinlich in einem Studio aufgenommen wurde. Die Quellenlage ist leider schlecht und es sind kaum Daguerreotypien erhalten, die auf dem Jahrmarkt aufgenommen wurden.

Das Verfahren war damals auch noch ziemlich teuer. Nur das gehobene Publikum konnte es sich leisten, Fotografien von sich anfertigen zu lassen. Das heißt aber nicht, dass weniger gut betuchte Wiesn-Besucher*innen nicht auch etwas von dem Spaß hatten.

Kathrin Schönegg

Ich würde sagen, das Zugucken, wie das gemacht wird und dann, dass sich dem versichern, dass man wirklich Bilder von anderen Leuten da jetzt irgendwie angucken kann, die eben nicht gezeichnet sind, sondern die Leute in Natur zeigen, das war wahrscheinlich die eigentliche Attraktion.

Anna Scholz

Ihr müsst euch die Szene so vorstellen: Das Publikum steht vor einem klobigen Kasten, dahinter beugt sich ein Mann unter ein schwarzes Tuch. Die fotografierte Person blickt in eine große Linse, während ihr Kopf in einem Nackenhalter steckt – eine Stütze während der langen Belichtungszeit, in der sie ganz stillhalten muss. Relativ bald aber, so ab den 1860ern, wurde die Daguerrotypie aber schon von sogenannter Schnellfotografie abgelöst. Das ist ein Verfahren, bei dem die Besucher*innen schon 15 bis 20 Minuten später ihr Bild abholen konnten. Und Ende des 19. Jahrhunderts gibt es dann den nächsten Coup: den Fotoautomaten.

Kathrin Schönegg

Der heißt "Photographie Automat Bosco", also nach Bartolomeo Bosco dem Zauberer. Also da sieht man wieder diese ganze Idee des Staunens oder der Magie des Zauberhaften, die da reinkommt, weil man sich nicht erklären kann, wie die Bilder so eigentlich aus dem Apparat entstehen.

Anna Scholz

Fotografien waren damals eine Attraktion an sich – aber sie waren auch eingebunden in andere Techniken und Präsentationsformen, die Besucher*innen die Welt näherbringen sollten. Ein Beispiel dafür ist das sogenannte Kaiserpanorama. Man könnte das eine frühe Form der 3D Visualisierung sehen.

Kathrin Schönegg

Und dann sind das Bilderstrecken von 25 Bildern und man sitzt um dieses Kaiser-Panorama drumrum. Das ist eine große Holzkonstruktion mit 25 Sitzplätzen. Und es hat innen einen Motor und die Bilder fahren im Kreis rum. Das heißt, man bekommt eigentlich so diese Geschichte über fotografische Bilder erzählt

Anna Scholz

Falls euch interessiert, wie das genau aussieht: Wir verlinken euch ein Bild von einem Kaiserpanorama in den Shownotes. Die Wiesn-Besucher*innen konnten sich damit zum Beispiel auch den Ausbruch des Vesuvs anschauen. Oder man bekam ferne Länder szenisch präsentiert, wie unter anderem Peru oder auch Italien.

Und es gibt noch eine technische Innovation, die mit Fotografie in Verbindung steht und auf dem Oktoberfest präsentiert wurde – und davon war ich ehrlich gesagt ein bisschen überrascht.

Kathrin Schönegg

Und auf den Jahrmärkten tauchen dann eben Buden auf, die die Röntgen oder X-Strahlen, wie sie auch genannt wurden, wirklich in performative Zusammenhänge eingebunden haben. Und das waren immer so Mixed-Media-Veranstaltungen.

Anna Scholz

Auch hier gab es sozusagen wieder zwei verschiedene Attraktions-Ebenen: Eine davon war das Durchleuchten der Besucher*innen mit Röntgenstrahlen selbst. Und die andere war das Festhalten dieses "unsichtbaren Phänomens" des Röntgens mithilfe der Fotografie. Mixed-Media eben. Wie diese Röntgenshow in der Schaubude genau aussah, das wissen wir heute leider nicht, dazu gibt es nicht genügend Überlieferungen. Aber was wir wissen, ist, was in den Buden am liebsten geröntgt wurde.

Kathrin Schönegg

Vor allem die Hand war ein prominentes Motiv. Angelehnt an die erste Röntgenaufnahme von Bertha Röntgen, das ist die Frau von dem Erfinder eben gewesen. Deswegen, das hielt sich sehr stark dann die ersten Jahre, dass man immer die Hände geröntgt hat.

Anna Scholz

Ein Bild von Bertha Röntgens Röntgenbild verlinken wir euch in den Shownotes. Aber lange haben sich die Röntgenstrahlen als Jahrmarktsattraktion aber nicht gehalten. Denn schon bald gab es erste Berichte darüber, dass die Röntgenstrahlen den Menschen gesundheitlich zusetzten. Teilweise mussten sogar Gliedmaßen amputiert werden – allerdings bei den Personen, die mit den Strahlen gearbeitet haben, ihnen also öfter ausgesetzt waren. Die Technik, die war damals eben so neu, dass man ihre Gefahren noch nicht kannte. Irgendwie finde ich es aber auch etwas skurril, dass eine für uns heute so spezielle, medizinische Technik einer breiten Masse vorgeführt wurde. Stellt euch mal vor, ihr geht heute auf die Wiesn und lasst euch zwischen Bier und Wilder Maus ins CT schieben. Damals war allerdings noch gar nicht klar, dass die Röntgenstrahlen einmal in der Medizin Anwendung finden würden.

Kathrin Schönegg

Also das wirklich Aufregende an der Funktion dieser Jahrmärkte, weswegen sie eben mit dem Staunen und Wunder und so in Verbindung sind, ist, dass sie so Medien und gerade optische Medien zu einer Zeit präsentieren, wo deren Verwendung noch so ganz offen ist. Also man weiß noch nicht, wo es hingeht. Und dass Röntgen dann wirklich irgendwie schädlich ist und vor allem als medizinisches Tool verwendet wird, das kristallisiert sich dann in den Folgejahren raus.

Anna Scholz

In unserer heutigen Welt ist es irgendwie schwierig, sich das alles so vorzustellen. Wir werden tagtäglich eher von Informationen überflutet, als dass wir nach ihnen suchen müssten. Die Technik bestimmt heute unseren Alltag, wir tragen alle diese kleinen Computer in unseren Taschen mit uns herum und in unseren Fotomediatheken liegen tausende von Bildern. Das 19. Jahrhundert dagegen war erst die Geburtsstunde zahlreicher technischer Innovationen. Alles stand am Anfang. Und dazu kam, dass es wenige Medien und kaum Orte gab, an denen Menschen Zugang zu diesen Innovationen gehabt hätten. Umso mehr gab es in den Schaubuden für die Oktoberfestbesucher*innen zu bestaunen: fremde Tiere, Fotostrecken von Peru, oder eben den technischen Prozess der Fotografie. Und was ist dann passiert?

Kathrin Schönegg

Also die Alphabetisierung steigt dann nach 1900 im 20. Jahrhundert. Die Zeitungen werden bebildert, kriegen deswegen sozusagen ab den 20er-Jahren spätestens mehr ein breiteres Publikum. Und dann ändert sich auch die Struktur auf den Jahrmärkten und eben von dieser Informations- und Wissenskultur dominiert dann eben die Vergnügung.

Anna Scholz

Obwohl Wissensvermittlung früher also ein ganz zentraler Bestandteil der Wiesn war, hört man davon heute gar nichts mehr, wenn Menschen wie Markus Söder über Tradition auf dem Oktoberfest sprechen. Auch warten heute in den Schau- und Bierzelten des Oktoberfests keine Innovationen und Wunder mehr auf uns. Gibt es denn dort gar nichts mehr für uns zu lernen?

UMFRAGE

Man kann lernen, wie man sich nicht benehmen sollte. (lacht)

Anna Scholz

Okay, aber jetzt mal Spaß beiseite.

UMFRAGE

Aber so per se, wenn ich jetzt aufs Oktoberfest fest gehe und mir die Attraktivitäten anschaue und mir den gesamten Verlauf des Oktoberfests fühle ich mich danach nicht sonderlich schlauer.

Anna Scholz

Dabei könnte man dort noch sehr wohl technische Innovation bestaunen: Fahrgeschäfte arbeiten mit Virtual-Reality-Brillen, und seit 2024 gibt es ein 12-D-Kino auf der Wiesn. Und auf dem Oktoberfest gibt es auch so unsichtbare Wundertechnik, wenn man so will: Die Festzelte arbeiten zum Beispiel mit technisch ausgeklügelten Rohrsystemen unter ihren Zelten, um möglichst effizient und leicht steuerbar Bier zu transportieren. Doch darüber erfährt man als Besucher*in kaum etwas. Klar, wir sind heute nicht mehr auf Jahrmärkte angewiesen, um Neues zu entdecken oder zu lernen. Dafür haben wir ja schließlich das Internet. Man kann natürlich auch auf Fachmessen gehen, aber die sind ja in der Regel sehr spezifisch. Vielleicht gibt es aber auch noch einen anderen Grund, warum die unangefochtene Protagonistin des Oktoberfests heute die gute, alte Tradition ist. Und darum schauen wir uns jetzt einmal genauer an, was sich hinter dem Begriff "Tradition" eigentlich genau verbirgt. Und dafür haben wir uns Verstärkung geholt.

Dr. Philip Reich, Literaturwissenschaftler an der Universität Heidelberg

Zuerst muss man sagen, dass Tradition ein relativ komplexer Begriff ist, vor allem, weil er in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen anders verwendet wird.

Anna Scholz

Das ist Dr. Philip Reich. Er ist Literaturwissenschaftler an der Universität Heidelberg und hat sich in seiner Doktorarbeit intensiv mit Traditionen beschäftigt.

Philip Reich

Daneben handelt es sich aber auch um einen Begriff der Alltagssprache und der Werbung. Vom Vollkornbrot bis zur Holzofenpizza kann alles mit dem Label Tradition versehen werden.

Anna Scholz

Abgesehen davon, dass der Begriff sehr schwammig ist, ist er auch noch ziemlich ambivalent.

Philip Reich

Einerseits ist er als politischer Kampfbegriff mit Rückständigkeit, Fortschrittsfeindlichkeit, autoritärem und vielleicht auch konservativen Denken verbunden. Andererseits fühlt man sich in Traditionen geborgen, heimelig, besonders den eigenen, den privaten Traditionen, und man bewertet sie positiv.

Anna Scholz

Das kann zum Beispiel ein altes Familienrezept sein, nach dem jedes Jahr wieder der Geburtstagskuchen gebacken wird. Oder wenn man sich jeden Sonntag gemeinsam mit Freund*innen zum Tatort kucken trifft. Aber bleiben wir noch kurz ein bisschen in der Theorie.

Philip Reich

Für eine erste Orientierung in diesem komplexen Feld ist die Unterteilung ganz nützlich, die der französische Philosoph Paul Ricoeur in den 80er-Jahren getroffen hat. Der differenzierte in drei Begriffe von Tradition: Traditionalität, Traditionen, die er in der Mehrzahl verwendete, und der Tradition.

Anna Scholz

Die ersten beiden Begriffe sind für uns nicht so wichtig, darum einmal in aller Kürze: Traditionalität beschreibt den kommunikativen Prozess zwischen jemandem, der etwas hinterlässt, und einem Empfänger oder einer Empfängerin. Ein Beispiel dafür wäre, wenn die Taschenuhr des Großvaters an den Sohn oder die Enkeltochter weitergegeben wird. Traditionen, der zweite Begriff, sind die sogenannten "Traditionsmaterialien". Das kann z.B. die Taschenuhr sein, kann aber auch ein Rezept sein oder ein Ritual sein – es kann eigentlich alles Mögliche sein.

Philip Reich

Und der dritte ist vielleicht für die Frage zum Oktoberfest oder auch zum Kontrast zu Innovation eigentlich der interessanteste, und zwar beinhaltet der, dass diese Tradita, die nicht notwendig mit Wert aufgeladen sein müssen, in diesem Akt mit Wert aufgeladen werden, also valorisiert werden.

Anna Scholz

Traditionen sind also nicht einfach da und naturgegeben, wie es uns gerne vermittelt wird. Sondern sie müssen von jemandem zur Tradition erklärt werden und in diesem Zuge wird ihnen erst Wert verliehen. Die beiden Historiker Eric Hobsbawm und Terence Ranger haben sich dazu in den 1980er Jahren einige interessante Gedanken gemacht und in ihrem Buch "The Invention of Tradition", also der Erfindung von Tradition, festgehalten. Darin beschreiben sie, dass schon bestehende Konzepte oder Gegenstände mit Bedeutung aufgeladen und dann kurzerhand zur Tradition erklärt werden. Sie werden also zu einem bestimmten Zweck überhöht und dann generalisiert. Ein gutes Beispiel dafür ist, ihr ahnt es vielleicht schon, die Tracht:

Philip Reich

Also die Lederhose oder die Miesbacher Tracht greift ja auch bestehendes auf, also die Arbeitshose, die dann aber mit Bedeutung versehen wird und bis zu einer gewissen patriotischen Relevanz beansprucht im neu entstandenen Königreich Bayern, das ja irgendwie Identität stiften wollte und musste.

Anna Scholz

Die Funktion der damaligen Zeit leuchtet mir total ein. Bayern musste eine vereinende Identität gegeben werden. Aber auch heute kommt mir der Begriff Tradition wieder ungewöhnlich präsent vor.

Philip Reich

Traditionen können für jedes Individuum eine eigene Funktion haben. Es wurde aber in der Kulturwissenschaft festgestellt, dass es Zeiten gibt, in denen Traditionen besonderes Gewicht beigemessen wird und dass solche Zeiten von Traditionskonjunktur besonders auf Zeiten der Beschleunigung und der Transformation reagieren. Also, wenn gemeinhin das Gefühl besteht, dass ein Umbruch vorliegt oder ein Wegbruch des Altvertrauten besteht, da erscheinen Traditionen als Orientierungsmarker.

Anna Scholz

In Zeiten der drohenden Klimakatastrophe, zahlreicher Kriege auf der Welt und dem sogenannten "Kulturkampf" fragt sich vermutlich kaum jemand, welche Transformationen das sein könnten, die die aktuelle Traditionsbeschwörung befördern. Traditionen bilden ein Gegengewicht: Sie schaffen eine kollektive Identität und damit einen inneren Zusammenhalt in der Bevölkerung. Und: Sie dienen auch als Orientierung, das heißt, sie sozialisieren Menschen, erklären ihnen, wie die Gesellschaft funktioniert, in der sie leben. "Das haben wir schon immer so gemacht". Traditionen geben also Halt und Sicherheit, gerade in Zeiten des Umbruchs, wie wir sie aktuell erleben.

Philip Reich

und das sind auch Zeiten, in denen verstärkt erfundene Traditionen entstehen, also solche, die mit einem besonderen Zweck eben konstruiert werden und Innovation – also ein Innovationsdispositiv, also man will und muss innovativ sein – zum Teil in den Hintergrund gerät, aber beide Strömungen meistens parallel existieren, also dass man da so eine Gegenbewegung ist.

Anna Scholz

Das heißt konkret: Für Teile der Gesellschaft rücken Innovation und Fortschritte der Zeit in den Hintergrund und sie fokussieren sich stattdessen auf das Erhalten von bereits Vorhandenem. Philip Reich glaubt aber, dass es noch einen weiteren zentralen Grund für das Überbetonen Bayerischer Tradition gibt:

Philip Reich

Ich glaube, dass ein Aspekt, den man nicht unterschätzen darf, hier der touristische Aspekt des Festes ist, seine Außenwirkung auf die ganze Welt, denn bei diesen Traditionsdynamiken und vor allem beim Tourismus, neigen diese in spezifischer Weise zur Stereotypisierung und mitunter einer übertriebenen Betonung der je eigenen Tradition.

Anna Scholz

Lasst uns das alles nochmal zusammenfassen. Früher war die Wiesn ein Ort der Wunder: Hier sah man Tiere, die man sonst höchstens aus Erzählungen kannte, ließ sich vom Kaiserpanorama in ferne Länder entführen oder bestaunte die Technik der Fotografie, kaum zwei Jahre nach ihrer Erfindung. Das Oktoberfest war ein Jahrmarkt der Innovation, ein Ort, an dem man Neues lernen und auf eine gewisse Art auch einen Blick in die Zukunft erhaschen konnte.

Heute ist es viel einfacher, Informationen zu bekommen: Museen, Bücher und das Internet sind der breiten Masse zugänglich. Und auf der Wiesn blickt man dieser Tage sehr viel lieber in die Vergangenheit – und scheint dabei auch vergessen zu haben, dass das Oktoberfest früher eben genau dieser Ort des Staunens war. Tracht, Bräuche, Bier, darum geht’s heute, wenn die Traditionsbewussten in Dirndl und Lederhosen, mit ihren Maßkrügen anstoßen – auf Traditionen, die in Teilen zu solchen stilisiert wurden. Wie die Tracht zum Beispiel.

Versteht mich nicht falsch, Traditionen per se sind ja nicht verkehrt. Sich darauf zu besinnen, wer man ist, gibt gerade in bewegten Zeiten Halt und Sicherheit. Das hat uns Experte Philip Reich eben erklärt. Traditionen stärken die eigene Identität, sie geben ein Gefühl von Zugehörigkeit und bilden ein Gegengewicht zu einer sich immer schneller drehenden Welt. Und trotzdem schadet es nicht, Traditionen auch mal zu hinterfragen – wo sie herkommen und welchen Zweck sie erfüllen. Und ein genaues Auge darauf zu haben, ob Traditionen hier und da nicht auch instrumentalisiert werden. Zum Beispiel wenn rechts-konservative Parteien das Symbol der Tracht kapern, um sie mit einem sehr engen Begriff von "Deutsch-Sein" zu verknüpfen.

Aktuell befinden wir uns wieder in einer Zeit, die prädestiniert dafür ist, ein paar Traditionen zu erfinden. Denn Unruhe verlangt Orientierungsmarker, wie Philip Reich es beschrieben hat – selbst, wenn sie erfunden sind. Und wer weiß, welche Traditionen wir dann in 25, 50 oder 100 Jahren auf dem Oktoberfest feiern.

Für heute war es das, in der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit der Grußkarte und ihrer Parallele zu unseren heutigen sozialen Medien. Denn beides hat unseren Blick auf das Oktoberfest geprägt und prägt ihn heute noch.

Und abschließend noch ein großes Dankeschön an Kulturwissenschaftlerin Simone Egger von der Universität des Saarlandes, die für diese Folge ein Hintergrundgespräch mit uns geführt hat.

"Zeitschleifen" ist ein Podcast des Münchner Stadtmuseums. Audioproduktion: Mucks Audio. Autorin dieser Folge ist Carolina Torres, Redaktion das Team Kommunikation vom Münchner Stadtmuseum und ich, Anna Scholz.

Das Schmankerl dieser Folge kommt von Fotografie-Expertin Kathrin Schönegg aus dem Münchner Stadtmuseum. Es geht dabei um die Fotobuden auf Jahrmärkten, also Buden, die von fahrenden Händlern betrieben wurden. Die Kund*innen durften die Fotos zwar nach der Aufnahme direkt mitnehmen, aber mit dem Hinweis, dass sie noch Nachtrocknen müssen. Die Etuis, in denen die Fotografien lagen, durften so lange nicht geöffnet werden.

Kathrin Schönegg

Dann sind die Leute mit ihren Fotos wegspaziert und hinterher ist dann irgendwas schiefgegangen und der Fotograf war über alle Berge. Also da gab es einige so lustige Zeitungsberichte, auch aus der Zeit, die von windigen Fotografen berichtet haben.

Anna Scholz

Manche Bilder waren von so schlechter Qualität, dass man kaum etwas darauf erkennen konnte. Manche Besucher*innen fanden aber auch einfach gar nichts in ihren Etuis. Ganz schön frech.

Grüße vom Oktoberfest! Von der Postkarte zum Social Media-Post

Staffel 2, Folge 5

Erst wenn Sie zustimmen, erlauben Sie uns Daten von Podigee zu laden.

Jedes Jahr im Spätsommer ist das Oktoberfest in aller Munde und flutet sämtliche Social Media-Feeds. Dabei war nur, wer auch dazu postet. Kann es sein, dass das auch um 1900 schon galt, als es zwar noch keine Posts gab, dafür aber – ganz klassisch – Post?

Dr. Marius Wittke, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Münchner Stadtmuseums, gibt einen Einblick in die Zeit, als die Post- und Grußkarte ein simples, günstiges und vor allem schnelles Mittel der Kommunikation war. Denn in ihrer Blütezeit wurde die Post in München täglich bis zu neun Mal zugestellt! Wie hat sich das Oktoberfest das neue Massenmedium zu Nutze gemacht, welche Motive erfreuten sich der größten Beliebtheit und wie groß ist der Unterschied zur heutigen Zeit wirklich? Im Gespräch mit der Humangeografin Dr. Elisabeth Sommerlad geht es um die mediale Inszenierung der Wiesn, sei es durch die Jahrmarktsfotografie um 1900 oder den heutigen "Instagram Gaze". Und formt Social Media, wie wir das Oktoberfest wahrnehmen und feiern?

Shownotes

Inhalt
[00:00] Einleitung
[03:54] Reise in die Vergangenheit: 1896 auf dem Oktoberfest, Interview mit Dr. Marius Wittke, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Münchner Stadtmuseums
[14:22] Zurück in die Gegenwart: Warum verklären wir die Wiesn als Traditionsfest? Interview mit Dr. Elisabeth Sommerlad, Humangeografin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
[22:06] Zusammenfassung und Ausblick
[24:26] Goodie

Abbildungen / Verweise
"Postkarte mit Maßkrug, größer als ein Mensch"
Postkarte "Urkunde" - Ausgestellt vom Münchner Kindl, bavarikon.de
Postkarten mit Karikaturen: https://www.bavarikon.de/object/bav:MSM-ANS-00000BAV80071632?cq=&lang=dehttps://www.bavarikon.de/object/bav:MSM-ANS-00000BAV80071775?cq=&lang=de
Das Oktoberfest auf Postkarten des Münchner Stadtmuseums auf bavarikon.de

Weiterführende Ressourcen
Weitere spannende Einblicke in das Thema bekommt ihr bis 5. Oktober 2025 in der Ausstellung Jedes Bild ein Treffer! Fotografie auf dem Jahrmarkt im Museumszelt auf der Oidn Wiesn

Kontaktinformationen
Die Redaktion ist zu erreichen unter presse.stadtmuseum(at)muenchen.de.

Credits
Recherche und Skript: Anna Scholz
Redaktion: Carolina Torres, Carol Pfeufer, Maria Tischner, Ulla Hoering, Lena Hensel
Produktion: Anna Scholz, Carolina Torres, Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber
Host: Anna Scholz
Audio-Produktion: mucks audio (Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber)
Musik: mucks audio (Johannes Weber)

Transkription

Anna Scholz, Host

Dr. Marius Wittke, wiss. Mitarbeiter der Sammlung Puppentheater/Schaustellerei des Münchner Stadtmuseums

Dr. Elisabeth Sommerlad, Humangeografin am Geografischen Institut, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

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"Willkommen zu meinem Oktoberfest-Vlog. Ich nehm euch heute mit, wie ich mich dumm und dämlich gesoffen habe."

"Servus, heut bin i aufm Oktoberfest. Auf geht’s kommt’s mit!"

"Wir futtern uns einen Tag über die gesamte Wiesn. Jeder hat’s wahrscheinlich mitbekommen, in München ist Oktoberfest und zum Frühstück gabs natürlich erstmal einen Kaiserschmarrn im Café Kaiserschmarrn."

"Hi guys, I’m at Oktoberfest, and this is the outfit."

Anna Scholz

Auch wenn ihr – so wie ich – nicht in München lebt, könnt ihr das Oktoberfest eigentlich nicht verpassen. Zumindest mein Instagramfeed ist auf jeden Fall jedes Jahr ab Mitte September voll mit Dirndln, Lederhosen, Bier und Brezn. Entweder sind dann einfach alle Menschen, denen ich folge, gleichzeitig auf der Wiesn, oder diejenigen, die dort sind, einfach sehr medial präsent.

Wahrscheinlich ist eher letzteres der Fall. Denn Auswertungen von Telefonanbietern haben gezeigt, dass auf der Theresienwiese während des Oktoberfests doppelt so viele Daten hochgeladen werden als heruntergeladen. Das ist schon krass. Denn bei den meisten von uns wird es im Alltag ganz anders aussehen: Da konsumieren wir mehr Content, als dass wir ihn selbst erstellen und hochladen.

Offensichtlich wollen aber alle fleißig teilen, dass sie gerade die beste Zeit auf der Wiesn haben. Man könnte jetzt denken: Das ist ein Übel des digitalen Zeitalters, die Menschen sind gar nicht mehr präsent, es geht nur noch um Likes. Aber so neu ist dieses Phänomen gar nicht. Es ist sogar: ziemlich alt.

Dr. Marius Wittke, wiss. Mitarbeiter der Sammlung Puppentheater/Schaustellerei des Münchner Stadtmuseums

Und dann kommt im Jahre 1881 der Münchner Ludwig Zrenner auf die Idee vom Oktoberfest, wo er einen kleinen Stand hatte, eine Skizze von Bierbänken und dem Oktoberfesttreiben, mit den Worten "Grüße vom Oktoberfest" zu versehen und schickt die dann raus. Ab dort gibt es diese Grußpostkarten, dass es sich etabliert hat, dass man gerne zeigen wollte: "Ich war hier. Ich war auf dem Oktoberfest. Ich möchte dir persönlich einen Gruß schicken."

Anna Scholz

FOMO made in 1881 also. Spannend. Was haben die Grußkarten damals mit den Selfies von heute zu tun? Welchen Impact hat Social Media aufs Oktoberfest? Und wäre die Wiesn auch ohne den Postkarten-Boom zum größten Volksfest der Welt geworden? Darüber wollen wir in dieser Folge sprechen.

Wenn sich im Spätsommer die ersten Blätter bunt färben, veranstaltet München das größte Volksfest der Welt – um sich selbst, bayerisches Wir-Gefühl und das Leben zu feiern. Das Oktoberfest ist eine große Gaudi – und schlägt sich gleichzeitig mit dem Klischee herum, einfach nur ein kollektives Besäufnis zu sein. Aber die Wiesn ist mehr als Bier und Brathendl – und genau das wollen wir euch in diesem Podcast zeigen. Sie passt sich dem Zeitgeist an und ist gleichzeitig seit über 200 Jahren eine Insel der Verlässlichkeit und Tradition – und dabei heute beliebt wie nie. Wie machen die das?

Ich bin Anna Scholz, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin. Und in "Wiesn Rewind", der zweiten Staffel von "Zeitschleifen" geht es um das Oktoberfest, beziehungsweise die Wiesn – früher und heute.

Stell dir vor: Es gibt keine Handys, kein Internet und erst recht keine sozialen Medien. Für die einen ist das ein Albtraum, für andere eine Utopie der Entschleunigung. Und Ende des 19. Jahrhunderts einfach: die Realität. Und jetzt stell dir vor, du gehst zu dieser Zeit auf die Wiesn.

Es ist das Jahr 1896. Du bist 19 Jahre alt und gehst zum ersten Mal aufs Oktoberfest, das große Volksfest am Rande Münchens. Du hattest große Erwartungen, die noch übertroffen wurden. Du hast dich heute schon hinter einer Scherzfotografie-Wand fotografieren lassen, eine Zaubershow besucht, dir ein knuspriges Brathendl gegönnt und auch schon das ein oder andere Bier getrunken. Du kannst es kaum abwarten, deinen Freund*innen zuhause davon zu erzählen.

Jetzt kommst du an einem Stand von Ludwig Zrenner vorbei, einem schneidigen Mann mit Vollbart und Augenklappe. Auf seinem Tisch hat er stapelweise Grußkarten ausgebreitet. "Gruß vom Oktoberfest! Nehmen Sie ein Andenken mit, schicken Sie Freude in die Ferne!" ruft er den Passanten zu.

Du trittst näher. Auf den Karten siehst du Skizzen vom Oktoberfest: eine Festkutsche mit Pferden, lachende Menschen auf Bierbänken und sogar ein lustiges Motiv mit einem Maßkrug, größer als ein Mensch. Auf allen steht in geschwungenen Lettern: "Gruß vom Oktoberfest".

Dir kommt eine Idee: Mit so einer Grußkarte könntest du deinen Freund*innen noch heute zeigen, dass du auf dem Oktoberfest warst! Du entscheidest dich für drei Karten mit unterschiedlichen Motiven und schreibst jeweils: "Schöne Grüße vom Oktoberfest aus München – schade, dass ihr nicht hier seid!" Du versiehst die Karten noch mit den Adressen und stellst dir vor, wie dich deine Freund*innen um dieses Erlebnis beneiden werden.

Den Namen Ludwig Zrenner haben wir jetzt schon zweimal gehört. Und das aus gutem Grund. Denn er gilt als Erfinder der Grußkarte.

Marius Wittke

Und die Legende besagt und es ist auch mehr oder weniger fundiert, dass die erste Grußpostkarte der Welt hier auf dem Oktoberfest entstanden ist.

Anna Scholz

Das ist Dr. Marius Wittke, Kunsthistoriker, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Münchner Stadtmuseum und DER Post-Experte.

Und was war zuerst dein Interesse für die Post oder deine Anstellung im Museum?

Marius Wittke

Das Interesse für die Post tatsächlich, das habe ich schon im jungen Alter von sieben Jahren für mich entdeckt.

Anna Scholz

Okay, wow, wie sah das damals aus?

Marius Wittke

Das war eine große bunte Briefmarke mit einem Zoo drauf. Und dieses Bild, wie ich es nannte, wollte ich unbedingt haben. Und meine Eltern haben gesagt, das ist kein Bild, das eine Briefmarke. Und ja, dann habe ich begonnen zu sammeln und mich zu interessieren und das immer weiter zu professionalisieren.

Anna Scholz

Kleiner Side Fact: Auf dem Dachboden meiner Eltern schlummert auch noch meine alte Briefmarkensammlung von mir. Ich habe damals vor allem "Bilder" mit Pferden gesammelt. Surprise.

So, aber bevor wir weiter in die Symbiose zwischen Oktoberfest und Grußkarten einsteigen, gehen wir nochmal kurz in die Anfangsgeschichte der Postkarte zurück, die gab es nämlich schon vor der Grußkarte. Und der Unterschied zwischen diesen beiden ist, dass die Postkarte am Anfang einfach nur eine Blankokarte für Text war, die später noch ein Bild oder eine Skizze auf der Rückseite dazu bekam. Aber der "Gruß aus"-Zusatz fehlte eben.

Marius Wittke

Sie ist sozusagen das erste Massenmedium für den einfachen Bürger.

Anna Scholz

Es gibt sie seit Ende des 19. Jahrhunderts.

Marius Wittke

Also vorher, die Postgeschichte kann man bis 1490 zurückführen und es gab dann immer schon Boten und Post und Postkutschen, Thurn und Taxis und im Kaiserreich, aber dass es eben für ein Entgelt, was der Absender bezahlt und vor allem Massenmedien wirksam ist und erschwinglich, das kommt dann eben erst in dieser Zeit auf, also in den 1880ern ungefähr. Ab 1885 entwickelt sich das dann rasant, weil es dann eben auch attraktive Ansichtskarten gibt. Vorher nur Text, jetzt aber mit Bild.

Anna Scholz

Die Postkarte wird aus mehreren Punkten sehr schnell zum Massenmedium. Grund Eins:

Marius Wittke

Ja, das Praktischste aus einer Zeit, in der noch gar nicht alle fließend schreiben und lesen oder zumindest nicht orthografisch richtig schreiben und lesen konnten, ist einmal der schöne Effekt des Schauens. Also es ist ein Bildmedium.

Anna Scholz

Mit so einer Ansichtskarte, also einer Postkarte mit Bild, kann man quasi barrierefreier kommunizieren. Und mit dieser bildlichen Kommunikation hängt auch der zweite Grund für den Siegeszug der Postkarte zusammen:

Marius Wittke

Der andere Punkt ist dieses Neugierig machen. Ja, das möchte ich natürlich auch erleben oder sehen, was da war, wo die waren und zur gleichen Zeit kommt eben auch ein totaler Tourismus auf um 1900.

Anna Scholz

Die allererste Bildpostkarte hat noch das Soldatenleben abgebildet, aber das Angebot diversifiziert sich schnell: Stadtansichten, Sehenswürdigkeiten, Landschaften, Kunst, Humor, Erotik – so wie heute eben auch noch. Und dieses Mittel zur Kommunikation wird ab 1900 wirklich massenhaft genutzt. Verlage bedrucken monatlich Waggonladungen Ansichtskarten. Und die Postkarte wird zu dem, was für uns heute Messengerdienste sind.

Marius Wittke

Es wurde mindestens dreimal zugestellt am Tag, morgens, mittags, abends. Und in größeren Städten wie München konnte das zu Hochzeiten auch mal sechs, sieben, acht, neunmal am Tag sein.

Anna Scholz

Das heißt, man konnte innerhalb der Stadt morgens eine Postkarte abschicken, um sich für den gleichen Nachmittag zu verabreden. Oder eben, seine Familie und Freund*innen quasi in real time neidisch auf seinen Wiesn-Besuch machen. Denn die Grußkarten werden nach dem ersten Gruß von Ludwig Zrenner schnell zu einem Riesengeschäft auf der Festwiese.

Marius Wittke

Man sieht wenige Jahre später auf den Oktoberfest-Ansichten schon verschiedene Oktoberfestkartenstände von Ottmar Zier oder von Ludwig Zrenner. Die haben dann das aufgenommen und da sieht man auch wie viele Postkarten die dann da wirklich verkauft haben, wie viele verschiedene, das waren riesige Stände mit tausenden Postkarten.

Anna Scholz

Die Grußkarten waren so beliebt, dass die Post 1904 ein eigenes Telegrafen- und Postamt auf der Wiesn errichtete. Dort bekam man dann auch den offiziellen Oktoberfestpoststempel des jeweiligen Jahres. Und was wollten die Menschen um 1900 vom Oktoberfest zeigen? Das hat sich bis heute nicht geändert.

Marius Wittke

Beliebte Motive vom Oktoberfest waren vor allem die Fahrgeschäfte und die Wirtsbuden. Einen großen Stellenwert hat auch das Bier und die Brauhäuser. Die machen in unserer Sammlung, die wir gerade bearbeiten, tatsächlich den größten Teil aus. Also das Bier und das Oktoberfest gemeinsam macht den größten Teil der Postkarten aus.

Anna Scholz

Das Bier und das Oktoberfest… schon immer eine winning combo. Wenn ihr euch die historischen Bierpostkarten ansehen wollt, könnt ihr das auf bavarikon.de einsehen – verlinken wir euch in den Shownotes. Und in der Onlinesammlung warten wirklich einige Überraschungen auf euch.

Marius Wittke

Also es werden die Brauereien selbst gezeigt, die Bauten, die Gebäude. Es werden die Biersorten und Bierbrauereien gezeigt mit Flaschen, mit Krügen, mit Gläsern, mit Fässern. Und gerne auch in überschwänglichem Maße. Und dazu immer mit einem lustigen Spruch versehen. Wie viel man trinken kann, wie viel man schon getrunken hat, was das Bier alles bewerkstelligen kann, sowohl im Positiven als auch im Negativen. Teilweise auch sehr obszön und drastisch dargestellt.

Anna Scholz

Es gab Karten, in denen man eintragen kann, wie viele Maßn man schon getrunken hat – wenn man denn damit angeben wollte. Und es gibt aber auch Karikaturen.

Marius Wittke

So was wie der betrunkene Mann kommt nach Hause und wird von seiner Frau verprügelt. Dann steht da schöne Grüße vom Oktoberfest oder so.

Anna Scholz

Oder:

Marius Wittke

Männer, die in Schubkarren vom Oktoberfest nach Hause gefahren werden.

Anna Scholz

Wow. Ich weiß auch nicht, warum mich das so verwundert, dass auch um 1900 natürlich schon viele Menschen das Oktoberfest dazu genutzt haben, um sich so richtig zu betrinken.

Marius Wittke

Ich war überrascht, wie eins zu eins das ist. Und mein Eindruck ist teilweise, die waren damals sogar noch krasser.

Anna Scholz

Diese Grüße vom Oktoberfest sind so beliebt, dass man sogar Mutmaßen könnte, dass sie die Wiesn erst so richtig groß gemacht haben. Vielleicht, weil man so einfach, schnell und mit eindrücklichen Bildern von ihr erzählen konnte.

Marius Wittke

Ich kann dir keine genauen Zahlen sagen, ich kann dir aber ein paar Beispiele nennen. Und zwar gab es 1898 das erste Mal überhaupt, dass ein großes Festzelt auf dem Oktoberfest aufgebaut wurde. Von dem Festwirt Georg Lang, der sogenannte Krokodilswirt. Und da passten 6.000 Besucher rein. Kann man sich so ein bisschen hochrechnen, wie viel das ungefähr ist, kurz vor der Jahrhundertwende. Und es gibt andere Postkarten, die wir auch bei uns in der Sammlung haben. Und die sind nur kurze Zeit später. Und da hatten sich diese großen Festhallen schon etabliert. Da gibt es dann große Festhallen mit 12.000 Besucher*innen. Das muss man sich mal vorstellen zur damaligen Zeit. Und davon gab es eben mehrere Hallen, die dann 6.000 bis 12.000 Besucher*innen hatten. Ich könnte mir vorstellen, dass das durchaus auf dieses Medium Postkarte zurückzuführen ist, dass das ein Katalysator war für viele Bewegungen und Entwicklungen dieser Zeit.

Anna Scholz

Ich fasse es mal zusammen: Die Postkarte wurde Ende des 19. Jahrhunderts zum Massenmedium der Zeit. Sie ermöglichte niedrigschwellige Kommunikation und wurde bis zu neunmal täglich in Großstädten zugestellt. Auf dem Oktoberfest wurde der Legende nach die erste Grußkarte verschickt, also ein offizieller "Gruß vom Oktoberfest". Diese Grußkarten wurden schnell zum Verkaufsschlager, gerne wurde bei den Motiven auch mit dem Klischee der betrunkenen Besucher*innen gespielt. Und man könnte sogar mutmaßen, dass die Grußkarte zu dem rasanten Wachstum des Oktoberfests um 1900 beigetragen hat.

Also eigentlich braucht die Wiesn die ganzen Influencer*innen gar nicht mehr, die jeden September unsere Feeds fluten. Sie platzt ja seit der Postkartenära schon aus allen Nähten. Schaden die der Veranstaltung also vielleicht sogar? Welchen Impact hat Social Media auf das größte Volksfest der Welt?

Diese Fragen beantworten wir gemeinsam mit:

Dr. Elisabeth Sommerlad, Humangeografin am Geografischen Institut, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Ja, mein Name ist Dr. Elisabeth Sommerlad. Ich bin Humangeografin am Geografischen Institut an der Johannes Gutenberg-Universität im schönen Mainz.

Anna Scholz

Elisabeth Sommerlads Forschungsschwerpunkte liegen auf Mediengeografie und Medientourismus – sie untersucht also, wie verschiedene Medien Räume verändern und unsere Reiseerfahrungen prägen. Und mit diesem Podcastinterview schließt sich für sie ein Kreis.

Elisabeth Sommerlad

Tatsächlich biografisch ganz lustig, ich wollte immer was mit Medien machen. Also ich hab Publizistik studiert und mir war klar: Ich muss unbedingt Radiojournalistin werden.

Aber wäre sie Radiojournalistin geworden, könnte sie mir jetzt nicht erklären, wie falsch ich mit meiner Annahme lag. Ich dachte nämlich, dass wir – erst durch Digitalkameras und später durch Smartphones – so Events wie die Wiesn nochmal ganz anders erleben, weil wir uns darin selbst ständig in Szene setzen müssen. Oder wollen. Aber Elisabeth Sommerlad sagt: Neu ist das ganz und gar nicht.

Elisabeth Sommerlad

Also es gibt ja beispielsweise auf der Oiden Wiesn, gibt es ja auch die Ausstellung dieses Jahr mit der Jahrmarktsfotografie im Laufe oder im Wandel der Zeit, wo einfach gezeigt wird, dass Jahrmarktfotografie ein Teil schon alleine von auch dem Oktoberfest war.

