Munich Roots – ein Veranstaltungsformat des Münchner Stadtmuseums

2024 und 2025 hat das Münchner Stadtmuseum das internationale Begegnungs- und Erinnerungsformat "Munich Roots" ausgerichtet. Anlass war die Restitution von Silberobjekten aus der sogenannten Silberzwangsabgabe von 1939 an die rechtmäßigen Eigentümer*innen. Im November 2024 nahmen acht Familien mit 18 Teilnehmer*innen unterschiedlichen Alters aus Argentinien, Deutschland, England, Israel, Italien und den USA teil. Im Oktober 2025 folgten acht weitere Familien mit 20 Teilnehmer*innen aus Israel, Deutschland, England, Mexiko, der Schweiz und den USA.

Das Silberprojekt

Die Provenienzforscherin des Münchner Stadtmuseums, Dr. Regina Prinz, startete im Frühjahr 2023 ein Forschungsprojekt zur Ermittlung der Erb*innen für die Rückgabe von 140 Silberobjekten aus der Sammlung Angewandte Kunst, die aus der sogenannten Silberzwangsabgabe von 1939 stammten. Diesem Projekt waren intensive Recherchen gemeinsam mit dem Bayerischen Nationalmuseum vorangegangen, die es erstmals ermöglichten, diesen 140 Silberobjekten insgesamt 46 Familiennamen zuzuordnen. Seitdem recherchierte das Münchner Stadtmuseum zu den Nachfahr*innen der betroffenen Familien, um die Stücke an die rechtmäßigen Eigentümer*innen zurückgeben zu können.

Für diese umfangreiche internationale Erb*innensuche erhielt das Museum eine Förderung vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste. Bis Februar 2026 konnten bereits 130 Silberobjekte an 39 Familien restituiert werden, weitere sechs Fälle sind in Vorbereitung. Im Zuge des Projekts kontaktierte das Projektteam bestehend aus Dr. Regina Prinz, Dr. Marius Wittke und Maja Jakubeit mit Unterstützung von Rebecca Friedman (Holocaust Claims Processing Office of the New York State of Department Financial Services) über 40 Familien auf der ganzen Welt. Im Dialog stellten die Familien viele Fragen, etwa nach den Wohnorten ihrer Vorfahr*innen, nach deren Berufen und ihren Grabstätten. So entstand die Idee, die Familien nach München einzuladen, um diese Fragen vor Ort zu beantworten und ihnen individuell und persönlich einen Einblick in ihre "Münchner Wurzeln" zu vermitteln. Einige der Gäste waren zum ersten Mal in Deutschland und in München, der einstigen Heimat ihrer Vorfahr*innen.

Eine Woche der Begegnung und Erinnerungsarbeit

Mit der Unterstützung von elf Kooperationspartnern organisierte das Münchner Stadtmuseum für fünf Tage ein vielseitiges Programm aus Workshops, Vorträgen und Führungen. Die Woche war geprägt von intensiver Beschäftigung mit der Vergangenheit und bewegenden Momenten.

Der Eröffnungsabend im NS-Dokumentationszentrum bildete den Auftakt der gemeinsamen Woche, bei dem sich alle Besucher*innen erstmals kennenlernen und die Kooperationspartner*innen für diese Woche persönlich treffen konnten.

Ein emotionaler Moment des Eröffnungsabends war 2024 das erste Zusammentreffen zweier Familienzweige aus den USA und Argentinien, die sich zuvor gar nicht kannten. Auch 2025 kam es zu einem erstmaligen Zusammentreffen von Familienzweigen aus den USA und Mexiko. "Munich Roots" bot ihnen die Möglichkeit, sich zum ersten Mal persönlich in München zu begegnen.

"That a silver sugar spoon, made by Louis Wollenweber in 1823, stolen from my father’s aunt, Hedwig Metzger in 1939, brought me together with family members, who I did not know and would never have met had it not been for Munich Roots, is nothing short of astonishing and deeply meaningful."

"Dass mich ein silberner Zuckerlöffel, gefertigt 1823 von Louis Wollenweber und 1939 meiner Großtante väterlicherseits, Hedwig Metzger, geraubt, zu Familienmitgliedern geführt hat, grenzt schon an ein kleines Wunder und ist zutiefst bedeutungsvoll. " (eine Teilnehmerin)

Spurensuche in den Archiven

Die Workshops im Bayerischen Hauptstaatsarchiv und Staatsarchiv München sowie im Stadtarchiv München bildeten die Kernpunkte der Veranstaltungswoche, in denen die Teilnehmer*innen zahlreiche neue Erkenntnisse zu ihrer Familiengeschichte gewinnen konnten.

