Die weite Reise eines Dirndls auf dem Weg ins Münchner Stadtmuseum
E-Mail-Korrespondenz zwischen Marisa Wolf und Dr. Isabella Belting, Leitung der Sammlung Mode / Textilien / Von Parish Kostümbibliothek des Münchner Stadtmuseums
Mail von Marisa Wolf am 8. Februar 2023
„Sehr geehrte Frau Belting,
das Dirndl, welches ich Ihnen als Foto angehängt habe, stammt von meiner Urgroßmutter Gertrud. Sie hatte es damals für ihre Tochter, also meine in Äthiopien lebende Großmutter Elke gestrickt. Meine Großmutter mochte die Bayerische Tracht sehr gerne, obwohl sie nicht in Bayern geboren worden ist. Jedenfalls trug sie fortan dieses Dirndl, wenn jährlich im Hilton Hotel in Addis Abeba das Oktoberfest gefeiert wurde.
Vielleicht haben Sie Interesse es sich einmal näher anzuschauen. Wenn es im Kleiderschrank verstaubt, dachte ich, wäre es schade drum.“
Mail von Isabella Belting am 10. Februar 2023
„Liebe Frau Wolf,
das Kleid sieht interessant aus, vor allem mit der Geschichte dazu.
Wir nehmen das Dirndl gerne in unsere Modesammlung auf - je mehr Infos und eventuell Fotos dazu, desto besser!“
Mail von Marisa Wolf vom 17. Februar 2023
„Tatsächlich konnte ich noch ein Foto auftreiben. Meine Großmutter Elke trägt hier das rote Dirndl und meine Mutter und Tante tragen die grünen Dirndl, die ebenfalls von meiner Urgroßmutter Gertrud angefertigt wurden. Allerdings hatte sie diese genäht und nicht gestrickt. Da der Minirock zu der Zeit sehr „in“ war, enden die Röcke entsprechend oberhalb vom Knie. Das Foto wurde in Addis Abeba geschossen. Zu dem Zeitpunkt wohnten sie in einer Siedlung namens Bole Homes. Das war im Dezember 1975.“
Mail von Großmutter Elke Yilma vom 5. März 2023
„Sehr verehrte, liebe Frau Dr. Belting,
mit großer Freude habe ich Ihren Zeilen entnehmen können, für die ich mich sehr herzlich bedanke, dass das schöne Dirndl meiner Mutter in Ihrem Museum nun einen wohlverdienten Platz finden wird.
Von den Kleidchen der Kinder ist leider nur noch eines vorhanden. Ob noch weitere und vor allem bessere Fotos aus der Zeit existieren, ist fraglich, zumal damals häufig Dias gemacht worden sind. Dennoch werde ich bemüht sein, alte Alben zu durchforsten.
Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Freude bei Ihrer wunderschönen und außergewöhnlichen Tätigkeit. Mit nochmaligem Dank und herzlichen Grüßen aus dem Hochland Äthiopiens.“
Mail von Großmutter Elke Yilma vom 26. März 2024
„Liebe Frau Dr. Belting,
bin eben noch bei meinen Schwestern in Düsseldorf. Kommenden Sonntag geht's vorerst zurück nach Frankfurt zur Tochter. Das noch existierende Kleidchen eines der Kinder habe ich mitgebracht. Marisa wird sich um die Weiterleitung nach München kümmern. Mit herzlichen Grüßen zum Osterfest - Ihre Elke Yilma.“
Mail von Marisa Wolf vom 12. April 2024
„Liebe Frau Belting,
meine Großmutter fliegt morgen wieder zurück nach Äthiopien. Ich werde in den nächsten Wochen nach Frankfurt fahren und das Kinder-Dirndl abholen, um es Ihnen dann im Anschluss zu überreichen!“
Ein Dirndl in Addis Abeba – Tracht und Heimatgefühl in Äthiopien
Von Marisa Wolf
Wenn ich das Foto meiner Großmutter Elke betrachte, sehe ich sie im Dirndl – nicht auf einem bayerischen Dorfplatz, sondern mitten in Addis Abeba. Für mich ist dieses Bild besonders interessant, denn damals konnte niemand ahnen, dass ich später zum Studieren nach München ziehen und selbst ein Dirndl tragen würde. So schließt sich der Kreis auf unerwartete Weise. Dabei hat unsere Familie weder mütterlicherseits noch anderweitig eine Verbindung zu Bayern oder zur Tracht.
Doch wie kam das Dirndl nach Äthiopien?