Die Ausstellung des Münchner Stadtmuseums heißt "Jedes Bild ein Treffer. Fotografie auf dem Jahrmarkt" und ihr könnt sie euch noch bis zum 5. Oktober im Museumszelt auf der Oiden Wiesn ansehen. Wir haben bereits in Folge Vier über den Einzug der Fotografie auf der Wiesn gesprochen und Folge Zwei darüber, wie beliebt gerade Scherzfotografie um 1900 war. Das waren diese lustigen Fototafeln, wo man sich entweder dahinter stellt oder zum Beispiel nur den Kopf durchsteckt. Genauso haben sich die Menschen damals gerne z.B. vor einem gemalten Alpenpanorama oder ähnlichem ablichten lassen.

Elisabeth Sommerlad

Damals, sag ich jetzt mal, hat man sich inszenieren lassen, weil natürlich auch diese Jahrmarktsfotografie an einen fix installierten oder aufgestellten Apparat gebunden war. Das heißt, da war man auch so ein bisschen vielleicht davon abhängig, wie die Person dann hinter der Kamera einen da auch positioniert hat. Und damit wurde ein bestimmter Blick eingefangen.

Anna Scholz

Da hat man ja heute viel mehr Optionen. Eigentlich.

Elisabeth Sommerlad

Heute denken wir, dass wir das selbst machen. Aber auf der anderen Seite ist es vielleicht keine Holzwand mehr, durch die wir unseren Kopf durchstecken. Aber wir haben ein Bild auf Instagram gesehen, wo eben eine bestimmte Ästhetik einfach auch vorgegeben wird. Menschen haben bestimmte Kleidung an, bestimmte Farben, die "in" sind, haben bestimmten Dinge auf dem Kopf oder in der Hand, einen Maßkrug oder eine Brezel, um jetzt mal ein bisschen hier die Stereotype auch zu bedienen. Und brauchen vielleicht auch einen bestimmten Hintergrund dafür.

Anna Scholz

Hmm, stimmt. Die Wiesn-Bilder und Videos in meinem Feed sind schon meistens ziemlich homogen.

Hier verweist Elisabeth Sommerlad auf das theoretische Konzept des sogenannten "Tourist Gaze". Sie wurde in den 1990er Jahren von dem britischen Sozialwissenschaftler John Urry entwickelt und sie beschreibt, auf welche Art und Weise Tourist*innen einen Ort erleben – und welche Aspekte ihre Wahrnehmung beeinflussen. Denn auch wenn wir uns das manchmal einreden wollen, wir sind nie neutrale Beobachter*innen. Unser Blick ist immer soziokulturell vorgeprägt. Dieses Verständnis vom Tourist Gaze hat sich seit den 90ern gewandelt und ist heute im Social-Media-Zeitalter angekommen.

Elisabeth Sommerlad

Und das ist eben auch dieses Konzept, was für die heutige Perspektive auf den Tourist Gaze super wichtig ist, gerade auch wenn wir dann über den Social Media-Gaze oder den Instagram Gaze *ping* – soll ich den Satz gerade nochmal?

Anna Scholz: Gerne, ja.

Die klassische Unterbrechung, wenn man sich digital zusammenschaltet.

Elisabeth Sommerlad

Nein, und dieser Aspekt ist einfach super wichtig, wenn wir auch in aktuelle Perspektiven dann reinschauen. Also wenn es um den Instagram Gaze geht oder um den Social Media Gaze, wie man es dann auch immer bezeichnen möchte, in Zusammenhang auch mit Online-Performances, weil eben wir natürlich auch anders performen für Social Media.

Anna Scholz

Es klingt ein bisschen kompliziert, aber es ist im Grunde so: Dass wir auf dem Oktoberfest Fotos von uns machen lassen, ist nichts Neues und das gehört irgendwie zum Erleben dieser Veranstaltung dazu. Aber wie und wo wir diese Fotos aufnehmen, das hängt auch davon ab, welche Bilder oder Videos wir im Vorhinein von diesem Ort gesehen haben. Und die Wahrscheinlichkeit liegt nahe, dass wir diese Bilder dann auch reproduzieren.

Elisabeth Sommerlad

Also wir kennen das vielleicht auch aus unseren eigenen Praktiken, wir sehen auf Instagram einen schönen Ort, einen ästhetisch ansprechend verpackten Ort auf einem Foto. Und suchen dann diese Location, reisen dahin, machen das Foto und teilen das dann auch wieder. Das ist so ein Zirkelschluss im Prinzip, da wird das natürlich dynamisiert.

Anna Scholz

Also ein Kreislauf aus: Bilder suchen, Bilder sehen und Bilder machen.

Das kann Inspiration sein, kann aber auch negative Folgen haben, auch für eine Veranstaltung wie das Oktoberfest. Zum einen kann eine Art Stereotypisierung stattfinden, also wenn die Wiesn in Online-Posts und Videos zum Beispiel nur aufs Alkoholtrinken reduziert wird. Zum anderen:

Elisabeth Sommerlad

Und was natürlich ein negativer Effekt sein könnte, das müsste man aber sicherlich auch noch dann intensiver beforschen. Ist das eben so eine Instagramisierung festzustellen wäre. Das ist jetzt ein bisschen spekulativ, aber dass eben Menschen nur noch nach bestimmten Bildern suchen, nach bestimmten Blickwinkeln und das Fest als Fest gar nicht mehr im Fokus steht, sondern das Ziel eigentlich nur noch ist, hinzugehen, ein Foto zu schießen und dann wieder zu gehen.

Anna Scholz

Also ein Oktoberfestbesuch für Likes und Kommentare. Was den anderen Besucher*innen den Spaß verderben könnte.

Elisabeth Sommerlad

Das kann natürlich schon sein, dass so eine Instagramisierung, wie man es bezeichnen könnte, bei lokalen Anwohnenden, Enthusiast*innen für das Oktoberfest oder auch Tourist*innen, die da wegen der Atmosphäre auch hinkommen, vielleicht auch zu negativem Unmut führt.

Anna Scholz

Aber dass Social Media Content eine traditionsreiche Veranstaltung wie das Oktoberfest irgendwie verwässern könnte – diese Gefahr sieht Elisabeth Sommerlad eher nicht.

Elisabeth Sommerlad

Eine Tradition oder ein kulturelles Erbe würde ich zumindest jetzt auch nicht als etwas verstehen, was irgendwie einmal festgezurrt wurde und sich dann nie wieder verändert. Sondern es ist immer etwas, was auch in Verbindung steht mit medialen Imaginationen, die sich einschreiben in so ein kulturelles Erbe, die das transformieren, die das wandeln.

Anna Scholz

Wir haben in dieser Staffel ja schon viel darüber gelernt, wie sich das Oktoberfest gewandelt hat. Von der königlichen Hochzeit zum Bierfest, zum Zentrum für Innovation, zum Zentrum für Spaß, usw. Und es scheint auch so, als würde die Wiesn diesen Wandel eher umarmen als abwehren. Denn 2025 gibt es ein neues Fahrgeschäft auf der Theresienwiese, das für Content Creator*innen bestimmt ein dankbares Werkzeug ist: der Skylift. Der zieht euch in einer Glaskabine auf 71 Meter Höhe, von wo man aus der Vogelperspektive auf die Wiesn schaut.

Elisabeth Sommerlad

Und da werden bestimmt auch ganz, ganz viele Selfies entstehen, ganz viele Fotos entstehen. Die dann wieder über Instagram geteilt werden, um eben diesen Blick auch sichtbar zu machen. Und das wird den Blick auf das Oktoberfest auch noch mal ändern.

Anna Scholz

Wenn ihr also in diesem Jahr besonders viele drohnenartige Wiesn-Videos in eurem TikTok- oder Insta-Feed habt, wisst ihr jetzt, woher die kommen.

Wir wollten in dieser Folge die Frage beantworten, welchen Einfluss verschiedene Medien auf das Oktoberfest haben und hatten. Was mich total überrascht hat war, dass um 1900 tatsächlich Postkarten den Job übernommen haben, den heute Influencer*innen machen.

Heute ist die Wiesn sowieso überpräsent in den Sozialen Medien und vor Ort werden täglich doppelt so viele Daten hoch- wie heruntergeladen. Damals wie heute will man sein Erlebnis teilen und zwar so schnell wie möglich. Dabei sind die Bilder, die wir teilen, oft vorgeprägt. Früher von den Menschen, die Postkarten bedruckt haben, oder Scherzfototafeln designt haben. Heute durch Bilder, die wir bereits in anderen Medien gesehen haben. Das birgt auf der einen Seite Gefahren.

Elisabeth Sommerlad

Das Risiko besteht, dass natürlich auf der einen Seite entweder eine Banalisierung stattfindet, wenn das eben sehr einseitige Perspektiven sind, die hier abgebildet werden, dann kann das natürlich sein, dass es total kommerzialisiert, banalisiert, stereotypisiert wird.

Anna Scholz

Ok, aber wir erinnern uns: Auch um 1900 gab es schon stereotypische Darstellungen der Wiesn als kollektives Besäufnis auf Postkarten. Und die Tatsache, dass wir heute ständig und alles fotografieren und filmen, hat auch etwas Positives. Weil:

Elisabeth Sommerlad

…auf der anderen Seite auch die Chance besteht, damit zu arbeiten und zu schauen, wie dadurch vielleicht auch neue Perspektiven entstehen, die dieses kulturelle Gedächtnis auf das Oktoberfest vielleicht auch zukünftig mitgestalten können.

Anna Scholz

Wir sind auf jeden Fall schon sehr gespannt auf all die Bilder, die während der Wiesn 2025 entstehen werden.

Für heute war es das, in der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit Nachhaltigkeit. Denn das größte Volksfest der Welt möchte bis 2028 klimaneutral sein und wir fragen: Wie soll das gehen? Wenn euch diese Folge gefallen hat, freuen wir uns, wenn ihr den Podcast abonniert, bewertet und weiterempfehlt. Historische Oktoberfestpostkarten – auch oder gerade die skurrilen – könnt ihr euch online auf bavarikon.de ansehen. Verlinken wir euch in den Shownotes.

"Zeitschleifen" ist ein Podcast des Münchner Stadtmuseums. Audioproduktion: Mucks Audio. Autorin dieser Folge bin ich, Anna Scholz, Redaktion Carolina Torres, sowie das Team Kommunikation des Münchner Stadtmuseums.

Zum Abschluss gibt es wie immer noch einen Fun Fact – wobei der heute eher ein Sad Fact ist, zumindest wenn ihr Postkarten-Fans seid. Denn der Siegeszug der Postkarte ist inzwischen mehr als vorbei. Während ich als Kind noch fleißig Postkarten aus dem Urlaub an alle meine Freund*innen verschickt habe, machen das heute nicht mehr viele Menschen. Ich auch nicht, muss ich zugeben.

Marius Wittke

1998 waren es noch 400 Millionen Karten, die in Deutschland verschickt wurden. Das hat sich dann halbiert bis 2017. Und jetzt kommt ein ganz krasser Bruch. 2019 wurden in der gesamten EU nur noch 60 Millionen verschickt. Und Deutschland ist da immer noch führend. Deutschland und Schweden produzieren die meisten Karten. Und Deutschland war auch am Anfang der größte Produzent, weil hier ist das Ganze tatsächlich aufgekommen. Hier saßen und sitzen die größten Druckereien und vor allem auch in München.

Anna Scholz

Wenn ihr der Postkartenindustrie unter die Arme greifen wollt, wäre also jetzt ein guter Zeitpunkt, zum Kugelschreiber zu greifen.

Feiern als gäbe es kein Morgen? Nachhaltigkeit und das Oktoberfest

Staffel 2, Folge 6

Erst wenn Sie zustimmen, erlauben Sie uns Daten von Podigee zu laden.

Das Oktoberfest ist ein Fest der Superlative: fast sieben Millionen Besucher*innen, sieben Millionen ausgeschenkte Maß Bier, Tonnen an verzehrten Brathendln – und damit auch Haufen an Müll und ein enorm hoher Energieverbrauch. Doch 16 Tage Feiern und Spaß sind kein Freifahrtschein, um alle guten Vorsätze in Sachen Nachhaltigkeit über Bord zu werfen. Wie nachhaltig könnte das größte Volksfest der Welt eigentlich sein und werden? Und wo sind die Stellschrauben?

Dr. Nana Koschnick, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Sammlung Stadtkultur des Münchner Stadtmuseums, bringt das Thema auf den Punkt: Das Oktoberfest ist wie ein Brennglas für die Stadt, denn hier werden gesellschaftliche Entwicklungen besonders sichtbar. Sie zeigt, wie sich die Wiesn in den letzten Jahrhunderten entwickelt hat. Während Besucher*innen im 19. Jahrhundert eigene Bierkrüge dabei hatten, stehen wir heute vor Bergen von Glasbruch und der Frage: Wie kann die Wiesn bis 2028 klimaneutral werden?

Shownotes

Inhalt

[00:00] Einleitung
[04:39] Interview mit Dr. Nana Koschnick, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Münchner Stadtmuseums und Kuratorin von Green City in "What the City. Perspektiven unserer Stadt"
[18:30] Zusammenfassung und Ausblick
[25:22] Goodie
 

Abbildungen/Verweise

Caspar Klotz, Auf der Theresienwiese, um 1830, Öl/Weißblech, 32 cm x 26,5 cm, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Grafik / Gemälde
https://sammlungonline.muenchner-stadtmuseum.de/liste/contrib-detail/auf-der-theresienwiese-10184504

Bodenfunde von der Theresienwiese, 1870–1910, Steinzeug, Hühnerknochen, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Stadtkultur
https://sammlungonline.muenchner-stadtmuseum.de/liste/contrib-detail/bodenfunde-von-der-theresienwiese-10161946

 

Weiterführende Ressourcen
Weitere spannende Einblicke in das Thema München und Nachhaltigkeit bekommt ihr in der Ausstellung "What the City. Perspektiven unserer Stadt" im Kapitel "Green City".

Kontaktinformationen
Die Redaktion ist zu erreichen unter presse.stadtmuseum@muenchen.de.

Credits
Recherche und Skript: Anna Scholz
Redaktion: Carolina Torres, Carol Pfeufer, Maria Tischner, Ulla Hoering, Lena Hensel
Produktion: Anna Scholz, Carolina Torres, Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber
Host: Anna Scholz
Audio-Produktion: mucks audio (Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber)
Musik: mucks audio (Johannes Weber)

Transkription

Anna Scholz, Host

Dr. Nana Koschnick, wiss. Mitarbeiterin der Sammlung Stadtkultur des Münchner Stadtmuseums

verschiedene Stimmen einer Straßenumfrage aus München, Juni 2025

 

Anna Scholz

6,8 Millionen Besucher*innen im Jahr 2024.

102 gastronomische Betriebe.

7 Millionen Liter ausgeschenktes Bier.

370.000 verspeiste Brathendl.

1.000 Tonnen Abfall.

 

Das Oktoberfest macht seinem Titel als "größtes Volksfest der Welt" mit diesen Statistiken alle Ehre. Aber geht bei diesen Dimensionen nicht ein Thema unter?

 

UMFRAGE

Ja, spannendes Thema. Tatsächlich, wenn ich auf dem Oktoberfest bin, dann denke ich gar nicht so sehr daran.

Das Thema: Nachhaltigkeit.

 

UMFRAGE

Ich weiß nicht, glaube ich nicht so der beste Ort für Nachhaltigkeit aktuell.

 

Anna Scholz

Ist das wirklich so? Wir haben die Münchner*innen gefragt, wie wichtig ihnen Nachhaltigkeit auf der Wiesn ist.

 

UMFRAGE

Nachhaltigkeit, also ich muss gestehen, ich frage nicht, ob das Hendl jetzt halt aus Bayern kommt oder tatsächlich aus einem anderen Bundesland.

 

UMFRAGE

Also ich selber glaube, ich muss mir ehrlich zugestehen, dass mir das erst immer im Nachhinein auffällt, wie wichtig das eigentlich ist und dann wirklich im Moment, wenn du dort drin bist, bist du mit so vielen anderen Eindrücken beschäftigt, dass es dir gar nicht groß auffällt, dass der eine seine Bratwurst am Boden hinschmeißt oder der andere sein Bier über irgendwo jemand anderen drüber kippt oder keine Ahnung, noch schlimmere Sachen macht.

 

Anna Scholz

Hier fällt schon mal auf: Beim Begriff "Nachhaltigkeit" denken wir an ganz unterschiedliche Dinge. Diese beiden Wiesn-Besucher*innen haben schon mal keinen großen Fokus auf das Thema gelegt. Aber es gibt auch andere, die sehr wohl darauf achten.

 

UMFRAGE

Also Nachhaltigkeit für mich auf dem Oktoberfest ist an sich schon sehr wichtig, wenn man mal drüber nachdenkt, was im Allgemeinen so auf der Welt passiert, sei es Energieverbrauch, sei es Verschmutzung und und und.

 

UMFRAGE

Also ich achte schon ein bisschen darauf, gerade vor allem, weil ich mich vegan ernähre, was es so alles an Möglichkeiten gibt.

 

Anna Scholz

Und auch der Stadt München ist die Nachhaltigkeit auf der Wiesn wichtig, sagt Dr. Nana Koschnick vom Münchner Stadtmuseum.

 

Dr. Nana Koschnick, wiss. Mitarbeiterin der Sammlung Stadtkultur des Münchner Stadtmuseums

Das Thema Oktoberfest ist ganz zentral, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit und die Stadt München geht. Weil beim Oktoberfest, kann man sagen, findet eigentlich alles wie so unter einem Brennglas statt. Man kann das Oktober Fest quasi als Laborsituation begreifen.

 

Anna Scholz

Die Landeshauptstadt München hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2035 sogenannte Klimaneutralität zu erreichen. Das ist sportlich, aber für das Oktoberfest gilt ein noch ambitionierteres Ziel: Das soll nämlich bis 2028 klimaneutral werden. Das ist in drei Jahren!

 

Nana Koschnick

Aber es sind momentan ungefähr eine Handvoll der Festzelte klimaneutral. Also wirklich ausdrücklich klimaneutral.

 

Anna Scholz

Wie soll das also gehen? Darüber – und was die größten Hebel beim Thema Nachhaltigkeit sind – sprechen wir in dieser Folge.

 

Wenn sich im Spätsommer die ersten Blätter bunt färben, veranstaltet München das größte Volksfest der Welt – um sich selbst, bayerisches Wir-Gefühl und das Leben zu feiern. Das Oktoberfest ist eine große Gaudi – und schlägt sich gleichzeitig mit dem Klischee herum, einfach nur ein kollektives Besäufnis zu sein. Aber die Wiesn ist mehr als Bier und Brathendl – und genau das wollen wir euch in diesem Podcast zeigen. Sie passt sich dem Zeitgeist an und ist gleichzeitig seit über 200 Jahren eine Insel der Verlässlichkeit und Tradition – und dabei heute beliebt wie nie. Wie machen die das?

Ich bin Anna Scholz, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin. Und in "Wiesn Rewind", der zweiten Staffel von "Zeitschleifen" geht es um das Oktoberfest, beziehungsweise die Wiesn – früher und heute.

 

Treue Hörer*innen unseres Podcasts wissen, dass wir hier meistens einer ähnlichen Struktur folgen: Zuerst reisen wir mit euch in die Vergangenheit, schauen uns das Thema der Folge aus einer historischen Perspektive an und machen dann gemeinsam den Sprung in die Gegenwart. Heute machen wir das etwas anders – denn so ein bisschen Abwechslung tut ja jeder Beziehung gut.

 

Wir werden uns in dieser Folge die – wie wir finden – drei größten Stellschrauben in Sachen Nachhaltigkeit angucken: Ernährung, Abfall und Energie. Und natürlich immer auch mit einem kleinen historischen Schwenk. Und dazu spreche ich mit einer Person, die sich mit den Themen "München" und "Nachhaltigkeit" besonders gut auskennt. Ihr habt sie eben schon gehört.

 

Nana Koschnick

Mein Name ist Nana Koschnick. Ich arbeite in der Sammlung Stadtkultur als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Wir haben unter anderem einen Themenschwerpunkt zum Oktoberfest bei uns in der Sammlung.

 

Anna Scholz

Nana hat empirische Kulturwissenschaft studiert und arbeitet inzwischen seit 16 Jahren im Münchner Stadtmuseum. Sie hat in der Ausstellung "What the City" unter anderem das Kapitel "Green City" kuratiert. Dort geht sie der Frage nach, was in München alles passiert, damit die Stadt grüner und klimagerechter wird und lebenswert bleibt.

Das Thema Nachhaltigkeit liegt ihr sowohl privat als auch beruflich am Herzen.

 

Nana Koschnick

Weil ich Teil der Gesellschaft als Privatperson bin, ist es meine Aufgabe, mich um Nachhaltigkeit zu sorgen, meiner Ansicht nach im Sinne des Planeten, auf dem wir Gast sind. Und gleichzeitig bin ich aber auch als Person des Münchner Stadtmuseums dafür zuständig, gesellschaftliche Phänomene, gesellschaftlichen Wandel, der die Stadt München befasst, beschäftigt und der Frage, wie er die Stadt München gefasst und beschäftigt, nachzugehen und in den Sammlungen abzubilden.

 

Anna Scholz

Nana erzählt mir, dass es natürlich schon immer Essen und Trinken auf dem Oktoberfest gab – das aber zu Beginn noch gar nicht so im Zentrum stand wie heute. Wir erinnern uns, mit der Wiesn begann alles Anfang des 19. Jahrhunderts.

 

Nana Koschnick

Hier hatten die Wirte der Stadt einfache Bierbuden, Bretterbuden, aufgestellt und errichtet, aus denen heraus Getränke verkauft wurden. Für die Speisen sorgten gerade in den ersten Jahren noch die sogenannten fliegende Händlern und Händlerinnen, die aus ihrem Bauchladen heraus ein bisschen vielleicht so, wie man es heute auch noch kennt, etwa Speisen wie Rettich, Nüsse, Obst, Käse und Wurst verkauften.

 

Anna Scholz

Man hat das angeboten, was einfach zu essen war und im Herbst geerntet wurde – klassisches saisonales und regionales Fingerfood. Sehr nachhaltig. Das Brathendl und der Steckerlfisch waren damals noch weit weg. Das kommt erst Ende des 19. Jahrhunderts dazu. Genauer: Seit 1885 gibt es die "Hühner- und Entenbraterei Ammer" auf der Wiesn, die als "älteste Hendl-Braterei der Welt" gilt. Und 1904 kommt eine Fischerhütte dazu, die wir heute als "Fischer-Vroni" kennen. Und damit etablieren sich diese beiden Speisen als kulinarische Oktoberfest-Klassiker.

 

Nana Koschnick

Die Palette hat sich ein bisschen erweitert, aber im Wesentlichen ist sie gleich geblieben.

 

Anna Scholz

Aber vor allem der Fleischkonsum steigt seit Anfang des 20. Jahrhunderts stetig an.

 

Nana Koschnick

Ja. Also diese Veränderung des Fleischkonsums, da muss man vielleicht auch bedenken, dass der Konsum von Fleisch in früheren Zeiten auch immer Ausdruck von Wohlstand war.

 

Anna Scholz

Und klar, vor hundert Jahren war täglicher Fleischkonsum für die meisten Menschen völlig undenkbar – weil es sehr teuer war. Fleisch war etwas, das man sich gegönnt hat, an Sonntagen oder eben zu Festlichkeiten wie dem Oktoberfest. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, in Zeiten des Wirtschaftswunders, wird Fleisch immer verfügbarer. Und auf der Wiesn auch irgendwie immer wichtiger – denn das Oktoberfest wird seit den 1980ern zu einem Bierfest.

 

Nana Koschnick

Das Bier steht ganz zentral im Mittelpunkt auf dem Festgelände. Und fürs Biertrinken brauche ich, sollte ich auf eine anständige Grundlage achten. Und da haben sich eben auch Speisen wie die Wurstsemmel oder das halbe Hendl durchaus bewährt.

 

Anna Scholz

Man geht heute nicht mehr aufs Oktoberfest, um sich Innovationen anzugucken – wie wir in Folge Vier gehört haben, und auch nicht, um dem bayerischen Kronprinzenpaar zuzujubeln, darüber haben wir ja in Folge Drei gesprochen. Nein, heute steht für die meisten Trinken, Essen und Spaß haben im Vordergrund. Das ist auch nicht verwerflich, aber aus Nachhaltigkeitsperspektive ist ein halbes Hendl eben nicht die beste Grundlage für ein bis fünf Maßn Bier.

 

Denn – breaking news – mit unserem kollektiven Fleischkonsum schaden wir dem Klima sehr. Und dazu zählen eben auch die verspeisten 370.000 Hendl bei der Wiesn. Umgekehrt ist also fleischfreie Ernährung ein großer Hebel in Sachen Nachhaltigkeit. Klar, das will man als Fleischesser*in vielleicht nicht hören, gerade dann nicht, wenn man ausgelassen feiern möchte – aber: Wie wäre es mit einer Alternative?

 

Nana Koschnick

Also beispielsweise die Käsespatzen oder dergleichen, die auch eine gute Grundlage sein können. Und die gibt es dann auch mit veganem Käse, aber in die Richtung könnte man sich das vorstellen.

 

Anna Scholz

Kurz zur Erinnerung: Das Oktoberfest möchte bis 2028 klimaneutral sein, das heißt, in drei Jahren möchte das Oktoberfest keine zusätzlichen Treibhausgase verursachen. Das kann nur dann klappen, wenn Emissionen vermieden, reduziert oder ausgeglichen werden – und wenn das, was an Treibhausgasen noch ausgestoßen wird, an anderer Stelle gebunden wird, so, dass die Bilanz am Ende Null ergibt. Und für diese Bilanz ist das Lebensmittelangebot auf der Wiesn ein ganz zentraler Punkt.

 

Nana Koschnick

Die Klimaneutralität kann nicht erreicht werden, wenn man das Thema Nahrung und Ernährung auf dem Festgelände nicht in den Blick nimmt. Das ist auch den Wirten und den Wirtinnen bewusst und hier findet ein Wandel statt. Das Angebot steigt. Aber es steigt sehr, sehr langsam.

 

Anna Scholz

Man müsste den Wandel so lenken, dass wir bei einer möglichst fleischfreien und regionalen Verköstigung in Bio-Qualität landen. Optionen gibt es dafür inzwischen eigentlich genug. Auch in manchen Festzelten findet man neben Kässpatzen auch schon veganen Leberkäse oder ein veganes Brotzeitbrettl – aber noch lange nicht überall.

 

Nana Koschnick

Was das Essen angeht, da ist es auch so, dass in rund einer Handvoll Festzelten derzeit ein wahrnehmbarer Anteil von bio-veganen Hauptspeisen angeboten wird. Und ich meine, es sind ungefähr drei Festzelte, die auch vegane Brotzeitbrettl anbieten. Also da ist noch Luft nach oben.

 

Anna Scholz

Wow. Drei von 38 Festzelten. Ähnlich mau sieht es aktuell beim Bio-Angebot aus.

 

Nana Koschnick

Es ist eher sogar so, dass der Bioanteil bei den Lebensmitteln stagniert. Und der Anteil an Fleischgerichten aus ökologischer Herstellung anscheinend sogar wieder ein bisschen zurückgegangen ist.

 

Anna Scholz

Die "Münchner Initiative Nachhaltigkeit" – kurz MIN – hat berichtet, dass im Jahr 2024 nur in fünf Festzelten Bio-Hendl angeboten wurden. 2023 waren es immerhin sieben Zelte. Hier gibt es also sogar einen Rückgang. Und der hat bestimmt auch wirtschaftliche Gründe.

 

Nana Koschnick

Also wenn ich irgendwie sehe, das Bio-Hendl kostet 23 Euro auf der Wiesn ungefähr, das ist ein halbes Hendl, dann ist das schon eine Hausnummer. Und das halbe Hendl esse ich in der Regel auch zu meinem Bier sozusagen als deftige Grundlage. Und das Bier kostet jetzt im Schnitt 15, 16 Euro auf der Wiesn, die Maß, dann bin ich da schon einen ordentlichen Batzen los.

 

Anna Scholz

Aber ganz ehrlich, auch ein Nicht-Bio-Hendl ist nicht günstig auf der Wiesn, 2024 hat man dafür 16 Euro aufwärts gezahlt. Mir stellt sich hier die große Frage: Wer hat die Verantwortung, dass sich hier etwas ändert? Die Wirt*innen scheinen die noch nicht im großen Stil zu übernehmen. Liegt es am Ende wieder mal an den Endverbraucher*innen?

 

Nana Koschnick

Wenn jeder von uns bei sich selber anfangen würde und ab sofort einfach kein Hendl essen würde, dann wäre schon viel geschafft, da hätten wir ein Problem beseitigt, weil dann würde auch mit Sicherheit das Angebot entsprechend reduziert werden.

 

Anna Scholz

Ja klar, aber realistisch betrachtet, wird das wohl nicht passieren, dass knapp sieben Millionen Oktoberfestbesucher*innen freiwillig auf Fleisch verzichten. Vor allem, wenn es ihnen an jeder Ecke angeboten wird. Also, eigentlich müsste es doch dringend eine Veränderung im Angebot geben.

 

Nana Koschnick

Also in dem Moment, wo nur noch vegane Kost auf dem Oktoberfest angeboten wird werde ich vegane Kosten konsumieren.

 

Anna Scholz

Aber könnt ihr euch vorstellen, was für ein Aufschrei durch Bayern gehen würde, wenn es von jetzt auf gleich gar kein Fleisch mehr auf der Wiesn geben würde? Ja, eben. Und wie so oft in Nachhaltigkeitsfragen, liegt die Antwort wohl irgendwo in der Mitte: Der Wandel muss sowohl von unten, also uns Einzelpersonen, als auch von oben, von den Verantwortlichen, vorangetrieben werden. Und da könnte das sehr ambitionierte Ziel helfen, die Wiesn bis 2028 klimaneutral zu gestalten.

 

Nana Koschnick

Das heißt, jeder, der auf dem Festgelände etwas anbietet, muss sich bewegen. Und das ist natürlich einerseits durch die Vergaberegeln der Stadt München möglich, durch Richtlinien, die befördern können, dass sich die Verkostung mehr hin zu biologischer, regionaler und saisonaler Kost verändert. Das ist natürlich auch durch das freiwillige Angebot der Wirt*innen möglich. Also das ist schon mal eine Kombination.

 

Anna Scholz

Eine Kombination, die in nur drei Jahren großen Wandel herbeiführen kann? Das werden wir sehen. Lasst uns doch an dieser Stelle mal auf ein Themenfeld gucken, bei dem sich schon deutlich mehr bewegt hat als bei der Ernährung. Und zwar auf die zweite große Stellschraube: den Abfall.

 

Abfall ist deswegen ein wichtiger Aspekt für Nachhaltigkeit, weil sowohl die Herstellung der Verpackungen – die hinterher weggeschmissen werden – als auch eben deren Entsorgung Emissionen verursachen, und auch bei uns Recycling-Potentiale oft nicht genutzt werden. Wenn wir das Thema Müll auf der Wiesn betrachten, dann können wir tatsächlich eine Glockenkurve beobachten: Von wenig Müll zu Beginn des Oktoberfest, über sehr viel Müll, bis zu immer noch viel Müll, aber nicht mehr ganz so viel Müll. Ich meine, in den ersten hundert Jahren des Oktoberfests gab es ja zum Beispiel auch noch gar kein Plastik und kaum Einwegverpackungen und auch das Bier trank man damals aus seinem eigenen Krug.

 

Nana Koschnick

Und am Anfang war es auch noch so, dass die Wirte haben natürlich das Bier mitgebracht und die hatten auch ein paar Krüge. Aber es war ganz üblich, dass man auch seinen eigenen Krug aufs Festgelände mitgebracht hat. Das lag einfach auch an den hygienischen Gründen. Und hier lässt sich vielleicht von einem sehr frühen und sehr effektiven Mehrwegsystem sprechen.

 

Anna Scholz

Also genauso wie wenn ich mit meinem eigenen Becher ins Café gehe, um mir einen Cappuccino mit Hafermilch zu holen.

 

Nana Koschnick

Das sieht man auch durchaus auf Gemälden bei uns in der Sammlung. Also wie dann der Wirt dem Gast beispielsweise in sein Krügerl das Bier einschenkt.

 

Anna Scholz

Das Bild könnt ihr in der Sammlung Online ansehen, verlinken wir euch in den Shownotes sehen.

 

Wer jetzt übrigens denkt, "ach super, dann bring ich doch dieses Jahr einfach meinen eigenen Krug mit" – das geht leider nicht. Ihr dürft keine Glasbehälter mit aufs Wiesn-Gelände nehmen. Aber tatsächlich gibt es schon seit Anfang der 1990er Jahre Bemühungen, weniger Müll zu produzieren.

 

Nana Koschnick

Aber 1991 war es dann zum Beispiel so, dass zum ersten Mal die Regelungen zur Abfallreduzierung in den Betriebsvorschriften des Oktoberfests aufgenommen wurden und seither beispielsweise ausschließlich Mehrweggeschirr und Mehrwegbesteck zugelassen ist. Also das Plastikbesteck ist verbannt seit Anfang der 90er Jahre.

 

Anna Scholz

Trotz des Plastik-Verbots ist Abfall, der im Zusammenhang mit Essen und Trinken anfällt, heute noch die größte Müllquelle auf der Wiesn.

 

Nana Koschnick

Also dazu gehören leere Bierkrüge genauso wie Essensreste, Servietten, Verpackungen und dergleichen.

 

Anna Scholz

Bierkrüge werden natürlich nicht einfach so weggeschmissen, sondern nur dann entsorgt, wenn sie kaputt gehen.

Insgesamt wurden 2024 etwa 1.000 Tonnen Müll auf der Wiesn zusammengesammelt. Das sind eine Million Kilogramm. Oder: 40 große Müllwagen voll. Oder: Das Gewicht von 200 Elefanten.

 

Nana Koschnick

Der Löwenanteil ist da der Restmüll, also mit über 700 Tonnen. Und danach kommen dann Papier und gemischter Glasbruch.

 

Anna Scholz

Man kann jetzt sagen, boah, 200 Elefanten, das ist eine ganze Menge Müll. Und ja, ist es auch. Aber aufs gesamte Münchner Jahr betrachtet, ist es zwar ein Peak, aber bei sieben Millionen Oktoberfestbesucher*innen relativiert sich diese Zahl auch irgendwie wieder. Was nicht heißen soll, dass in Sachen Müllvermeidung schon alles getan ist. Aber: Es tut sich auf jeden Fall mehr als bei der Ernährung.

 

Nana Koschnick

Oder auch die Reduktion von Papierhandtüchern auf dem Festgelände. Das sind oft Sachen, an die denkt man nicht, aber wenn man sie dann in der Summe betrachtet, hat man auch hier viel Potenzial, wenn man die Papierhandtücher weglässt, indem man zum Beispiel moderne Handlufttrocknungsgeräte einsetzt, wie sie beispielsweise in Kufflers Weinzelt zum Einsatz kommen.

 

Anna Scholz

Auch in Sachen Abwasser ist die Wiesn schon ziemlich weit.

 

Nana Koschnick

Seit Ende des 20. Jahrhunderts, also Ende der 90er Jahre, gibt es auch hier ein Recyclingprojekt. In einigen Festhallen wird Wasser beispielsweise eingespart, in dem ressourcenschonende Grauwassernutzungsanlagen zum Einsatz kommen. Also sprich: Das Spülwasser der Bierkrugspülmaschinen wird nicht ins Abwasser geleitet, sondern wiederverwendet, beispielsweise dann in den Zelttoiletten.

 

Anna Scholz

Also, ich fasse mal kurz zusammen: Beim Thema Ernährung – also bio und fleischfreier Kost – ist auf der Wiesn noch sehr viel Luft nach oben, obwohl es einer der größten Hebel auf dem Weg zur Klimaneutralität wäre. Es gibt echt noch sehr wenige bio und fleischfreie Angebote. Wenn es um Abfall geht, ist schon mehr passiert. Seit den 1990er Jahren gibt es Regelungen und Projekte zur Abfallvermeidung und zum Recycling.

 

Nach Ernährung und Abfall schauen wir jetzt auf den dritten großen Hebel in Sachen Nachhaltigkeit beim Oktoberfest – die Energie.

 

2019 veröffentlichten Forscher*innen der TU München Daten, die zeigten, dass es auf dem Festgelände nicht nur wärmer als ringsum war, sondern auch die Konzentration des Treibhausgases Methan deutlich ansteigt. Sechs Mal höher war sie, als zu der Zeit vor und nach dem Oktoberfest.

 

Nana Koschnick

Also das Methan ist ja ein Treibhausgas. Es ist über 30 Mal stärker als Kohlendioxid, also CO2. Deshalb wurden auch die Forscher der TU München hellhörig, als sie plötzlich bei einem Messversuch viel mehr Methan maßen als üblicherweise.

 

Anna Scholz

Methan entsteht vor allem durch die Zersetzung von organischem Material. Es wird unter anderem von Kühen und anderen Wiederkäuern während ihrer Verdauungsprozess erzeugt. Auch wir Menschen stoßen mit jedem Pups eine kleine Menge Methan aus. Aber auch fossile Brennstoffe wie Erdgas setzen Methan frei. Und bei den gemessenen Mengen in München, war den Forscher*innen schnell klar: So viel können auch sieben Millionen Menschen nicht pupsen. Sie suchten nach einer anderen Ursache.

 

Nana Koschnick

Und dafür sind eben ursächlich der Gasgrill, Hendlgrill, der Steckerlfisch, die Bratwürste. Also gebraten und geheizt wird auf dem Oktoberfest mit Erdgas, das zu 96% aus Methan besteht.

 

Anna Scholz

Die Forscher*innen wollen weitere Messungen anstellen, um dann Lösungen vorschlagen zu können.

Aber überhaupt ist die Wiesn ein ganz schöner Energieschlucker.

 

Nana Koschnick

Der Energieverbrauch bei einer durchschnittlich 16 Tage dauernden Wiesn, der entspricht ungefähr der Menge von rund 1.000 Münchner Haushalten im Jahr.

 

Anna Scholz

Und auch hier passiert schon mehr als beim Thema Ernährung. Es wird versucht, die Energiebilanz mit klimafreundlicher Technologie aufzubessern: mit Ökostrom, LED-Lampen oder Solardächern auf einigen Zelten. Das ist auch nach wie vor nötig, denn bisher sind nur eine Handvoll der 38 Festzelte wirklich klimaneutral.

 

Nana Koschnick

Man kann erkennen, ob ein Zelt klimaneutral ist. Indem Sie eine Plakette führen müssen, die in der Regel am Eingang, an der Außenwand, irgendwo sichtbar ist, die ist weiß-blau und steht "klimaneutral" drauf.

 

Anna Scholz

Für die übrigen Wirt*innen herrscht jetzt großer Druck, bis 2028 ebenfalls Klimaneutralität zu erreichen. Nur bedeutet das nicht, dass es dann nur noch vegane Kost und keinen Abfall mehr geben wird.

 

Nana Koschnick

Also auch die Klimaneutralität wird in der Regel noch dadurch erreicht, dass ich das eigene, unvermeidbare Emissionsaufkommen durch entsprechende Projekte an anderer Stelle wieder ausgleiche.

 

Anna Scholz

Kompensation nennt man das. Und dazu gibt es häufig die Kritik, weil man es auch als eine Art Ablasshandel sehen kann. Also, es ist okay, an einer Stelle zu sündigen, wenn ich an einer anderen Stelle etwas Gutes tue. Oder tun lasse.

 

Nana Koschnick

Also Kompensation ist natürlich ein guter und richtiger und wichtiger Schritt. Aber da sollte man nicht stehen bleiben. Es kann langfristig nur eine Ergänzung oder auch eine Überbrückung von wirklich nachhaltiger Veränderung sein.

 

Anna Scholz

Also: Wir haben uns in dieser Folge gefragt, ob das größte Volksfest der Welt mit 6-7 Millionen Besucher*innen pro Jahr es schaffen kann, bis 2028 klimaneutral zu sein. Also in drei Jahren. Und ganz ehrlich: Es wird eng. Sehr eng.

 

Nana Koschnick

Bislang ist es ja ein Ziel. Ziele können natürlich auch angepasst werden. Das heißt, man wird mit dem Oktoberfest nicht aufhören. Wenn man das Ziel 2028, also sprich in drei Jahren, nicht erreicht hat, gehe ich davon aus, wird die Wiesn trotzdem stattfinden.

