6. Oktober 2017 – 21. Januar 2018
Adolphe Braun. Ein europäisches Photographie-Unternehmen und die Bildkünste im 19. Jahrhundert

Das Münchner Stadtmuseum richtet erstmals im deutschsprachigen Raum eine Retrospektive des französischen Fotografen Adolphe Braun (1812-1877) aus. Ausgehend von einem umfangreichen Sammlungsfundus und weltweiten Leihgaben präsentiert die Ausstellung circa 400 Originalaufnahmen des Fotografen und weitere 20 Gemälde internationaler Künstler.

Adolphe Braun zählt zu den prägendsten und einflussreichsten Fotografen im Europa des 19. Jahrhunderts. Sein fotografisches Debut feierte der ehemalige Textildesigner in Paris auf der Weltausstellung von 1855, wo er eine Serie von Blumenstudien präsentierte. Die Schönheit des bekannten Stillleben-Genres in der Fotografie begeisterte das internationale Publikum derart, dass sich die Aufnahmen nicht nur als Vorlagen für Handwerker durchsetzten, sondern auch in der Kunstwelt Aufsehen erregten. Von da an zeigte sich der Franzose außerordentlich experimentier-freudig im Umgang mit dem Fotoapparat. So waren Adolphe Braun, einige Familienmitglieder sowie Mitarbeiter – die gemeinsam das Fotografieunternehmen "Ad. Braun et Co." aufbauten – Pioniere der Alpenfotografie. Großformatige Ansichten der Schweizer Berge entstanden durch riskante Expeditionen ins Hochgebirge und stießen in Wissenschaftskreisen sowie bei Touristen auf großes Interesse. Sie dokumentieren eine Naturlandschaft, die sich im Zuge der Industrialisierung und des Klimawandels rapide wandelte und gehören auch heute noch zu den eindrucksvollsten Bildern der Alpenwelt.

Adolphe Braun, Aletsch-Gletscher, Kanton Wallis, 1862-1865, Albuminpapier © Münchner Stadtmuseum
Adolphe Braun, Schafherde, 1860-1862, Albuminpapier © Münchner Stadtmuseum
Adolphe Braun, Jagdstillleben mit Hase, 1867, Abzug um 1930, Pigmentdruck © Musée Unterlinden, Colmar
Adolphe Braun, Elsässerin, um 1871/72, Pigmentdruck © Münchner Stadtmuseum

Inspiriert und beeindruckt von Brauns Fotografien fertigte der französische Maler Gustave Courbet das Gemälde „Château Chillon“ des gleichnamigen Schweizer Seeschlosses an. Das Bild wird an zentraler Stelle in der Ausstellung neben Werken von Alexandre Calame und in Bezug zu den Fotografien gezeigt. Insgesamt zwölf Kapitel stellen den Bildkosmos von Adolphe Braun in den Verbund mit den Bildenden Künsten des 19. Jahrhunderts. Die malerische Wirkung von Unschärfe entdeckte Braun in einer Serie von Porträts, die jedoch keine Personen wiedergaben, sondern Pferde, Schafe oder Kühe. Maler wie Rosa Bonheur oder Albert Heinrich Brendel bemächtigten sich dieser Tieraufnahmen, um sie als Modellstudien für Gemälde zu nutzen. Dem toten Tier in seiner Funktion als Memento mori – ein klassisches Motiv der Kunst seit der Frühen Neuzeit – widmete sich eine Serie großformatiger Jagdstillleben, denen wiederum der amerikanische Maler William Harnett bei einer Reise nach München begegnete und der fortan die amerikanische Stilllebenmalerei revolutionierte. Auch ein in der Kunst des 19. Jahrhunderts weit verbreiteter Orientalismus fand in Brauns Fotografien Ägyptens eine neue Inspirationsquelle. Obwohl die Serie 1869 aus Anlass der Eröffnung des Suezkanals entstanden war, handelte es sich nicht um journalistische Ereignisaufnahmen. Die Ägyptenbilder sind pittoreske Ansichten der unverwechselbaren Natur um den Nil und ergänzten so etwa die Studien des Malers Eugène Fromentin.