Zur Einführung gaben die Archivar*innen einen Überblick über die Archivstrukturen, die Art der Quellenbestände und deren Relevanz für die Familienforschung. Im Anschluss konnten die Familien die individuellen Aktenbestände ihrer Vorfahr*innen in die Hand nehmen, durchblättern und erforschen. Hierbei erhielten sie eine individuelle Unterstützung beim Lesen, Übersetzen und Einordnen der Dokumente.

"Being able to touch documents that belonged to our ancestor and that have probably been touched by some Nazi at that time has had a very strong emotional impact. Everything was very moving, some documents in particular we will never forget." 

"Die Papiere unserer Vorfahren selbst zu berühren, Akten, die damals wahrscheinlich durch die Hände der Nazis gegangen sind, hat uns emotional stark aufgewühlt. Der ganze Besuch war bewegend, doch einige Dokumente haben sich unauslöschlich in unser Gedächtnis eingeprägt." (eine Teilnehmerin)

Im Staatsarchiv und Hauptstaatsarchiv konnten die Teilnehmer*innen mit den Dokumenten aus der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegsjahre, wie beispielsweise Vermögensverzeichnisse, Entschädigungs- und Wiedergutmachungsakten, arbeiten. Diese Unterlagen zeigen eindrücklich den Verlust des Besitzes und die oft bürokratisch schwierigen und langwierigen Rückerstattungsverfahren.

Im Stadtarchiv konnten unter anderem Meldebögen und standesamtliche Unterlagen entdeckt werden, die es ermöglichten, das alltägliche Leben der Vorfahr*innen nachzuvollziehen. Das Auffinden von Fotos unbekannter Familienmitglieder waren dabei ganz besondere Momente.

Weitere Quellen im Stadtarchiv belegen wiederum die Verfolgungsmaßnahmen der Nationalsozialisten, unter anderem Dokumente zur Silberzwangsabgabe, wie zum Beispiel ein Adressbuch aller Jüdinnen und Juden, die von dieser Maßnahme betroffen waren. Für mehrere Familien lagen auch Kennkarten-Doppel mit Porträtfotos ihrer Vorfahr*innen vor.

"The workshops produced very interesting insights into my grandfather's life in Munich. […] Finding the records of my grandfather's loss of his doctorate and right to practice as a lawyer was also moving."

"Die Workshops lieferten äußerst spannende Erkenntnisse über das Leben meines Großvaters in München. […] Die Unterlagen über den Entzug seines Doktortitels und seiner Anwaltszulassung aufzufinden, war besonders bewegend." (eine Teilnehmerin)

Die Teilnehmer*innen hatten außerdem die Gelegenheit, eigene Dokumente aus ihrem Familienbesitz zu dem Workshop im Stadtarchiv mitzubringen.

Momente der Verbundenheit

Bewegende Momente gab es auch bei dem Besuch der Familiengräber auf dem Alten und Neuen Israelitischen Friedhof und in der Synagoge Ohel Jakob. Im "Gang der Erinnerung" in der Synagoge fanden die Teilnehmer*innen die Namen ihrer Vorfahr*innen auf der künstlerischen Installation von Georg Soanca-Pollak. Auf den hinterleuchteten Glasplatten stehen die Namen von über 4.500 Münchner Jüdinnen und Juden, die während der Zeit des Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden.

"I felt most connected at the cemetery and Synagogue – it was very moving."

"Besonders verbunden fühlte ich mich meinen Ahnen auf dem Friedhof und in der Synagoge – es waren ergreifende Momente." (eine Teilnehmerin)

Auch bei dem Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau wurde das Archiv für die Teilnehmer*innen geöffnet, um die individuellen Quellen ihrer Vorfahr*innen zu sichten. Mehrere Teilnehmer*innen sahen dort Originaldokumente, die die Internierung ihrer Familienangehörigen in Dachau belegten.

Einblicke in die Stadtgeschichte und Museumsbesuche

Grundlegende historische Kenntnisse zur Zeit des Nationalsozialismus wurden im NS-Dokumentationszentrum, im Zentralinstitut für Kunstgeschichte sowie bei einer thematischen Stadtführung vermittelt.