 

Anna Scholz

Es ist also ein bisschen wie das Pariser Klimaabkommen: Man setzt sich ambitionierte Ziele, aber wenn die nicht erreicht werden, gibt es auch keine schwerwiegenden Konsequenzen. Wobei: Die Stadt München hat da womöglich mehr Macht als die UN – wenn sie die denn auch nutzen will. Also sie könnte ja ganz konsequent alle Wirt*innen vom Oktoberfest ausschließen, die 2028 noch keine Klimaneutralität erreicht haben. Ob das aber passiert, wenn bis dahin weiterhin nur eine Handvoll Festzelte wirklich klimaneutral sind? Das kann ich mir nur schwer vorstellen. Und so bleibt vorerst nur: sich an die eigene Nase zu fassen.

 

Nana Koschnick

Also die Macht, die ich selber habe, die Entscheidungsfreiheit, die ich selber habe und damit auch die Möglichkeit, selbst meinen Beitrag zu leisten, darf man nicht unterschätzen. Also es kann einerseits schon immer ein Umlenken stattfinden. Also eins, das durch die Politik und sozusagen von oben stattfindet, aber es muss auch einfach ein Umdenken bei jedem Einzelnen stattfinden. Das heißt, ich kann einfach – und auch nicht nur während der zwei Wochen Wiesn, sondern jeden Tag – schauen, was kann ich machen, in meinem Alltag, worauf greife ich zurück, um zu mehr Nachhaltigkeit beizutragen. Und das heißt natürlich, bio- und regionale vegetarische Kost bevorzugen zu wollen, zu müssen, und zu überlegen, wie ich zur Wiesn hinkomme.

 

Anna Scholz

Das war es mit dieser zweiten Staffel "Zeitschleifen". Wir hoffen, sie hat euch gefallen und ihr habt etwas Neues über das Oktoberfest lernen können. Wir sind 2026 mit einer weiteren Staffel zurück, also vergesst nicht, den Podcast zu abonnieren, dann kriegt ihr automatisch die neuen Folgen angezeigt. Wenn euch diese Folge und diese Staffel gefallen hat, freuen wir uns außerdem, wenn ihr den Podcast bewertet und weiterempfehlt.

 

Bis zum nächsten Oktoberfest 2026 dauert’s zwar noch ein bisschen, aber wenn ihr Lust habt auf Themen, die München das ganze Jahr über bewegen, dann haben wir einen Tipp für euch: Schaut mal in der Ausstellung "What the City. Perspektiven unserer Stadt" des Münchner Stadtmuseums im historischen Zeughaus vorbei. Da geht’s zum Beispiel um Nachhaltigkeit, um Kunst – oder auch um die Pop-Kultur hier in München. Alle Infos und den Link zur Ausstellung findet ihr wie immer in den Shownotes.

 

"Zeitschleifen. Wiesn Rewind" ist ein Podcast des Münchner Stadtmuseums. Audioproduktion: Sarah Weiher und Johannes Weber von Mucks Audio. Autorin dieser Folge bin ich, Anna Scholz, Redaktion Carolina Torres sowie das Team Kommunikation vom Münchner Stadtmuseum.

 

Natürlich gibt es auch heute noch einen abschließenden Fun Fact. Und weil wir damit ja eine ganze Staffel abschließen, habe ich euch ein ganz besonderes Schmankerl mitgebracht. Literally, also irgendwie. Es geht nämlich um die Entstehungsgeschichte des Hendl-Hypes auf der Wiesn.

 

Nana Koschnick

Also 1999 fanden auf der Theresienwiese umfangreiche Erdbewegungen statt. Es wurden Kriegslasten beseitigt und dabei wurden Scherben von Kochelbräubierkrügen und auch Hendlknochen gefunden und zu uns ins Museum gebracht. Und diese Kochelbräu-Bierkrugscherben, die konnten eben auf die Zeit um 1900 datiert werden. Das sind so unsere ersten originalen Hendlknochen, die wir finden konnten und datieren konnten.

 

Anna Scholz

Der Zeitraum passt ja in etwa dazu, dass die erste Hendlbraterei offiziell 1885 auf der Wiesn eröffnet hat.

Das heißt ihr habt Hendl-Fossilien im Museum?

 

Nana Koschnick

Wir haben Hendl-Fossilien auch im Museum, nicht sehr zahlreich, aber ein paar.

 

Das kann doch locker mit dem T-Rex im Naturkundemuseum Berlin mithalten, oder? Angucken könnt ihr euch die Hendl-Fossilien in der Sammlung Online des Münchner Stadtmuseums. Link – natürlich – in den Shownotes.


Zeitschleifen. Geschichte fast forward

Die erste Staffel des Podcasts des Münchner Stadtmuseums – jetzt überall, wo es Podcasts gibt!

Täglich neue Debatten, Themen und Krisen – wie soll man in diesen turbulenten Zeiten den Überblick behalten? Der Autor Mark Twain soll einmal gesagt haben, "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich". Während sich also Orte, Menschen und Details ändern, würde doch immer wieder Ähnliches passieren. Was lässt sich lernen von Menschen, die zu anderen Zeiten an ähnlichen Punkten standen?

Darum geht es in der ersten Staffel von "Zeitschleifen", dem Podcast des Münchner Stadtmuseums. Relevant, relatable und mit erstaunlichen Parallelen – die sechs Folgen bieten kompaktes Wissen und eine historische Einordnung zu Themen, die uns als Gesellschaft gerade (wieder) bewegen.

Verfügbar unter anderem auf Spotify | Apple Podcasts | YouTube Music | Amazon Music

Trailer zu Staffel 1: "Zeitschleifen. Geschichte fast forward":

Realitätsflucht oder Selbstfürsorge? Rückzug in turbulenten Zeiten

Staffel 1, Folge 1

Erst wenn Sie zustimmen, erlauben Sie uns Daten von Podigee zu laden.

Sport, Binge-Watching, Meditation – kurz: Rückzug. Sind das wirklich die besten Antworten auf den Dauerkrisenmodus, in dem wir uns befinden? An belastenden Nachrichten mangelt es zurzeit nicht: Klimakrise, Kriege oder Inflation sind nur einige Beispiele. Viele von uns strugglen damit, sich täglich neuen katastrophalen Meldungen auszusetzen. Wie finden wir einen gesunden Umgang damit, ohne uns zu überfordern oder uns aus der Realität zu verabschieden? Bei der Suche nach Lösungen hilft ein Blick in die Geschichte.

Gemeinsam mit Kunsthistoriker Dr. Nico Kirchberger, dem Leiter der Sammlung Grafik und Gemälde des Münchner Stadtmuseums, werfen wir einen Blick auf das Ende des 19. Jahrhunderts – eine Zeit, in der die Industrialisierung Städte schnell wachsen ließ und die Menschen sich mit den vielen technischen Neuerungen oft stark überfordert fühlten. Der Maler Karl Wilhelm Diefenbach wandte sich vom hektischen Stadtleben ab und suchte eine neue Lebensweise in der Natur. Diefenbachs Abkehr von der Gesellschaft brachte aber auch Probleme mit sich. Sozialpsychologe Dr. Fabian Hess von der Friedrich-Schiller-Universität Jena erklärt, wie Krisen unsere Gemeinschaft auch stärken können.

Shownotes

Inhalt
[00:00] Einleitung
[05:52] Reise in die Vergangenheit, Interview mit Dr. Nico Kirchberger, Leitung der Sammlung Grafik / Gemälde des Münchner Stadtmuseums
[17:27] Zurück in die Gegenwart, Interview mit Dr. Fabian Hess, Sozialpsychologe an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
[22:36] Zusammenfassung und Ausblick
[24:57] Goodie

Abbildungen / Verweise

    Karl Wilhelm Diefenbach, Du sollst nicht töten, Gemälde, 1903
    Georg Pettendorfer, Der Maler und Lebensreformer Karl Wilhelm Diefenbach, Fotografie, um 1885, Münchner Stadtmuseum

    Quellen
    Zitatcollage
    https://www.youtube.com/watch?v=ldsnOk-q-f8
    https://www.youtube.com/watch?v=wqyOv4Smy-U
    https://www.youtube.com/watch?v=muvIzr2lRc4
    https://www.youtube.com/watch?v=n_G96bGEyxI
    https://www.youtube.com/watch?v=1hMkhx69ESg
    https://www.youtube.com/watch?v=muvIzr2lRc4

    Studien
    https://www.rheingold-marktforschung.de/gesellschaft/deutschland-auf-der-flucht-vor-der-wirklichkeit/
    https://www.bib.bund.de/DE/Presse/Mitteilungen/2022/pdf/2022-12-05-Wanderungsverluste-der-Staedte-erreichen-das-hohe-Niveau-der-1990er-Jahre.pdf?__blob=publicationFile&v=3

    Weiterführende Ressourcen

    • Weitere spannende Einblicke in die Zeit und Kunst um 1900 in München gibt es noch bis 23. März in der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" in der Kunsthalle München – eine gemeinsame Ausstellung der Kunsthalle München und des Münchner Stadtmuseums.
    • Der Katalog zur Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich", Herausgegeben von Roger Diederen, Anja Huber, Nico Kirchberger, Antonia Voit, 2024, erhältlich im Online-Shop

    Kontaktinformationen
    Die Redaktion ist zu erreichen unter presse.stadtmuseum(at)muenchen.de.

    Credits
    Recherche und Skript: Anna Scholz
    Redaktion: Carolina Torres, Janina Rook, Carol Pfeufer, Maria Tischner, Ulla Hoering, Lena Hensel
    Produktion: Anna Scholz, Carolina Torres, Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber
    Host: Anna Scholz
    Audio-Produktion: mucks audio (Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber)
    Musik: mucks audio (Johannes Weber)

    Transkription

    Anna Scholz, Host

    Dr. Nico Kirchberger, Leitung der Sammlung Grafik / Gemälde des Münchner Stadtmuseums

    Dr. Fabian Hess, Sozialpsychologe an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

    ---

    Anna Scholz, Host

    Wenn mir alles zu viel wird – zu viel Arbeit, zu viele Sorgen und vor allem zu viele schlechte Nachrichten – dann steige ich ins Auto. Ich manövriere meinen kleinen, schwarzen Kia durch den Hamburger Westen, fahre auf die A7, Richtung Norden, bis die großen Backsteinhäuser kahlen Bäumen und weiten Feldern weichen. Weiter geht’s auf Landstraßen und irgendwann biege ich auf einen schlammigen, unbefestigten Weg ein. Am Ende dieser Fahrt wartet jemand auf mich, dem das ganze Weltgeschehen nicht egaler sein könnte. Er hat lange, schwarze Haare, treue, braune Augen – und keine Daumen, mit denen er endlos doomscrollen könnte.

    Wenn ich hier auf der Pferdekoppel ankomme, ist mein Handy im Flugmodus. Keine Angst, das wird hier kein Pferdepodcast. Es geht vielmehr um ein Gefühl, das viele von uns womöglich teilen. Für euch ist die Pferdekoppel vielleicht der Wald, die Berge oder der Moment, wenn ihr aufs Rennrad steigt. Ein Ort oder eine Aktivität, bei der ihr euch komplett rausnehmen könnt, nur für euch seid. Sobald ich die ersten Atemzüge Landluft einatme und mein Pflegepferd mit seinen warmen Nüstern meine Taschen nach seiner Begrüßungskarotte absucht, kann ich die Welt da draußen für ein paar Stunden vergessen. Die Welt, die gerade ungefähr so klingt:

    Stimmengewirr

    Was am erstaunlichsten ist: Keine dieser Krisen ist so richtig neu. We’ve been here before.

    Stimmengewirr

    Aber ist das so, dass sich Geschichte wiederholt?

    Der Autor Mark Twain soll einmal gesagt haben, "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich". Während sich also Orte, Menschen und Details ändern, würde doch immer wieder Ähnliches passieren. Manche Historiker*innen argumentieren auch, dass sich Geschichte in Pendelbewegungen vollzieht, also immer hin und her schwingt. Im Moment, so scheint es, schwingen wir zurück in schon mal dagewesene, düstere Zeiten: Auf den Straßen marschieren wieder Nazis, Frauen müssen um ihre Rechte kämpfen, die Inflation treibt die Preise durch die Decke, Menschen sind erschöpft und voller Sorge, dass Maschinen ihre Arbeitsplätze wegnehmen, parallele Krisen verlangen uns alles ab. Das gab es doch alles schonmal. Aber sind wir dieser Pendelbewegung einfach ausgeliefert?

    Darüber wollen wir in diesem Podcast sprechen, hallo! Ich bin Anna Scholz, ich bin Journalistin, Kulturwissenschaftlerin und Sozialanthropologin und interessiere mich dafür, wie Gesellschaft uns formt – und wie wir die Gesellschaft formen. In der ersten Staffel von "Zeitschleifen" soll es um Themen gehen, die uns aktuell beschäftigen – aber nicht zum ersten Mal. Was lässt sich lernen von Menschen, die zu anderen Zeiten an ähnlichen Punkten standen?

    Wenn ich hier so samt Pferd durch die Natur streife, dann ist für eine kurze Weile alles gut, ich bin voll im Hier und Jetzt. Ein Moment, an dem ich gerne festhalten würde, denn ich würde mich schon zu den 59 Prozent der Deutschen zählen, die sich von den Krisen der Gegenwart überfordert fühlen. Diese Zahl kommt aus einer repräsentativen Studie des Rheingold Instituts aus dem Jahr 2023. Und ganz ehrlich, ich bin ein bisschen überrascht davon, dass es nicht 100 Prozent sind. Das liegt vielleicht daran, dass in derselben Studie nur 39 Prozent angegeben haben, sich überhaupt noch ausführlich über das Weltgeschehen zu informieren. Das heißt, über die Hälfte der Bevölkerung informiert sich nicht mehr – oder eben nur noch oberflächlich!

    Als Journalistin kann ich die Nachrichten nicht einfach abstellen, ich will das auch gar nicht, aber ich kann diesen Reflex, sich nicht mehr informieren zu wollen, irgendwie auch verstehen. Es ist einfach zu viel! Zu viele Kriege, zu viele Bomben, zu viele Rechtspopulist*innen, zu viele durch den Klimawandel bedingte Naturkatastrophen, zu viel Leid. Und viele haben das Gefühl, sowieso nichts tun zu können. Deswegen verstehe ich auch, dass 68 Prozent der Bevölkerung, also mehr als zwei Drittel der Deutschen, dem Rheingold Institut gesagt haben: Ich habe lieber meine Ruhe, ziehe mich zurück und konzentriere mich auf mich selbst. Im Fitnessstudio, beim Besteigen eines Berges oder im Stall hat man wenigstens noch das Gefühl von Selbstwirksamkeit, also etwas bewirken zu können. Wenn es dem Pferd gut geht, geht es auch mir gut.

    Ich habe auch schon häufig darüber nachgedacht, raus aufs Land zu ziehen. Raus aus der stressigen, lauten Großstadt, in der die hohen Häuser so eng stehen, dass man weder einen Sonnenauf- noch -untergang sehen kann. Während der Corona-Pandemie haben mir viele Deutsche vorgemacht, wie es geht. Großstädte in Deutschland haben 2021 so stark an Bevölkerung verloren wie zuletzt 1994, das haben Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung ergeben. Das heißt, mehr Menschen sind von der Großstadt raus aufs Land gezogen und weniger Menschen haben den Sprung vom Land in die Großstadt überhaupt erst auf sich genommen.

    Überforderung, Abwendung und Rückzug also – aber wohin führt uns das, wenn der Fluchtinstinkt kickt, wir uns dem Trubel entziehen und damit in gewisser Weise vielleicht auch der Realität? Kann das nicht auch gefährlich werden? Und können wir das angesichts der vielen politischen und gesellschaftlichen Probleme überhaupt bringen? Darüber sprechen wir heute, in dieser Folge. Und um diese Fragen zu beantworten, pendeln wir jetzt einmal 140 Jahre in die Vergangenheit, als die Menschen sich schon mal dachten: I’m out.

    Es ist das Jahr 1890. Stell dir vor, du gehst die Kapuzinerstraße im Süden Münchens entlang. Arbeiterviertel. Auf der Straße ist es eng, durch die Industrialisierung kann München gar nicht so schnell wachsen, wie Arbeiter in die Stadt ziehen. Überstürzt hochgezogenen Mietskasernen dominieren die Straße, enge, hohe Häuser mit kleinen Fenstern, aus denen Wäscheleinen gespannt sind. Die Straße ist je nach Wetterlage staubig oder matschig, es ist wahnsinnig laut. Kinder toben herum, Männer unterhalten sich auf dem Weg in die Fabrik, in den Werkstätten wird gehämmert und gesägt, ein Pferdewagen rumpelt über die unebene Straße. Du guckst in die Gesichter der Menschen, die dir begegnen, sie wirken gehetzt, abgeschlagen und erschöpft. Die Luft ist schwer und eine Mischung aus Kohlenrauch und Abwasser beißt in deiner Nase.

    Nicht weit von hier entfernt, nur ein paar Hundert Meter weiter östlich, in der prachtvollen Maximilianstraße, ändert sich das Stadtbild: Männer im Gehrock und Frauen in Korsetts flanieren den Bürgersteig entlang, betrachten Schmuck, Porzellan und edle Hüte in den Schaufenstern. Kutschen fahren vorbei, der Duft von frisch gebackenem Brot und Kaffee liegt in der Luft. Die Stimmung ist locker und entspannt.

    München ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Ort, an dem man den rasanten gesellschaftlichen Wandel der damaligen Zeit auf vielen Ebenen beobachten kann. Sie ist nämlich nicht nur Arbeiterstadt, sondern auch eine der führenden europäischen Kunstmetropolen. Künstler aus der ganzen Welt – und auch schon einige Künstlerinnen – zieht es an die Akademie der bildenden Künste, um sich ausbilden zu lassen. Der Jugendstil, eine kunstgeschichtliche Epoche, die als eine Gegenbewegung zum konservativen Historismus und der Industrialisierung verstanden wurde, hat hier seine Wiege. Der Jugendstil steht für eine Verschönerung des harten, grauen Alltags durch verspielte, von der Natur inspirierte Motive und Linien. Denn auch die Intellektuellen und Künstler*innen leiden unter dem schnellen Wachstum der Stadt, sie atmen dreckige Luft ein und spazieren an einer verschmutzten Isar. Viele von ihnen versuchten, der Krise etwas entgegenzusetzen, indem sie sich wieder mehr der Natur zu- und von der Stadt abwenden. Aber was hat das gebracht? Um mir das genauer anzugucken, habe ich mir Hilfe geholt.

    Dr. Nico Kirchberger, Leiter der Sammlung Grafik / Gemälde des Münchner Stadtmuseums

    Mein Name ist Nico Kirchberger und ich betreue hier im Stadtmuseum die Sammlung für Grafik und Gemälde. Also die Sachen, die flach an die Wand kommen, im Endeffekt.

    Anna Scholz

    Dr. Nico Kirchberger ist Kunsthistoriker und Sammlungsleiter am Münchner Stadtmuseum. Hier bin ich richtig, wenn ich die Zusammenhänge der Vergangenheit verstehen will. In riesigen Sammlungen wird hier Geschichte konserviert, damit wir den Alltag unserer Vorfahren besser verstehen können.

    Nico Kirchberger

    Es geht mir nicht darum, irgendwelche Blockbuster Ausstellungen mit bekannten Namen der Kunstgeschichte zu machen, die ohnehin sehr teuer natürlich sind und schwer zu realisieren sind, sondern das, was da ist, die Sammlung zu sichten, zu erforschen, Schätze unbekannte Perlen zu heben, aber auch zu vermitteln.

    Anna Scholz

    Hier im Museum gibt es nicht nur Gemälde und Drucke, auch Mode, Möbel und Alltagsgegenstände erzählen von einer anderen Zeit. Mit Nico steige ich ein in die Zeit Ende des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung und die sich immer stärker verändernde Stadt einige Münchner*innen so sehr herausgefordert hat, dass sie letztlich mit einem Rückzugsreflex reagiert haben. Ähnlich, wie wir es heute auch erleben.

    Nico Kirchberger

    Das heißt, man hat sich der vegetarischen Lebensweise zugewendet, einer pazifistischen Lebensweise auch. Man hat sich bewusst aus den Städten zurückgezogen. Man hat sich dort in Kommunen dann organisiert, hat selbst als Selbstversorger im Endeffekt Gemüse und Obst angebaut.

    Anna Scholz

    Kommt euch das bekannt vor? Und ja, ihr habt richtig gehört, Vegetarismus gab es damals schon – auch wenn im 19. Jahrhundert bestimmt auch viele Arbeiterfamilien häufig unfreiwillig vegetarisch essen mussten. Bewusster Vegetarismus war etwas für ganz bestimmte Kreise, Intellektuelle und Künstler*innen, die sich zudem auch einem "zurück zur Natur" als Antwort auf die Industrialisierung verschrieben hatten. Rückzug also.

    Nico Kirchberger

    Das prominenteste Beispiel ist sicher der Karl Wilhelm Diefenbach, der als eigentlich aus einem gutbürgerlichen Elternhaus stammte und in München eine ganz traditionelle klassische Ausbildung zum akademischen Maler abgeleistet hat, der dann allerdings ja, wie er selbst sagt, sein Erweckungserlebnis hatte, oder dass ihm die Augen aufgingen.

    Anna Scholz

    An Karl Wilhelm Diefenbach kann man gut sehen, wie ein erstes Hinwenden zur Natur zu einer ausgewachsenen Realitätsflucht wird. Diefenbach wurde 1851 in der Kleinstadt Hadamar geboren und absolvierte als junger Mann eine Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste in München. Er infizierte sich mit Typhus, lag für Monate im Krankenhaus und musste sein Leben lang unter den Folgen einer misslungenen Operation leiden. Das Einzige, was ihm zumindest kurzfristig half, war eine Traubenkur – dabei isst man über Wochen nur Trauben und das macht man heute aus guten Gründen nicht mehr. Danach hörte er auf, Fleisch, Alkohol, Kaffee und Tabak zu konsumieren. Doch damit nicht genug: 1882 hatte er, so ist es überliefert, beim Anblick des Sonnenaufgangs ein spirituelles Erweckungserlebnis – und verstand sich von da an als Prophet.

    Nico Kirchberger

    Und er erkannte, dass er einen anderen Lebenswandel komplett ganzheitlich einschlagen müsse und sich dann nicht nur anders gekleidet hat. Also sprich ganz unkonventionell, barfuß oder auch mit Kutte bekleidet hierdurch durch Schwabing gelaufen ist, sondern eben auch von der Ernährung, wie gesagt bewusst auf Fleisch verzichtet hat und auch den Fleischkonsum angeprangert hat. In vielen Vorträgen, die er dann gehalten hat in München und die dann irgendwann auch als er der Obrigkeit zu radikal wurde, seine Ansichten dann verboten wurden. Also dann durfte er da gar keine Vorträge halten und seine Lebensweisen wieder wiedergeben.

    Anna Scholz

    Das heißt, er ist nicht nur ausgestiegen, sondern er hat so richtig missioniert.

    Nico Kirchberger

    Ja, bei ihm kommt dieser missionarische Eifer dazu, oder seine Ausstrahlung. Er hat ja Jünger im Endeffekt auch um sich gesammelt, eine Kommune gegründet, erst mit seiner Familie und ein paar Aussteigern.

    Anna Scholz

    Ist Karl Wilhelm Diefenbach der Grund, warum Vegetarier*innen und Veganer*innen wie mir heute noch unterstellt wird, zu viel zu missionieren? Das ist ein Thema für einen anderen Podcast. Diefenbach trat aber nicht nur gegen Fleischkonsum und für Naturverbundenheit an – zwei Missionen, bei denen ich mitgehen kann. Diefenbach war auch gegen die Großindustrie, gegen "Pillendreher" wie er sie nannte – heute würde man "big pharma" sagen. Damals war aber die Pharmaindustrie wirklich sketchy. Es gab noch viele Snake-Oil-Verkäufer – heute sind das Instagram-Scammer, die uns unnötige Wundermittel verkaufen – Ecstasy kam als Diätpille auf den Markt… Skepsis war durchaus angebracht. Auch das "Establishment" war Diefenbach im Dorn im Auge. "Die da oben" ist so ein Schlagwort, das wir heute immer wieder aus gewissen realitätsflüchtigen bis verschwörungsgläubigen Kreisen hören. Da sprechen wir aber später nochmal drüber. Gleichzeitig gibt es auch mehr als berechtigte Kritik an Menschen, die den Kapitalismus durchgespielt haben, wie Jeff Bezos und Elon Musk. 1885 kehrte Diefenbach jedenfalls dem konservativen München den Rücken.

    Anna Scholz

    Also heute würde man ja vielleicht nicht mehr überrascht sein, wenn so ein Künstler sehr exzentrisch auftritt und barfuß vielleicht durch die Großstadt läuft. Aber damals war das überraschend, oder?

    Nico Kirchberger

    Er war Stadtgespräch. Also jeder kannte ihn, auch wenn man ihn nicht gesehen hat. Er wurde sofort karikiert. In dem Simplicissimus beispielsweise gibt es Karikaturen auf ihn. Auch er gibt natürlich fotografische Aufnahmen, auch damals schon, als man sich die lange, wallende Mähne, vollbärtig.

    Anna Scholz

    Ganz kurz: Mit Simplicissimus ist nicht der Youtube-Kanal gemeint, sondern eine satirische Wochenzeitschrift. Quasi die "Titanic" des 19. Jahrhunderts. Wir verlinken euch ein Bild von Diefenbach in den Shownotes, den Vergleich zu Jesus könnt ihr dann selbst ziehen.

    Nico Kirchberger

    Kohlrabi Apostel. Also diesen Spitznamen hat man ihm dann auch in München gegeben. Und da wusste jeder, wer gemeint ist.

    Anna Scholz

    Und das war noch einer der netteren Spitznamen. Dafür haben ihn seine Anhänger "Meister" genannt, mit denen lebte er in einer Kommune im Isartal, in Höllriegelskreuth. Aber auch hier war er nicht frei von den Zwängen der Gesellschaft: Die Freikörperkultur, die sowohl die Kinder als auch Erwachsenen in der Kommune lebten, sorgte für Stress mit den Behörden und auch, dass Diefenbach sein jüngstes Kind rein pflanzlich ernährte, brachte ihm Ärger ein. Er zog weiter nach Wien, gründete eine neue Kommune, in der es allerdings strikt hierarchisch zuging. Diefenbach sah sich nach wie vor als Propheten. Er war allerdings weniger barmherzig, sondern führte einen sektenähnlichen Kult an, in dem seine Jünger ihm zu gehorchen hatten. Sie mussten ihrem "Meister" Tagebucheinträge über ihre Aktivitäten vorlegen, Alleinspaziergänge in die Stadt waren verboten, genauso wie erotische Beziehungen – mit Ausnahmen für Diefenbach natürlich, der mit Monogamie genauso wenig anfangen konnte wie mit allen anderen "gesellschaftlichen Zwängen". Schwierig, muss ich sagen, aber auch classic Sektenführer.

    Wichtig ist aber auch, sich Diefenbachs Kunst anzusehen. Denn vor allem seine späteren Werke waren Symbole seiner Überzeugungen, eine Weiterführung seiner missionarischen Reden, für die er einst in München bekannt war.

    Nico Kirchberger

    Wenn er beispielsweise einen steinzeitlichen Jäger zeigt, der einen Hirsch erlegen möchte, dann lässt er im Hintergrund eine geisterhafte Figur auftauchen, die aussieht wie Gottvater, also ein alttestamentarisch, der alte alttestamentarische Gott, der allerdings doch im Endeffekt seine Physiognomie trägt und dem Jäger zuruft "Du sollst nicht töten".

    Anna Scholz

    Das Gemälde hat eine mystische, fast bedrohliche Stimmung, über die Hälfte des Bildes wird von der gottähnlichen Erscheinung eingenommen, die in Grautönen gemalt ist und den "ertappten" Jäger im hellen Licht erscheinen lässt. Der Hirsch, in der Mitte des Bildes, blickt flehend in den Himmel. Auch der Titel des Bildes ist "Du sollst nicht töten". Wir verlinken euch eine digitale Version in den Shownotes, aber wer sich das Bild im Original angucken möchte, kann das noch bis zum 23. März 2025 in der Kunsthalle München, als Teil der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" tun. Und obwohl – oder vielleicht, gerade weil – Diefenbach so eine kontroverse Figur war, war seine Kunst schon damals sehr beliebt. Man kann sich von Diefenbach sicher was abschauen, auch in unserer heutigen Zeit: Wie möchte ich mich ernähren, wie möchte ich Beziehungen führen und wer soll Teil meines inner circle sein? Alles Fragen, die man sich gut mal stellen kann.

    Nico Kirchberger

    Es ist ja, wir sollten es als Inspiration nehmen umzudenken. Also jeder für sich selber, was für ihn der eigene, wirklich richtige Lebensentwurf ist. Das kann ein Denkanstoß sein.

    Anna Scholz

    Diefenbachs Rückzug aus der industrialisierten Gesellschaft und seine Hinwendung zur Natur hatte zweischneidige Effekte. Auf der einen Seite konnte er so seine Lebensphilosophie konsequent leben und Gleichgesinnte anziehen. Seine Kommunen waren Experimente, die im Chaos der Industrialisierung alternative Lebensentwürfe und eine Art "Ausstieg" boten. Auf der anderen Seite isolierte er sich und seine Anhänger von der Mehrheitsgesellschaft, was dazu führte, dass seine Ideen – also die, die sinnvoll waren – in einer Nische verblieben. Und sein Kontroll-freakiger Kult wäre der damaligen, sowieso schon gespaltenen, Gesellschaft auch nicht gerade zuträglich gewesen.

    Anna Scholz

    Wäre er jemand, den man heute als Querdenker bezeichnen würde? Oder ist das zu gemein?

    Nico Kirchberger

    Nein, das würde ich… ich meine, in gewisser Weise sicherlich. Das müsste man wirklich gezielt dahingehend untersuchen. Es gibt sicherlich Tendenzen.

    Anna Scholz

    Ich finde, man sieht am Beispiel von Diefenbach sehr gut, dass Rückzug ein wichtiger Schritt zur Selbstfindung sein kann, aber eben auch die Gefahr birgt, den Kontakt zur Realität und damit auch die gesellschaftliche Wirksamkeit zu verlieren. Wie können wir es heute also besser machen? Wir beenden unsere Zeitreise und setzen unsere Nachforschungen im Heute fort. Mit einem weiteren Experten, der uns bei dieser Frage weiterhelfen kann.

    Dr. Fabian Hess, Sozialpsychologe an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

    Mein Name ist Fabian Hess.

    Anna Scholz

    Fabian Hess ist Sozialpsychologe an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ihn habe ich gefragt, ob er diesen starken Rückzugsreflex auch aus wissenschaftlicher Sicht beobachtet. Und seine Antwort ist ein klassisches: Jein.

    Fabian Hess

    Was aber in der Sozialpsychologie schon immer wieder gefunden wird, ist, dass Menschen sich unter Bedrohung stärker ihren Gruppen zuwenden, also quasi auf einer individuellen Ebene sagen "Dieses Thema ist so groß, das kann ich alleine überhaupt gar nicht bewältigen. Ich finde da kein und keine Umgangsform damit. Ich allein kann daran nichts ändern." Dass es einen Klimawandel gibt zum Beispiel. Und dann quasi zu den Gruppen sich stärker zuwenden, die ihnen generell schon wichtig sind.

    Anna Scholz

    Das kann etwas total Positives sein. Dazu zählt ja jede Person, die sich in Sportvereinen engagiert, sich aktivistischen Gruppen oder einer Partei anschließt, ein Ehrenamt aufnimmt, oder die einfach im Freundes- und Familienkreis einen guten Austausch findet und sich so weniger alleine fühlt. Tatsächlich haben in der Rheingold-Studie auch ganze 60 Prozent angegeben, Kraft aus einer sozialen Gemeinschaft zu schöpfen. Hier kann es aber natürlich auch sein, dass sich Menschen Gruppen anschließen, die gesellschaftlich eher destruktiv sind und z.B. Verschwörungserzählungen verbreiten.

    Fabian Hess

    Also Verschwörungsideologien geben uns das Gefühl von Wert. Also wenn wir Teil von so einer Verschwörungscommunity sind, also nicht die Verschwörer, sondern diejenigen, die das aufgedeckt haben, die erkannt haben, wie es eigentlich ist, dann gibt uns das einen extremen Selbstwert Boost. Also dann haben wir so das Gefühl, die anderen sind die Schlafschafe, die nichts verstehen. Aber wir sind quasi die die kleine Gruppe der Eingeweihten, die schlauer sind als der Rest, die besser Bescheid wissen und die auch mutiger sind als die anderen.

    Anna Scholz

    Oder eben: Jünger und Prophet. Sich Verschwörungsideologien zuzuwenden kann also darin begründet sein, Sicherheit in Gruppen zu suchen. Gleichzeitig ist es aber auch eine extreme Form von Realitätsflucht und sicherlich auch die gefährlichste. Ein Beispiel dafür wäre etwa der Sturm auf das Capitol in Washington im Januar 2021, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen und zahlreiche verletzt wurden. Dieser Angriff war dadurch ausgelöst worden, dass Donald Trump – damals gerade abgewählter, heute wiedergewählter Präsident der USA – die Verschwörungserzählung verbreitet hat, die demokratische Partei hätte die Wahl gestohlen und eigentlich sei er der rechtmäßige Präsident der USA nicht Joe Biden. Eine Lüge.

    Das ist eine extreme Art, mit Krisen umzugehen. Gleichzeitig gibt es aber auch Menschen, die in Anbetracht von Krisen eher die "Vogel-Strauß-Taktik" fahren. Also: Kopf in den Sand.

    Fabian Hess

    Manche Menschen finden auch einen Umgang, dass sie quasi von vornherein dieses Problem von sich wegschieben und dann gar nicht so in ein starkes Bedrohungserleben kommen, weil sie schon auch von Anfang an eine gewisse Verleugnungsstrategie fahren und quasi dann sagen: Ach, das ist gar nicht so ein großes Problem, oder? Das betrifft zwar schon Menschen, aber nicht mehr mich, sondern vielleicht irgendwelche späteren Generationen.

    Anna Scholz

    Und dann gibt es ja auch einfach Menschen, die sich der Probleme zwar bewusst sind, aber lieber auf der Couch die neueste Netflix-Serie angucken – und diesen Rückzugswunsch kenne ich persönlich auch. Bei meinen zwölften Gilmore-Girls-Rewatch warten bestimmt keine unangenehmen Überraschungen auf mich und ich kann mich ein bisschen entspannen. Damit gehöre ich sicherlich – zumindest phasenweise – zu den 68 Prozent, die in der Rheingold-Studie angegeben haben, sich lieber ins Private zurückzuziehen. Aber ziehen sich wirklich so viele von uns raus? Das wären ja über zwei Drittel der Bevölkerung!

    Fabian Hess

    Also ich würde sagen: Einerseits gibt es Rückzugsbewegungen in der Gesellschaft und gleichzeitig gibt es auch Politisierungen. Und auch die Wahlbeteiligung steigt ja gerade irgendwie von Wahl zu Wahl immer stärker an, was dagegen spricht, dass Menschen sich komplett rausnehmen aus politischen Prozessen.

    Anna Scholz

    Stimmt. Anfang 2024 zum Beispiel, da sind in ganz Deutschland Hunderttausende Menschen gegen Rechts auf die Straße gegangen. Anscheinend wissen wir doch instinktiv, dass wir in Gemeinschaft die größten Chancen haben, Krisen zu überstehen. Und wer sich akut überfordert fühlt, oder am liebsten sein Handy wegschmeißen und in eine Hütte im Wald ziehen will, für den gibt es einen wissenschaftlich begründeten Vorschlag:

    Fabian Hess

    Dann ist der Rat ganz einfach, sich Gruppen im nahen Umfeld zu suchen, die den eigenen Interessen entsprechen, die den eigenen Wertevorstellungen entsprechen und in denen man sich engagieren kann.

    Anna Scholz

    Da haben wir heute einen entscheidenden Vorteil gegenüber Karl Diefenbach und seinen Jüngern: Wir sind viel besser vernetzt und haben – theoretisch – die Möglichkeit, in kurzer Zeit online nach passenden Gruppen für uns zu suchen.

    Und ja, gerade in den Wirren des Internets fühlt es sich manchmal erst recht so an, als wäre man den ganzen Krisen auf der Welt hilflos ausgeliefert und ja, es gibt genügend "Life Coaches" da draußen, die dafür plädieren, dass wir uns lieber nur auf uns selbst konzentrieren sollten, uns selbst optimieren, aber:

    Fabian Hess

    Aber, denke ich, ist ein schlechtes und auch ein falsches Signal, dass das so auch nicht die Realität wieder wiedergibt, sondern wir haben auf verschiedensten Ebenen Einflussmöglichkeiten und sollten die nutzen und uns die dann auch vor Augen führen, welche Effekte sie dann auch haben können.

    Anna Scholz

    Also, ich fasse mal zusammen: Rückzug ist kein grundsätzliches Problem, sondern eine natürliche Reaktion auf Überforderung. Er kann Raum schaffen, um persönliche Ressourcen zu regenerieren – und genau das Gefühl habe ich ja, wenn ich ein paar Stunden am Stall verbringe. Entscheidend ist jedoch, dass er nicht zur dauerhaften Vermeidung wird. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Krisenzeiten oft mit Rückzugsbewegungen einhergehen, die sowohl Chancen als auch Gefahren bergen. Karl Wilhelm Diefenbachs Einsatz für Vegetarismus und Naturverbundenheit können wir als Denkanstoß für alternative, klima- und tierfreundliche Lebensmodelle sehen. Gleichzeitig führte aber seine radikale Abkehr von der Mehrheitsgesellschaft auch dazu, dass diese Ideen nicht ihren Weg in die Breite geschafft haben. Und vielleicht war diese Abkehr auch ein Grund dafür, dass er ein bisschen craycray geworden ist und angefangen hat, seine Anhänger*innen zu tyrannisieren. Da hat vielleicht auch das Korrektiv gefehlt.

    Es kommt also – auf persönlicher, aber auch gesellschaftlicher Ebene – auf eine Balance an. Wir können uns also ruhig Phasen des Abstandnehmens gönnen, und dann auch wieder zur Reflexion und der aktiven Auseinandersetzung mit den Herausforderungen unserer Zeit zurückkehren. So brennen wir einerseits nicht aus und vermeiden andererseits aber auch ein Gefühl der Ohnmacht. Und wenn wir das denn wollen, können wir so auch gemeinschaftliche Lösungen vorantreiben.

    Geschichte mag sich nicht wiederholen, aber sie reimt sich. Aus ihren Rhythmen können wir lernen, wie wir unsere Gegenwart bewältigen und eine nachhaltige Zukunft gestalten. Wahrscheinlich werden wir auch zukünftig Zeitschleifen drehen und uns an Punkten wiederfinden, die wir aus der Geschichte kennen – und vielleicht ist das auch ganz gut? Aus Wiederholung lernt man schließlich. Wenn man denn möchte.

    Für heute war es das, in der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit Feminismus und Geschlechterrollen. Wenn euch diese Folge gefallen hat, freuen wir uns, wenn ihr den Podcast abonniert und weiterempfehlt. Werke von Karl Diefenbach findet ihr digital in den Shownotes und analog noch bis zum 23. März 2025 in der Kunsthalle München, in der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich". Hier ist das Münchner Stadtmuseum der größte Leihgeber mit 300 Objekten aus seiner Jugendstilsammlung – dem Herzstück des Museums. Schaut doch mal vorbei!

    "Zeitschleifen" ist ein Podcast des Münchner Stadtmuseums. Audioproduktion: Mucks Audio, Redaktion: Carolina Torres und das Team Kommunikation des Münchner Stadtmuseums, Autorin dieser Folge bin ich, Anna Scholz.

    Um noch mit etwas Leichtem zu enden: Falls ihr es nicht nach München in die Ausstellung schafft, dann vielleicht nach Capri? Dort hat Karl Diefenbach die letzten Jahre seines Lebens verbracht und bis heute gibt es dort das "Museo Diefenbach" im Kloster Certosa di San Giacomo. Und obwohl Diefenbach ein weirder Dude mit teils auch kritischen Ansichten war so klingt dieses Museum nach einem sehr friedlichen, sehenswerten Ort.