Ein enger Vertrauter von Adolphe Brauns Sohn Gaston war der Elsässer Maler Jean-Jacques Henner. Sowohl das Fotografieunternehmen als auch der Künstler interessierten sich für die Folklore des Elsass und der Schweiz. Aus dieser Faszination entstanden Genre-Szenen und Kostümstudien, doch die farblosen Fotografien wurden, um den Gemälden in nichts nachzustehen, aufwendig von Hand koloriert. Das Resultat war jedoch eher Kitsch als Kunst, weshalb sich der Markt dieser Fotografien auf ein regionales Interesse begrenzen musste. Umgekehrt dienten dann aber auch Jean-Jacques Henner Brauns Bilder als Vorlagen. Besondere Relevanz erlangten die Reproduktionen von Kunstwerken und Zeichnungen führender europäischer Museen und Privatsammlungen für Künstler. Noch bevor die Firma 1885 die Stellung als offizieller Fotograf des Louvre innehatte, entstanden über 30.000 Aufnahmen von, dem Geschmack der Zeit nachkommend, maßgeblich italienischer, niederländischer und französischer Kunst. Zum Beispiel dokumentierten die Fotografen 1869 Michelangelos Fresken der Sixtinischen Kapelle, was neben der künstlerischen auch die kunstwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Fotografie anregte. Die auf dem fotografischen Bild basierende Wahrnehmung prägte die im Entstehen begriffene Wissenschaftsdisziplin, und bedeutende Kunsthistoriker der Zeit kooperierten eng mit dem Unternehmen Adolphe Brauns.

Inmitten der Arbeiten an den Reproduktionskampagnen verwüstete der Deutsch-Französische Krieg Städte und Landstriche in Frankreich. Zur Dokumentation der Kriegsschäden wie auch zur Herstellung kommerziell rentabler Ruinenaufnahmen fertigte Braun 1871 Ansichten von Paris und Belfort an. Eine dieser Fotografien spiegelt eine Ikone der Kunst zur Pariser Kommune wider: Ernest Meissoniers Gemälde „Ruines du Palais des Tuileries“. Den territorialen Verlust von Elsass und Lothringen nach dem für Frankreich verlorenen Krieg betrauerten überdies Brauns allegorische Darstellungen einer Elsässerin und einer Lothringerin in traditionellen Kostümen. Die Motive wurden aufgrund ihrer hohen Symbolkraft nicht nur in Abzügen, sondern auch in Druckgrafik und Postkarten, auf Porzellan oder Stoff verbreitet.

Zur Ausstellung erscheint ein 340-seitiger Katalog im Schirmer/Mosel Verlag mit Texten der Herausgeber Ulrich Pohlmann und Paul Mellenthin sowie Jan von Brevern, Christian Kempf, Dorothea Peters, Marie Robert, Aziza Gril-Mariotte und Bernd Stiegler.

Zur Ausstellung kann ein Audio-Guide in Deutsch und Englisch an der Museumskasse kostenfrei ausgeliehen werden.

Die Ausstellung und der Katalog werden von der Ernst von Siemens Kunststiftung und dem Verein "Freunde des Münchner Stadtmuseums e.V." gefördert.

„Die Förderung ist motiviert durch die intensive Forschungsarbeit des Münchner Stadtmuseums zu seinen umfangreichen Beständen des französischen Fotografen Adolphe Braun. Die durch zahlreiche internationale Leihgaben ergänzte Retrospektive des Kunstfotografen ist eine Ausstellung ganz im Sinne unseres Gründers Ernst von Siemens, der die wissenschaftliche Erschließung und Vermittlung der Kunst unterstützen wollte“, freut sich Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung.

Dank des Engagements des Freundeskreises des Münchner Stadtmuseums konnten erfreulicherweise zwei bedeutende Serien des Fotografieunternehmers Adolphe Braun erworben werden: 52 Ägyptenaufnahmen von Gaston Braun während der Eröffnung des Suezkanals 1869 und fünf großformatige Porträts der preußischen Generalität im Deutsch-Französischen Krieg 1870-71.

Außerdem danken wir herzlich Frau Ruth Rosner, München, für die Unterstützung bei der Erwerbung von Adolphe Brauns Panorama-Stereoaufnahmen von München und Schweizer Ansichten.

Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Musée Unterlinden in Colmar, die anschließend im Frühjahr 2018 dort gezeigt wird.

Publikation

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, ca. 340 Seiten im Schirmer/ Mosel Verlag mit Texten der Herausgeber Ulrich Pohlmann und Paul Mellenthin sowie Jan von Brevern, Christian Kempf, Dorothea Peters, Marie Robert, Aziza Gril-Mariotte und Bernd Stiegler, der an der Museumskasse und im Online-Shop für 39,80 € erhältlich ist.