Im Jüdischen Museum München besuchten die Teilnehmer*innen 2024 die Ausstellung "Bildgeschichten. Münchner Jüdinnen und Juden im Porträt", während 2025 die Ausstellung "Die Dritte Generation. Der Holocaust im familiären Gedächtnis" im Mittelpunkt stand.
In dieser Ausstellung ist ein eigenes Modul enthalten, das sich explizit mit dem Thema Restitution am Beispiel der Silberobjekte aus dem Münchner Stadtmuseum und dem Format "Munich Roots" beschäftigt. Ein Teilnehmer, dessen Familie eines der Silberobjekte dem Jüdischen Museum München als Schenkung überlassen hatte, konnte das Objekt aus dem Besitz seiner Vorfahrin dort erstmals im Original sehen.

"My entire being is enriched by this, far beyond my wildest expectations."

"Dies ist eine Bereicherung für mein ganzes Leben – und übertrifft selbst meine kühnsten Erwartungen." (ein Teilnehmer)

Von der Vergangenheit in die Zukunft

Ein abschließender Workshop mit fünf Kurzvorträgen bot Impulse, wie Familienforschung und Erinnerungsarbeit nach "Munich Roots" weitergeführt werden können. Themen wie die Beantragung von Erinnerungszeichen (Barbara Hutzelmann / Dr. Maximilian Strnad, Public History München) oder Ausstellungsprojekte zum jüdischen Leben und kulturellen Erbe in Bayern (Dr. Meyrav Levy, Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern) wurden vorgestellt. Rebecca Friedman vom Holocaust Claims Processing Office of the New York State of Department Financial Services, die während der gesamten Woche die Gruppe begleitet hatte, erläuterte ihre Unterstützung bei weiteren Recherchen. Dr. Christian Fuhrmeister gab Einblicke in die Projektförderungen für Familien beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste.

Zwei Berichte zeigten inspirierende Möglichkeiten der Erinnerung an die Familiengeschichte und gemeinsamen Perspektiven in der Zukunft auf. Jamie Hall erläuterte die Vereinsgründung und Projektidee von "The Wallach Project" der Nachfahr*innen der Inhaber des bekannten Münchner Trachtengeschäfts. 2024 hatte Antonia Cox ihre kürzlich erschienene Buchpublikationen zu den Kinderbriefen ihres Vaters, Edgar Feuchtwanger, aus dem Exil von 1939 präsentiert.

Der Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, Dr. Ludwig Spaenle, besuchte 2024 den Workshop, um ein persönliches Grußwort an die Teilnehmer*innen zu richten.

"Your care, preparation, and generosity truly shaped our time in Munich, and it has helped launch the beginning of an exciting journey of learning and discovery for all of us.  We hope to continue deepening our understanding in the months and years ahead."

"Ihre Hilfsbereitschaft, umsichtige Planung und Großzügigkeit haben unseren Aufenthalt in München zu etwas ganz Besonderem gemacht. Zugleich haben Sie für alle den Grundstein zu einer spannenden Reise des Lernens und Entdeckens gelegt. Wir hoffen, unser Verständnis in den kommenden Monaten und Jahren weiter ausbauen und vertiefen zu können." (ein Teilnehmer)

Feierlicher Abschluss   

Einige Familien entschieden sich für eine Schenkung der restituierten Objekte an das Jüdische Museum München oder das Münchner Stadtmuseum. Den Familien war besonders wichtig, dass die Geschichten der Objekte und die individuellen Familienschicksale öffentlich gezeigt und erzählt werden.

2024 wurden bei einer feierlichen Abendveranstaltung im Jüdischen Museum diese Silberobjekte mit persönlichen Redebeiträgen von Familienmitgliedern präsentiert.

Im Jahr 2025 fand der Abschluss im Filmmuseum statt und verband einen Rückblick auf die Woche mit persönlichen Beiträgen von Familienmitgliedern. Anschließend wurde der Film „A Deal with the Devil“ gezeigt, der damit seine Deutschlandpremiere feierte und auf Recherchen einer Teilnehmerin basiert.

"For me, it was a once-in-a-lifetime occasion. Meeting the other families was a moving experience, full of warmth, kindness and togetherness – even though we didn’t know each other at all before."

"Es war für mich eine 'once in a lifetime' Erfahrung mit bewegenden Begegnungen voller Wärme, Herzlichkeit und Zusammengehörigkeit – und das obwohl die Familien sich vorher gar nicht kannten." (eine Teilnehmerin)

Ein neues Format

Die zum Teil kleinen Silberobjekte haben in den Familien einen Prozess angestoßen: Sie wurden zum Auslöser einer intensiven Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Als persönliche Gegenstände aus Familienbesitz schaffen sie eine emotionale Verbindung – sie lenken den Blick zurück, eröffnen die Erforschung der Münchner Stadtgeschichte ausgehend von der eigenen Familiengeschichte. Zugleich weisen sie in die Zukunft, sie ermöglichen etwas Neues und knüpfen Verbindungen in die ganze Welt.