    Nico Kirchberger

    Dieses Kloster ist ein Ruhepol. Man kann sich eigentlich alleine durch die Räume bewegen. Fenster stehen offen, Türen stehen offen, Schwalben fliegen durch und mittendrin hängen dann die meistens sehr, sehr großformatigen, also wirklich Meter großen Visionen von Diefenbach, die in Capri dann vor allem das Meer zeigen und geisterhafte Figuren, die aus dem Meer, aus der Gischt emporsteigen und sich erheben.

    Anna Scholz

    Warst du da schon mal?

    Nico Kirchberger

    Ja, deswegen. Ich bin auch ganz begeistert. Einer aus eigener Erfahrung, ein Reisebericht und eine Empfehlung. Wenn man dort ist, sollte man, darf man, kann man da wirklich mal eintauchen und sich da mit dieser Welt beschäftigen.

    Ein Schritt vorwärts, drei zurück? Feminismus und Geschlechterrollen

    Staffel 1, Folge 2

    Erst wenn Sie zustimmen, erlauben Sie uns Daten von Podigee zu laden.

    Bei vielen Trends würde man sich wünschen, dass sie nie mehr wiederkehrten, darunter: Hüfthosen, Korsette – und ganz grundsätzlich die Diskriminierung von Frauen. Doch es scheint so, als würde die Gesellschaft derzeit bei letzterem wieder Rückschritte machen.

    Dr. Isabella Belting, Leitung der Sammlung Mode / Textilien des Münchner Stadtmuseums, gibt Einblicke in die Zeit um 1900, als sich die Frauen gerade (wieder einmal) des Korsetts entledigt hatten: Lose Reformkleider erlaubten es, sich frei zu bewegen. Sie waren aber gleichzeitig auch ein Akt der Rebellion, was nicht alle Menschen gut fanden. Bereits zu dieser Zeit entwickelte sich der Antifeminismus, der auch gegenwärtig wieder zunimmt. Prof. Annette Henninger von der Philips-Universität Marburg erläutert, wo dieser Backlash seinen Ursprung nahm, warum aktuelle Phänomene wie der Trad-Wive-Trend problematisch sind und wie sich dagegen ankämpfen lässt.

    Shownotes

    Inhalt
    [00:00] Einleitung
    [05:00] Reise in die Vergangenheit, Interview mit Dr. Isabella Belting, Leitung der Sammlung Mode / Textilien des Münchner Stadtmuseums
    [15:38] Zurück in die Gegenwart, Interview mit Prof. Annette Henninger, Professorin für Politik und Geschlechterforschung an der Philips-Universität Marburg
    [25:26] Zusammenfassung und Ausblick
    [28:10] Goodie

    Abbildungen / Verweise

    Damenkleid, um 1905, Münchner Stadtmuseum
    Gesellschaftskleid, um 1900/03, Münchner Stadtmuseum
    Richard Riemerschmid, Damen-Kostüm, 3-teilig, 1901, Münchner Stadtmuseum
    Desbuisson & Hudelist, Damen-Kostüm, 2-teilig, um 1900, Münchner Stadtmuseum
    Damen-Kostüm, 2-teilig, um 1906/07, Münchner Stadtmuseum
    Das Buch „Die Antifeministen: Ein Buch der Verteidigung“ von Hedwig Dohm gibt es hier: https://archive.org/details/dieantifeminist00dohmgoog/mode/2up

    Quellen
    Zitate
    https://x.com/TheProgressives/status/837251412459458560?ref_src=twsrc%5Etfw%7Ctwcamp%5Etweetembed%7Ctwterm%5E837251412459458560%7Ctwgr%5E351f4dd4e2e6d2683c037cfc93fb3ea6aa0d512b%7Ctwcon%5Es1_&ref_url=https%3A%2F%2Fkontrast.at%2F7-gruende-warum-feminismus-auch-heute-noch-notwendig-ist%2F
    https://x.com/rick_sonnens/status/1856605563443990634
    https://www.youtube.com/watch?v=gtoR2vAguz4&t=122s
    https://www.youtube.com/shorts/eeSowvLyIf4
    https://www.youtube.com/@TheBallerinaFarm/shorts
    https://www.youtube.com/watch?v=V5aJFioY1pc&t=7s

    Studien
    https://www.weforum.org/publications/global-gender-gap-report-2024/
    https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2024/11/lagebild-geschlechtsspezifische-gewalt.html
    https://www.zeit.de/politik/deutschland/umfragen-bundestagswahl-neuwahl-wahltrend
    https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/oesterreich-fpoe-chef-kickl-will-mit-oevp-reden-und-kanzler-werden,UZCno4z

    Weiterführende Ressourcen

    • Weitere spannende Einblicke in die Zeit und Kunst um 1900 in München gibt es noch bis 23. März in der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" in der Kunsthalle München – eine gemeinsame Ausstellung der Kunsthalle München und des Münchner Stadtmuseums.
    • Der Katalog zur Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich", Herausgegeben von Roger Diederen, Anja Huber, Nico Kirchberger, Antonia Voit, 2024, erhältlich im Online-Shop

    Kontaktinformationen
    Die Redaktion ist zu erreichen unter presse.stadtmuseum(at)muenchen.de.

    Credits
    Recherche und Skript: Anna Scholz
    Redaktion: Carolina Torres, Janina Rook, Carol Pfeufer, Maria Tischner, Ulla Hoering, Lena Hensel
    Produktion: Anna Scholz, Carolina Torres, Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber
    Host: Anna Scholz
    Audio-Produktion: mucks audio (Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber)
    Musik: mucks audio (Johannes Weber)

    Transkription

    transcript

    Anna Scholz, Host

    Dr. Isabella Belting, Leitung der Sammlung Mode / Textilien des Münchner Stadtmuseums

    Prof. Annette Henninger, Professorin für Politik und Geschlechterforschung an der Philips-Universität Marburg

    ---

    Zitat von Janusz Korwin-Mikke, polnischer EU-Abgeordneter

    "And of course women must earn less than men. Because they are weaker, they are smaller and they are less intelligent, they must earn less."

    Anna Scholz, Host

    Das ist kein Audio-Schnipsel aus den 1950er Jahren, auch wenn ich mir das ganz doll gewünscht habe. Nein, er ist von 2017. Da hat der polnische EU-Abgeordnete Janusz Korwin-Mikke im EU-Parlament zu einer Tirade gegen Frauen angesetzt. Frauen seien schwächer, kleiner, weniger intelligent, und müssten deswegen weniger Geld verdienen als Männer. So eine öffentlich vorgetragene Diskriminierung von einem Politiker war 2017 noch relativ neu und damals umso erschreckender. Doch irgendwie passiert das immer öfter, oder? Dass es weniger Scham gibt, sich abwertend gegenüber Frauen zu äußern? Erst im Herbst 2024 stellte ein CDU-Politiker ganz unironisch das Frauenwahlrecht wieder in Frage. Er postete auf der Plattform "X": "Sollte es so sein, dass Frauenstimmen den politischen Heiratsschwindler Robert H. ins Kanzleramt hieven und damit Deutschland über die Klippe, muss über das Frauenwahlrecht inoffiziell, über anti-emotionalen Demokratieunterricht offiziell nachgedacht werden." Er unterstellt den Frauen also, sie fänden alle Robert Habeck süß und träfen daher keine "vernünftigen" – in großen Anführungsstrichen – Entscheidungen. Mich macht das alles so müde. Warum fühlt sich Feminismus an wie ein Schritt vorwärts, drei zurück?

    Der Autor Mark Twain soll einmal gesagt haben, "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich". Während sich also Orte, Menschen und Details ändern, würde doch immer wieder Ähnliches passieren. Manche Historiker*innen argumentieren auch, dass sich Geschichte in Pendelbewegungen vollzieht, also immer hin und her schwingt. Im Moment, so scheint es, schwingen wir zurück in schon mal dagewesene, düstere Zeiten: Wir erleben einen sogenannten antifeministischen Backlash. Was das genau ist, darüber sprechen wir gleich. Klar ist auch: Diesen Backlash, oder eben Widerstand, haben auch schon viele Feminist*innen vergangener Generationen erlebt. Aber sind wir dieser Pendelbewegung einfach ausgeliefert?

    Darüber wollen wir in diesem Podcast sprechen, hallo! Ich bin Anna Scholz, ich bin Journalistin, Kulturwissenschaftlerin und Sozialanthropologin und interessiere mich dafür, wie Gesellschaft uns formt – und wie wir die Gesellschaft formen. In "Zeitschleifen" soll es um Themen gehen, die uns aktuell beschäftigen – aber nicht zum ersten Mal. Was lässt sich lernen von Menschen, die zu anderen Zeiten an ähnlichen Punkten standen?

    Eine meiner größten Schwächen, oder "toxic traits", wie man im Internet sagt, ist, dass ich regelmäßig in den Strudel von Social-Media-Kommentarspalten gerate. Es zieht mich dann immer tiefer rein, in die Abgründe des virtuellen menschlichen Miteinanders, wie ein Unfall, bei dem ich nicht weggucken kann. Was mir in letzter Zeit auffällt, ist, mit wie viel mehr Selbstverständlichkeit gewisse Männer ihre Misogynie in die Welt posaunen. Da werden mit Klarnamen, offenem Profil und Profilbild die wildesten Beleidigungen gegen Frauen und queere Menschen kommentiert und mein Gefühl sagt mir: Das wird immer mehr.

    Aber mit Gefühlen lässt sich wenig belegen, ich will ja auch nicht gleich "hysterisch" werden – das wird Frauen ja gerne vorgeworfen. Deswegen vielleicht so: Laut dem Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums stagniert die globale Entwicklung zur Gleichstellung. Dieser Report analysiert jedes Jahr die Lücke, die in der Gleichstellung der Geschlechter klafft. Dafür werden verschiedene, soziale Indikatoren berechnet, z.B.: Wie viele Frauen gehen Lohnarbeit nach, wie viele Frauen studieren an Universitäten, oder wie unterscheidet sich die Lebenserwartung der Geschlechter. Bis Männer und Frauen weltweit die gleichen Chancen haben werden, dauert es diesen Berechnungen nach noch 131 Jahre. Bis zur wirtschaftlichen Gleichstellung wird es sogar noch länger dauern. Und ja, Deutschland hat diesen sogenannten Gender Gap "schon" zu 80 Prozent geschlossen, aber auch bei uns gibt es Entwicklungen, die mir gerade Sorgen bereiten. Und bei einer geht es um Gewalt.

    Straftaten gegen Frauen und Mädchen sind im Jahr 2023 nämlich in allen Bereichen angestiegen. Das geht aus dem "Lagebild geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten" des BKA hervor. Im Schnitt wird in Deutschland jeden Tag ein Femizid verübt, also eine Frau oder ein Mädchen getötet, weil sie eben eine Frau oder Mädchen sind. Alle drei Minuten erlebt eine weibliche Person in Deutschland häusliche Gewalt, jeden Tag werden hierzulande mehr als 140 Frauen und Mädchen Opfer einer Sexualstraftat. Wenn ich diese Zahlen lese und höre, wird mir schlecht. Vor allem, weil es ja einen Rückschritt bedeutet, es gab schon mal weniger Gewalt. Deswegen frage ich mich: Woher kommt das? Was macht man in Zeiten, in denen die eigenen Rechte in Gefahr sind? Und wie schafft man es, in solchen Zeiten nicht den Mut zu verlieren? Lasst uns für die Antworten auf diese Fragen doch mal in eine Zeit reisen, in denen es mit den Frauenrechten noch richtig mau aussah.

    Stell dir vor, du lebst als junge Frau im Jahr 1900 in einem Münchner Arbeiterviertel. Du bist gerade 19 geworden und wohnst noch mit deinen Eltern und drei Geschwistern in einer beengten Mietwohnung. Ein Auszug kommt erst in Frage, wenn du einen Mann gefunden hast, der dich heiratet. Anders kannst du es dir auch gar nicht leisten. Du gehst zwar jeden Tag für zwölf Stunden arbeiten – du bist Näherin in der Textilfabrik – aber deinen Lohn musst du zuhause an deine Familie abgeben. Du arbeitest schon seit fünf Jahren in der Fabrik, nach sechs Jahren Schule war deine Ausbildung mit zwölf Jahren abgeschlossen. Aufs Gymnasium dürfen nur Jungs gehen und für die Schule für "höhere Töchter" muss man aus den richtigen Kreisen kommen. Aber da lernt man sowieso nur Dinge, die man als Ehefrau braucht. Du hättest gerne studiert, Sprachen gelernt, die Welt entdeckt. Nach der Arbeit musst du deiner Mutter im Haushalt und bei der Versorgung deiner kleinen Geschwister helfen. Wenn die im Bett sind, nähst du ein Kleid für deine Nachbarin, für ein wenig Taschengeld. Das Kleid soll ein schickes Korsett haben, so wie es in Mode ist. Die Nachbarin hat dir erzählt, dass einige Frauen aus höheren Kreisen jetzt bewusst weite Kleidung tragen und auf das Korsett verzichten. Ihr habt beide über diese Dummheit gelacht: Wie wollen diese Frauen denn einen Mann finden?

    Um 1900 ist die Lage der Frau in Deutschland noch ziemlich düster: Frauen durften nicht wählen, nicht aufs Gymnasium gehen, Rollenbilder waren auf Ehe und Haushalt beschränkt und sie waren vollständig von Männern abhängig. Aber gleichzeitig rollte seit Mitte des 19. Jahrhunderts die erste Welle des Feminismus, die deutsche Frauenbewegung, heran. Louise Otto-Peters gilt als Begründerin dieser Bewegung, sie hat sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem für bessere Bildungschancen und gesellschaftliche Teilhabe eingesetzt – und: Sie gründete die erste nationale Frauenorganisation in Deutschland. Sie legte den Grundstein für vieles, was wir im 21. Jahrhundert als selbstverständlich ansehen.

    Dr. Isabella Belting, Leitung der Sammlung Mode / Textilien des Münchner Stadtmuseums

    Es ist für mich eher so eine Bewegung, dass sich Frauen ihrer Situation und ihrer Rolle bewusstwerden und entweder sich dagegen auflehnen oder aber eben weiterhin damit sozusagen konform gehen.

    Anna Scholz

    Das ist Dr. Isabella Belting. Sie hat Geschichte und Literatur studiert und leitet heute die Sammlung Mode und Textilien des Münchner Stadtmuseums. Und die Mode der Zeit wollen wir uns hier mal genauer ansehen. Sie kann nämlich durchaus als Symbol für gesellschaftlichen Wandel gesehen werden – und sie zeigt uns die Lebensrealität von Frauen. Müssen sie enge Korsette tragen? Ihre Körper in vorgegebene Muster pressen? Dürfen sie frei atmen? Sich frei bewegen? Die Wahl der Kleidung steht gerade in den vergangenen Jahrhunderten für mehr als individuellen Style. Und dabei wird Isabella mir in dieser Folge helfen.

    Also, zurück zur Jahrhundertwende 19./20. Jahrhundert. Die Frauenbewegung steckt in den Kinderschuhen und das sieht man auch an den Modetrends – es gab nämlich zwei gegensätzliche:

    Isabella Belting

    Es gab die ganz konservative Modelinie, die hauptsächlich aus Paris kam. Das hieß, dass die Damen ein sehr, sehr enges Korsett tragen mussten. Das war die sogenannte Sans-Ventre-Linie, also Sans-Ventre heißt ohne Bauch, der wurde weggedrückt durch das Korsett.

    Anna Scholz

    Diesen Trend gingen aber nicht alle Frauen mit:

    Isabella Belting

    Dazu gab es parallel dann ab 1900, 1903 oder 1905 die Reformkleidbewegung, die sozusagen auf das Korsett verzichten wollte. Das waren dann lose, fallende Stoffe und Gewänder, die die Taille sozusagen freilassen sollten. Die Frau sollte frei durchatmen können.

    Anna Scholz

    Diese Reformkleider waren aber nicht nur irgendwelche losen Gewänder, also schon gar nicht in den gehobenen Kreisen der Gesellschaft.

    Isabella Belting

    Die Jugendstilmode ist auf jeden Fall ähnlich wie diese ganzen Elemente auch im Kunsthandwerk, dass es eben diese Naturbewegung gab. Es gab diese Wellenlinien und diese Schnörkel und diese Naturverbundenheit mit Blumen und Blüten und allen möglichen in der Richtung.

    Anna Scholz

    Wie genau das aussah, könnt ihr euch noch bis zum 23. März 2025 in der Kunsthalle München, in der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" ansehen. Isabella hat Reformkleider aus der Sammlung des Münchner Stadtmuseums dort ausgestellt und im Vergleich gibt es dort natürlich auch Korsettkleider aus der Zeit. Wir verlinken euch aber auch Bilder in den Shownotes.

    Isabella Belting

    Das Korsett besteht ja schon seit vielen Jahrhunderten in der Damenmode, muss man sagen. Die letzte große Phase war dann zum Beispiel im Rokoko gewesen. Danach fiel das Korsett in der Empire-Mode, dann kam es wieder im Biedermeier, dann fiel auch zwischendrin wieder das Korsett, dann kam es wieder in der Sans-Ventre-Linie um 1900 und fiel durch die Reformmode. Das heißt, man beobachtet in der Mode sehr schön, wie das Korsett immer wieder modern ist und dann immer wieder aufgebrochen wird durch freiheitliche Gesinnungen, aber eben doch immer auch wiederkehrt.

    Anna Scholz

    Ihr erinnert euch an das Bild mit dem Pendel: Das kann man in der Mode richtig gut beobachten, weil hier die Pendelschläge besonders eng getaktet sind. Genauso wie die Hüfthosen in den letzten Jahren viel zu schnell wieder gekommen sind, ist auch das Korsett über viele Jahrhunderte immer wieder im Trend.

    Isabella Belting

    Genau, der Umbruch ist wirklich sehr, sehr kurze Zeit und es ist eben interessant zu sehen, dass in den Zeiten, wo das Korsett getragen wird, eine oft konservative Haltung in der Gesellschaft ist, siehe auch die Fünfzigerjahre, man wollte nach dem Krieg endlich wieder Ordnung haben und natürlich auch Disziplin, die Wirtschaft wurde wieder aufgebaut und die Frauen wurden wieder zum hübschen Aushängeschild der Männer.

    Anna Scholz

    Das Korsett steht also für konservative Strömungen, für Disziplin und die "traditionelle" Rolle der Frau, deren Platz im Haushalt ist und deren größte Errungenschaft es ist – weil es auch so ziemlich die einzige Möglichkeit für ein sicheres Leben ist – einen Mann zu finden, der sie heiratet. Ich weiß nicht, wer von euch den "Tradwives"-Trend verfolgt – über dessen Hintergründe sprechen wir auch später noch – da geht es ja um eine Romantisierung der traditionellen Hausfrauen-Rolle. Und da höre ich irgendwie oft von Frauen, wie wichtig es sei, sich für seinen Mann schön anzuziehen und zu stylen, auch wenn man nur das Klo putzt. Und vor über 100 Jahren war das einfach essenziell.

    Isabella Belting

    Und gerade um 1900 war ja die Frau der besseren Gesellschaft darauf aus, eine gute Partie zu machen, also einen wohlhabenden Mann zu heiraten und das hatte man eben doch eher im Blick mit einem schönen Korsett und einem tollen, engen Kleid als mit diesen oft sackartigen Reformkleidern, sage ich jetzt mal.

    Anna Scholz

    Diese "sackartigen" Reformkleider waren durchaus ein Akt der Rebellion. Zum einen ging es den Frauen, die diese Kleider trugen, um Gesundheit und so banale Dinge wie: atmen können und sich nicht die Organe abzuschnüren. Aber sie waren natürlich auch ein Signal, dass sie sich nicht nur als "hübsches Beiwerk" definierten. Und wer damals Reformkleider trug, musste ein ganz schön dickes Fell haben – vielleicht kann man das vergleichen mit Frauen, die sich heute nicht mehr die Beine oder Achselhaare rasieren.

    Isabella Belting

    Sie wurden natürlich aufs Korn genommen, diese ganze Reformmode wurde aufs Korn genommen, es gibt also Karikaturen, wo eben eine Enggeschnürte sich halb totlacht über eine in Reformkleid und dass sie auf die Weise doch nie Familie und Kinder haben wird, also das war schon auch mit einer gewissen Bissigkeit verbunden, aber das ist in der Mode ganz oft der Fall, dass es karikativ behandelt wird.

    Anna Scholz

    Das heißt, es war dann aber schon ein mutiges Statement, wenn man diese Kleider getragen hat.

    Isabella Belting

    Ja, also es war zumindest ein Statement, dass man gegen diese konservativen Strömungen sozusagen darauf gepfiffen hat und dass es einem wichtig war, dass man sich frei bewegen kann und gesund ist, also ein gesundes Leben führt, aber es war wirklich eine relativ übersichtliche Gruppe von Frauen, die das gemacht hat, das muss man dazu sagen.

    Anna Scholz

    Die Frauen, die dieses "Statement" gewagt haben, waren häufig Künstlerinnen oder Künstlergattinnen, Frauen aus der gehobenen Gesellschaft.

    Isabella Belting

    Das waren also, wenn die Damen der besseren Gesellschaft, sprich, also auch ein gewisser intellektueller Hintergrund musste da dahinter sein, damit man sich bewusst wurde über Gesundheit und überhaupt über das ganze Problem der Korsetts wirklich Bescheid wusste, durch Ärzte, durch Reformer oder durch diese Freikörperkultur, die ja in der Zeit aufkamen.

    Anna Scholz

    Das Reformkleid hat sich schließlich nicht durchgesetzt, aber es hat kurz für Unruhe in der Gesellschaft gesorgt.

    Isabella Belting

    Also immer, wenn das Korsett fiel, hatte die Gesellschaft, die konservative Gesellschaft das Gefühl, jetzt hält das Laster Einzug, weil eben das Korsett weg ist, was einen Menschen diszipliniert und Halt gibt.

    Anna Scholz

    Und auch wenn es Reformkleider nicht geschafft haben, der Freiheitskampf der Frauen nahm ab 1900 richtig Fahrt auf.

    Isabella Belting

    Es gab feministische Strömungen, die Suffragettenbewegung, dass Frauen das Wahlrecht bekommen, setzt ja Anfang des 20. Jahrhunderts ein.

    Anna Scholz

    Denn die Frauen damals hatten natürlich auch noch viel größere Probleme als das Korsett: Sie durften nicht wählen, waren sozial und wirtschaftlich abhängig von Männern, der Zugang zu höherer Bildung war ihnen größtenteils verwehrt. Und natürlich gab es auch damals das Problem der Gewalt gegen Frauen – nur hat man nicht so offen darüber gesprochen wie heute.

    Frauen, die sich gegen diese Missstände auflehnten, bekamen starken Gegenwind zu spüren. Das ist wenig überraschend, denn diese Frauen waren ja mit die ersten, die gegen einen über Jahrhunderte etablierten Status Quo kämpften. Aber dass zu der Zeit, genauer: 1902, schon das Wort "Antifeminismus" geprägt wurde, hat mich dann aber schon überrascht. Die Schriftstellerin Hedwig Dohm veröffentlichte in dem Jahr ein Buch mit dem Titel "Die Antifeministen", in dem sie die Gegner der Frauenbewegung in vier Kategorien einsortierte und während ich es gelesen habe, habe ich immer wieder gedacht "ja, so weit weg von heute ist sie gar nicht". Das waren ihre Kategorien: Erstens: Die "Altgläubigen", die "an den lieben Gott" und Naturgesetze glauben, zweitens, die "Herrenrechtler", die mehr auf ihre Rechte als Mann pochten, als auf irgendwelche himmlischen Gebote, drittens, die "praktischen Egoisten", die in der Emanzipation Nachteile für sich selbst befürchten und viertens, die "Ritter der mater dolorosa", also die "Ritter der schmerzensreichen Mutter". Damit meint sie vor allem Mediziner, die Frauen aufgrund ihres "schwächeren Körpers" und der monatlichen Blutung Gleichberechtigung absprechen. All diese Typen charakterisiert sie mit viel Ironie und sehr smart, man kann das Buch inzwischen online gratis lesen, wir verlinken es euch in den Shownotes.

    Wenn wir also so in die Vergangenheit blicken, wird klar, dass a) Frauenbewegungen schon immer viel Widerstand erlebt haben und b) selbst kleine Akte des Widerstands, wie das Tragen von Reformkleidern, zu einem Symbol für Freiheit und Gleichberechtigung werden können. Die Frauen der ersten Frauenbewegung hatten den Mut, konservative Strömungen herauszufordern, indem sie ihre Stimme und ihr Handeln gegen den Status quo setzten. Und bevor wir klären, wie man jetzt gerade den Mut nicht verliert, lasst uns doch mal schauen, woher der aktuelle Backlash überhaupt kommt. Um das zu klären, springen wir mal zurück ins Jetzt.

    Prof. Annette Henninger, Professorin für Politik und Geschlechterforschung an der Philips-Universität Marburg

    Mein Name ist Annette Henninger. Ich bin Professorin für Politik und Geschlechterforschung an der Philips-Universität Marburg jetzt seit 2009.

    Anna Scholz

    Annette Henninger hat von 2017 bis 2020 ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zu Antifeminismus geleitet, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde. Antifeminismus wird also auch auf staatlicher Ebene bereits als so großes Problem wahrgenommen, dass die Erforschung mit öffentlichen Geldern finanziert wird. Und Annette Henninger nimmt mich direkt mit an den Anfang des aktuellen Backlashes. Den Ursprung nimmt die Welle Mitte der 90er im Vatikan – als Reaktion auf die vierte Weltfrauenkonferenz der UN in Peking, wo das sogenannte "Gender Mainstreaming" beschlossen wurde. Dahinter steckt ein umfassendes Konzept zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und der Stärkung von Frauen und Mädchen weltweit. Dass der erzkonservative Vatikan damit Probleme hat, überrascht mich nicht – und diese Art des Widerstands kommt zu der Zeit auch noch nicht so wirklich in der breiten Masse an.

    Annette Henninger

    Und es änderte sich dann in Westeuropa mit dem Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen und Parteien.

    Anna Scholz

    Der Populismus fällt ja auch hier in Deutschland und Österreich auf fruchtbaren Boden. Während ich Anfang Januar diese Podcastfolge vorbereite, ist die AfD in den Umfragen für die deutsche Bundestagswahl 2025 auf Platz zwei und in Österreich wurde gerade Herbert Kickl, der Chef der rechts-außen Partei FPÖ mit der Regierungsbildung beauftragt. Dass Parteien wie die AfD und FPÖ an Zuspruch gewinnen, liegt auch daran, dass immer mehr Menschen Ängste haben. Vor dem Abstieg, davor, dass ihnen etwas weggenommen wird.

    Annette Henninger

    Wir haben ja spätestens seit den Hartz-Reformen 2005 so eine große Debatte über Prekarisierung, dass Leute eben nicht nur wirklich handfest materiell sich einschränken müssen, sondern eben, dass auch die Ängste vor einem sozialen Abstieg sehr zugenommen haben und im Zuge dessen eben Menschen anscheinend anfälliger werden für alle möglichen Krisen- und Bedrohungsnarrative. Das ist ja auch in der Forschung ein Erklärungsversuch für den aktuellen Aufstieg für Antifeminismus.

    Anna Scholz

    So ein bisschen der Klassiker: Ich habe Angst, dass mir etwas weggenommen wird und suche die Schuld dafür bei Minderheiten oder Bevölkerungsgruppen, die sowieso schon diskriminiert werden. Antifeministische Überzeugungen werden dann im Laufe der folgenden Jahre durch populärwissenschaftliche Bücher und konservative Medien, die schon früh vor einer "Genderideologie" warnen, immer weiter verbreitet.

    Annette Henninger

    Also es geht um eine weltanschauliche Gegenbewegung gegen Feminismus. Also Antifeminismus richtet sich ja nicht in erster Linie gegen Frauen, also das kann schon dazu führen, dass einzelne Frauen da auch persönlich angegriffen werden. Antifeminismus richtet sich gegen Feminismus.

    Anna Scholz

    Der vielen rechts-konservativen Kräften ein Dorn im Auge ist.

    Annette Henninger

    Da geht es wirklich auch dezidiert darum, feministische Errungenschaften quasi zurückzufahren.

    Anna Scholz

    Ein aktuelles Beispiel sind Abtreibungsrechte in den USA: Dort ist Abtreibung nun in vielen Bundesstaaten wieder illegal, es wird den Frauen dort also die Entscheidung über ihren eigenen Körper abgesprochen – mit teils lebensgefährlichen Folgen. Und diese Entwicklung kommt auch daher, dass Feminismus eine Bedrohung für Menschen ist, die im traditionell patriarchalen System Erfolg hatten.

    Annette Henninger

    Und Feminismus ist ja durchaus eine Denkbewegung und auch politische Strömung, die für einen Abbau von Herrschaftsverhältnissen eintritt, die für eine Liberalisierung und auch eine Entnormierung von Geschlechterverhältnissen eintritt.

    Anna Scholz

    Das heißt also: Feminismus stellt traditionelle Rollen infrage und bricht sie auf. Zum Beispiel die Rolle der Frau, die ökonomisch und sozial abhängig von ihrem Mann ist, wie das vor 100 Jahren noch der Fall war. Dadurch werden Frauen unabhängiger und eben auch mächtiger. Sie kriegen auch ein Stück vom Kuchen ab. Aber Kuchen ist nun mal endlich, darum müssen andere abgeben. Und das schmeckt natürlich nicht allen. Viele Menschen haben Angst vor dem sozialen Abstieg und suchen Schuldige, oder sie fühlen sich in ihrem geordneten Weltbild bedroht.

    Antifeminismus wächst also auf einem populistischen Nährboden. Aber sind diese Einstellungen wirklich nur in rechts-konservativen Teilen der Bevölkerung zu finden? Tatsächlich gibt es noch keine belastbaren Daten, die zeigen könnten, wer genau antifeministische Einstellungen teilt. Die Fallstudien von Annette Henninger und ihrem Team zeigen, dass sie in allen sozialen Schichten vorkommen. Zwei Indikatoren gibt es aber:

    Annette Henninger

    Die meisten gesellschaftlichen Gruppen, sind progressiver geworden und es gibt aber zwei Milieus, die da so ein bisschen nach rechts abgebogen sind. Und das sind Teile der gebildeten Oberschicht und Teile so traditioneller sogenannte abgehängte Arbeitermilieus.

    Anna Scholz

    Dass es nicht so klar zu sagen ist, wer jetzt genau diese antifeministischen Einstellungen teilt, fällt auch online auf. Wer ähnlich chronisch online ist wie ich, dem sind zwei große Trends nicht entgangen: Zum einen die Tradwives, die schauen wir uns gleich an, und zum anderen gibt es immer mehr problematische Männlichkeits-Influencer – wovon Andrew Tate wohl der bekannteste ist – die nicht nur traditionelle Rollenbilder predigen sondern Frauen auch aktiv abwerten. Und damit die so erfolgreich werden konnten, mussten verschiedene Phänomene ineinandergreifen, sagt Annette Henninger. Das eine spielt sich auf dem Land ab.

    Annette Henninger

    Die höher qualifizierten Frauen wandern ab, die jungen Männer bleiben zurück und finden dann dort vor Ort keine Partnerinnen mehr. Da gibt es ja schon länger so eine Debatte über, ich würde das aber gar nicht auf Ostdeutschland beschränken, sondern auch überhaupt ländliche Gegenden. Aber auf der anderen Seite, wenn ich mich hier so in Marburg umgucke, alte Universitätsstadt, oben auf dem Hügel haben die ganzen Burschenschaften ihre Häuser, die haben gerade auch wieder ziemlich einen Aufwind. Vor allen Dingen die rechten, teilweise auch extrem rechten Burschenschaften, die haben natürlich einen unglaublichen Aufwind gekriegt mit dem Einzug der AfD in die Parlamente. Die AfD brauchte nämlich dann auf einmal ganz viel Personal und rekrutierte das unter anderem in den Burschenschaften.

    Anna Scholz

    Es sind also die Herrenrechtler und die praktischen Egoisten, würde Hedwig Dohm wahrscheinlich sagen. Und die können in allen gesellschaftlichen Schichten vorkommen. Das weibliche Pendant zu diesen Männlichkeitsinfluencern ist vielleicht ein anderer Trend, der auch in allen Schichten vorkommt: die sogenannten "Tradwives", also die traditionellen Ehefrauen.

    Annette Henninger

    Dieses Phänomen ist ein ziemliches Chamäleon. Der Tenor ist ja immer sehr stark, Feminismus, einige dieser Protagonistinnen sagen von sich auch selber, ich bin Feministin, und Feministin sein bedeutet für mich, dass ich mein Leben so gestalten kann, wie ich das möchte, und ich möchte eben gerne Hausfrau und Mutter sein. Bitte, Geschlechterkonservatismus ist ja nicht verboten in Deutschland, und jede kann ja so leben, wie sie möchte.

    Anna Scholz

    Es gibt da aber auch eine dunklere Seite.

    Annette Henninger

    Aus den USA kennt man das schon ein bisschen länger, da gibt es da sehr starke Überschneidung und Vernetzung einerseits mit christlich fundamentalistischen Akteurinnen und mit der Alt-Right, also mit der Extremrechten, also bis hin dazu, dass dann in diesen Trad-Wife-Blogs Links gesetzt werden zu extremrechten oder christlich fundamentalistischen Plattformen, oder dass eben Leute aus diesem Spektrum dann da auch als Gäste auftreten in den Blogs.

    Anna Scholz

    Und das ist dann schon aktiver Antifeminismus. Und die aktuelle Welle des Antifeminismus, die hier jetzt seit über zwanzig Jahren rollt, die ist richtig gefährlich.

    Annette Henninger

    Ja, also es ist auf jeden Fall eine Gefahr für die Demokratie, weil diese Diskurse, also Hate Speech in den sozialen Medien hat ja reale Effekte.

    Anna Scholz

    Der Hass, den weiblich gelesene Menschen online, aber zum Teil auch schon in Person, erleben, kann verständlicherweise extrem abschreckend wirken.

    Annette Henninger

    Also was Parlamentarier*innen, also vor allen Dingen Frauen, dann auch nochmal ein sexualisierter, abwertender Hate Speech sich da anhören müssen, da überlegt man sich dann schon zweimal, kandidiere ich jetzt tatsächlich nochmal, tue ich mir das für weitere vier Jahre nochmal an.

    Anna Scholz

    Dabei sind Bundestagsabgeordnete da natürlich noch viel besser geschützt als Aktivist*innen oder Politiker*innen auf dem kommunalen Level. Und wenn sich Menschen nicht mehr trauen, sich zu engagieren, dann hat das selbstverständlich weitreichende, gesellschaftliche Konsequenzen.

    Annette Henninger

    Sehr viele Themen werden dann auch der politischen Aushandlung entzogen und es wird wirklich auch ein Klima der Angst geschaffen, das eben bestimmte Menschen eben nicht gerade ermutigt, sich politisch zu betätigen. Und insofern haben diese antifeministischen Diskurse jetzt schon sehr reale Auswirkungen auf die Demokratie.

    Anna Scholz

    Kriegen wir jetzt noch die Kurve zu was Positiveren oder vielleicht zu was Konstruktiven? Was ist denn Ihrer Ansicht nach jetzt ein Weg dagegen anzugehen?

    Annette Henninger

    Ja, ich meine reden, reden, reden. Also klar, mit Maximilian Krah braucht man da nicht mehr zu diskutieren, aber ganz viele Menschen, die da noch so unentschieden daneben stehen und sich das angucken, also mit denen kann man ja durchaus ins Gespräch kommen.

    Anna Scholz

    Ganz kurz: Maximilian Krah ist ein AfD-Politiker und EU-Abgeordneter, der sich auf TikTok mit sehr polarisierenden Aussagen an ein junges Publikum wendet.

    Also auch mal aus seiner Bubble raus vielleicht ein bisschen.

    Annette Henninger

    Ja, ja, unbedingt.

    Anna Scholz

    Auch ein Zusammenschluss ist wichtig. Spüren, dass man nicht alleine ist. Und wer dazu noch mehr Input braucht, hört nochmal in die erste Folge rein, da geht es genau darum.

    Ich fasse nochmal zusammen: Wir erleben hierzulande gerade zweifelsfrei einen antifeministischen Backlash – das zeigt die steigende Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Deutschland und vor allem auch das Erstarken antifeministischer Bewegungen. Befeuert durch populistische und konservative Narrative, zielen die darauf ab, feministische Errungenschaften zurückzufahren und Geschlechterrollen zu konservieren. Eine Ursache dafür liegt womöglich in sozialen und wirtschaftlichen Unsicherheiten, die Menschen anfällig für einfache Schuldnarrative machen. Populistische Rhetorik trifft auf fruchtbaren Boden und Social Media ist ein unkontrollierbarer Lautsprecher für antifeministische Influencer*innen.

    Ich habe mich zu Beginn der Folge aber ja auch gefragt, ob wir zum ersten Mal einen so intensiven Widerstand gegen Feminismus erleben – und das tun wir natürlich nicht. Die Frauenbewegung hatte von Beginn an Gegner, und auch Gegnerinnen, das zeigt uns ein Blick in die Vergangenheit – und das sollte uns Mut machen. Denn genauso wie das Korsett als Symbol für traditionelle, konservative Frauenbilder, über Jahrhunderte immer wieder gekommen und gefallen ist, bis es seit den 50er Jahren – vorerst – eingemottet ist, gibt es auch im feministischen Aktivismus diese Pendelbewegungen der Geschichte. Und wer weiß, vielleicht bedeutet der aktuelle Backlash gerade auch nur, dass der nächste große Durchbruch kurz bevorsteht? So ähnlich wie es die Reformkleider zwar nicht geschafft haben, dafür gab es dann aber das Wahlrecht für Frauen, kurz darauf.

    Die Geschichte lehrt uns, dass Veränderungen Zeit brauchen, Mut und Zusammenhalt erfordern. Feministische Bewegungen sollten daher gestärkt und breite gesellschaftliche Bündnisse geschlossen werden, um dem aktuellen Backlash entgegenzuwirken und eine gleichberechtigtere Zukunft zu gestalten.

    Geschichte mag sich nicht wiederholen, aber sie reimt sich. Aus ihren Rhythmen können wir lernen, wie wir unsere Gegenwart bewältigen und eine nachhaltige Zukunft gestalten. Wahrscheinlich werden wir auch in Zukunft Zeitschleifen drehen und uns an Punkten wiederfinden, die wir aus der Geschichte kennen – und vielleicht ist das auch ganz gut? Aus Wiederholung lernt man schließlich. Wenn man denn möchte.

    Für heute war es das, in der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit dem Thema Mensch und Maschine, und da wird es auch ein wenig optimistischer – versprochen. Wenn euch diese Folge gefallen hat, freuen wir uns, wenn ihr den Podcast abonniert und weiterempfehlt. Reformkleider und Korsette findet ihr digital in den Shownotes und analog noch bis zum 23. März 2025 in der Kunsthalle München, in der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich". Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt des Münchner Stadtmuseums und der Kunsthalle München.

    "Zeitschleifen" ist ein Podcast des Münchner Stadtmuseums. Audioproduktion: Mucks Audio, Redaktion: Carolina Torres und das Team Kommunikation des Münchner Stadtmuseums, Autorin dieser Folge bin ich, Anna Scholz.

    Damit wir ein bisschen beschwingt aus der Folge rausgehen, erklärt uns Isabella noch, wie die modischen Zeitschleifen für Frauen nach der Reformkleidung so aussahen – tatsächlich haben wir das Korsett noch gar nicht so lange hinter uns gelassen.

    Isabella Belting

    Es waren ja die wilden Zwanzigerjahre, muss man tatsächlich sagen, und auch die sexuelle Befreiung der Frau, das war da sehr viel Selbstbestimmung und Experimente, und auch diese Zeit hat sich ja zurückgedreht, die Dreißigerjahre wurden wieder strenger, und dann dürfen wir nicht vergessen, nach dem Zweiten Weltkrieg kam wieder eine Korsettzeit, nämlich die Linie von Christian Dior, die die Frau absolut in eine sehr, sehr enge Taille steckt, und auch das Korsett war wieder absolut üblich, also kein Kleid ohne Korsett in der Zeit, das wird wieder aufgebrochen in den Sechzigerjahren, wo diese Hängerkleidchen kommen, also wir sehen, das ist wirklich ein Auf und Ab in der Mode, ich würde sagen, dass wir eigentlich seit den Siebzigerjahren, die doch durch sehr viel Farbe, Freiheit und Stilmix bis heute geschafft haben, dass wir so frei uns anziehen dürfen, wie wir wollen, dass Korsett so nicht mehr wirklich obligatorisch war.

    Neue Möglichkeiten, neue Ängste? Von Dampfmaschinen und KI

    Staffel 1, Folge 3

    Erst wenn Sie zustimmen, erlauben Sie uns Daten von Podigee zu laden.

    Künstliche Intelligenz erleichtert das Leben in vielen Bereichen: ob schnelle Recherche, ein Gedicht schreiben oder Übersetzungshilfe – ihr Wissen scheint grenzenlos. Aber was bedeutet das eigentlich für die Arbeitswelt, wenn es nun etwas gibt, das schneller, effizienter und pausenlos arbeitet? Werden viele Arbeitsplätze dadurch nicht überflüssig?

    Antonia Voit, Leitung der Sammlung Angewandte Kunst des Münchner Stadtmuseums, nimmt uns mit in eine Zeit, in der die Gesellschaft schon einmal vor einem ähnlichen Problem stand. Die Erfindung der Dampfmaschine nahm dem Menschen viel der körperlichen Arbeit ab  und erlaubte es, beispielsweise Möbel günstiger zu produzieren und auch Einkommensschwächeren zur Verfügung zu stellen. Doch der Schub durch die Industrialisierung brachte auch beängstigende Seiten mit sich und verunsicherte viele. Der Wirtschafts- und Industriesoziologe Dr. Hartmut Hirsch-Kreinsen sieht Parallelen zur derzeitigen Entwicklung der Künstlichen Intelligenz.

    Shownotes

    Inhalt
    [00:00] Einleitung
    [05:16] Reise in die Vergangenheit, Interview mit Antonia Voit, Leitung der Sammlung Angewandte Kunst des Münchner Stadtmuseums
    [16:17] Zurück in die Gegenwart, Interview mit Hartmut Hirsch-Kreinsen, emeritierter Professor für Wirtschafts- und Industriesoziologie an der TU Dortmund
    [24:48] Zusammenfassung und Ausblick
    [26:59] Goodie

    Abbildungen / Verweise

    Richard Reimerschmid, Nürnberger Zimmer, 1900
    Richard Riemerschmid, Deutsche Werkstätten Hellerau, Stuhl aus dem Maschinenmöbel-Programm, 1905, Schenkung Sammlung K. Barlow und A. Widmann, Münchner Stadtmuseum
    Richard Riemerschmid, Kleiderschrank aus dem Maschinenmöbel-Programm, 1905, Münchner Stadtmuseum

    Quellen
    https://www.youtube.com/watch?v=21EiKfQYZXc
    https://www.allianz-trade.de/presse/pressemitteilungen/allianz-trade-umfrage-generative-kuenstliche-intelligenz-schuert-angst-um-arbeitsplaetze.html
    https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/kunstliche-intelligenz-umfrage-mehrheit-sorgt-sich-um-folgen-der-ki-12045881.html

    Weiterführende Ressourcen

    • Der Katalog zur Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich", Herausgegeben von Roger Diederen, Anja Huber, Nico Kirchberger, Antonia Voit, 2024, erhältlich im Online-Shop
    • Weitere spannende Einblicke in die Zeit und Kunst um 1900 in München gibt es noch bis 23. März in der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" in der Kunsthalle München – eine gemeinsame Ausstellung der Kunsthalle München und des Münchner Stadtmuseums.

    Kontaktinformationen
    Die Redaktion ist zu erreichen unter presse.stadtmuseum(at)muenchen.de.

    Credits
    Recherche und Skript: Carolina Torres
    Redaktion: Carolina Torres, Janina Rook, Carol Pfeufer, Maria Tischner, Ulla Hoering, Lena Hensel
    Produktion: Anna Scholz, Carolina Torres, Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber
    Host: Anna Scholz
    Audio-Produktion: mucks audio (Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber)
    Musik: mucks audio (Johannes Weber)

    Transkription

    Anna Scholz, Host

    Antonia Voit, Leitung der Sammlung Angewandte Kunst, Münchner Stadtmuseum

    Prof. emr. Dr. Hartmut Hirsch-Kreinsen, Wirtschafts- und Industriesoziologie, TU Dortmund

    ---

    Anna Scholz

    Hey Chat GPT, was würdest du sagen, was du besser kannst als ich?

    Chat GPT

    Ich kann auf viele Informationen zugreifen und sie zusammenfassen. Aber du hast die Fähigkeit, kreativ zu sein, Emotionen zu empfinden und persönliche Erfahrungen zu machen – das macht dich einzigartig!

    Anna Scholz

    Aber du kannst auch kreativ sein, oder?

    ChatGPT

    Ja, ich kann kreative Ideen und Vorschläge bieten, aber deine Kreativität ist einzigartig, weil sie aus deinen persönlichen Erfahrungen und Gefühlen kommt. Das ist etwas Besonderes!

    Anna Scholz

    Merkt ihr, wie ChatGPT mich hier sweet talken will? Denn seien wir mal ehrlich: Na klar kann ChatGPT – und künstliche Intelligenz generell – so einiges sehr viel besser als ich. Sie, also die künstliche Intelligenz, kann zum Beispiel über 100 Sprachen – ich nur drei, und die dritte auch eher nur mit Mühe.

    Was heißt "Hilfe, nimmt die KI mir bald meinen Job weg?" auf Japanisch?

    Google Translate

    助けて、AI が私の仕事をす ぐに奪ってしまうのでしょうか?

    Anna Scholz

    Super, danke.

    Ehrlich gesagt: Mir schwirrt so ein bisschen der Kopf. Gefühlt gehen die Entwicklungen so wahnsinnig schnell, dass ich fast nicht mehr durchblicke, was KI schon alles macht und wo sie überall drinsteckt. Und ich habe auch so ein wenig Technik-Fomo – im wörtlichen Sinne: Was, wenn ich das alles irgendwann nicht mehr aufholen kann und abgehängt werde?

    Es ist kein Wunder, dass sich das alles wie ein Strudel anfühlt. Denn manche Expert*innen rufen gerade eine neue industrielle Revolution aus.

    Andrew Ng

    AI is the New Electricity. Just as electricity transformed industry after industry 100 years ago, I think AI will now do the same.

    Anna Scholz

    Das war Andrew Ng, einer der bekanntesten KI-Experten. Dieses Zitat ist aus einer Rede, die er beim Future Forum der Stanford Graduate School of Business gehalten hat. Und zwar schon im Jahr 2017. Damals war KI für mich nicht mehr als Science-Fiction. Und was er hier sagt, ist: KI wird einen ähnlichen impact haben wie vor mehr als 100 Jahren die Erfindung der Elektrizität. Aber stimmt das denn?

    Der Autor Mark Twain soll einmal gesagt haben, "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich". Während sich also Orte, Menschen und Details ändern, würde doch immer wieder Ähnliches passieren.

    Manche Historiker*innen argumentieren auch, dass sich Geschichte in Pendelbewegungen vollzieht, also immer hin und her schwingt. Gerade wirkt es so, als stünden wir wieder an einem Punkt, an dem technischer Fortschritt unser Leben nachhaltig zu verändern droht. Genau so fühlt es sich nämlich für viele an: wie eine Bedrohung. Aber stimmt das denn auch?

    Darüber wollen wir in diesem Podcast sprechen, hallo! Ich bin Anna Scholz, ich bin Journalistin, Kulturwissenschaftlerin und Sozialanthropologin und interessiere mich dafür, wie Gesellschaft uns formt – und wie wir die Gesellschaft formen. In der ersten Staffel von "Zeitschleifen" soll es um Themen gehen, die uns aktuell beschäftigen – aber nicht zum ersten Mal. Was lässt sich lernen von Menschen, die zu anderen Zeiten an ähnlichen Punkten standen?

    Den Begriff "industrielle Revolution" assoziiere ich vor allem mit dampfbetriebenen Webstühlen und Fließbändern. Die industrielle Revolution des 21. Jahrhunderts, sollte es denn eine sein, macht vor allem Schlagzeilen mit lustigen Videos und Bildern, die sie generiert hat. Zum Beispiel hat sie den Papst in eine weiße Pufferjacke gesteckt – und wer hätte gedacht, dass er’s tragen kann?

    Okay, Spaß beiseite. KI kann wirklich schon richtig wichtiges und nützliches Zeug. Im Gesundheitssektor wird sie zum Beispiel dafür genutzt, MRT- und Röntgenbilder auszuwerten und Ärzt*innen dabei zu helfen, Diagnosen zu stellen oder sogar Impfstoffe und Medikamente zu entwickeln. Und jetzt macht Künstliche Intelligenz sich auch noch in der Kunst breit – ausgerechnet in der Sphäre, in der wir dachten, sie wäre nun wirklich uns menschlichen Feingeistern vorbehalten: KI schreibt Romane und Gedichte, ob als Jambus, Hexameter, Pentameter oder einem anderem Versmaß eurer Wahl. Sie malt Bilder, die sich sehen lassen können. 2024 landete erstmals ein Song, der bis auf den Text komplett von einer KI generiert wurde, in den deutschen Charts.

    KI dringt gerade gefühlt in alle Lebensbereiche ein. Ich meine, autonomes Fahren und eine KI, die im Krieg Drohnen fliegt und Angriffsziele bestimmt? Creepy.

    Untersuchungen zeigen, dass die Entwicklung von KI viele Menschen beunruhigt. Eine Umfrage der Allianz Trade von 2024 hat ergeben: Fast 50% der Deutschen glauben, dass Künstliche Intelligenz die Zahl der Arbeitsplätze verringern wird. Und sogar knapp über 50 % haben die Sorge, dass KI die Ungleichheit in Deutschland verschärfen wird: Gebildete profitieren, weniger Gebildete werden abgehängt. Und auch einige KI-Expert*innen sind pessimistisch gestimmt. Renommierte Forscher*innen aus dem Silicon Valley haben sich im Center for AI Safety organisiert und 2023 appelliert: "Das Risiko einer Vernichtung durch KI zu verringern, sollte eine globale Priorität neben anderen Risiken gesellschaftlichen Ausmaßes sein, wie etwa Pandemien und Atomkrieg."

    Befinden wir uns gerade also wirklich inmitten einer industriellen Revolution? Einer, die uns gefährlich werden könnte? Und wenn ja: Was bedeutet das für uns? Wie sind Menschen vor uns damit umgegangen, dass plötzlich Maschinen Teil ihres Lebens wurden – ob sie wollten oder nicht?

    Wenn ihr diesen Podcast schon mal gehört habt, dann wisst ihr, was jetzt kommt: Stellt euch vor, dass ihr eine kleine Reise durch die Zeit macht. Aus der Revolution, in der wir uns womöglich gerade befinden, zum Schauplatz einer anderen Revolution. Und zwar ins England des 18. und 19. Jahrhunderts, der Wiege der ersten industriellen Revolution. Städte wie London, Birmingham und Manchester wachsen rasend schnell, auf den Straßen eilen die Arbeiter*innen mit Ruß beschmutzten Gesichtern zu den Fabriken, aus den Schornsteinen steigt Dampf auf. Dreh- und Angelpunkt dieser Entwicklung war die Dampfmaschine. Sie markiert den Beginn der ersten industriellen Revolution. Sie macht die Produktionen in den Fabriken effizienter und erleichtert den Transport von Rohstoffen, Waren und Produkten. Technische Fortschritte in der Landwirtschaft fördern außerdem die Produktion von Nahrungsmitteln und ersetzen die Arbeiter*innen auf den Feldern. Die wiederum pilgern jetzt in die Städte, um dort Arbeit zu finden. Die Welt wächst und wächst und wächst.

    Antonia Voit, Leitung der Sammlung Angewandte Kunst, Münchner Stadtmuseum

    Also England war ja das Mutterland der Industrialisierung und deshalb setzte da auch die Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen, die die Industrialisierung mit sich gebracht hat, sehr viel früher ein.

    Anna Scholz

    Das ist Antonia Voit. Sie leitet im Münchner Stadtmuseum die Sammlung Angewandte Kunst. Also der Bereich von Kunst, der sich mit der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen beschäftigt. Und dieser Bereich wird für uns gleich spannend, weil wir dort gut sehen können, welchen Einfluss Maschinen während der industriellen Revolution auch auf den Alltag der Menschen hatten, über die Fabriken hinaus.

    Antonia Voit

    Und in England bildete sich die sogenannte Arts and Crafts Bewegung, innerhalb derer die Arbeit mit der Maschine zunächst abgelehnt wurde. Also man wollte dort zurück zum Handwerk, das Handwerk hochhalten und stärken und hat die Maschine eigentlich eher verteufelt. Man hat das Ganze als geistlose Ergebnisse empfunden, was mit der Maschine produziert wurde.

    Anna Scholz

    Die Arts & Crafts – also Kunst und Handwerk – Bewegung war eine Kunstbewegung, die sich vor allem mit Architektur und der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen beschäftigte. Und was Antonia hier gerade beschreibt, das kommt einem doch ein bisschen bekannt vor. Die Ablehnung der Maschine, die als geistlos empfundenen Resultate.

    Antonia Voit

    In Deutschland hat man die Industrialisierung auch nicht durchgängig positiv gesehen. In Deutschland, gerade auch beispielsweise in München, kam es zu einer sehr starken Urbanisierung. Die Einwohnerzahl hat sich binnen 40 Jahren bis 1913 auf 640.000 vervierfacht. Es gab Wohnungsnot und Verelendung, vor allem unter den Arbeiterinnen und Arbeitern.

    Anna Scholz

    Durch das beengte Leben konnten Krankheiten rasend schnell um sich greifen. In München breiteten sich Ende des 19. Jahrhunderts etwa Cholera und Tuberkulose aus, viele Menschen starben. Aber auch diejenigen, die nicht in den Arbeitervierteln von Seuchen heimgesucht wurden oder in den Fabriken knechten mussten, wussten mit der neuen Technik in ihrem Leben nichts anzufangen. Etwa die Künstlerinnen und Künstler der Zeit.

    Antonia Voit

    Am Anfang hat sich da einfach eine wahnsinnig große Orientierungslosigkeit breit gemacht. Man hatte keinen Stil, um auf diese ganzen Neuerungen zu reagieren.

    Anna Scholz

    Statt mit Hand und klassischen Werkzeugen, konnten Alltagsgegenstände plötzlich mit Maschinen hergestellt und auch verziert werden. Also beispielsweise Küchenutensilien, Schüsseln, Teller und Tassen, aber auch Möbel wie Schränke, Tische und Stühle. Aber man wusste die neue Technik noch nicht so richtig einzusetzen.

    Antonia Voit

    Ein Beispiel ist, dass die Stilmoden unglaublich schnell wechseln und Surrogate und Imitationen Triumphe feiern. Dass Holz beispielsweise in gepresster Steinpappe imitiert wurde, Stein in Stuck, wenn nicht in Zinkblech, Bronze und Zinnguss. Und das zeigt: Es herrschte sehr viel Geschmacklosigkeit. Das wurde damals sehr stark kritisiert, und es ging dann eigentlich erst los mit dem Jugendstil, wo man auch zunächst stark auch in Deutschland auf das Handwerk gesetzt hat.

    Anna Scholz

    Der Jugendstil markierte dann so um 1900 eine neue Kunstepoche. Aber bis dahin waren die Resultate aus der Mensch-Maschine-Kooperation eher ein bisschen fragwürdig. Überhaupt sah die Bilanz der ersten industriellen Revolution zunächst eher mäßig aus: Die Arbeiter*innen schuften sich in den Fabriken ab und Zuhause holen sie sich Cholera. Die Oberschicht, Künstler*innen und Co, waren auch lost und wussten nicht so richtig etwas anzufangen mit dieser Revolution, die ihr ganzes Leben durchzog. Aber dann ist was Spannendes passiert.

    Antonia Voit

    Und dann hat aber beispielsweise Richard Riemerschmid sehr früh auch erkannt, welche Vorteile die Herstellung mit Maschinen liefert, dass man auch künstlerisch gestaltete Entwürfe kostengünstiger herstellen konnte und der breiten Masse zur Verfügung stellen konnte.

    Anna Scholz

    Richard Riemerschmid wurde 1868 in München geboren und wurde später zu einem der bedeutendsten Künstler des Jugendstils, der Kunstepoche, die laut Antonia Voit der Orientierungslosigkeit der Zeit endlich etwas entgegensetzen konnte. Darum schauen wir uns Riemerschmids Jugendstil-Werke etwas genauer an, weil er einer derjenigen war, die endlich einen Umgang gefunden haben mit dem Wandel, den die industrielle Revolution gebracht hat. Er kam aus der gehobenen Bürgerklasse, wie fast alle Künstler*innen der Zeit, und machte eine Ausbildung zum akademischen Maler. Er verschrieb sich aber schon bald dem Kunsthandwerk.

    Antonia Voit

    München galt Ende des 19. Jahrhunderts neben Paris als die führende Kunststadt Europas, und es gab natürlich auch einen gewissen Überschuss an Malerinnen und Malern. Also die konnten gar nicht alle von ihrer Arbeit gut leben. Und es war sicherlich auch mit ein Grund, warum dann viele angefangen haben auch, sich dem Entwerfen von Möbeln und anderen kunstgewerblichen Gegenständen zuzuwenden.

    Anna Scholz

    Riemerschmid hat Stühle und Schränke entworfen, Tapeten und Stoffe, Glasobjekte und Porzellan und sogar Teppiche und Lampen. Und was daran vor allem beachtenswert war: Er hat nicht nur für das gehobene Bürgertum gearbeitet, sondern auch für die wachsende Mittelschicht, die die Industrialisierung eben auch hervorgebracht hat.

    Antonia Voit

    Es waren dann nicht mehr nur Adel und Klerus die Auftraggeber, sondern das erstarkte Bürgertum wurde auch zum Auftraggeber. Es gab einen wachsenden Bedarf an Ausstattungsgegenständen.

    Anna Scholz

    Für dieses neue Bürgertum und vor allem auch für die neuen Produkte, die die Maschinen hervorbrachten, brauchte es einen eigenen Stil.

    Antonia Voit

    Also Richard Riemerschmid hat früh eben sich vom Ornament entfernt und hat beispielsweise allein die Maserung des Holzes als einzigen Schmuck seiner Möbel dann verwendet. Er hat schon 1900 an einem Wettbewerb teilgenommen für die Einrichtung eines Zimmers für einkommensschwächere Haushalte. Damals hat er den ersten Preis für die von ihm gestaltete Zimmereinrichtung gewonnen.

    Anna Scholz

    Dieser Wettbewerb wurde damals von der König Ludwig Preisstiftung in Nürnberg ausgeschrieben.

    Antonia Voit

    Es gab diesen sozialen Anspruch, auch einkommensschwächeren Haushalten Möglichkeiten einer qualitätvollen Einrichtung zu gewährleisten. Das war natürlich trotzdem, also dieses Zimmer kostete 350 Mark. Das konnte sich wahrscheinlich immer noch nicht jeder Arbeiter, jeder Arbeiterin leisten.

    Anna Scholz

    Wenn ihr sehen möchtet, wie das sogenannte "Nürnberger Zimmer" von Riemerschmid aussah, könnt ihr das noch bis zum 23. März 2025 in der Kunsthalle München tun. Dort steht die Einrichtung als Teil der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich", eine Kooperation der Kunsthalle München und des Münchner Stadtmuseums.

    Das Schöne an dieser Entwicklung war, dass eben nicht mehr nur reiche Menschen es sich leisten konnten, einen gewissen Anspruch an ihr Leben und die Gegenstände darin zu haben. Schönheit und Ästhetik war plötzlich einer viel größeren Gruppe an Menschen zugänglich. Es fand also eine Art Demokratisierung statt.

    Um 1900 herum konnte durch die schnellere und günstigere Produktion mit der Maschine auch viel mehr ausprobiert werden. Gerade im Bezug auf Alltagsgüter konnte zum Beispiel mit unterschiedlichen Materialien experimentiert werden.

    Antonia Voit

    Also ein Merkmal war, dass man auch sogenannte unedle Metalle verstärkt verwendet hat im Jugendstil, dass man zum Beispiel Schalen und Übertöpfe aus Kupfer und Messing hergestellt hat. Eben auch hier die Verwendung nicht so hochwertiger Materialien, um die Objekte dann einer breiteren Masse zur Verfügung stellen zu können oder eben gerade im Möbelbereich, dass man nicht mehr Möbel aus teuren, furnierten Hölzern hergestellt hat oder mit aufwendigen Schnitzereien versehen, sondern dass man sich auch da an die Fertigungsmethoden der Maschine angepasst hat und zu kostengünstigeren Objekten gekommen ist.

    Anna Scholz

    1905 entwickelte Richard Riemerschmid sein sogenanntes Maschinenmöbelprogramm. Das bestand aus verschiedenen Einrichtungen für drei verschiedene Einkommensklassen. Die Einrichtungen unterschieden sich in ihrem Umfang, aber auch den verwendeten Materialien. Sie waren außerdem so konzipiert, dass die Einzelteile überwiegend maschinell herstellbar waren.

    Antonia Voit

    Und die Besonderheit dieser Möbel war auch, dass die zum Teil bereits zerlegbar waren. Also wir zeigen in der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" auch einen Schrank, der darüber Flügel schrauben. Wir zeigen den geöffnet, weil da sieht man sehr schön die im Inneren ein die im Inneren verwendeten Flügel schrauben, mit deren Hilfe man diesen Schrank ganz leicht zerlegen und wieder zusammen montieren konnte. Also das ist quasi schon das frühe Prinzip IKEA, was hier sichtbar wird.

    Anna Scholz

    Der Einzug der Maschinen in die Lebenswelt der Menschen hat vielen letztlich zu mehr Wohlstand verholfen. Aber: Die Anfänge waren holprig, keine Frage.

    Antonia Voit

    Es wurde einfach auch vieles als falsch empfunden. Man hat ja dann auch angefangen, die neuen Dampfmaschinen mit historistischen Ornamenten zu verzieren und man hat festgestellt, das geht einfach nicht zusammen. Also wir müssen uns mit den neuen Möglichkeiten auseinandersetzen und eine authentische Art des Umgangs damit finden, um in die Zukunft zu kommen und um zu zeitgemäßen Lösungen zu finden.

    Anna Scholz

    Okay, fassen wir mal zusammen. Die Anfänge der industriellen Revolution liefen für viele Menschen nicht so rund. Städte wuchsen zu schnell, gerade in den Arbeiter*innenviertel war es eng, laut, unhygienisch und letztlich für viele gefährlich. Aber auch in der gehobenen Gesellschaft und in Künstler*innenkreisen herrschte etwas, das Antonia Voit als Orientierungslosigkeit beschrieben hat. Und ich finde, dieses Gefühl beschreibt ganz gut, wie es vielen von uns heute, im 21. Jahrhundert mit KI geht. Ich zumindest fühle mich davon gut beschrieben. Was damals gegen diese Orientierungslosigkeit geholfen hat, war anzuerkennen, dass die Maschinen und das, was sie mit sich bringen, nicht etwas ist, das man einfach in sein bisheriges Leben integrieren kann. Irgendwann war klar: Hier fängt ein neues Kapitel an. Damit musste man umgehen lernen. Und warum dann nicht gleich auch die Vorteile embracen, die diese Revolution mit sich gebracht hat? Also zum Beispiel die Möglichkeit, mit Hilfe der Maschinen die Bedürfnisse einer neu gewachsenen sozialen Klasse zu bedienen? Denn seien wir ehrlich: Was anderes blieb den Leuten auch nicht übrig. Ob sie wollten oder nicht: Die Entwicklungen ließen sich nicht umkehren.

    Eines muss man den Maschinen des 21. Jahrhunderts ja zugute halten: Sie bringen uns immerhin nicht die Cholera ins Haus. Lasst uns mal auf den Status Quo heute schauen und ein paar Vergleiche ziehen. Die Maschinen früher haben den Menschen vor allem körperliche Arbeit abgenommen, Handarbeiten, wenn man so will, also physische Prozesse. Künstliche Intelligenz dagegen, also Computersysteme, die Berechnungen vornehmen und Analysen durchführen – das sind eher kognitive Prozesse, also Informations- und Wissensprozesse, die von den Maschinen durchgeführt werden. Mit diesen Prozessen hat sich Hartmut Hirsch-Kreinsen beschäftigt.

    Prof. emr. Dr. Hartmut Hirsch-Kreinsen, Wirtschafts- und Industriesoziologie, TU Dortmund

    Während die künstlichen Systeme, künstliche Intelligenz wie generell Computersysteme die Berechnungen vornehmen, die irgendwelche Analysen vornehmen und sonst was. Das sind ja alles kognitive, das sind ja Wissensprozesse.

    Anna Scholz

    Er ist emeritierter Professor für Wirtschafts- und Industriesoziologie an der TU Dortmund.

    Hartmut Hirsch-Kreinsen

    Und ein Themenschwerpunkt war in den letzten Jahren, wie soll es anders sein, man geht natürlich mit dem Hype, der sozusagen von außen kommt, das Thema künstliche Intelligenz, und das ist es immer noch.

    Anna Scholz

    Ich habe Hartmut Hirsch-Kreinsen gebeten, mir dabei zu helfen, die Entwicklungen im Hier und Jetzt ein bisschen zu sortieren. Man kann sich die Maschinen von früher und heute ein bisschen wie Muskel und Gehirn vorstellen, jetzt mal ganz vereinfacht gesagt. Die Maschinen früher haben die Menschen bei körperlicher Arbeit unterstützt, während die Maschinen heute zu kognitiven Prozessen fähig sind, also sozusagen Denkprozesse. Daher auch der Name: Künstliche Intelligenz. Tatsächlich basieren einige Systeme künstlicher Intelligenz sogar in gewisser Weise auf der Nachahmung unserer Gehirne, ihrer Struktur und Funktion. Wie genau die Technik dahinter aber funktioniert, ist krass komplex.

    Hartmut Hirsch-Kreinsen

    Das wird ja ganz schnell sehr mathematisch und das ist, das ist dann, das ist ein Teil der Faszination. Wir reden hier über KI und verstehen nix davon. Um das mal jetzt ganz platt zu sagen. Das macht ja aber die Faszination aus.

    Anna Scholz

    Zur Wahrheit gehört aber auch: Nicht nur Laien wie ich können nicht nachvollziehen, wie die KI genau funktioniert. Auch Expert*innen haben da ihre Schwierigkeiten.

    Hartmut Hirsch-Kreinsen

    Es gibt bis heute keine Theorie darüber, wie diese Netze wirklich, wie diese neuronalen Netze wirklich funktionieren. Das ist das Riesenproblem der Explainability, also dass ich nicht in der Lage bin, wirklich zu begründen, zu erklären, warum ein System so und nicht anders beispielsweise eine Empfehlung ergibt.

    Anna Scholz

    Also sind die Sorgen bezüglich KI berechtigt? In gewisser Weise bedeutet das ja schon, dass die Menschen die Kontrolle über die Maschinen verloren haben.

    Hartmut Hirsch-Kreinsen

    Also genau, aber nicht außer Kontrolle in dem Sinne, dass diese Maschinen so mächtig werden, dass sie eines Tages sozusagen die Menschen dominieren und die Menschen an den Rand drängen und alles, alles gewissermaßen entscheiden. Nein, sie geraten außer Kontrolle in bestimmten Situationen, wo man nicht mehr weiß, was dann sozusagen wie welche Entscheidungen gelaufen sind oder wie man welche Entscheidungen zu bewerten hat.

    Anna Scholz

    Hartmut Hirsch-Kreinsen glaubt also nicht daran, dass eine Künstliche Intelligenz uns auslöschen wird. Für einen verantwortungsvollen Umgang mit ihr ist es trotzdem wichtig, dass Regulierungen implementiert werden. Dass eben zum Beispiel KI-Drohnen, die im Krieg eingesetzt werden, nicht selbstständig entscheiden, wann und wo ein Angriff stattfinden soll. Das erste KI-Strategie-Papier hat die Bundesregierung auch schon 2018 herausgebracht. Da passiert also ein bisschen was. In diesem Strategie-Papier geht es aber vor allem auch darum, die Chancen von KI zu nutzen. Denn die werden als riesig eingeschätzt.

    Hartmut Hirsch-Kreinsen

    Es gibt ganz ernst zu nehmende Technikforscher, auch Informatiker, vor allen Dingen, die sagen also wir befinden uns jetzt, was Digitalisierung und ganz speziell eben die KI Entwicklung anbelangt, an der Schwelle zu einer neuen industriellen Revolution. Gewissermaßen.

    Anna Scholz

    Aber was bedeutet das denn eigentlich genau, dieser Revolutions-Gedanke?

    Hartmut Hirsch-Kreinsen

    Die Dampfmaschine war die erste Stufe und die die Elektrizität war die zweite Stufe, gewissermaßen also ein universell anwendbares, ja technisches Prinzip. Energie beispielsweise, as war der Schub von Ende des 18. Jahrhunderts bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Und das ist jetzt am Ende, das ist das Potenzial ist ausgeschöpft. Und die die digitalen Technologien generell, das sind ja schon Thesen, die gehen weit bis in die 70er Jahre zurück, Stichwort Informations- und Computergesellschaft. Und diese Situation wird jetzt abgelöst durch eben den Fokus auf kognitive Prozesse im weitesten Sinn, durch die künstliche Intelligenz. Da würden sich sozusagen Anwendungspotenziale in allen möglichen gesellschaftlichen Bereichen ergeben, die bis jetzt technisch noch nicht erschlossen worden sind.

    Anna Scholz

    Es gibt vor allem drei Gründe für diese Entwicklung:

    Erstens: Die Fortschritte bei den Systemen des maschinellen Lernens. Von Künstlicher Intelligenz wird schon seit den 1950ern gesprochen, aber in den letzten Jahren wurden nochmal wichtige mathematische und statistische Meilensteine erreicht, die die Entwicklung von Systemen wie ChatGPT und Co. ermöglicht haben.

    Zweitens: Im Vergleich zu den 80ern und 90ern ist die Computerleistung, die es für solche Systeme braucht, im 21. Jahrhundert massiv gestiegen. Drittens: Durch das Internet steht den Entwickler*innen seit einiger Zeit eine unfassbar große Menge an Daten zur Verfügung, die sie brauchen, um die Systeme zu trainieren.

    Die Technik hat also in den letzten 10 bis 15 Jahren einen riesigen Sprung gemacht, der uns tatsächlich, so sagen zumindest Expert*innen, in eine neue industrielle Revolution katapultiert hat. Und die strahlt auf sämtliche Lebensbereiche aus. Und eben vor allem auch in unsere Berufswelt.

    Hartmut Hirsch-Kreinsen

    Ob das jetzt im Wissenschaftsbereich ist oder ob Medien im Medienbereich, in der Verwaltung usw., da wären, sich sozusagen Erleichterungen finden. Also routinisierte Prozesse sind relativ leicht, dann irgendwann in die Systeme überführen, ins Bild zu überführen. Aber das hat halt sozusagen natürlich Implementationsprobleme, das zieht neue Kosten nach sich, das braucht neue Kompetenzen usw. das sind alles Bremsen gegen diese Entwicklung. Aber das heißt nicht, dass diese Entwicklung gebremst wird. Aber entscheidend ist dann immer, wer und wie es wie es dann angewendet wird.

    Anna Scholz

    Das heißt also: Die Potenziale sind da, aber in der Realität läuft die Entwicklung noch sehr viel langsamer, als es manchmal den Anschein macht. Zumindest hat das eine Studie ergeben, die Kolleg*innen von Hartmut Hirsch-Kreinsen 2024 veröffentlicht haben und an der er auch mitgearbeitet hat.

    Hartmut Hirsch-Kreinsen

    Die haben sozusagen KI in der industriellen Produktion versucht zu identifizieren und da gab es bestenfalls Experimentiersituationen, Pilotprojekte, wieder eingestellte Vorhaben und so, also das ist sehr, sehr zurückhaltend, weil eben der Abgleich mit den vorhandenen Systemen, man hat die Kompetenzen nicht, es fehlen die Daten, die Datenpflege ist sehr teuer usw.

    Anna Scholz

    All diese Baustellen sieht man natürlich nicht, wenn man von ChatGPT eine Antwort auf eine Frage bekommt, für die man selbst erstmal stundenlang recherchieren müsste. Das erzeugt – zumindest bei mir – manchmal einen solchen Wow-Effekt, dass ich schon denke: Diesen Maschinen gehört doch die Welt. Hartmut Hirsch-Kreinsen meint: Davon sollte man sich nicht zu sehr beeindrucken lassen.

    Hartmut Hirsch-Kreinsen

    das sind ja sozusagen diese Riesensysteme, die von Microsoft oder Google oder von Open AI oder von wem auch immer bereitgestellt werden und wo irgendwelche Serverprozesse in Gang gesetzt werden, weltweit gewissermaßen, mit einem riesen Energieaufwand. Und das, das sind Kosten, die dahinterstehen, die kann man sozusagen skalieren: Auf dieser Ebene können die gedeckt werden, aber für konkretere kleinere Anwendungen hat das nach wie vor extreme, extreme Grenzen, extreme Grenzen.

    Anna Scholz

    Dieser riesige Energieaufwand schlägt sich nicht nur in den Kosten nieder: Microsoft und Google haben 2024 beide bekannt gegeben, dass sie ihre Klimaziele für das Jahr verfehlen werden – nicht zuletzt wegen des massiven Ausbaus von KI-Systemen. Und es gibt noch eine weitere Sache, die man in dieser ganzen revolutionären Stimmung nicht vergessen darf:

    Hartmut Hirsch-Kreinsen

    Was den Hype und den Schub ausmacht, da muss man natürlich dazu noch sagen: OpenAI vor anderthalb Jahren oder mehr, als die das ChatGPT vorgestellt haben, das war eine gigantische, eine gigantische PR Maschine, die da losgelaufen ist.

    Anna Scholz

    Das war im November 2022. Damals war OpenAI eben auch auf Investorensuche. Und das mit Erfolg: Kurz darauf hat Microsoft verkündet, nochmal 10 Milliarden Euro in OpenAI, also dem Unternehmen hinter ChatGPT, investieren zu wollen. Man darf eben auch nicht vergessen: Diese ganzen KI-Systeme sind Produkte von großen Unternehmen, die damit auch Geld verdienen wollen.

    Hartmut Hirsch-Kreinsen

    Also das muss man diese Interessen, diese Interessen, die da dahinter stehen, die ökonomischen Interessen, die so ein Prozess und so einen Hype anschieben, muss man dann natürlich sehen.

    Anna Scholz

    Ich denke, man kann also getrost sagen: Immer langsam mit den jungen Pferden. Auch Künstliche Intelligenz kocht nur mit Wasser. Sozusagen. Diese Revolution steht noch am Anfang. Und nichtsdestotrotz ist es eine.

    Hartmut Hirsch-Kreinsen

    Wobei aber allerdings sicherlich richtig ist: So der langfristige Effekt wird schon sein, dass sich da Dramatisches verändert hat.

    Anna Scholz

    Ich fasse zusammen. Revolutionen zu handeln, damit haben wir uns in der Menschheitsgeschichte schon immer schwergetan. Und das ist ja auch kein Wunder, solche Zeiten des Umschwungs bringen ja auch große Herausforderungen mit sich und verlangen uns einiges ab. Sie verbreiten vielleicht Orientierungslosigkeit, wie Antonia Voit vom Münchner Stadtmuseum es so schön beschrieben hat.

    Mit Blick auf die Geschichte kann man sagen: Die vorangegangenen industriellen Revolutionen haben die Menschen tatsächlich überrannt, vor allem die erste, die wir uns am Anfang dieser Folge etwas genauer angeschaut haben. Aber dann haben sich irgendwann auch Potenziale entfaltet. Der Wandel durch die Maschinen in der ersten industriellen Revolution hat beispielsweise vielen Menschen zu Wohlstand verholfen, eine neue soziale Schicht geschaffen, wo es früher quasi nur Arme und Reiche gab. Menschen durften plötzlich Ansprüche haben, für viele haben sich Türen und Tore geöffnet. Oder um es etwas blumiger zu sagen: Die Menschen haben es geschafft, einen neuen Stil zu finden, nachdem sie es aufgegeben hatten, die Dampfmaschinen mit Ornamenten aus vergangenen Zeiten zu verzieren.

    Vielleicht müssen wir auch noch lernen, loszulassen, und zu akzeptieren, dass da viel Neues auf uns wartet. Jetzt nicht gleich übermorgen, aber perspektivisch. Vergesst nicht, euch anzuschnallen, es könnte turbulent werden. Das bringen Revolutionen so mit sich. Aber in diesem Neuen, das auf uns wartet, können auch viele Chancen stecken.

    Geschichte mag sich nicht wiederholen, aber sie reimt sich. Aus ihren Rhythmen können wir lernen, wie wir unsere Gegenwart bewältigen und eine nachhaltige Zukunft gestalten. Wahrscheinlich werden wir auch zukünftig Zeitschleifen drehen und uns an Punkten wiederfinden, die wir aus der Geschichte kennen – und vielleicht ist das auch ganz gut? Aus Wiederholung lernt man schließlich. Wenn man denn möchte.

    Für heute war es das, in der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit Queerness. Wenn euch diese Folge gefallen hat, freuen wir uns, wenn ihr den Podcast abonniert und weiterempfehlt. Die Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" könnt ihr noch bis zum 23. März 2025 in der Kunsthalle München anschauen. Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt des Münchner Stadtmuseums und der Kunsthalle München.

    "Zeitschleifen" ist ein Podcast des Münchner Stadtmuseums. Audioproduktion: Mucks Audio, Redaktion: Team Kommunikation des Münchner Stadtmuseums und ich, Anna Scholz. Autorin dieser Folge ist Carolina Torres.

    Und zum Schluss wie immer noch ein Goodie für euch. Wir haben ja in dieser Folge schon den Vorgänger des Prinzips IKEA ausgemacht, also erschwingliche Möbel für die Massen. Eventuell sind wir hier noch einer weiteren Sache auf der Spur:

    Antonia Voit

    Als wir habens beispielsweise auch im Schmuckbereich, kann man es ganz gut sehen, dass man da zuvor in der Hauptsache mit Gold und Edelsteinen, Brillanten und Diamanten gerne gearbeitet hat und im Jugendstil dann verstärkt auch mit anderen Schmucksteinen, Halbedelsteinen oder auch mit weniger teuren Metallen, etwa mit Silber.

    Anna Scholz

    Eventuell wurde zur Zeit des Jugendstils also auch schon das Prinzip Modeschmuck geboren.

    Antonia Voit

    Es gab sogar einen Künstler, der hat Eisen als Material für Schmuck verwendet. Und zum einen hat haben diese günstigeren Materialien es ermöglicht, dass man auch mehr experimentiert, weil da war nicht so viel verloren, wenn dann entweder der Entwurf nicht funktionierte oder es bei der Zielgruppe nicht ankam. Und man konnte natürlich auch für Menschen, die jetzt nicht so viel, die jetzt keinen so großen Geldbeutel hatten, Objekte herstellen und anbieten.

    Gleiches Recht für alle? Queerness im Wandel der Zeit

    Staffel 1, Folge 4

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    Was ist die Norm, wer bestimmt sie und wie wird sie verschoben? Queerness ist heute ein selbstverständlicher Teil der Popkultur, seit 2017 ist in Deutschland die Ehe unter gleichgeschlechtlichen Paaren möglich und 2024 ist das Selbstbestimmungsgesetz für eine vereinfachte Änderung des Geschlechtseintrags in Kraft getreten: also alles auf einem guten Weg hinsichtlich der Rechte und Sichtbarkeit queerer Menschen? Nicht ganz.

    Pia Singer, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Sammlung Stadtkultur des Münchner Stadtmuseums, gibt einen Einblick in die Situation queerer Menschen um 1900. Wie offen konnte damals geliebt und gelebt werden? Zwei Frauen in München stechen zu dieser Zeit besonders hervor: Anita Augspurg und Sophia Goudstikker lebten als lesbisches Paar zusammen, betrieben ein eigenes Fotostudio und waren damit sehr erfolgreich! Doch sie waren eher eine Ausnahmeerscheinung, denn nicht für alle Menschen galten dieselben Regeln. Dr. Esto Mader von der Humboldt Universität Berlin erklärt, was die Aspekte Teilhabe, Sichtbarkeit und Sicherheit auch heute damit zu tun haben und wie vielfältige Krisen bisherige Fortschritte bedrohen.