"It is not simple to put into words everything that I experimented during this process because it involved not only learning new facts and finding out about events that I had not heard of before, but also the sharing of feelings and impressions with other members of the group, many of which helped clarify my own. I was struck by the pride with which one of the participants, who was born and lives in israel, expressed that she feels Bavarian. Another of the participants, a young person accompanying their mother, reflected on the parallels of some of the current events with what transpired during the rise of Hitler and his first years in power. In fact, this theme kept on recurring among many of us. One of the other participants, a psychologist, is in the process of writing a memoir. He is certainly more competent than I am to transmit many of the ideas that would be essential to pass on to future generations.

A final reflection is that the experience has been extraordinarily enriching from a personal perspective, but also, I have the desire to explore the manner in which all the information we have now gained can somehow be of more widespread benefit, especially given current events and the difficulty of preserving and disseminating facts, as opposed to erroneous opinions and disinformation campaigns."

"Es fällt mir nicht leicht, all das Erlebte in Worte zu fassen. Denn es ging nicht nur um neues Faktenwissen oder um die Einordnung bestimmter Ereignisse, die mir bislang unbekannt waren. Mindestens ebenso wichtig war der Austausch mit den anderen Mitgliedern unserer Gruppe – das gemeinsame Sprechen über unsere persönlichen Gefühle und Eindrücke. Viele von ihnen halfen mir, größere Klarheit über meine eigenen Gefühle zu gewinnen. Besonders erinnere ich mich an eine Teilnehmerin, die stolz erzählte, sie fühle sich als Bayerin – obwohl sie in Israel geboren wurde und dort auch lebt. Ein junger Mann, der seine Mutter begleitete, zog Parallelen zwischen heutigen Entwicklungen und jenen Ereignissen, die den Aufstieg Hitlers und seine ersten Jahre an der Macht prägten. Tatsächlich kreisten viele unsere Gespräche immer wieder um dieses Thema. Ein weiterer Teilnehmer, von Beruf Psychologe, arbeitet gerade an seinen Memoiren. Sicherlich wird er viele der Gedanken, die auch für kommende Generationen unverzichtbar sind, eindringlicher und präziser vermitteln können, als ich es hier vermag.

Abschließend noch eine persönliche Anmerkung: Ich habe diese Begegnung als ungemein bereichernd empfunden. Gleichzeitig beschäftigt mich die Frage, inwieweit sich die gewonnenen Erkenntnisse über unseren Kreis hinaus sinnvoll weitertragen lassen - gerade angesichts der Entwicklungen, die wir heute erleben, und der zunehmenden Schwierigkeit, in Zeiten von Fehlinformationen und Desinformationskampagnen Fakten als solche anzuerkennen und zu vermitteln." (eine Teilnehmerin)


Ein besonderer Dank geht an die elf Kooperationspartner für ihre Unterstützung:

  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv
  • Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern
  • Jüdisches Museum München
  • KZ-Gedenkstätte Dachau
  • Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern
  • NS-Dokumentationszentrum München
  • Public History München
  • Staatsarchiv München
  • Stadtarchiv München
  • Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
  • Zentralinstitut für Kunstgeschichte

 

Mehr zur Recherche im Hauptstaatsarchiv

 

Mehr zum Workshop im Stadtarchiv München


Besuchsinformation

Öffnungszeiten

Interimsausstellung “What the City. Perspektiven unserer Stadt” im historischen Zeughaus
Dienstag–Sonntag 11.00-19.00 Uhr
Eintritt frei

Filmmuseum – Vorstellungen
Dienstag / Mittwoch 18.30 Uhr und 21.00 Uhr
Donnerstag 19.00 Uhr
Freitag / Samstag 18.00 Uhr und 21.00 Uhr
Sonntag 18.00 Uhr

Das restliche Museum ist aufgrund der Generalsanierung aktuell geschlossen.

Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln

S/U-Bahn Station Marienplatz
U-Bahn Station Sendlinger Tor
Bus 52/62 Haltestelle St.-Jakobs-Platz

Kontakt

St.-Jakobs-Platz 1
80331 München
Tel. +49-(0)89-233-722370
E-Mail stadtmuseum(at)muenchen.de
E-Mail filmmuseum(at)muenchen.de

Kinokasse Tel. +49-(0)89-233-724150

Informationen zur Von Parish Kostümbibliothek in Nymphenburg