    Shownotes

    Inhalt

    [00:00] Einleitung
    [05:31] Reise in die Vergangenheit, Interview mit Pia Singer, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Sammlung Stadtkultur des Münchner Stadtmuseums
    [16:46] Zurück in die Gegenwart, Interview mit Dr. Esto Mader, wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt Universität Berlin
    [26:03] Zusammenfassung und Ausblick
    [28:50] Goodie

    Abbildungen / Verweise

    Philipp Kester, Hofatelier Elvira in München – Außenfassade des Gebäudes, um 1900, Fotografie, Münchner Stadtmuseum 

    Brettspiel "Lesbisches Identitätsspiel", 1995, Münchner Stadtmuseum

    Quellen
    https://www.youtube.com/watch?v=ExL_iG1wkF4

    Weiterführende Ressourcen

    • Mehr Infos zum Atelier Elvira und zu den Porträt-Fotografien, die dort entstanden sind, findet ihr in der Sammlung Online des Münchner Stadtmuseums.
    • Der Katalog zur Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich", Herausgegeben von Roger Diederen, Anja Huber, Nico Kirchberger, Antonia Voit, 2024, erhältlich im Online-Shop
    • Weitere spannende Einblicke in die Zeit und Kunst um 1900 in München gibt es noch bis 23. März in der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" in der Kunsthalle München – eine gemeinsame Ausstellung der Kunsthalle München und des Münchner Stadtmuseums.

    Kontaktinformationen
    Die Redaktion ist zu erreichen unter presse.stadtmuseum(at)muenchen.de.

    Credits
    Recherche und Skript: Carolina Torres
    Redaktion: Carolina Torres, Janina Rook, Carol Pfeufer, Maria Tischner, Ulla Hoering, Lena Hensel
    Produktion: Anna Scholz, Carolina Torres, Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber
    Host: Anna Scholz
    Audio-Produktion: mucks audio (Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber)
    Musik: mucks audio (Johannes Weber)

    Transkription

    Anna Scholz, Host

    Pia Singer, Mitarbeiterin der Sammlung Stadtkultur des Münchner Stadtmuseums

    Dr. Esto Mader, wissenschaftliche Mitarbeiter*in am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt Universität Berlin

    ---

    Lisa

    Ich weiß gar nicht mehr, wie gut meine Englischskills waren. Aber "I kissed a Girl" habe ich auf jeden Fall verstanden und es war einfach so… also so… es ist mir heiß und kalt durch meinen Körper geströmt.

    Anna Scholz

    Das ist Lisa. 2008 hört sie zum ersten Mal den Song "I kissed a Girl" von Katy Perry. Damals war MTV war noch ein Ding, erinnert ihr euch?

    Lisa

    Ich war damals auch nicht out. Ich. Ich weiß. Ich glaube, ich war 13 oder 14. Das war für mich das allergrößte Geheimnis. Und ich konnte einfach nicht glauben, dass jemand von so was Großem, Schweren, was ich in mir trage, so ein leichtes Musikvideo macht, dass etwas, was so in meinem Kopf verboten war, jetzt in einem Musikvideo gezeigt wird.

    Anna Scholz

    Lisa ist aus meinem Bekanntenkreis und heute 30 Jahre alt. Und sie hat mir erzählt, wie wichtig dieser Moment, dieses Lied, für sie als lesbische Frau war. Sie ist in einer kleineren Stadt aufgewachsen, wo es damals kein offen queeres Leben oder queere Spaces gab. Sie hat sich einfach nirgends wiedergefunden. Bis Katy Perry "I kissed a girl" gesungen hat. Heute sieht Lisa den Song kritisch, weil darin letztlich einen Kuss zwischen zwei Frauen als Experiment geframed wird, der nicht gleichbedeutend mit einem "Hetero-Kuss" sein könne. Damit wertet Katy Perry – bewusst oder unbewusst – Lesbischsein ab und bedient vor allem eine männliche Fantasie. Aber damals hat Lisa sich gesehen gefühlt. Und gesehen zu werden, sich selbst in anderen zu sehen, ist wichtig, ermächtigend, existenziell. Es signalisiert: Ich habe auch einen Platz auf dieser Welt.

    In den letzten Jahrzehnten hat sich in Sachen Sichtbarkeit von queerem Leben zum Glück einiges getan. Stars wie Kristen Stewart, Billie Eilish oder Elliot Page outen sich als homosexuell, bisexuell oder transgender. 2024 feierten allein in Köln eine Millionen Menschen den CSD, den Christopher Street Day. Seit 2017 dürfen in Deutschland Frauen Frauen heiraten und Männer Männer. Seit November 2024 gibt es das Selbstbestimmungsgesetz – das regelt, dass Trans*, inter* und nicht-binäre Personen ihren Geschlechtseintrag und Vornamen in einem einfacheren Verfahren auf dem Standesamt ändern können – ohne irgendwelche physischen oder psychischen Untersuchungen. Man könnte also meinen: Es wird so langsam.

    Wenn man aber einen Blick in die Zahlen des Bundeskriminalamtes wirft, muss man feststellen: Während auf legaler und popkultureller Ebene Fortschritte gemacht werden, scheint die gesellschaftliche Akzeptanz eher zu schwinden: Seit 2010 haben sich die Straftaten gegen queere Menschen fast verzehnfacht. Und das sind nur die Fälle, die zur Anzeige gebracht werden. Die Behörden gehen davon aus, dass die Dunkelziffer ziemlich hoch ist.

    Driften wir zurück in eine Zeit, in der sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten wieder mehr Diskriminierung und Verfolgung drohen?

    Der Autor Mark Twain soll einmal gesagt haben, "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich". Während sich also Orte, Menschen und Details ändern, würde doch immer wieder Ähnliches passieren.

    Manche Historiker*innen argumentieren auch, dass sich Geschichte in Pendelbewegungen vollzieht, also immer hin und her schwingt. Gerade wirkt es so, als stünden wir wieder an einem Punkt, an dem die Rechte von Minderheiten wie Queers in Gefahr sind. Warum ist das so?

    Darüber wollen wir in diesem Podcast sprechen. Hi, ich bin Anna Scholz, ich bin Journalistin, Kulturwissenschaftlerin und Sozialanthropologin und interessiere mich dafür, wie Gesellschaft uns formt – und wie wir die Gesellschaft formen. Darum geht’s in der ersten Staffel von "Zeitschleifen" – um Themen gehen, die uns aktuell beschäftigen, aber nicht zum ersten Mal. Was lässt sich lernen von Menschen, die zu anderen Zeiten an ähnlichen Punkten standen?

    Schauen wir uns erst einmal die Statistik des Bundeskriminalamts genauer an. Das BKA veröffentlicht jedes Jahr Zahlen zu Straftaten und ihren Motiven. Straftaten, die aufgrund "sexueller Orientierung" oder "geschlechtsbezogener Diversität" verübt werden, steigen seit mehr als einem Jahrzehnt stetig an. 2022 wurden 197 Menschen Opfer von Gewalttaten in diesem Kontext. 2023 waren es schon 212.

    Die Opfer dieser Straftaten, das zeigen die Erhebungen auch, sind überwiegend queere Männer.

    Wenn man den Blick geografisch ein bisschen weitet, sieht es noch düsterer aus: In Russland zum Beispiel gilt Aufklärung über LGBTQI+ schon seit 2013 als Propaganda. Es gibt dort sogar Versuche, LGBTQI+-Bewegungen als extremistisch einstufen zu lassen. Auch in Ungarn und Italien wurden unter der Führung von Viktor Orbán und Giorgia Meloni die Rechte von queeren Menschen in den letzten Jahren zunehmend eingeschränkt.

    Und wenn man über den Atlantik schaut, dann sieht man dort einen frisch ins Amt zurückgekehrten Donald Trump, der schon in seiner Antrittsrede darauf zu sprechen kommt, dass es für ihn nur zwei Geschlechter gebe – Mann und Frau. Warum wird gerade so vieles von dem, was queere Menschen, Aktivist*innen und Allies seit mehr als einem Jahrhundert hart erkämpft haben, wieder infrage gestellt?

    Einen Teil der Antworten auf diese Frage finden wir in der Geschichte. Lasst uns darum einmal in eine Zeit reisen, in der es noch gar keine aktivistisch queere Bewegung gab, wie wir sie heute kennen.

    München, irgendwann in den 1910er Jahren. Ein kalter Nebel zieht durch die engen Gassen des Angerviertels, doch hinter den dicken Fensterscheiben des Gasthauses Schwarzfischer flackert warmes Licht. Die schweren Holztüren, dunkel geworden vom Rauch und den Jahren, öffnen sich knarrend. Drinnen umfängt dich der süßlich-herbe Geruch von Tabak, Bier und einem Hauch Parfüm.

    An der dunklen Holztheke lehnen Männer in schmal geschnittenen Anzügen, Stimmen flüstern, Lachen bricht aus. Ein Klavier klimpert, jemand summt eine Melodie. Hier, verborgen hinter schweren Samtvorhängen, finden sich Männer, die sich – oder vielmehr Teile ihrer Identität – dort draußen verstecken müssen. Unter ihnen Künstler, Arbeiter oder Schauspieler.

    Für ein paar Stunden in der Nacht ist der Schwarzfischer mehr als ein Wirtshaus. Es ist ein Zufluchtsort. Ein Stück Freiheit.

    Pia Singer, Mitarbeiterin der Sammlung Stadtkultur des Münchner Stadtmuseums

    Das war ein bekannter Schwulentreff, der aber dann 1934 von den Nazis überfallen wurde. Also es gab da eine große Razzia, wo viele Menschen, viele Männer auch verhaftet wurden und ins Gefängnis kamen, später auch ins KZ.

    Anna Scholz

    Das ist Pia Singer, Kuratorin und Sammlungsmitarbeiterin im Münchner Stadtmuseum. Sie forscht und sammelt Objekte und Artefakte zur queeren Stadtgeschichte in München. Ich wollte von ihr wissen, wie Queerness um 1900 überhaupt aussah: Wie offen konnte geliebt und gelebt werden? Dabei hat Pia Singer mir dann auch vom Schwarzfischer erzählt. Aber bevor wir richtig ins Thema einsteigen, müssen wir einmal über den Begriff "queer" sprechen.

    Pia Singer

    Wenn wir heute von queeren Personen um 1900 sprechen, ist es eine Fremdbezeichnung, weil es den Begriff damals im Deutschen noch nicht gab und weil der Begriff queer bis Ende der 1980er Jahre auch eine Beschimpfung war für Personen, die nicht heteronormativ waren und die auch nicht in das Schema der Zweigeschlechtlichkeit gepasst haben.

    Anna Scholz

    Den Begriff "queer" haben sich queere Menschen dann angeeignet, quasi zurückerobert. Heute ist "queer" eine Art offener Sammelbegriff für Personen, die lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, intersexuell, non-binär und vieles mehr sind. Der Einfachheit halber sprechen wir hier auch im geschichtlichen Kontext von queeren Menschen, selbst wenn es den Begriff damals eigentlich noch nicht gab. Tatsächlich wissen wir auch gar nicht so viel über queeres Leben im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.

    Pia Singer

    Weil queere Personen einfach nichts aufgehoben haben oder sogar weitergegeben haben, was einfach Rückschlüsse auf ihr queeres Leben zulassen kann oder zulässt. Einfach, weil es damals eine sehr repressive Zeit war. Die queeren Personen hatten große Angst vor Verfolgung und vor Diskriminierung, vor Denunzierungen, weil es einfach gesellschaftlich nicht angesehen war.

    Anna Scholz

    In den Jahren vor und um 1900 herum wurde das Leben für Queers sogar gefährlicher.

    Pia Singer

    Also mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871, das war so ein Fall, wo die Homosexuellenverfolgung wieder stark zugenommen hat, weil eben der Paragraf 175 im Reichsstrafgesetzbuch eine strafrechtliche Grundlage geboten hat.

    Anna Scholz

    Der Paragraf 175 stellte die "widernatürliche Unzucht" zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Gefängnisstrafe. Wofür aber nun diese Verschärfung, wo doch queeres Leben sowieso schon geächtet wurde?

    Pia Singer

    Man kann feststellen, dass es, sobald es eine strafrechtliche Grundlage in Form zum Beispiel in Deutschland des Paragrafen 175 gegeben hat, ist die Verfolgung wesentlich stärker geworden.

    Anna Scholz

    Wir müssen auch bedenken, dass damals die Kirche einen noch viel größeren Einfluss hatte. Sie und ihre strengen Moralvorstellungen waren sehr mächtig zu dieser Zeit. Der Paragraf 175 kriminalisierte zwar ausdrücklich nur Sex zwischen Männern, das heißt aber nicht, dass Frauen damals mehr Rechte besaßen. Eigentlich im Gegenteil.

    Pia Singer

    Also weibliche Sexualität wurde einfach nicht ernst genommen und war einfach nicht bedrohlich oder wurde nicht als bedrohlich für die Gesellschaft angesehen. Und es war einfach der Gedanke prägend, dass lesbische Sexualität der Volksgemeinschaft keinen großen Schaden zufügen würde, weil lesbische Frauen nicht dauerhaft der Reproduktion entzogen wären. Und es ist eine sehr brutale Argumentation. Aber es sagt halt auch wieder sehr viel darüber aus, wie Frauenkörper als Verfügungsmasse angesehen wurden und dass halt Frauen auch schlicht keinen Anspruch hatten auf körperliche Selbstbestimmtheit.

    Anna Scholz

    Männern dagegen wurde ein eigener Wille zugetraut und offenbar auch die Durchsetzung dieses Willens. Darum versuchte man, ihnen mit dem Paragrafen 175 etwas entgegenzusetzen.

    So oder so kann man sagen: Queeres Leben wurde um 1900 herum mindestens geächtet, es wurde bedroht, kriminalisiert und unsichtbar gemacht. Schwule Männer konnten ihre Sexualität nur in privaten Räumen oder geheimen "Szene-Treffpunkten", wie man heute sagen würde, ausleben. Wie etwa dem Schwarzfischer.

    Es gab in München aber ein homosexuelles Paar, das nicht nur akzeptiert wurde, sondern große Anerkennung genossen hat, sogar vom bayerischen Königshaus. Woran das genau lag, das schauen wir uns jetzt an – denn wir können dadurch auch Rückschlüsse darauf ziehen, unter welchen Bedingungen Queerness akzeptiert und unter welchen sie zurückgedrängt wird.

    Pia Singer

    Anita Augspurg und Sophia Goudstikker, haben sich 1886 in Dresden kennengelernt. Weil Goudstikker dort die private Malschule von Amalie Augspurg besucht hat. Das ist die ältere Schwester von Anita.

    Anna Scholz

    Anita Augspurg wird später bekannt werden als Frauenrechtsaktivistin, die auch dazu beigetragen hat, dass Frauen in der Weimarer Republik endlich wählen durften. Damals aber, als sie Sophia Goudstikker kennenlernte, war sie gerade erst Ende 20 und wollte eigentlich Schauspielerin werden.

    Pia Singer

    Und die zwei haben dann auch sehr schnell eine sehr innige Beziehung eingegangen und haben sich dazu entschieden, ein Fotostudio zu eröffnen, um ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können.

    Anna Scholz

    1887 zog das Paar dann nach München und eröffnete das Atelier Elvira.

    Pia Singer

    Die beiden haben durch ihr Auftreten und durch ihr unkonventionelles Leben sehr schnell in München großes Aufsehen erregt. Also sie sind ja sehr selbstständig gewesen, sie waren unabhängig. Sie haben beide Kurzhaarfrisuren getragen und reformistische Kleidung. Sie haben Sport getrieben, sie ritten im Herrensitz durch den Englischen Garten, sie fuhren Fahrrad, sie gingen wandern, und es hat alles damals ausgereicht, um Aufsehen zu erregen.

    Anna Scholz

    Aufsehen erregte auch ihr Atelier selbst. Einige Jahre nach der Eröffnung beschlossen die beiden, ihrem Fotostudio einen neuen Anstrich zu verpassen.

    Pia Singer

    Sie haben einen noch relativ unbekannten Architekten und Künstler August Endell dazu gewinnen können, die Innenräume neu zu gestalten, aber auch die Fassade. Und die Fassade ist dann zum prägnantesten Markenzeichen des Münchner Jugendstils geworden.

    Anna Scholz

    Ihr müsst euch eine smaragdgrüne Hauswand vorstellen, die von einem mehrere Meter hohen und breiten Ornament geziert wird. Man sieht darauf… tja, schwer zu sagen. Etwas Wellenartiges, Schwungvolles, das etwas von einem Meerestier hat.

    Pia Singer

    Und dieses Ornament, diese Fassade hat großen Aufschrei provoziert. Manche fanden es absolut empörend, was da zu sehen ist, einfach weil man diese Formen nicht kannte und weil sie irgendwie nichts ausgesagt haben. Manche haben den Drachen darin gesehen und andere aber halt irgendwie nur noch wildes Zeug.

    Anna Scholz

    Das Ornament wurde 1937 von den Nazis zerstört. Der Bauplan und noch einige Schwarz-Weiß-Fotografien waren aber noch erhalten und so konnte die Fassade nachgebaut werden. Sie ist aktuell in der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" in München zu sehen, einer gemeinsamen Ausstellung des Münchner Stadtmuseums und der Kunsthalle München. Wir verlinken euch auch ein Bild der Fassade in den Shownotes.

    Obwohl Anita Augspurg, Sophia Goudstikker und ihr Atelier unkonventionell und aufsehenerregend waren, war ihre Fotografie klassisch und traditionell. Und das war offenbar eine gute Kombination, um Kundschaft anzuziehen.

    Pia Singer

    Es war schnell auch ausgesprochen schick, sich dort fotografieren zu lassen. Die Münchner Prominenz kam sehr bald. Berühmte Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft, Adel und Beamtentum haben sich dort fotografieren lassen.

    Anna Scholz

    Auch aus dem Ausland kamen Könige, Prinzen, Kronprinzessinnen, Gräfinnen und Kurfürsten, um sich von Augspurg und Goudstikker fotografieren zu lassen.

    Die beiden sich liebenden Frauen und ihr Fotoatelier waren irgendwie so kultig edgy, dass die gehobene Klasse sich gerne mit ihnen umgab. Sie wurden zu Festen und Empfängen geladen und ein Fototermin im Atelier Elvira war hip. Sie waren aber nicht zu edgy – etwa indem sie das offene Ausleben ihrer Sexualität auch für andere eingefordert hätten. Man kann vielleicht sagen: Sie bedrohten das heteronormative Leben, das die bestehende Norm war, nicht. Und so fanden die beiden als Ausnahmeerscheinung ihren Platz in der Münchner Gesellschaft.

    Pia Singer

    Womit die beiden wesentlich mehr angeeckt sind, war ihr Engagement in der Frauenrechtsbewegung. Also als sie nach München gekommen sind, haben sie sich relativ schnell auch für die Frauenbewegung engagiert und waren auch Mitglied im Weimarer Verein Reform, der die Öffnung aller Bildungseinrichtungen für Frauen zum Ziel hatte. Und Anita Augspurg hat in diesem Rahmen auch Vorträge gehalten.

    Anna Scholz

    Anita Augspurg zählte zum radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie setzte sich allerdings für die Anliegen von Frauen ein, nicht die von Queers. Sie lebte zwar offen als lesbische Frau, forderte aber nicht gezielt mehr Rechte für queere Personen ein.

    Pia Singer

    Sie hat sich ja sehr stark auch fürs Frauenwahlrecht eingesetzt und war da Vorreiterin und konnte auch mit der Gründung der Weimarer Republik 1918/1919, wo Frauenwahlrecht dann in der Verfassung festgeschrieben war, ja durchaus auch einen Erfolg erzielen. Und hat dann aber natürlich nicht aufgehört. Sie hat sich weiter engagiert für Frauenrechtsfragen, für die Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft und hat sich damals aber auch einen Namen als Gegnerin der Nationalsozialisten gemacht.

    Anna Scholz

    Dass das für Anita Augspurg nicht gut ausging, könnt ihr euch denken. Als die NSDAP 1933 an die Macht kommt, war sie mit ihrer damaligen Partnerin gerade im Ausland – und kam dann auch nicht mehr nach Deutschland zurück.

    Was können wir aus diesem Blick in die Vergangenheit also lernen? Zum einen sieht man, dass Gesetze Gesellschaft formen und verändern können. Mit der Einführung des Paragrafen 175 wurden homosexuelle Männer wieder mehr verfolgt und queeres Leben generell mehr geächtet.

    Was man aber am Beispiel von Anita Augspurg und Sophia Goudstikker auch sehen kann, ist: Queeres Leben durfte dann stattfinden, wenn es in einem sehr engen Rahmen gelebt wurde – und die Ausnahme blieb. Sie waren Exotinnen, Freaks, Entertainment, und als solche durften sie Teil der Gesellschaft sein. Was aber wäre gewesen, wenn die beiden für sich als queeres Paar Rechte eingefordert hätten? So wie sie Rechte für sich als Frauen eingefordert haben?

    Übrigens: Wenn ihr euch für den Stand der Frauenrechte um 1900 interessiert, hört doch mal in Folge zwei rein.

    Anna Scholz

    Springen wir einmal zurück ins Jahr 2025. Inzwischen können wir auf mehr als 50 Jahre queeren Aktivismus in Deutschland blicken…

    Dr. Esto Mader, wissenschaftliche Mitarbeiter*in am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt Universität Berlin

    …vor allen Dingen auch im Zuge der Forderung der Abschaffung des Paragraf 175.

    Anna Scholz

    Das ist Esto Mader, Postdoc und wissenschaftliche Mitarbeiter*in am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt Universität Berlin. Mit Esto Mader habe ich versucht zu verstehen, warum offen queeres Leben gerade wieder so bedroht wird. Der Paragraf 175 wurde in Deutschland erst 1994 endgültig gestrichen. Die öffentliche und laute Auflehnung fand allerdings schon in den Sechzigerjahren statt.

    Esto Mader

    Und ganz klare Forderungen, vor allen Dingen eben auch nach Teilhabe und Sicherheit. Also einerseits eine Legalisierung davon und ja, eine Teilhabe und Sichtbarkeit innerhalb der Gesellschaft.

    Anna Scholz

    Esto Mader sagt, es gibt drei große umkämpfte Felder: Teilhabe, Sichtbarkeit und Sicherheit. Teilhabe meint, dass Queers eben Teil der Gesellschaft sind, sich in ihr bewegen und mitmachen können, dass ihnen das Gleiche zusteht wie allen anderen. Sichtbarkeit kann bedeuten, dass zwei Männer händchenhaltend durch die Stadt laufen können. So wie eben alle anderen auch. Sichtbarkeit findet zum Beispiel auch beim CSD statt. Und Sicherheit bedeutet, dass sie all das tun können, ohne um ihr Leben oder ihre Unversehrtheit fürchten zu müssen.

    Vor allem, was politische Teilhabe angeht, können queere Menschen in den letzten Jahrzehnten einige Erfolge verbuchen, angefangen mit der Entkriminalisierung von Homosexualität. Dann kamen einige gesetzliche Änderungen: das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das vor Diskriminierung schützt, die Ehe für alle und die dritte Option: Also die Möglichkeit, neben männlich oder weiblich als Geschlechtseintrag im Perso "ohne" oder "divers" anzugeben. Die letzte Neuerung ist das Selbstbestimmungsgesetz, über das haben wir am Anfang der Folge schon gesprochen. Und all das hat Folgen.

    Esto Mader

    Bewerten würde ich das als eine Verschiebung von Norm, von der Norm oder Normalisierungsprozessen. Also was wir feststellen können, ist, dass wir jetzt in… ja so nach dem Nationalsozialismus eben noch eine sehr, ich sage jetzt mal traditionelle Vorstellung haben von Geschlecht und Sexualität. Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexualität als Norm und dass diese Norm oder alles, was quasi in die Norm mit aufgenommen wird, das zunehmend sich verändert.

    Anna Scholz

    Das ist ein entscheidender Unterschied zu queerem Leben von früher. Anita Augspurg und Sophia Goudstikker waren genau nicht die Norm und auch deswegen so interessant für die Münchner Schickeria. Nicht die Norm zu sein bedeutet aber eben auch: Weniger Teilhabe, weniger Sichtbarkeit und weniger Sicherheit.

    Esto Mader

    Die Norm ist ja sehr mächtig und die ist ja, also wer die Norm ist, das ist ja verbunden auch mit Macht innerhalb der Gesellschaft, also mit einer gesellschaftlichen Positionierung. Und ich denke, das, was im öffentlichen Diskurs passiert, ist eine gefühlte Bedrohung, dieses Alleinstellungsmerkmal zu verlieren. Es ist ein bisschen so diese Vorstellung, als würde dann anderen was weggenommen werden. Aber tatsächlich ist es ja nur eine Ausweitung der gleichen Rechte.

    Anna Scholz

    Das klingt jetzt alles so ein bisschen abstrakt. Was heißt das denn konkret?

    Esto Mader

    Also was ich meine ist also, wenn es staatliche Gesetze gibt zur Förderung bestimmter Lebensweisen, also wie zum Beispiel das Ehegattensplitting, also das zementiert ja rechtlich einen Vorteil für all diejenigen, die sich in der Zweigeschlechter-Ordnung verorten, heterosexuell sind und das Bündnis der Ehe eingehen und dazu ein stereotypes oder ein traditionelles Geschlechterbild leben. Also der Mann arbeitet viel, die Frau weniger und dadurch bekommen sie steuerliche Begünstigung. Das ist jetzt so ein Beispiel dafür, wie sich das dann festschreibt. Also das ist eine Bevorzugung von all denjenigen, die in diese Norm fallen. Das heißt, alle, die nicht heiraten wollen, die nicht hetero sind, die nur andere Geschlechterrollen leben etc. die haben gar nicht die Möglichkeit, von dieser Bevorzugung zu profitieren.

    Anna Scholz

    Das ist zum Beispiel ein Grund, warum es von Vorteil und wichtig ist, dass auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten können. Weil sie dann eben auch die gleichen Vorteile haben, wie Heteropaare. Aber nur weil ein Recht auf mehr Personengruppen ausgeweitet wird, wird dadurch ja niemand anderem etwas weggenommen. Trotzdem fühlt sich das für viele Menschen wohl so an. Als würden sie selbst dadurch etwas verlieren, auch wenn das faktisch nicht der Fall ist. Dieses Gefühl verstärkt sich in Zeiten von Krisen. Und die Welt befindet sich ja gerade in einem Dauer-Krisenmodus. Klimakrise, Wirtschaftskrise, Demokratiekrise – you name it. Und in Zeiten der Krise, sagt Esto Mader, gelten etwas andere Regeln.

    Esto Mader

    Na ja, was passiert in Krisensituationen ist das einfache Denkmuster, also die unterscheiden zwischen gut und böse oder richtig und falsch, also dualistisches Denken, dass das an Zuspruch gewinnt. Und das ist eine Denkweise, die zwischen Norm und nicht Norm unterscheidet oder auch zwischen gesund und krank und dann die Norm nimmt als das, was das Richtige ist.

    Anna Scholz

    Dazu kommt natürlich auch: In Zeiten der Krisen werden Ressourcen knapp. Die Politik streitet in letzter Zeit über wenig so emotional wie über den Haushalt – außer vielleicht über Migration. Die großen Fragen lauten: Was wird gefördert, wer bekommt Geld und wofür? Wie füllen wir die leeren Krankenkassen? Die Pflegekassen? Die Sozialkassen? Und von diesen sowieso schon leeren Kassen sollen jetzt noch mehr Menschen profitieren? Die Rechnung geht nicht auf, denken sich da wohl viele – und gehen in die Defensive.

    Esto Mader

    Ich denke schon auch, dass auf Angst oder auf Zerfall von gesellschaftlichem Zusammenhang oft reagiert wird, damit, sich quasi "Das Andere" als Feindbild zu konstruieren, um sich sicher zu sehen. Aber das steht natürlich auch ganz eng mit Diskursen zu Migration oder auch zu Klasse. Nur das lässt sich auch gar nicht unbedingt auseinanderhalten.

    Anna Scholz

    Gerade auch Migrant*innen werden in diesen Zeiten zu einem krassen Feindbild konstruiert und für sämtliche Probleme unserer Gesellschaft verantwortlich gemacht. Und auch wenn das Thema Migration in dieser Folge nicht das Thema ist, hat diese Konstruktion von Feindbildern letztlich immer denselben Effekt:

    Esto Mader

    Also es ist ja letzten Endes eine Komplexitätsreduktion, eine Vereinfachung, also eine Suche nach Antworten. Also es macht die Welt leichter verständlich in der Hinsicht. Aber ja, sieht dann halt einfach die Komplexität nicht oder das Spektrum nicht.

    Anna Scholz

    Wenn also die Rechte von Queers, ihre Teilhabe, Sichtbarkeit und – wie die Zahlen des BKA zeigen vor allem auch – ihre Sicherheit so massiv infrage gestellt werden, kann das verheerende Folgen haben. Es kann sogar Rückschritte bedeuten.

    Esto Mader

    Aus soziologischer Perspektive kann ich die Befürchtung formulieren einer Abwärtsspirale, wenn gesellschaftliche Prozesse, politische Prozesse, genauso wie auch rechtliche oder wissenschaftliche Prozesse, wenn das zusammenkommt, also wenn es Zusammenspiele gibt von. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden nicht mehr als legitim befunden oder Wissenschaft wird diskreditiert gleichzeitig mit politischen Kürzungen, also wenn gerade im kulturellen und sozialen Bereich das Geld rausgezogen wird. Sprich, dass es dann auch zu Kämpfen um knappe Ressourcen kommt in diesen Feldern, also dadurch die soziale Ungleichheit sich verstärkt gemeinsam dann auch noch mit politischen Diskursen, also wie wir es beobachten, also ein Erstarken der Rechten, dann kann das schon zu einer drastischen Abwärtsspirale führen, also hinsichtlich Verstärkung von sozialer Ungleichheit oder auch eine Einschränkung von Rechten für vulnerable oder marginalisierte Gruppen.

    Anna Scholz

    Es passiert ja sogar schon, dass Rechte und Teilhabe wieder entzogen werden. Einiges spricht dafür, dass die aktuelle Debatte sich vor allem an die Geschlechterfront verschoben hat. Über Donald Trumps Äußerungen zu den zwei Geschlechtern in seiner Antrittsrede haben wir zu Beginn schon gesprochen. In den USA werden außerdem immer mehr Bücher mit "book bans" verhängt, dürfen also nicht mehr in Bibliotheken stehen und in Schulklassen besprochen werden. Die Schriftsteller*innen-Vereinigung PEN USA hat erklärt, dass gerade auch über viele Büchern zu LGBTQI+-Themen "book bans" verhängt wurden. In Deutschland reiben sich konservative und rechtsextreme Parteien an dem Genderstern auf, weil es eben infrage stellt, dass es nur zwei Geschlechter gibt. In bayerischen Behörden ist sogar schon seit vergangenem Jahr "die Gendersprache mit Sonderzeichen zur Geschlechterumschreibung unzulässig".

    Es könnte also tatsächlich dazu kommen, dass Menschenrechte, die in den letzten Jahrzehnten so hart erkämpft wurden, wieder aberkannt werden. Was kann man tun?

    Esto Mader

    Das ist also ein vielschichtiges Problem. Und vielschichtige Probleme brauchen auch vielschichtige Lösungen. Ich glaube nicht, dass es da eine Lösung für gibt.

    Anna Scholz

    Was wir aber auf jeden Fall lernen müssen, sagt Esto Mader, ist Differenzen auszuhalten. Andere Meinungen zu respektieren. In Aushandlungsprozesse zu gehen.

    Esto Mader

    Dann müsste es darum gehen, eher hin zu solidarischen Vorstellungen oder Bündnissen, anstatt sich auf Kämpfe um knappe Ressourcen einzulassen. Also das würde erfordern, vielleicht so was wie Wohlwollen und ein Aushalten von Differenzen.

    Anna Scholz

    Fassen wir nochmal zusammen. Zuerst das Positive: In den fast 150 Jahren seit der Einführung des Paragrafen 175, der Sex zwischen Männern unter Strafe gestellt hat, hat sich einiges getan. Zum Beispiel, dass der Paragraf wieder abgeschafft wurde. Aber auch so viel mehr. Männer wurden damals noch für ihre Liebe zueinander bestraft und Frauen wie Anita Augspurg und Sophia Goudstikker durften nur als Ausnahmeerscheinung vorkommen. Sie hatten zwar Sichtbarkeit, Teilhabe und Sicherheit – aber nur solange sie die Norm nicht wirklich bedrohten.

    Heute können wir sehen, dass es in den letzten Jahrzehnten eine klare Normverschiebung gab, zu der vielfältiges Lieben und Leben außerhalb der Heteronormativität dazugehört.

    ABER: Normen können sich auch wieder zurückentwickeln, Menschen können juristische Rechte wieder entzogen werden, und damit auch Teilhabe und Sicherheit. Doch wir können uns dem entgegenstellen: Indem wir lernen, Differenzen auszuhalten und auszuhandeln. Genau das wünscht sich auch Lisa, die am Anfang dieser Folge ihren empowernden "I kissed a girl" Moment mit uns geteilt hat.

    Lisa

    Den Mut haben, aufeinander zuzugehen, auch wenn Unterschiede da sind, also die Ablehnung und der Hass, das, was gerade passiert, das basiert ja auch auf Angst vor dem Anderssein und auf Angst vor Unterschieden.

    Anna Scholz

    Das heißt natürlich nicht, dass wir für Homo- oder Transphobie oder sonstige Formen von Ausgrenzung Platz in unserer Gesellschaft machen sollten. Es heißt nur: Lasst uns ins Gespräch kommen, uns kennenlernen. Lasst uns deutlich machen: Normverschiebung heißt nämlich nicht, dass Menschen etwas weggenommen wird, sondern im Gegenteil: Dass wir als Gesellschaft offener und inklusiver werden, also vielmehr dazugewinnen.

    Geschichte mag sich nicht wiederholen, aber sie reimt sich. Aus ihren Rhythmen können wir lernen, wie wir unsere Gegenwart bewältigen und eine nachhaltige Zukunft gestalten. Wahrscheinlich werden wir auch zukünftig Zeitschleifen drehen und uns an Punkten wiederfinden, die wir aus der Geschichte kennen – und vielleicht ist das auch ganz gut? Aus Wiederholung lernt man schließlich. Wenn man denn möchte.

    Für heute war es das, in der nächsten Folge beschäftigen wir uns damit, was die ersten Plakate mit Social Media zu tun haben und wie wir heute kommunizieren. Wenn euch diese Folge gefallen hat, freuen wir uns, wenn ihr den Podcast abonniert und weiterempfehlt. Ein Bild von der Fassade des Atelier Elvira findet ihr digital in den Shownotes und analog noch bis zum 23. März 2025 in der Kunsthalle München, in der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich". Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt des Münchner Stadtmuseums und der Kunsthalle München. Schaut doch mal vorbei!

    "Zeitschleifen" ist ein Podcast des Münchner Stadtmuseums. Audioproduktion: Mucks Audio, Redaktion: Janina Rook und das Team Kommunikation des Münchner Stadtmuseums. Autorin dieser Folge ist Carolina Torres.

    Und zum Schluss wie immer noch was Spaßiges für euch. Pia Singer vom Münchner Stadtmuseum hat mir noch erzählt, wie sie beim Sammeln von Objekten für eine Ausstellung zu queerem Nachtleben auf ein besonderes Stück queerer Geschichte gestoßen ist. Es stammt aus den 1990ern:

    Pia Singer

    Und in dem Zuge ist aber auch ein lesbisches Identitäts-Spiel in die Sammlung gekommen, das von lesbischen Frauen selbst entwickelt wurde und was man in der Nymphe spielen konnte, was auch so ein Frauenort war in der Nymphenburger Straße. Und dieses Spiel hat sich so auf eine sehr amüsante Weise mit verschiedenen lesbischen Identitäten auseinandergesetzt. Also hat das auch so ein bisschen aufs Korn genommen, hat das so ein bisschen ironisiert dargestellt, weil innerhalb der lesbischen Szene halt auch nicht nur die Lesbe existierte, sondern einfach sehr verschiedene. Also die Lesben waren unterschiedlich politisch aktiv, manche waren es überhaupt nicht, manche waren auch sehr zurückgezogen, weil halt so ihre politische, ihre berufliche Karriere ihnen wichtiger waren und deswegen waren sie der Öffentlichkeit nicht geoutet.

    Anna Scholz

    Kleiner Reminder, dass es auch innerhalb von Gruppen Vielfalt gibt.

    Greller, lauter, bissiger? Von Plakaten zum Puppy-Content

    Staffel 1, Folge 5

    Erst wenn Sie zustimmen, erlauben Sie uns Daten von Podigee zu laden.

    Wehe, der Algorithmus streikt: Sobald unsere eigene, sorgfältig aufgebaute Social-Media-Bubble durch andere Sichtweisen zu platzen droht, platzt auch schnell die Hutschnur. Haben Menschen schon immer so emotional auf Dinge reagiert, die plötzlich in ihrem Sichtfeld auftauchen?

    Mit Henning Rader, Leiter der Sammlung Reklamekunst des Münchner Stadtmuseums, erkunden wir den Ursprung von Bildern als Kommunikationsmedium in der Werbung. Noch lange bevor es Social Media und Memes gab, machte das Plakat Bilder zum zentralen Kommunikationsmittel – und das schon vor 1900. Mit einer neuen, reduzierten Bildsprache und wenig Text entwickelten sich Plakate sehr schnell zu einem neuen Massenmedium. Ihre emotionale, oft "laute" Bildsprache war effektiv, aber auch verknappt – und hat damit starke Reaktionen provoziert. Professorin Anna Kümpel erklärt, wie das Prinzip auch in der heutigen digitalen Welt noch weiterwirkt und warum gerade online die Emotionen so schnell hochkochen.

    Shownotes

    Inhalt

    [00:00] Einleitung
    [06:19] Reise in die Vergangenheit, Interview mit Henning Rader, Leitung der Sammlung Reklamekunst des Münchner Stadtmuseums
    [19:49] Zurück in die Gegenwart, Interview mit Kommunikationswissenschaftlerin Professor Anna Kümpel
    [26:40] Zusammenfassung und Ausblick
    [30:01] Goodie

    Abbildungen / Verweise

    Thomas Theodor Heine, "SiMPLiCiSSiMUS" (Originaltitel), 1897,  Münchner Stadtmuseum
    Ludwig Hohlwein, „Hermann Scherrer. / Breechesmaker Sporting=Tailor / München / Neuhauserstr. 32“ (Originaltitel), 1907, Münchner Stadtmuseum
    Waschbären-Meme
    Bruno Paul, „Kunst / im / Handwerk / München / Ausstellung / im / Alten National Museum“ (Originaltitel), 1901, Farblithografie, 88,9 cm x 59,7 cm, Münchner Stadtmuseum

    Quellen

    https://www.instagram.com/p/C8cYu7pJhz5/
    https://youtu.be/mWxvTA5mz9g?feature=shared&t=20
    https://leibniz-hbi.de/hbi-publications/reuters-institute-digital-news-report-2024-ergebnisse-fuer-deutschland/
    https://www.statista.com/statistics/1372644/tiktok-videos-posted-by-publication-day/#statisticContainer
    https://de.statista.com/statistik/daten/studie/458817/umfrage/gewinn-von-facebook-weltweit/#:~:text=Der%20Gewinn%20von%20Meta%20(ehemals,%C3%BCber%2062%20Milliarden%20US%2DDollar

    Weiterführende Ressourcen

    • Mehr Infos zur Plakatkunst von Ludwig Hohlwein und Abbildungen seiner Werke, findet ihr in der Sammlung Online des Münchner Stadtmuseums.
    • Der Katalog zur Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich", Herausgegeben von Roger Diederen, Anja Huber, Nico Kirchberger, Antonia Voit, 2024, erhältlich im Online-Shop
    • Weitere spannende Einblicke in die Zeit und Kunst um 1900 in München gibt es noch bis 23. März in der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" in der Kunsthalle München – eine gemeinsame Ausstellung der Kunsthalle München und des Münchner Stadtmuseums.

    Kontaktinformationen
    Die Redaktion ist zu erreichen unter presse.stadtmuseum(at)muenchen.de.

    Credits
    Recherche und Skript: Janina Rook
    Redaktion: Anna Scholz, Carolina Torres, Carol Pfeufer, Maria Tischner, Ulla Hoering, Lena Hensel
    Produktion: Anna Scholz, Carolina Torres, Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber
    Host: Anna Scholz
    Audio-Produktion: mucks audio (Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber)
    Musik: mucks audio (Johannes Weber)

    Transkription

    Anna Scholz, Host

    Henning Rader, Leitung der Sammlung Reklamekunst des Münchner Stadtmuseums

    Prof. Dr. Anna Sophie Kümpel, Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München

    ---

    Anna Scholz

    Ich lebe in einer Blase. In einer schönen Blase, in der ich viel lache und "Aw" sage. Ich rede natürlich von meiner persönlichen Social-Media-Blase. Ich habe lange und hart an meinem Algorithmus auf Instagram gearbeitet, bis es zu einem kleinen gemütlichen Nest für meine Sinne wurde: Hundevideos. Tennisvideos. Interviewsnippets von meinem Lieblingsschauspieler Paul Mescal. Und wenn Paul Mescal auch noch mit Welpen spielt, dann ist es um mich geschehen. Wie hier beim "The Puppy Interview" von "BuzzFeed Celeb", 2024:

    Paul Mescal

    Hello! You like me, don’t you? You’re the best. This is fantastic!

    Anna Scholz

    Meine Social-Media-Blase kann aber leider auch schnell platzen. Und ich auch.

    steakandbuttergirl

    I’ve quit wearing sunscreen and no longer get sunburned after cutting out all seed oils from my diet. I’ve replaced all my seed oils with animal fats.

    Anna Scholz

    Wenn selbst ernannte Wellness- und Ernährungsinfluencer*innen – wie die Frau in diesem Reel – nicht nur unwissenschaftlichen, sondern auch sehr gefährlichen Quatsch verbreiten, treibt mich das in den Wahnsinn. Und je länger ich mir solche Videos angucke, desto wütender werde ich. Denn so sehr ich mich über Posts freuen kann, genauso kann ich mich an ihnen aufreiben. Wenn ich mir mein Umfeld angucke, dann geht es den meisten ähnlich. Sie mögen vielleicht andere Dinge, haten andere Dinge. Aber sie – wie ich – sind selten neutral. Digitale Kommunikation ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle, polarisiert häufig. Und wenn ich mir Nachrichten, Talkshows oder Bundestagsdebatten angucke oder auf Familienfeiern gehe, frage ich mich gerade des Öfteren: Ist unsere Kommunikation generell emotionaler geworden? Also, wenn wir in größeren Gruppen und öffentlich miteinander reden und diskutieren? Schreien wir uns gerade besonders schnell und häufig an? Wenn ja, liegt das am Internet? Oder sind das nur gefühlte Wahrheiten?

    Der Autor Mark Twain soll einmal gesagt haben, "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich". Während sich also Orte, Menschen und Details ändern, würde doch immer wieder Ähnliches passieren. Manche Historiker*innen argumentieren auch, dass sich Geschichte in Pendelbewegungen vollzieht, also immer hin und her schwingt. Heute scheinen wir in einer Zeit zu leben, in der unser neuestes Medium – das Internet – dazu führt, dass wir besonders intensiv und emotional miteinander kommunizieren. Oder war das vielleicht auch schon früher so?

    Darüber wollen wir in diesem Podcast sprechen. Hi, ich bin Anna Scholz, ich bin Journalistin, Kulturwissenschaftlerin und Sozialanthropologin und interessiere mich dafür, wie Gesellschaft uns formt – und wie wir die Gesellschaft formen. In der ersten Staffel von "Zeitschleifen" soll es um Themen gehen, die uns aktuell beschäftigen – aber nicht zum ersten Mal. Was lässt sich lernen von Menschen, die zu anderen Zeiten an ähnlichen Punkten standen?

    Egal, welche Blase ihr euch im Internet aufgebaut habt, die Posts, die ihr seht, funktionieren eigentlich alle gleich. Unabhängig davon, ob sie journalistisch, werblich oder unterhaltsam sind. Ob Video oder Foto. Das Schema ist meistens: ein starkes Bild, kurzer, knackiger Text und schön emotional. Stellt euch zum Beispiel folgendes Bild vor: ein zerbrochenes Flugzeug-Wrack auf dem Boden. Darüber der Titel: "Die Nacht, als Leichen vom Himmel fielen." Nein, das ist nicht Werbung für den neuen Action-Blockbuster mit Tom Cruise. Das ist das Thumbnail eines der erfolgreichsten Videos auf dem Youtube-Kanal von "ZDFheute". Die Nachrichtensendung berichtet über einen Flugzeugabsturz. Ich finde den Titel ziemlich geschmacklos. Aber es zieht: Es wurde 3,6 Millionen Mal geklickt. Das ist viel für eine Nachrichtensendung im Netz.

    Es gibt natürlich auch sehr viel weniger drastische Inhalte. Aber auch die lieben Extreme und Superlative: "Dieses Video wird dein Liebesleben für immer verändern", "Fünf Anzeichen, dass du ADHS hast", "Die besten Schminktipps, die dich zehn Jahre jünger aussehen lassen."

    Prof. Dr. Anna Sophie Kümpel, Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München

    Also wir wissen ja aus der Forschung, dass sich vor allem solche Inhalte stark und auch schnell verbreiten, die emotional aufgeladen sind, die auch mit Blick auf die transportierten Meinungen zugespitzt oder vielleicht sogar extrem sind oder auch die Gruppenzugehörigkeit von Personen stark ansprechen.

    Anna Scholz

    Das ist Kommunikationswissenschaftlerin Professor Anna Kümpel, die sich auf Soziale Medien spezialisiert hat. Und sie bestätigt meine gefühlte Wahrheit: Wir sind emotionaler im digitalen Raum. Als Sender*in und Empfänger*in von Posts. Was mich unglaublich daran nervt: die Zuspitzungen. Sie fühlen sich für mich schnell marktschreierisch an. Also, als würden mich die Posts direkt anschreien. Gleichzeitig bin ich aber auch für sowas auch empfänglich, und ich glaube, das ist menschlich.

    Aber das heißt nicht, dass alle Social-Media-Inhalte immer nur nerven. Sie helfen auch, zu informieren. Laut des Reuters Institute Digital News Report von 2024 ist für 42% der Erwachsenen das Internet ihre Hauptquelle für Nachrichten. Also für fast die Hälfte. 15% nennen die Sozialen Medien sogar als Hauptquelle. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es sogar 35%. Trend steigend.

    Und Soziale Medien unterhalten wahnsinnig gut. Zum Beispiel mit Memes. Memes, das sind lustige Fotos und Kurz-Videos. Eines meiner Lieblingsmemes ist das, wo zwei Waschbären vor einer Tür auf- und abspringen, um an die Türklinke zu kommen. Und da drüber steht: "Meine zwei letzten Gehirnzellen, die versuchen, ihr Bestes zu geben." Es ist einfach zu cute. Wir verlinken es in den Shownotes.

    Ob ich die Inhalte aber nun mag oder nicht. Eins können sie immer sehr gut: Sie catchen Aufmerksamkeit. Auch wenn wir das nicht immer wollen. Wie hat das Internet das geschafft? 

    Henning Rader, Leitung der Sammlung Reklamekunst des Münchner Stadtmuseums

    Eine große Parallele zur Gegenwart ist, dass um 1900 bereits eine Entwicklung begonnen hat, die bis auf den heutigen Tag anhält und sich fortsetzt, dass nämlich Bilder zu dem zentralen Kommunikationsmittel werden. Und das sind sie heute mehr denn je, vor allem im Hinblick auf bewegte Bilder, aber Bilder auch allgemein. Das ist das, worüber Aufmerksamkeit erzeugt werden kann, schnell und viele Menschen erreicht werden können.

    Anna Scholz

    Das ist Henning Rader.

    Henning Rader

    Ich leite die Sammlung Reklamekunst am Münchner Stadtmuseum.

    Anna Scholz

    Und – jetzt spitze ich mal zu – er gibt Plakaten an allem die Schuld. Und nimmt uns darum mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Erster Stopp: 1897.

    Stell dir vor: Mitten auf dem Bürgersteig. Ein Mann mit tiefsitzendem Seitenscheitel, einem dicken Schnurrbart, wachen Augen, umrahmt von tiefen Augenringen. Er pafft eine Pfeife und trägt einen zweiteiligen Anzug mit Fliege. Und er wartet auf etwas. Der 30-jährige sieht aus wie viele Männer des Bildungsbürgertums in München zu der Zeit. Aber Thomas Theodor Heine ist nicht irgendein Mann. Er macht Menschen gerne wütend. Mit Bildern. 1884 flog er kurz vorm Abi vom Gymnasium, weil der Direktor seine Karikaturen, naja, sagen wir mal, nicht so witzig fand. Und an diesem schönen Tag, an dem er da Pfeife paffend auf dem Bürgersteig herumsteht, im Jahr 1897, wird er ganz München wütend machen. Das weiß der Maler und Karikaturist. Er blickt die Ludwigstraße entlang, zwischen Staatsbibliothek und Siegestor. Schöne, klassische Gebäude stehen hier. Die Ludwig-Maximilians-Universität. Das Priesterseminar Georgianum. Große ehrwürdige Institutionen. Historisch. Voller Tradition. Jetzt beobachtet Heine, wie Plakate auf eine der Litfaßsäulen gekleistert werden, die auf den Bürgersteigen stehen. Ankündigungen fürs Theater, Bekanntgebungen vom Kaiser, Werbung. Viel Text neben sehr detailreichen Zeichnungen. Ah, und da kommt endlich sein Plakat. Fetter, schwarzer Hintergrund, eine knallrote Dogge, mit gefletschten Zähnen, die sich von einer Eisenkette losgerissen hat. Und darüber, in weißen Lettern: "Simplicissimus".

    Henning Rader

    Es leuchtet extrem. Es sind starke Farbkontraste. Es kommt im Endeffekt mit nur drei Farben aus: schwarz, rot und weiß, die einen anleuchten. Die Bulldogge springt einen förmlich an. Also ich glaube, das muss für die Menschen damals unglaublich provokativ gewesen sein.

    Anna Scholz

    Das Plakat wirbt für die berühmte gesellschaftskritische Satire-Zeitschrift "Simplicissimus", die Thomas Theodor Heine 1896 mitbegründet hat. Ihr findet ein Bild des Plakats in den Shownotes verlinkt und in der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" in der Kunsthalle München – einer gemeinsamen Ausstellung des Münchner Stadtmuseums und der Kunsthalle München. Provokativ ist das Plakat für die monarchische Gesellschaft nicht nur des Inhalts wegen – eine Dogge, die sich vom Herrchen befreit hat und sich über alle Konventionen hinwegsetzt. Sondern auch die Bildsprache provoziert. Heine benutzt zum ersten Mal die Ausdrucksmittel der Karikatur für die Werbung.

    Henning Rader

    Also in der Karikatur sind Darstellungsmittel wie eben die radikale Vereinfachung, auch so die starke Vergröberung und Überzeichnung von charakteristischen Details, schon sehr früh angelegt. Und diese Gestaltungsmittel eignen sich eben auch bestens für die Werbung, viel besser noch als die damals üblichen Gestaltungsmittel, wo es darum ging, den Gegenstand, der beworben wird, besonders realitätsnah und detailgenau darzustellen.

    Es ist in einer völlig neuen Sprache, Bildsprache verfasst. Es ist witzig, es ist vor allem unglaublich einprägsam.

    Anna Scholz

    Weil es die Aufmerksamkeit der Passant*innen mit so simplen Mitteln catchen konnte, gilt Heines Plakat als das erste moderne Plakat Deutschlands. Und auch das hat Passant*innen und die herrschende Klasse schon wütend gemacht. Allgemein gab es auf Plakate gerne schon mal wütende Reaktionen. Sowas wie:

    Henning Rader

    Was für ein schreckliches Plakat. Ja, Wir sollten es abreißen.

    Anna Scholz

    Und schwupps! Wurde so ein Plakat auch mal gerne abgerissen. Die öffentliche Wut hat das Plakat nicht weniger erfolgreich gemacht. Man könnte vielleicht sogar sagen, sie hat zu seinem massiven Erfolg beigetragen. Die Rote Dogge wird zum Markenzeichen des Simplicissimus. Auch die neue Bildsprache findet sich schnell auf sehr vielen anderen Plakaten wieder. Heute würde man sagen: Sie geht viral. Das Stadtbild wird bunt wie nie zuvor.

    Dass Thomas Theodor Heine als Künstler selbst die Werbung gestaltete, klingt für heutige Ohren vielleicht ungewöhnlich. Aber Ende des 19. Jahrhunderts lebten über 3.000 Maler in München, die alle irgendwie von ihrer Kunst leben wollten. Wenn sie ihre Bilder verkaufen wollten, mussten sie auf ihre Ausstellungen aufmerksam machen. Also malten sie ihre Plakate gleich selbst, um mit besonders schöner Gestaltung das kaufkräftige Publikum anzuziehen und die Konkurrenz zu übertreffen. Und wie das dann immer so ist: Wenn ein Trend gut läuft, kommt die Wirtschaft um die Ecke. Auch sie entdeckt die neue Plakatkunst für sich. Das heißt, sie bewerben ihre Produkte jetzt genauso aufmerksamkeitswirksam. Die moderne Werbung wird geboren.

    Henning Rader

    Es soll eine bestimmte Botschaft vermittelt werden. Über Emotionen sollen die Menschen erreicht werden. Es geht um eine Message, die eben mit einer bestimmten Marke, mit einem Produkt, sozusagen ein Lebensgefühl, einen Lifestyle verbindet. Also wenn ich diese Schuhe trage oder das Getränk trinke, dann, ja, bin ich etwas Besonderes, dann gehöre ich dazu, dann bin ich attraktiv, dann bin ich erfolgreich. Und genauso funktioniert Werbung heute, genauso wie um 1900. Da hat sich nicht viel geändert.

    Anna Scholz

    Das bringt uns zu unserem zweiten Stopp auf unserer Zeitreise: das Jahr 1907. Zu einem Mann, der weiß, mit seinen Plakaten die Gemüter zu verführen. Ludwig Hohlwein.

    Ludwig Fritz Karl Emil Heinrich Hohlwein hatte nicht nur viele Namen, er hatte auch viele Jobs. Er war Architekt, Maler, Grafiker, Plakatkünstler und Innenarchitekt. Und er hatte noch mehr Auftraggeber als Jobtitel: Audi, Daimler-Benz, Bahlsen, Kaffee Hag, Görtz Schuhe, Kulmbacher, Lufthansa und, und, und. Die großen Wirtschaftsunternehmen Deutschlands und der westlichen Welt haben Hohlweins Plakate geliebt.

    Henning Rader

    Er wurde international als Plakatkönig gefeiert von der Presse, hatte international auch einen exzellenten Ruf Und hat insofern auch ganz entscheidend zum Ruf Münchens als Plakatstadt beigetragen. München als ein ganz wichtiges Zentrum der modernen Plakatbewegung in dieser Zeit.

    Anna Scholz

    1907 ist ein wichtiges Jahr für Hohlwein. Da ist er 33 Jahre alt. Und er wird ein Plakat zeichnen, das seine Karriere für immer verändern wird. Es bewirbt das Münchner Sportbekleidungsgeschäft Hermann Scherrer. Ihr könnt es euch so vorstellen: Grauer Hintergrund. Ein Mann trägt in der rechten Hand eine Reitgerte, in der linken einen Sattel. Er trägt Reiterstiefel, eine knallrote Weste und eine Reithose. Die schwarz-weiß karierte Hose catcht einen sofort.

    Henning Rader

    Also ganz flächig gestaltet, ohne Faltenwurf, ohne etwas, was ablenken kann. Und das ist ganz typisch für ihn, dass er eben solche Schmuckflächen, Ornamentflächen bei vielen seiner Plakate verwendet, die die Wirkungskraft des Plakats auch noch mal enorm steigern.

    Anna Scholz

    Hohlweins Plakat sieht sehr elegant aus. Spannend ist auch der knappe Text, der oben links im Bild steht: "Hermann Scherrer – Sporting Tailor". Also das Münchner Sportgeschäft wirbt in München in Englischer Sprache. Die Affinität Englisch zu benutzen, wenn man eine gewisse hippe Gruppe erreichen möchte, gab’s also auch von Anfang an. Nur war vor 100 Jahren damit die Oberschicht gemeint.

    Henning Rader

    Und das ist im Endeffekt genau die Zielgruppe, an die sich dieses Plakat richtet. Es geht an die, es geht um die oberen Gesellschaftsschichten, die nicht arbeiten müssen, die ganz dem Konsum frönen können, die den Freizeit Vergnügungen wie hier dem Reiten frönen können. Und das spiegelt sich auch in der englischsprachigen Kampagne dieses Sporthauses Hermann Scherer wider.

    Anna Scholz

    By the way, auch auf diesem Plakat gibt es eine Dogge. Also: Egal welche Klasse erreicht werden soll: Hunde-Content hat schon immer gezogen.

    Henning Rader

    Die Bulldogge von Hohlwein ist eher so der Typus Schoßhund. Also Hohlwein hat die Bulldogge quasi als vornehmes Accessoire der der britischen Upper Class hier in dieses Plakat eingefügt.

    Anna Scholz

    Zwei Sachen sind revolutionär an Hohlweins Plakat. Erstens: Er richtet es radikal an der Zielgruppe aus. Und erzählt ihnen kleine Bildergeschichten: vom exquisiten, luxuriösen Leben. "Hey, kauf diese schwarz-weiß-karierte Reithose und du wirst genauso lässig über deine Jagdgründe flanieren können." Schaut euch das Bild in unseren Shownotes an – oder eben in der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" von der Kunsthalle München und dem Münchner Stadtmuseum – und ich verspreche euch, dass ihr auch in schwarz-weiß-karierter Reithose über eure Jagdgründe flanieren wollt. Und zweitens: Hohlwein erzählt diese Miniatur-Geschichten anhand einer Person, die zentral im Mittelpunkt steht. Das macht’s auch wieder schön emotional und verführerisch. So wie Influencer*innen uns heute auf der ganzen Welt verführen.

    Ab der Scherrer-Kampagne kann Ludwig Hohlwein sich vor Plakat-Aufträgen nicht mehr retten. Generell boomt das Plakat-Geschäft. Das Plakat – als das Medium, das das Bild ins Zentrum rückt – wird neben der Zeitung zum Leitmedium der damaligen Zeit.

    Henning Rader

    Es gründen sich die ersten Vereine, wo Plakate gesammelt werden, wo man sich darüber unterhält, Plakate tauscht, Museen beginnen, Plakate zu sammeln und Ausstellungen zu erarbeiten und zu präsentieren. Also ist ein wahnsinniger Hype, der damals entsteht. Und ja, insofern wurden natürlich Plakate auch abgerissen.

    Anna Scholz

    Als Liebhaberstück für die Privatsammlung zu Hause. Kurz: Plakate haben extreme Gefühle ausgelöst. Positiv wie negativ.

    Henning Rader

    Die Kritik gegen die Plakate richtete sich vor allem gegen die Allgegenwärtigkeit und die Aufdringlichkeit, die Niveaulosigkeit der Plakate.

    Anna Scholz

    In einem Zeitungsartikel der Allgemeinen Zeitung von 1881 regt sich ein Kolumnist ausführlich über die Verschandelung der Stadt auf:

    "Kein Missverhältnis störte bisher die klassischen Linien, und selbst der ungebildete Wanderer empfindet die Wirkung eines wahrhaft schönen Anblickes. Und nun stellt man links und rechts an die Ecken der Universität und das Georgianum zwei jener scheußlichen Plakatsäulen, deren Harlekinsüberzug die ganze Umgebung so recht gründlich schändet.

    Bleibe die moderne Marktschreierindustrie doch wenigstens unseren klassischen Städten fern."

    Henning Rader

    Letztlich saß die Kritik aber eigentlich viel tiefer, denn letztlich ging es darum, dass mit der Industrialisierung sich die Wirtschaftsform radikal verändert hatte. Dadurch hatte sich natürlich auch die Kommunikationsform verändert. Es kamen Plakate auf, vor allem Bildplakate, und die Plakate wurden quasi als Synonym für die Moderne gesehen, die man als Bedrohung empfand.

    Anna Scholz

    Plakate haben durchaus ein bedrohliches Potenzial. Oder sagen wir allgemeiner: Bildmedien mit knappem Text. Wenn wir uns Provokateur Thomas Theodor Heine noch mal zuwenden: Ein Jahr nach der Erfindung seiner roten Dogge, 1898, veröffentlichte er eine Karikatur, die Kaiser Wilhelm II. und seine Reise nach Palästina kritisierte. Die Monarchie fühlte sich bedroht genug, dass sie Heine wegen Majestätsbeleidigung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilte. Nicht, dass Heine das gestoppt hätte. Hitler karikierte er genauso. Und musste deswegen und aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus Deutschland fliehen.

    Ludwig Hohlwein dagegen hat seine verführerischen Plakatkünste schon früh in den Dienst der NSDAP gestellt. Noch vor der Machtergreifung 1933.

    Henning Rader

    Als erfolgreicher Gestalter von Warenwerbung und von Produktplakaten konnte er nun seine Erkenntnisse nun auch in politische Werbung übertragen. Es ging darum, die Menschen auf emotionaler Ebene anzusprechen, mit Signalfarben zu arbeiten. Das war alles neu für die damalige Zeit. Und das verstanden die Nationalsozialisten in herausragender Weise für ihre eigenen Zwecke zu nutzen und zu instrumentalisieren.

    Anna Scholz

    Damit hat Ludwig Hohlwein das öffentliche Bild und die öffentliche Kommunikation der Nationalsozialisten maßgeblich geprägt. Das ist das Gefährliche daran, wenn Kommunikation so emotional ist: Sie kann sehr effektiv manipulieren.

    Bottomline: Kommunikation war auch früher schon emotional, nicht erst heute. Denn schon die moderne Plakatkunst hat herausgefunden, wie unsere Aufmerksamkeitsökonomie am besten funktioniert. Ein einprägsames Bild mit kurzem Text catcht unsere Aufmerksamkeit. Je zugespitzter, desto besser. Je emotionaler das Bild und je zugeschnittener auf die Zielgruppe, desto effektiver. Je mehr Hund, desto erfolgreicher. Und was früher auf diese Weise auf den wuseligen Straßen industrialisierter Städte kommuniziert wurde, findet heute überwiegend digital statt. Was passiert aber, wenn wir heute die Litfaßsäule quasi die ganze Zeit in unserer Hosentasche mit uns herumtragen? Und damit zurück ins Heute.

    An einem guten Tag sollen laut Statista auf TikTok 550.000 Videos hochgeladen werden. Wenn wir also bei unserem Litfaßsäulenbild bleiben, könnte man potenziell 550.000 neue "Plakate" an einem Tag sehen. Nur dass die sich auch bewegen, wild blinken und mit einem reden. Mal von der absolut überwältigenden Info-Flut abgesehen, ist die entscheidende Weiterentwicklung zu 1900 die Personalisierung der eigenen Litfaßsäule. Da wären wir wieder bei meiner heilen Social-Media-Blase aus Hundebabies und irischen Schauspielern. Die kreiert man sich ganz leicht, indem man dem Algorithmus der App sagt, was man mag:

    Prof. Anna Kümpel

    Wenn Instagram beispielsweise sieht, dass ich mir ständig Reels mit Hundebabies anschaue, dann werde ich beim nächsten Mal auch mehr Hundebabies kriegen.

    Anna Scholz

    Das ist Kommunikationswissenschaftlerin Anna Sophie Kümpel. Von ihr haben wir vorhin schon mal gehört.

    Prof. Anna Kümpel

    Also das sind natürlich erst mal so, ich sag mal ganz menschliche Prozesse, dass man auf solche emotionalen Inhalte irgendwie stärker reagiert, damit natürlich dann auch auf den Plattformen vielleicht stärker mit diesen Inhalten interagiert. Und die Algorithmen merken dann: Aha, das scheint bei vielen Leuten anzukommen. Das zeige ich vielleicht noch mehr Leuten, um eben auch mein Ziel, die Leute auf der Plattform zu halten, hier dann weiter verfolgen zu können. Das heißt, es sind dann tatsächlich so selbstverstärkende Prozesse.

    Anna Scholz

    Man könnte auch sagen: ein Emotions-Ping-Pong, das sich stets steigert und auch andere Leute anstecken soll. Ein Geschäftsmodell, von dem die großen Plattformen sehr stark profitieren. META, der Mega-Konzern hinter Facebook, WhatsApp und Instagram, hat 2024 einen Gewinn von 60 Milliarden Euro gemacht. So viel wie noch nie zuvor.

    Anna Scholz

    Professorin Kümpel leitet…

    Prof. Anna Kümpel

    …den Forschungs- und Lehrbereich Medienrezeption und Medienwirkungen an der LMU München.

    Anna Scholz

    Dort erforscht sie, wie Soziale Medien unsere Informationsnutzung, Meinungsbildung und damit gesellschaftliche Diskurse verändern. Ein wichtiger Aspekt ist, wie prägend der soziale Kontext für unsere Wahrnehmung von Posts ist. Also wer liked, teilt und kommentiert was wie. Der soziale Kontext ist immer wichtig für unsere Wahrnehmung. Aber online potenziert er sich enorm.

    Prof. Anna Kümpel

    Wir haben beispielsweise mal eine Studie durchgeführt, da haben wir Leuten ein und denselben Nachrichtenartikel gezeigt. Der einen Gruppe haben wir dazu dann aber negative Kommentare gegeben, die sozusagen gesagt haben "Was ist denn das für ein qualitativ minderwertige Artikel" und sozusagen den kritisiert haben. Der anderen Gruppe haben wir positive Kommentare gegeben, die also sozusagen die Qualität gelobt haben. Und obwohl es der genau gleiche Artikel war, haben wir dann rausgefunden, dass tatsächlich die Leute, die die negativen Kommentare gesehen und gelesen haben, den Artikel dann tatsächlich auch schlechter evaluiert haben. Die positiven Kommentare im Gegenteil haben aber nicht dazu geführt, dass er irgendwie besser beurteilt wurde. Und das finde ich schon sehr spannend.

    Anna Scholz

    Ich muss das noch mal betonen. Das Ergebnis war: Negatives beeinflusst unsere Wahrnehmung und das sogar stärker als Positives. Und das überrascht mich gar nicht. Ich höre Kritik an mir auch lauter als Komplimente. Soweit der Teil, wie die menschliche Psyche programmiert ist. Unsere eigene Programmierung trifft dann auf die Programmierung des Algorithmus, der all das potenziert, was ihm vorgelegt wird.

    Prof. Anna Kümpel

    Da kann man eigentlich auch schön wieder diese virale Metapher dann anwenden. Also je häufiger ich einem Virus ausgesetzt bin, desto wahrscheinlicher ist es ja, dass ich selber krank werde. Und so ähnlich ist es da auch. Je häufiger ich einen Inhalt sehe und vielleicht auch eine Emotionalität, die mit einem Inhalt verbunden ist, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass sich das auch auf mich überträgt und ich dann vielleicht wütender werde oder entsprechend stärker in meinen Emotionen bin.

    Anna Scholz

    Das heißt, wir reagieren nicht nur mit starken Gefühlen auf Posts, sondern können andere damit auch noch anstecken oder uns anstecken lassen. Das Ansteckungsrisiko ist in Zeiten digitaler Kommunikation besonders hoch, weil wir einer massiven Flut an Bildern ausgesetzt sind. Also: Ja, Soziale Medien machen uns irgendwie emotionaler, insbesondere wütender oder ängstlicher. Aber sie können nur verstärken, was sowieso schon in uns drin ist. Das ist bei Hundebabies harmlos. Wenn es aber um journalistische Inhalte oder Meinungsinhalte geht…

    Prof. Anna Kümpel

    Das ist insofern auch interessant bis bedenklich, weil wir eben auch wissen, dass nicht jeder auf Social Media kommentiert, sondern nur eine kleine Minderheit und die Meinungen somit auch nicht, nicht mal ansatzweise irgendwie repräsentativ wären oder die Bevölkerungsmeinung widerspiegeln. Aber die haben dann trotzdem einen Einfluss auf uns. Und wenn es eben gerade diese negativen Meinungen sind, da wissen wir eben auch, dass die eben durch den Algorithmus dann noch mal zusätzlich gepusht werden, was dann eben auch für die, für die Wahrnehmung dann natürlich noch mal Implikationen hat.

    Anna Scholz

    Ein Gedanke lässt mich da nicht los. Auf Social Media findet ja alles statt: Journalismus, Unterhaltung, Bildung, Meinungsbildung und dann eben auch Werbung. Aber alle Posts nutzen ein und dieselben Mittel: die der Werbung. Also die Verknappung, die Zuspitzung, die Emotionalisierung… Ja, das catcht unsere Aufmerksamkeit und Gefühle. Und je mehr Posts existieren, desto mehr muss man um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Aber es vermischt auch Dinge, die nicht miteinander vermischt werden sollten. Komplexe Inhalte können in einem 60-sekündigen Video oder einem Hochkantbild einfach nicht transportiert werden. Wenn wir uns also mehr und mehr digital informieren, verkürzt und beeinflusst das natürlich auch gesellschaftlich wichtige Debatten. Das macht mir Sorgen, weil das schnell dazu führen kann, dass gefühlte Wahrheiten wichtiger als Fakten werden, sowie sachliche Argumente untergehen. Können wir das wirklich gebrauchen, wenn es zum Beispiel um die Klimakrise geht? Gleichzeitig sollten wir Debatten über für die Menschheit wichtige Themen nicht wie Roboter führen. Leidenschaft ist ja auch sehr produktiv.

    Prof. Anna Kümpel

    Eine Emotion hält mich ja erst mal fest an dem Thema und animiert mich vielleicht auch dazu, selber zu einem Thema Position zu beziehen, mir dazu Gedanken zu machen. Das heißt, es kann eben ein Anstoß sein für mich, überhaupt mich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

    Anna Scholz

    Das haben wir zum Beispiel an den im Netz sehr erfolgreichen Aktivismus-Kampagnen wie #metoo und #blacklivesmatter gesehen.

    Prof. Anna Kümpel

    Es kann sicherlich hilfreich sein, in einem ersten Schritt mal so eine Emotion auch aufzumachen und zuzulassen, um die Leute erst mal an das Thema heranzuführen und dann aber wieder einen Schritt zurückzugehen und zu sagen okay, jetzt versuchen wir alle mal ein bisschen ruhiger zu werden und uns über die eigentlichen Argumente auszutauschen. Aber wie genau man diesen Schritt schafft, da habe ich leider auch keine Patentlösung.

    Anna Scholz

    Verdammt. Auf die hatte ich jetzt so ein bisschen gehofft.

    Aber vielleicht hat uns die heutige Zeitschleife doch eine mögliche Patentlösung für unsere aufgeheizte Debattenkultur aufgezeigt? Gucken wir doch noch mal hin. Die Plakatkunst des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts hat verändert, wie im öffentlichen Raum kommuniziert wird. Die Plakatkünstler*innen der Zeit haben herausgefunden, dass Plakate dann besonders viel Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie hauptsächlich mit Bildern und knappen Texten arbeiten. Je einprägsamer und zugespitzter, desto besser. Denn das kreiert und provoziert Emotionen. Gute, wie schlechte. Und dabei sind sehr ausdrucksstarke, wirksame Werke entstanden. So wirksam, dass wir heute noch so kommunizieren.

    Also die Antwort auf meine Frage, ob das Internet und Soziale Medien unsere Kommunikation verändern? Absolut. Aber es ist nicht so, dass es eine Zeit gab, in der emotionslos miteinander geredet wurde. Menschen sind von jeher Wesen voller Gefühle. Die moderne, digitale Kommunikation nutzt und verstärkt das, indem sie Inhalte stark potenziert und personalisiert. Also ja, Soziale Medien machen uns schon emotionaler, weil sie eben Mittel der Werbung nutzen, die uns emotionaler machen sollen. Leider ist es so, dass negative Gefühle von Menschen wie von Algorithmen bevorzugt werden. Schreien wir uns gerne an? Ja, kind of. Das war 1900 so. Das ist 2025 so. Schreien wir uns aber heute mehr denn je an? Gefühlt: ja. Faktisch: Nicht unbedingt. Aber es ist durchaus eine Tendenz zu erkennen, dass negative Gefühle und Reaktionen in der digitalen Kommunikation bevorzugt werden. Was dann wiederum Auswirkungen auf unser Offline-Leben hat.

    Eine Lösung ist vielleicht, zu verstehen, wie uns Inhalte präsentiert werden. Dass sie eben in erster Linie unsere Aufmerksamkeit und Gefühle wollen. Und wir können uns ja auch gerne ein bisschen von den Gefühlen anderer anstecken lassen. Aber bevor wir kommentieren, teilen und all die Gefühle aus dem digitalen Raum in den analogen tragen – wie wäre es, wenn wir eine alte Technik aus der Therapie anwenden? Erst einmal tief ein- und wieder ausatmen bevor wir handeln, bevor wir etwas posten oder kommentieren. Es funktioniert, ich schwöre. Am Ende des Tages müssen wir unsere Gefühle eben immer selbst regulieren.

    Geschichte mag sich nicht wiederholen, aber sie reimt sich. Aus ihren Rhythmen können wir lernen, wie wir unsere Gegenwart bewältigen und eine nachhaltige Zukunft gestalten. Wahrscheinlich werden wir auch zukünftig Zeitschleifen drehen und uns an Punkten wiederfinden, die wir aus der Geschichte kennen – und vielleicht ist das auch ganz gut? Aus Wiederholung lernt man schließlich. Wenn man denn möchte.

    Für heute war es das, in der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit Fernweh und Fremdenhass. Wenn euch diese Folge gefallen hat, freuen wir uns, wenn ihr den Podcast abonniert und weiterempfehlt. Die genannten Werke findet ihr digital in den Shownotes und analog noch bis zum 23. März 2025 in der Kunsthalle München, in der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich". Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt des Münchner Stadtmuseums und der Kunsthalle München. Schaut doch mal vorbei!

    "Zeitschleifen" ist ein Podcast des Münchner Stadtmuseums. Audioproduktion: Mucks Audio, Redaktion: Carolina Torres und das Team Kommunikation des Münchner Stadtmuseums, Autorin dieser Folge ist Janina Rook.

    Wir haben natürlich wieder ein schönes Goodie für euch zum Schluss. Als die Künstler*innen um 1900 rum erkannten, wie sehr Bilder als dominantes Kommunikationsmedium funktionieren, hat das ganz schön seltsame Blüten getrieben. Zum Beispiel hat man gerne vergessen, dass am Ende noch erkennbar sein muss, wofür eigentlich Werbung gemacht wird.

    Henning Rader

    Und ein ganz schönes Beispiel, das eben diese Diskrepanz zwischen Bild und Inhalt darstellt, ist ein Plakat von Bruno Paul, das er für eine Kunstausstellung entworfen hat und auf dem sind zwei Vögel zu sehen, zwei Reiher, übrigens auch ein ganz beliebtes Jugendstilmotiv, und die sind aber komplett auf ihre Konturen und auf ihre Flächen reduziert. Also sehr, sehr plakatives Blatt. Auch die Federn erscheinen wie Mosaike, also wie Ornamente auf dem Plakat. Und nur über den Text wird ersichtlich, dass es um eine Kunstausstellung, nämlich Kunst im Handwerk geht. Und nicht jeder der damaligen Zeitgenossen hat wohl sofort verstanden, wofür dieses Plakat wirbt. Es gibt eine ganz lustige Karikatur in der Zeitschrift "Die Jugend". Da ist ein Pärchen abgebildet, was vor dem Plakat steht und sich's anschaut und der Mann dann zur Frau sagt sinngemäß so etwas wie: "Schau mal her, da gibt es eine Vogelausstellung, da geh ma hin."

    Anna Scholz

    Das Plakat von Bruno Paul findet ihr auch in der Online-Sammlung und in der Ausstellung. Geht mal hin. Tschüss!

    Gierig auf Neues? Von Fernweh und Fremdenhass

    Staffel 1, Folge 6

    Erst wenn Sie zustimmen, erlauben Sie uns Daten von Podigee zu laden.

    Avocados, Kaffee, Tee, Zimt – Produkte aus fernen Ländern gehören längst zum deutschen Alltag. Doch wenn es darum geht, dass Menschen aus anderen Kulturen hierherkommen, gibt es häufig Vorbehalte. Ein Widerspruch, der spätestens seit der letzten Bundestagswahl nicht zu übersehen ist. Wie lässt sich dieser Spagat in der Haltung erklären?

    Gemeinsam mit Susanne Glasl, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Sammlung Grafik/Gemälde des Münchner Stadtmuseums, reisen wir zurück in die Anfangszeit der Globalisierung. Als der Ausbau der Handelsrouten den Import von Waren aus dem sogenannten Orient massiv vorantrieb, wurden exotische Produkte, Reiseberichte sowie Fotografien und Illustrationen fremder Länder auch für das Bürgertum zugänglich. Die Sehnsucht nach der Ferne wuchs – und sie wurde von einem kolonialistischen Weltbild geprägt: Europäer betrachteten sich als überlegen gegenüber den Völkern ihrer Kolonien. Diese Denkweise hat tiefe Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken – wie der Historiker und Kolonialforscher Dr. Kim Todzi von der Universität Hamburg erklärt.

    Shownotes

    Inhalt

    [00:00] Einleitung
    [08:46] Reise in die Vergangenheit Interview mit Susanne Glasl, Mitarbeiterin der Sammlung Grafik / Gemälde des Münchner Stadtmuseums
    [21:25] Zurück in die Gegenwart, Interview mit Dr. Kim Todzi, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Globalgeschichte an der Universität Hamburg
    [31:28] Zusammenfassung
    [33:40] Goodie(s)

    Abbildungen / Verweise

    Gebhardt Fugel, Paul Rieth als Japaner; aus dem Karikaturen-Album des Künstler-Sänger-Vereins, Münchner Stadtmuseum
    Hugo von Habermann, Baronesse Hertling als Geisha, 1887, Münchner Stadtmuseum
    Fa. Lith. Adolph Friedländer, "Das afrikanische Dorf" (Originaltitel), um 1910, Münchner Stadtmuseum
    Ludwig Hohlwein, „MITTELMEER-FAHRTEN / Norddeutscher Lloyd Bremen“ (Originaltitel), 1913, Münchner Stadtmuseum

    Quellen

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/zwischen-emanzipation-und-webstuhl-100.html
    https://reiseanalyse.de/wp-content/uploads/2024/03/RA2024_Erste_Ergebnisse_Broschuere.pdf
    https://taz.de/Rekord-rechtsextremer-Straftaten/!6069380/
    https://www.instagram.com/p/DGNW2ZOM487/?hl=de&img_index=1
    https://www.ifo.de/pressemitteilung/2025-02-18/mehr-auslaender-erhoehen-die-kriminalitaetsrate-nicht^
    https://www.youtube.com/watch?v=MvheR2KJYyY
    https://www.zdf.de/nachrichten/politik/ausland/donald-trump-gaza-umsiedlung-voelkerrecht-100.html
    https://www.un.org/depts/german/gv-early/ar1904_xviii_.pdf
    https://weltweit-erfolgreich.de/laender/land/LKA/uebersicht/#:~:text=Die%20wichtigsten%20Exporte%20sind%20Textilien,Deutschland%20und%20China%E2%80%8B%E2%80%8B.
    https://cdn.henleyglobal.com/storage/app/media/HPI/Henley%20Passport%20Index%202024%20June%20Global%20Ranking.pdf
    https://www.bpb.de/themen/nordamerika/usa/507013/black-lives-matter-eine-bestandsaufnahme/
    https://www.br.de/nachrichten/bayern/muenchen-rund-250000-demonstrieren-gegen-rechtsruck,UcCWtSn

    Weiterführende Ressourcen

    • Der Katalog zur Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich", Herausgegeben von Roger Diederen, Anja Huber, Nico Kirchberger, Antonia Voit, 2024, erhältlich im Online-Shop
    • Weitere spannende Einblicke in die Zeit und Kunst um 1900 in München gibt es noch bis 23. März in der Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" in der Kunsthalle München – eine gemeinsame Ausstellung der Kunsthalle München und des Münchner Stadtmuseums.

    Kontaktinformationen
    Die Redaktion ist zu erreichen unter presse.stadtmuseum(at)muenchen.de.

    Credits
    Recherche und Skript: Janina Rook
    Redaktion: Anna Scholz, Carolina Torres, Carol Pfeufer, Maria Tischner, Ulla Hoering, Lena Hensel
    Produktion: Anna Scholz, Carolina Torres, Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber
    Host: Anna Scholz
    Audio-Produktion: mucks audio (Sarah-Laurien Weiher, Johannes Weber)
    Musik: mucks audio (Johannes Weber)

    Transkription

    Anna Scholz, Host

    Susanne Glasl, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Sammlung Graphik / Gemälde, Münchner Stadtmuseum

    Dr. Kim Todzi, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Globalgeschichte an der Universität Hamburg

    ---

    Anna Scholz, Host

    Es ist Januar 2020. Ich stehe mit dem Surfbrett unterm Arm am Strand. Hinter mir säumen Palmen den ewig langen, tropischen Sandstrand. Unter mir umspült die Brandung meine Füße, ich wackel mit meinen Zehen. Und vor mir: die unendliche, blaue Weite des Indischen Ozeans. Wie so viele Europäer*innen hier in Sri Lanka bin auch ich zum Surfen hier. Sri Lanka ist ein Surferparadies. Und es ist neben Indien das Land des Ayurveda – die traditionelle Heilkunst, die stark auf Balance und Achtsamkeit setzt. Aber: Hier herrschte auch bis vor gar nicht so langer Zeit Bürgerkrieg. 26 Jahre lang. Bis er 2009 blutig beendet wurde. Am Abend bin ich vollkommen platt vom Surfen und mega hungrig. Das Essen auf der Insel ist fantastisch. Ich sitze in einem Restaurant und bestelle Reis und Curry. So simpel und so gut.

    Heute bin ich Mitte 30, aber schon mit zwölf hat mein Fernweh angefangen. Ich habe davon geträumt, aus meiner für mich langweiligen Kleinstadt zu fliehen und endlich mal was zu erleben. Ich wollte große Abenteuer wie im Fernsehen. Mit 16 gings dann endlich los: Ich habe ein Austauschjahr in den USA gemacht. Später ein Erasmussemester in Finnland. Den Master in Schweden. Schließlich noch ein Jahr arbeiten in den Niederlanden. Aber in Sri Lanka ist der culture clash für mich mit am Größten: Im Wasser waren vorhin nur einheimische Männer – surfende Frauen sind in der Regel Touristinnen. Auch auf Partys habe ich hauptsächlich Männer gesehen. Das ist ein Widerspruch hier: Frauen finden in der Öffentlichkeit nur wenig statt, also, wenn es um Freizeitgestaltung geht. Und doch ist Sri Lanka das erste Land der Welt, das eine Frau zur Premierministerin gewählt hat. Und das schon 1960!

    Während man also nur wenige singhalesische Frauen am Strand sieht, habe ich noch nicht einmal darüber nachgedacht, ob es okay ist, ins Wasser zu gehen. Und wenn ja, wie. – Ich habe mich einfach bewegt. Frei. Das ging, weil ich Europäerin bin. Und weiß. Auf der Welt geht ziemlich viel, wenn man weiße Europäer*in oder Nordamerikaner*in ist. Für die meisten anderen nicht.

    Der Autor Mark Twain soll einmal gesagt haben, "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich". Während sich also Orte, Menschen und Details ändern, würde doch immer wieder Ähnliches passieren. Manche Historiker*innen argumentieren auch, dass sich Geschichte in Pendelbewegungen vollzieht, also immer hin und her schwingt. Und diesen Spagat zwischen Fernweh und Rassismus, den halten wir gesellschaftlich schon ziemlich lange – oder? Darüber wollen wir in diesem Podcast sprechen. Hi, ich bin Anna Scholz, ich bin Journalistin, Kulturwissenschaftlerin und Sozialanthropologin und interessiere mich dafür, wie Gesellschaft uns formt – und wie wir die Gesellschaft formen. In der ersten Staffel von "Zeitschleifen" soll es um Themen gehen, die uns aktuell beschäftigen – aber nicht zum ersten Mal. Was lässt sich lernen von Menschen, die zu anderen Zeiten an ähnlichen Punkten standen?

    Ich erschlage euch jetzt mal mit ein paar Zahlen, also setzt euch vielleicht besser einen Helm auf. 54,6 Millionen Deutsche sind 2023 gereist. Und 78% von diesen Reisen gingen ins Ausland. All das ist Rekord laut der Reiseanalyse 2024 vom Verein "Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen".

    Aber die Liebe für andere Länder hört da nicht auf. Wir holen uns das Exotische auch gerne nach Hause. Wie zum Beispiel Avocados – liebe ich. Laut Statistischem Bundesamt haben wir 2023 sehr viele Avocados nach Deutschland importiert. Genauer: über 150.000 Tonnen. Das ist drei Mal das Gewicht der Titanic. Auch das ein Rekord. Man kann sagen: Wir Deutsche haben eindeutig Fernweh. Das bin nicht nur ich.

    Leider gibt’s da auch einen anderen Rekord, der mich ziemlich traurig und wütend macht. Laut Statistik des Bundeskriminalamtes wurden im Jahr 2024 41.406 Straftaten begangen, die rechtsextrem motiviert waren. Das ist ein Anstieg von über 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr!

    Im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2025 war die Begrenzung von Zuwanderung das dominierende Thema. Die meisten Stimmen haben die Parteien bekommen, die eine besonders abgrenzende und intolerante Haltung dazu hatten: Die konservative CDU und die vom Verfassungsschutz als teilweise rechtsextrem eingestufte Partei AfD.

    Eine Behauptung, die von diesen Parteien immer wieder aufkam: Migrant*innen und Ausländer*innen würden für höhere Kriminalitätsraten in Deutschland sorgen. Sie seien also besonders gefährlich. Belegen tun die Politiker*innen das nicht. Aber ich widerlege das gerne. Mit einer Studie der ifo, dem renommierten Institut für Wirtschaftsforschung, die 2025 veröffentlicht wurde. Für die Studie hat man sich die Kriminalitätsstatistiken der Polizei angeguckt und zwar pro Landkreis. Von 2018–2023. Dann hat man geschaut, wie viele Ausländer*innen im jeweiligen Landkreis im selben Zeitraum zugezogen sind. Und dann hat man geguckt, ob im Zusammenhang damit die Kriminalitätsrate gestiegen ist. Ergebnis: nein. Ausländer*innen machen Deutschland nicht krimineller. Man kann also sagen, dass im Wahlkampf eher mit Gefühlen als mit Fakten gegen Migrant*innen gehetzt wurde. Das wurde auch deutlich bei öffentlichen Stellungnahmen von Politiker*innen diverser Parteien nach den Attentaten in München und Aschaffenburg 2025. Sie instrumentalisierten die Taten sofort für ihren Wahlkampf.

    Apropos Hetze: Auch meine Freund*innen mit Migrations-Background berichten, dass sie auf der Straße und natürlich auch online immer öfter rassistisch angepöbelt werden. Lasst uns also das Kind beim Namen nennen: Deutschland hat ein Rassismus-Problem. Natürlich nicht nur Deutschland. Die westliche Welt insgesamt. Sogar der Imperialismus feiert ein Comeback. Länder sollen einfach wieder einverleibt werden. Wie im 19. Jahrhundert.

    Donald Trump

    We have the opportunity to do something that could be phenomenal. And I don’t want to be cute. I don’t want to be a wise guy but “The Riviera of the Middle East” – this could be something.

    Anna Scholz

    Ja, sorry, ich kann ihn ja auch nicht mehr hören, aber das war mal wieder: Donald Trump. Auf seiner Pressekonferenz vom 04.02.2025 mit dem Israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Da sagte der US-Präsident in Immobilien-Mogul-Manier, dass er für Gaza den Plan hat, es platt zu machen, “to level the site.”, wie er sagt. Um dann aus Gaza die, Zitat: “Riviera des Mittleren Ostens” zu machen. Quasi ein Urlaubsresort.

    Leute, was läuft hier schief? Wie kommt es, dass wir gleichzeitig so viel Liebe und so viel Hass für Andere und das Andere haben? Das kann sich im ganz Großen zeigen, dass man eine Volksgruppe umsiedeln will, um ein Urlaubsparadies zu bauen. Was natürlich nicht nur absurd ist, sondern auch gegen das Völkerrecht verstößt. Oder im Kleinen – für uns selbst kaum sichtbar und ungewollt – dass wir unsere Privilegien beim Reisen nicht checken. Wie kommen wir aus dieser Schieflage raus? Das wollen wir heute beantworten. Ohne in apokalyptische, anxiety-geschwängerte Gedankenspiralen zu fallen. Sondern irgendwie hoffnungsvoll. Ich geb’ mein Bestes. Und zum Glück tue ich das nicht alleine. Hier ist schon mal Susanne Glasl vom Münchner Stadtmuseum, sie ist Mitarbeiterin der Sammlung Grafik/Gemälde:

    Susanne Glasl, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Sammlung Grafik/Gemälde, Münchner Stadtmuseum

    Ich denke, zum einen ist es immer gut zu sehen, dass eine gewisse Gleichzeitigkeit von Strömungen in der Gesellschaft eigentlich immer vorhanden sind. Das heißt, wir haben jetzt eben viel über Stereotypisierungen und rassistische Diskriminierungen gegenüber nichteuropäischen Kulturen gesprochen. Gleichzeitig gab es aber auch schon damals die Idee und die Bemühungen darum, diese Kulturen ernst zu nehmen und einen gewissen Umgang mit auf Augenhöhe herzustellen. Das sollte man nicht aus dem Blick verlieren. Das kann einem dann auch etwas Mut machen, dass es nie ganz so dunkel aussieht, wie man das auf den ersten Blick so wahrnimmt.

    Anna Scholz

    Danke schon mal dafür, Susanne. Wir wissen aber auch, dass der moderne Rassismus seine Wurzeln im Kolonialismus hat. Der boomte in Deutschland im frühen 20. Jahrhundert wie sonst nur der Hunger nach exotischen Kulturgütern. Ok. Wird dringend Zeit, in die Vergangenheit zu reisen.

    In meiner Fantasie würde ich 1909 so reisen: Ich stehe mit dem Koffer unterm Arm geklemmt an der Reeling eines riesigen Dampfschiffs. Hinter mir säumen viele Reisende aus ganz Europa das oberste Deck. Und dann werden wir reingespült, in den Hafen von Kairo. Und vor mir: das unendliche, laute Gewusel der größten Stadt Nordafrikas. Und wenn ich ehrlich bin ist das eigentlich ein Mix aus den Filmen “Tod auf dem Nil”, “Die Mumie” und “Indiana Jones: Jäger des Verlorenen Schatzes”. Alles Filme, die irgendwann in den 1920ern und 1930ern spielen. Aber sich alle dieser Stereotypen des sogenannten Orients bedienen.

    Die Realität würde sehr wahrscheinlich eher so aussehen: Als Frau und Spross einer Arbeiterfamilie hechte ich auf einer vielbefahrenen Straße in München zur Arbeit. Ich spurte vorbei an den vielen Plakaten, die mir von der weiten Welt erzählen. An einer Wand hängt ein Plakat mit drei Geishas, die Zigaretten aus Japan anpreisen. An der Litfaßsäule an der nächsten Ecke macht ein Theater Werbung für Sent M’Ahesa, eine “altägyptische Tänzerin”, die bauchfrei Hieroglyphen interpretiert, aber eigentlich Else von Carlberg heißt und aus Riga kommt. Mir ist das egal, denn so lange ich mir das Reisen selbst nicht leisten kann, soll die Welt eben zu mir kommen.

    Deutschland war damals schon ziemlich besessen von fernen Ländern und Kulturen.

    Susanne Glasl

    Mein Name ist Susanne Glasl. Mein Spezialgebiet in meiner persönlichen Forschung ist der Orientalismus des 19. Jahrhunrtdert.

    Anna Scholz

    Wenn man im 19. und frühen 20. Jahrhundert von “Orient” redet, meint man damit ein ziemlich großes Gebiet, das von Marokko über Indien bis Japan reicht. Es wird da sehr viel in einen Topf geschmissen, um es milde auszudrücken.

    Susanne Glasl

    Deutschland war damals ein Kolonialreich. Wir hatten aktive deutsche Kolonien in Afrika, unter anderem aber auch auf den polynesischen Inseln, zum Beispiel in Deutsch Samoa, wie es damals genannt wurde. Und die Kolonialisierung von fremden Ländern und fernen Kulturen wurde als etwas Positives gesehen, also eine Erweiterung des Deutschen Reiches.

    Anna Scholz

    Man dachte, dass man diese "unzivilisierten" Kulturen mit deutscher Kultur “retten” könne. Und die Deutschen wollten sehr viele “retten”. 1914 war das Deutsche Reich die drittgrößte Kolonialmacht der Welt, hinter Großbritannien und Frankreich. Zwei große Konkurrenten, denen man in Sachen Kolonialismus und Machteinfluss in nichts nachstehen wollte. Zu den deutschen Kolonien gehörten unter anderem Teile von China, Papua-Neuguinea, Kongo, Ghana und Namibia. Letzteres hat eine besonders blutige Geschichte. Mit dem deutschen Völkermord an Herero und Nama.

    Es gab durchaus vereinzelte Stimmen aus der Politik, die dies zurecht kritisierten. Die wurden jedoch überhört. Denn die erste Welle der Globalisierung bringt den Deutschen und anderen westeuropäischen Ländern viel Aufregendes, dank des Ausbaus von Handelsrouten.

    Susanne Glasl

    Und das führte dazu, dass man auf einmal auch als bürgerliches Mitglied der Gesellschaft viel mehr Zugang und Zugriff auf Produkte des sogenannten Orients, in Anführungszeichen, von fernen Ländern und Kulturen hatte und viel mehr in Kontakt gekommen ist mit Illustrationen, mit Fotografien, mit Reiseberichten. Und das hat zu einer großen Welle des Enthusiasmus, eines Trends im Grunde, in ganz Westeuropa dazu geführt, zum Orient hin.

    Anna Scholz

    Das führte auch zum Konsum vieler Luxusgüter. Tee aus China, Kimonos aus Japan, Architektur aus Marokko. All das konnte man jetzt bequem zuhause konsumieren. Wo sehr gerne konsumiert wurde. Mit dem Einzug der Industrialisierung und dem damit einhergehenden großen Angebot an Produkten, verstanden sich Bürger*innen des Deutschen Reiches immer mehr als Konsument*innen. Kaufen – it’s a thing!

    Susanne Glasl

    Und somit wurde diese Region eben als eine Art Sehnsuchtsort immer populärer. Ein Sehnsuchtsort, auf den viel Fantasien, westliche Fantasien projiziert wurden. An dem man sich loslösen kann aus den Fesseln der Zivilisation, wie sie im Westen damals bestanden hat. Also dieses Fernweh, diese Fernlust, war also ein ganz großes Leitmotiv dieser Zeit.

    Anna Scholz

    Diese Fernlust ist also mit exotischen Produkten sehr eng verknüpft. Ein Beispiel: der Kimono. Zwei davon kann man in der Ausstellung “Jugendstil. Made in Munich” finden, einem gemeinsamen Projekt des Münchner Stadtmuseums und der Kunsthalle München. Genauer gesagt sind es zwei Porträts von zwei Münchner*innen, die Kimonos tragen. Da gibt es einmal das Ölbild “Baronesse Hertling als Geisha” von Hugo von Habermann. Und “Der Künstler Paul Rieth als Japaner” von Gebhard Fugel. Die Baronesse ist in einen weißen Kimono gekleidet, mit rosa Blüten im dunklen Haar. Der Künstler trägt einen roten Kimono und unter einem Sonnenschirm. Beide gucken verschmitzt den oder die Betrachter*in an.

    Susanne Glasl

    Sie beide sind sich bewusst, dass sie etwas, etwas Transgressives möglicherweise machen, etwas Verspieltes, etwas Exzentrisches. Das hat was ganz Prickelndes. Deshalb hat das auch die Bohème damals und die Avantgarden, auch der Jugendstil, waren ganz vorne mit dran, diese exotischen, orientalistischen Motive und Produkte zu konsumieren, sich eben auch selbst teilweise in diesen Kleidern und Gewändern, also Kostümen muss man sagen, des Orients zu kleiden und sich in dem Sinne zu stilisieren, das war etwas, was, ja, ein Statussymbol im Grunde.

    Anna Scholz

    Wenn ich mir das Porträt vom Jugendstil-Künstler Paul Rieth so angucke, macht es irgendwie Spaß. Es ist humorvoll. Lässig. Man hat das Gefühl, er liebt die japanische Kultur. Aber er trägt den Kimono auch eher wie… ja, wie Susanne schon sagt, wie ein Kostüm. Paul Rieth inszeniert sich selbst. Kreiert eine öffentliche Persona als gebildeter Mann von Welt. Würde er heute leben, wäre es wahrscheinlich sein Social-Media-Profilbild. Aber um eine wirkliche Auseinandersetzung mit der japanischen Kultur auf Augenhöhe geht es dem Künstler hier wohl weniger.

    Susanne Glasl

    Ich glaube, der Reiz liegt eben tatsächlich darin, das Fremde oder das Exotische in Besitz zu nehmen. Es geht nicht mehr so sehr darum, wie es noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts vielleicht noch mehr der Standard war: Ich reise in den Orient und habe dort eine Fremdheitserfahrung, sondern ich bleibe zuhause. Ich bleibe in meinem Kontext und kann aber dieses Fremdartige in Besitz nehmen als Produkt nicht, nicht als Gegenüber, sondern als Produkt, das ich konsumieren kann.

    Anna Scholz

    Das sieht man besonders gut an der Plakatkunst des Jugendstils. Über die haben wir in Folge 5 gesprochen, hört da gerne rein, wenn es euch interessiert. Das Wichtige an der Plakatkunst hier nochmal in Kürze: Sie “erfindet” quasi die sehr reduzierte Darstellung – große Farbflächen, knapper Text, sehr prägnant, sehr darauf fokussiert, die Aufmerksamkeit von Passant*innen zu catchen. Sie kreiert damit die moderne Werbung, wie wir sie heute noch kennen.

    Ein Plakat, das auch in der Ausstellung “Jugendstil. Made in Munich” hängt und ihr wie immer in den Shownotes findet, ist von Ludwig Hohlwein. Dem König der Plakatkunst. Das Plakat ist von 1913 und heißt “Mittelmeerfahrten Norddeutscher Lloyd Bremen”. Es ist Werbung für eine Schifffahrtsgesellschaft. Man sieht im Vordergrund einen Schwarzen Jungen in einem knallroten Gewand. Er reitet auf einem Esel, auf den oder die Betrachter*in zu. Im Hintergrund sehen wir silhouettenhaft Dromedare und ein Dampfschiff. Und ansonsten ist das Bild sehr flächig und leer: Die untere Hälfte ist eine beige Fläche, die obere orange. Typisch für ein Werbeplakat ist es einfach sehr reduziert.

    Susanne Glasl

    Es ist kein Hinweis auf eine größere Stadt, auf eine Metropole, auf eine Hochkultur. Es scheint eine rein agrarbasierte Kultur zu sein. All das sind natürlich rassistische und koloniale Vorurteile und Stereotypisierungen, die mit der tatsächlichen Kultur vor Ort in Nordafrika wenig zu tun hat, die aber ein Bild der dortigen Kultur und Verhältnisse dem westlichen Betrachter vermitteln sollen. Die Abenteuerlichkeit und Fernweh und die Fantasie von “1001 Nacht” den Betrachter näherbringen soll.

    Anna Scholz

    Man könnte jetzt sagen, wie soll ein Plakat es auch schaffen, mit seinen reduzierten Mitteln komplexe Kulturen darzustellen? Klar. Aber problematisch wird es, wenn das die einzigen Bilder sind, die man von einer anderen Kultur sieht.

    Um 1900 herum wird das Plakat neben der Zeitung zu dem Massenmedium schlechthin. Es ist das einzige Medium der Zeit, das das Bild ins Zentrum stellt. Fotos sind noch nicht zum Massenmedium aufgestiegen. Und Gemälde hängen an wenigen Orten, in Museen, Häusern oder Wohnungen. Aber Plakate, die hängen einfach überall in der Stadt. Und viele von diesen Plakaten bewerben exotische Kulturgüter mit Darstellungen von Menschen dieser anderen Kulturen. Wie zum Beispiel unser “Mittelmeerfahrten”-Plakat hier. Aber diese Bilder sind so verknappt, dass sie stereotyp werden. Diese Stereotypen festigen rassistische Vorstellungen, wie eben “der unzivilisierte Orient”. Und die werden so erst massenhaft unter die Leute gebracht. Rassistische Bilder gab es natürlich auch schon vorher. Aber eben eher für das Großbürgertum und die Elite im Museum oder Salon. Jetzt werden sie für die breite Masse der Gesellschaft zugänglich.

    Susanne Glasl

    Diese rassistischen Stereotype sind dann so allumfänglich und überall antreffbar, dass sie in gewisser Weise zur Realität werden. Man nimmt das dann einfach als normalen Teil der Alltagswelt da und so diese Attitüde überträgt sich dann natürlich auch auf den eigenen Umgang mit den Kolonien oder mit anderen Kulturen.

    Anna Scholz

    Eine weitere Begegnung mit anderen Kulturen findet damals bei den sogenannten Völkerschauen statt. Wo Menschen wie Tiere im Zoo ausgestellt werden. Beispielsweise mit “Samoa in München”. Es wurde auf der Münchner Theresienwiese 1910 ein fiktives Dorf aufgestellt, das die Lebensweise der polynesischen Samoa-Inseln im Südpazifik darstellen sollte. Samoa war zu der Zeit deutsche Kolonie. Also holte man Samoaner*innen nach München, die ihre Lebensweise vorleben sollten. Absolut menschenfeindlich, absolut rassistisch. Hier angemessen in die Tiefe zu gehen, würde leider den Rahmen dieses Podcasts sprengen. Aber wer mehr dazu lesen möchte, für den haben wir weiterführende Quellen in den Shownotes verlinkt.

    Egal welche Bilder die deutsche Gesellschaft um 1900 herum von anderen Kulturen sieht – sie sind immer reine Projektionsfläche. Auf die man sehr viel projizieren kann: Positives, wie Negatives. Dekadenz, Frivolität, sexuelle Freizügigkeit, Disziplinlosigkeit, Abenteuer, Ursprünglichkeit, Freiheit, Ausbrechen aus Normen, Rückkehr zu Normen. Das Bedürfnis nach Projektion war extrem hoch. Auch für die, die es sich leisten konnten, in den sogenannten Orient zu reisen. Warum? Da gibt es mal wieder zwei gegensätzliche Strömungen. Die einen wünschten sich, sich von den strikten Normen des Deutschen Reiches zu befreien. Frei vom erdrückenden Alltag. Frei von monarchischen Hierarchien oder der prüden, europäischen Sexualmoral leben. Die anderen wollten zu den “guten, alten Werten” zurückkehren.

    Susanne Glasl

    Also es gibt beinahe schon apokalyptische Befürchtungen, dass also die westliche Kultur, die hohe westliche Kultur, dem Niedergang im Niedergang begriffen ist, untergeht, dass sich die westlichen Werte degradieren und sich auflösen. Und man erhofft sich, dass bestimmte authentische Werte sich vielleicht dann außerhalb Europas wiederfinden können.

    Anna Scholz

    Konkrete Bedrohungen waren zum Beispiel die rasant fortschreitende Technologisierung und die Frauenbewegung. Mehr zu diesen beiden Themen hört ihr in den Folge 2 und 3.

    Susanne Glasl

    Also die Idee, dass Frauen auf einmal mehr in den öffentlichen Raum treten, andere Positionen einnehmen, einfach hörbar und sehbar sind außerhalb der typischen klassischen, tradierten Frauenpositionen. Und das alles hat eine große Nervosität und Angst ausgelöst, in vor allem natürlich auch der männlichen Gesellschaft, aber insgesamt der Gesellschaft. Weil man gesehen hat, okay, unsere alten, tradierten Strukturen und Dichotomien lösen sich langsam etwas auf. Und das führt zum Niedergang unserer Hochkultur.

    Anna Scholz

    Natürlich hatte man auch ein anderes Interesse: neue Märkte zu erschließen und viel Geld zu machen. Dazu gleich mehr.

    Ich fasse erst erst noch mal kurz zusammen: Im Fin-de-Siècle blühte das Fernweh der Deutschen so richtig auf. Sie waren fasziniert und inspiriert von der östlichen und südlichen Welt. Man wollte die Fremde konsumieren. Trinken. Anziehen. Es wird mehr gereist. Aber der Austausch fand selten auf Augenhöhe statt. Stattdessen geht es um Aneignung. Die eigenen, westlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Rassistische Stereotypen verfestigen sich, werden erst Alltag, dann Teil unseres kulturellen Gedächtnisses. Man kann sagen, der moderne Rassismus hat hier seine Wurzeln. Und damit zurück zu heute.

    Newsflash für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Offiziell wurde der Kolonialismus abgeschafft. Die Vereinten Nationen erklärten 1963, dass sie alle Formen der Rassendiskriminierungen beseitigen wollen, inklusive Kolonialismus. Der Weg dahin war blutig und beschwerlich. Viele Kriege und Aufstände waren dafür nötig. Und der Kolonialismus hat bis heute Spuren hinterlassen. Bei den kolonisierten Ländern und den Kolonialherrschern.

    Dr. Kim Todzi, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Globalgeschichte an der Universität Hamburg

    Ein klassischer Einstieg, den ich wähle. Ist: Sie haben mit Sicherheit irgendwas aus Baumwolle an. Sie haben mit Sicherheit ein Smartphone, das mit Seltenen Erden produziert wurde. Das heißt also, auch heute noch sehen wir ihn in bestimmten Waren, in bestimmten Produkten globale Ketten, Warenketten, die in ähnlicher Weise strukturiert wurden, wie sie im Kolonialismus strukturiert waren.

    Anna Scholz

    Das ist Kim Todzi. Er ist Historiker an der Universität Hamburg und forscht zur Kolonialgeschichte und Geschichte der Globalisierung. Er spielt hier auf das Metall Kobalt an. Kobalt ist essentiell für zum Beispiel wiederaufladbare Batterien in Handys und Laptops. Ohne Kobalt wären wir heute aufgeschmissen. Und ohne Kobalt könntet ihr diesen Podcast wahrscheinlich gar nicht hören. Es ist im Vergleich zu 1900 kein Luxusgut, was wir uns da aus der Ferne holen, sondern existenziell für unsere digitale Welt.

    Kim Todzi

    etwa im Ostkongo. Dort gibt es Minen, die teilweise unter härtesten Bedingungen Menschen zum Abbau dieser Mineralien bringen. Das heißt also, wir sehen unterschiedliche Formen Arbeitsformen von freier Lohnarbeit über fast schon Zwangsarbeitsverhältnisse in diesen Produktionsstätten. Diese Materialien werden dann an verschiedenen Standorten weiterverarbeitet, aber die Wertschöpfung findet dann eigentlich im globalen Norden statt.

    Anna Scholz

    Das heißt, Menschen im Ost-Kongo arbeiten für wenig bis kein Geld. Und Großkonzerne im globalen Norden, z. B. in Nordamerika oder Europa, werden dank dieser Arbeit stinkreich. Ähnliches sehen wir auch bei der Produktion von meinen geliebten Avocados. Die werden zwar in Kolumbien oder Peru tonnenweise angebaut, aber größtenteils in Europa konsumiert. Oder, wenn wir noch mal nach Sri Lanka gucken: Die Textilindustrie gehört mit 40% zum wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes. Einer der Hauptabnehmer: Europa, insbesondere Deutschland. Also dass wir in Europa heute so viel und so günstig konsumieren können, geht dank der Länder des globalen Südens. Von denen einige mal zum sogenannten Orient gehört haben. Mit dem Unterschied: Das, was früher als Luxusgut galt, konsumieren wir heute ganz selbstverständlich.

    Was für uns westliche Europäer*innen heute auch selbstverständlich ist: das Reisen. Der deutsche Reisepass ist der zweitmächtigste Reisepass der Welt laut dem jährlichen Henley Passport Index.

    Kim Todzi

    Das heißt, Sie haben einen deutschen Pass, dann haben Sie die Möglichkeit, sehr viele Länder sehr einfach zu bereisen. Diese Möglichkeit steht Menschen aus dem globalen Süden überhaupt nicht offen, selbst wenn sie dieselbe Neugier und dieselbe Offenheit und dasselbe Interesse zu reisen hätten, dürften sie das in der Regel gar nicht in derselben Form machen wie wir.

    Anna Scholz

    Der sri-lankische Pass ist nur auf Platz 97 von 107. Wenn ich an meine Reise nach Sri Lanka denke, überkommt mich schon das schlechte Gewissen. Es ist nicht so, dass ich mit Scheuklappen reise und Ungleichheiten nie sehe. Aber es ist halt auch einfach, sie nicht zu sehen, wenn man sie selbst nicht erfährt. Oder aus dem stressigen Alltag raus ist und an einem schönen, fremden Ort relaxt und Neues erlebt.

    Kim Todzi

    Dann aber muss man eben schon ergänzend hinzufügen, dass ich glaube, Neugier auf etwas Fremdes überhaupt nicht schlecht ist. Das ist auch etwas, was ich nicht verurteilen würde. Und gerade die Auseinandersetzung mit dem Fremden führt ja dazu, dass man überhaupt anders umgehen kann. Auch mit der “Was ist denn eigentlich die eigene Identität?” Problematisch wird es, glaube ich, in dem Moment, wenn man sozusagen sich in gewisser Weise entkoppelt und das Fremde tatsächlich nur als Fremdes wahrnimmt, ohne dass man damit in irgendeiner Form eine Auseinandersetzung führt.

    Anna Scholz

    Hier finden wir eine Antwort darauf, wie wir aus unserer Schieflage zwischen Fernweh und Fremdenhass wieder rauskommen könnten. Zumindest auf individueller Ebene: im Surf-Urlaub nicht nur mit den anderen Westlern Zeit verbringen, sondern auch mal mit den dort lebenden Menschen reden. Die Gemeinsamkeiten zu sehen, nicht nur die Unterschiede. Ich weiß, das klingt jetzt wahnsinnig banal und es ist auch keine Garantie. Natürlich muss man dafür offen sein. Denn es ist gar nicht so einfach, Vorurteile abzuschütteln. Vor allem nicht, wenn wir in Deutschland damit schon so lange sozialisiert werden. Zum Beispiel die Idee, dass Menschen anderer, vermeintlich weniger zivilisierter Länder vom Westen gerettet werden müssen. Diese Idee haben wir heute noch.

    Kim Todzi

    Also das ist ja auch so ein beliebtes Freiwilliges Soziales Jahr. Ich gehe jetzt ein Jahr nach Afrika – unspezifiziert, wohin – ich gehe jetzt ein Jahr irgendwo nach Afrika und baue Brunnen. Und dann habe ich meinen Dienst an der Menschheit getan. Das ist eine – also ich will das gar nicht individuell verurteilen, aber es ist eine eigene Vorstellung davon, dass man sozusagen als Retter in eine Gesellschaft kommt, die eigentlich nicht selbst imstande ist, sich zu versorgen und die nicht für diese Dinge zuständig ist.

    Anna Scholz

    Das nennt man auch “White Saviour”-Komplex, und das ist unter anderem so stark, weil unsere Medien heute noch suggerieren, wie schlecht es um nicht-westliche Länder bestellt ist.

    Kim Todzi

    Wenn Sie sich mal die Berichterstattung über den afrikanischen Kontinent und verschiedene Länder im afrikanischen Kontinent in deutschen Medien anschauen, dann werden Sie feststellen, dass überwiegend wir eine reine Katastrophenberichterstattung vorfinden.

    Anna Scholz

    Ich probiere das mal aus und gehe auf tagesschau.de, Ende Februar 2025. Ich klicke auf das Ressort Afrika. Und tatsächlich, das sind die ersten Schlagzeilen: “Kongo und Ruanda: Angst vor einem regionalen Krieg” – dann: “Die Welt hat den Sudan vergessen”. Ich scrolle mal weiter: “Kampf gegen Genitalverstümmelung”. Und dazwischen gab es jetzt keine guten News. Klar, Nachrichtenformate haben die Tendenz eher von Negativem als Positivem zu berichten. Doch wie bei der Plakatkunst von 1900 stoßen wir dann auf dasselbe Problem: Wenn Leitmedien verknappt kommunizieren, dann haben wir keine komplexen Darstellungen anderer Kulturen. Die kriegen wir dann vielleicht, wenn wir gezielt Literatur lesen oder in all diese Länder reisen. Aber wer hat die Zeit und das Geld dafür? So bleibt schnell das Bild hängen: “Bei uns in Europa läuft zum Glück alles besser.”

    Kim Todzi

    Und diese, diese Vorstellung, dass die europäische politische und gesellschaftliche Kultur das Maß aller Dinge ist, zu der sich alle anderen Gesellschaften entwickeln müssten, ist eben eine Basis dafür, dass man auch heute noch sich sozusagen in einem Selbstbild verewigt, in dem die Europäer “Wir haben's geschafft, wir sind die beste jemals existierende Gesellschaft. Alle anderen Gesellschaften müssen sich an unserem Leitbild orientieren.”

    Anna Scholz

    So kommen wir schnell zu Vorstellungen, dass Menschen aus anderen Ländern vermeintlich unzivilisierter und damit sehr wahrscheinlich auch krimineller seien. Und sowas will die vermeintlich überlegene deutsche Kultur nicht zuhause haben. Was wir von früher lernen können, ist, dass wir immer noch in ziemlich alten Mustern festhängen.

    Aber – und hier kommt ein gutes Aber! – wir sehen auch, dass wir weitergekommen sind. Fangen wir beim Bare Minimum an: Sklaverei wurde abgeschafft. Kolonialismus wurde abgeschafft. Und wenn es noch Formen dessen gibt, werden sie zumindest geächtet. Ich glaube auch, dass wir heute ein größeres Bewusstsein für Ungleichheiten haben. 2020 hat die “Black Lives Matter”-Bewegung in Nordamerika und Europa ein neue Welle der Anti-Rassismus-Bewegung losgetreten, bei der sich noch nie so viele weiße Allies gezeigt haben. Am 8. Februar 2025 haben in München auf der Theresienwiese über 250.000 Menschen gegen Rechts protestiert. Wie auch in vielen anderen deutschen Städten. Ich sehe es auch an mir persönlich: Ich hinterfrage sehr viel mehr meine Privilegien als weiße Westeuropäerin. Und das ist eine starke Möglichkeit, wie wir auf Augenhöhe kommen:

    Kim Todzi

    Ich glaube, wenn man ein Bewusstsein erstens für die Privilegien hat, das heißt die man nicht durch eigene Leistung, sondern nur durch den Zufall der Geburt erworben hat, wenn man sich dessen bewusst wird und dann sozusagen nicht versucht, in diese Falle des Rassismus zu tappen. Der sagt: ja und weil du weiß bist, bist du auch in irgendeiner Form besser. Dann glaube ich, ist es jetzt gar kein Problem, neugierig zu sein. Ich würde sagen, das ist etwas, was total gut ist.

    Anna Scholz

    Also Fernweh-Haben ist eine ziemlich gute Sache. Solange man nicht nur sein Gepäck, sondern auch die Scheuklappen am Flughafenschalter aufgibt. Okay, gerne auch schon zuhause aufgibt. Hier noch mal Susanne Glasl vom Münchner Stadtmuseum:

    Susanne Glasl

    Ich denke, wir sollten daraus lernen, dass ein Kulturtransfer auf Augenhöhe für alle beteiligten Kulturen letztendlich von größerer Bedeutung und von größerer Nachhaltigkeit ist als eine reine Ausbeutung und eine reine Aneignung gegen den Willen der ausgebeuteten Kultur. Ich denke, dass wir alle davon profitieren könnten, aus der Vergangenheit zu lernen und aus vergangenen Attitüden zu lernen.

    Anna Scholz

    Das hat uns diese Staffel auf jeden Fall gezeigt: Wir tragen heute noch Attitüden mit uns herum, die wir vor über 100 Jahren schon hatten. Die guten wie die schlechten. Und sie haben damals auch schon in all ihrer Widersprüchlichkeit gleichzeitig existiert: Wir haben eine Bewegung für und gegen Frauenrechte gesehen, für eine technische Innovation und gegen sie, für Fortschritt und für Rückschritt. Wir sind ständig in Bewegung und Gegenbewegung. Ich komme deshalb nicht drumrum zu denken: Sind wir verdonnert, in den ewig selben Zeitschleifen festzuhängen? Nur dass sie halt jedes Mal einen neuen Anstrich bekommen, dem Zeitgeist angepasst werden. Oder kommen wir wenigstens ein bisschen weiter?

    Kim Todzi

    ich glaube, wir sehen immer Druck von einer Seite, der mit Gegendruck von einer anderen Seite beantwortet wird. Und dadurch sehen wir schon so etwas wie eine gesellschaftliche Entwicklung Nur ist das eben auch nicht das Ende. Das heißt also, es modernisiert sich, es verändert sich.

    Anna Scholz

    Wir kommen also voran. Wenn auch, wie ich finde, sehr langsam. Aber darum wiederholt sich Geschichte auch nicht. Sie reimt sich nur. Zum Glück.

    Aus ihren Rhythmen können wir lernen, wie wir unsere Gegenwart bewältigen und eine nachhaltige Zukunft gestalten. Wahrscheinlich werden wir auch zukünftig Zeitschleifen drehen und uns an Punkten wiederfinden, die wir aus der Geschichte kennen – und vielleicht ist das auch ganz gut? Aus Wiederholung lernt man schließlich. Wenn man denn möchte.

    Für heute und die erste Staffel war es das. Wir produzieren aber fleißig weiter und sind im Laufe des Jahres mit Staffel zwei zurück.

    Wenn euch unsere Folgen gefallen haben, freuen wir uns, wenn ihr den Podcast abonniert und weiterempfehlt. Dann verpasst ihr auch die nächste Staffel nicht. Die genannten Werke findet ihr digital in den Shownotes und analog noch bis zum 23. März 2025 in der Kunsthalle München, in der Ausstellung “Jugendstil. Made in Munich”. Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt des Münchner Stadtmuseums und der Kunsthalle München. Schaut doch mal vorbei!

    “Zeitschleifen” ist ein Podcast des Münchner Stadtmuseums. Audioproduktion: Mucks Audio, Redaktion: Anna Scholz und das Team Kommunikation des Münchner Stadtmuseums, Autorin dieser Folge ist Janina Rook.

    Zum Staffelfinale haben wir nicht nur ein, nein, zwei Goodies zum Abschied für euch!

    Nummer eins kommt von Susanne Glasl: Nicht nur Europäer*innen hatten um 1900 rum Fernweh. Japaner*innen zum Beispiel auch.

    Susanne Glasl

    Das ist zum einen Kamisaka Sekka, ein berühmter japanischer Künstler und Designer. Der 1901 nach Glasgow gereist ist und dort mit der sogenannten New Art, also der neuen Art des Jugendstils, wie sie im englischsprachigen Raum genannt wurde, in Kontakt gekommen ist. Und tatsächlich vor allem mit der Bezeichnung New Art sehr perplex war. Weil er eben Elemente aus der japanischen Kunst und Prinzipien aus der japanischen Kunst in diesen Objekten gesehen hat, die seit Jahrhunderten in der japanischen Kunst angewendet werden. Also absolut tradierte Ikonografien. Und war da etwas vor den Kopf gestoßen.

    Anna Scholz

    Upsi, erwischt! – Und hier kommt unser zweites Goodie. Outtakes aus der Produktion unseres Podcasts. Viel Spaß! Und bis hoffentlich bald.


    Besuchsinformation

    Öffnungszeiten

    Interimsausstellung “What the City. Perspektiven unserer Stadt” im historischen Zeughaus
    Dienstag–Sonntag 11.00-19.00 Uhr
    Eintritt frei

    Filmmuseum – Vorstellungen
    Dienstag / Mittwoch 18.30 Uhr und 21.00 Uhr
    Donnerstag 19.00 Uhr
    Freitag / Samstag 18.00 Uhr und 21.00 Uhr
    Sonntag 17.00 Uhr

    Das restliche Museum ist aufgrund der Generalsanierung aktuell geschlossen.

    Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln

    S/U-Bahn Station Marienplatz
    U-Bahn Station Sendlinger Tor
    Bus 52/62 Haltestelle St.-Jakobs-Platz

    Kontakt

    St.-Jakobs-Platz 1
    80331 München
    Tel. +49-(0)89-233-722370
    E-Mail stadtmuseum(at)muenchen.de
    E-Mail filmmuseum(at)muenchen.de

    Kinokasse Tel. +49-(0)89-233-724150

    Informationen zur Von Parish Kostümbibliothek in Nymphenburg