Meine Großmutter Elke wuchs nach dem Krieg in Düsseldorf auf, wo sie Anfang zwanzig meinen Großvater Zeleke kennenlernte. Er war mit einem Stipendium aus Äthiopien nach Deutschland gekommen, um zu studieren. Mit dem Ende des Stipendiums erlosch jedoch seine Aufenthaltserlaubnis. Tatsächlich änderte auch eine Eheschließung daran nichts. So zog meine Großmutter im Oktober 1965 mit ihm und den beiden kleinen Töchtern nach Addis Abeba. Meine Mutter war damals gerade mal neun Monate alt. Da mein Großvater als Ingenieur im Hilton Hotel angestellt war, waren er und meine Großmutter selbstverständlich auch zu den dort regelmäßig stattfindenden Festen eingeladen. Im Hilton wurden größere Veranstaltungen gefeiert, bei denen auch Diplomaten aus unterschiedlichen Ländern anwesend waren. Das Oktoberfest fand dort ebenso verlässlich statt wie sonntags der Gang in die Kirche – selbstverständlich in die deutsche Kirche. In diesem Kontext wurde auch ein Dirndl für meine Großmutter Teil der Garderobe – als Ausdruck der Zugehörigkeit zu diesen Anlässen. Meiner Großmutter Elke ist dabei wichtig zu betonen, dass diese Zusammenkünfte vor allem durch Kultur und Tanz geprägt waren – die Spirituosen waren lediglich Stimmungsaufheller.
Obwohl meine Familie nicht in Bayern, sondern in Hessen und Nordrhein-Westfalen aufwuchs, liebte meine Großmutter Elke Dirndl. Sie erinnert sich, dass dies wohl daher rührte, dass sie als Kind einmal Ferien in Österreich verbrachte. Für sie verkörpert das Dirndl als Trachtstück Kultur, Gesang und Tanz. Betrachtet man die Gesichter meiner Tante und meiner Mutter auf der Fotografie, so wirken beide durchaus heiter, meine Mutter sogar etwas verschmitzt. Dennoch gehörte das sonntägliche Anziehen der Tracht für sie bestimmt nicht immer unbedingt zu den Höhepunkten der Woche. Die Entscheidung für das Outfit fiel dennoch – schließlich handelte es sich um ein Geschenk.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Wer hat das Dirndl eigentlich gestrickt?
Das war meine Urgroßmutter Gertrud Rexroth, geboren am 07.12.1908 in Friedberg, und eine der ersten Frauen, die in Deutschland Jura studierten. Sie war Mutter von vier Töchtern und eine leidenschaftliche Gestalterin. Neben zahlreichen Kleidungsstücken, die sie selbst nähte oder strickte, fertigte sie auch Scherenschnitte an. Sie war zudem eine sehr mutige Frau. Früh engagierte sie sich politisch gegen den Nationalsozialismus. Während des Zweiten Weltkriegs versteckte sie jüdische Nachbar*innen und Student*innen im eigenen Keller.
Ein Lieblingsort von Uroma Rexroth war die Düsseldorfer Königsallee. Beim Bummel entlang der eleganten Schaufenster ließ sie sich inspirieren – von Schnitten, Farben und Stoffen. Gefiel ihr etwas oder sagten ihre Enkelinnen: „Oma, das gefällt mir, das will ich haben“, nahm sie die Idee mit nach Hause und schneiderte es selbst. Ihre Schnittmuster zeichnete sie aus dem Kopf auf Seidenpapier, mit sicherem Blick und viel Gespür. Jedes Teil ein Einzelstück – Ausdruck ihrer Kreativität, Präzision und Sinn für Ästhetik. „All die Kostüme und Kleider, die sie genäht hat, waren Eigenkreationen – sie hat nie Schnittmuster gekauft.“ (Zitat der Enkel-Töchter)
Zurück zum Dirndl, das meine Urgroßmutter einfach aus dem Kopf entwarf: Meine Großmutter Elke weilte in Addis Abeba, während ihre Mutter, meine Urgroßmutter Gertrud, in Düsseldorf lebte. Maßnehmen war unmöglich aufgrund der räumlichen Entfernung. Nach ihrem Bürodienst als Juristin setzte sie sich nachts an die Stricknadel und Nähmaschine, um Dirndl für ihre Tochter und ihre Enkelinnen anzufertigen. „Die Sachen passten jedes Mal wie angegossen.“ (Zitat der Enkel-Töchter).
Auf diese Weise erhielt meine Großmutter Elke an Heiligabend 1968 auch ihr Dirndl. Auf dem Foto sieht man, wie selbstbewusst sie es mit weißen Nancy-Sinatra-Stiefeln kombinierte. Interessanterweise war es ursprünglich ein Mini-Dirndl, das später zu einem Midi-Dirndl verlängert wurde – schließlich war Mini damals gerade in Mode.
Wenn meine Tante, meine Mutter und meine Oma – alle drei im Dirndl gekleidet – sonntags in Äthiopien zur Kirche gingen, weckte das großes Interesse. Besonders die deutsche Gemeinschaft der Entwicklungshelfer fragte häufig: „Wer hat das geschneidert?“ Dann erzählte meine Großmutter Elke stolz, dass es sich um Eigenkreationen ihrer Mutter Gertrud aus Düsseldorf handelte. Die Bewunderung für das handwerkliche Können und die Kreativität der Schneiderin war groß.
Ein Stück deutscher Folklore, getragen in Äthiopien.
Marisa Wolf ist Coach und arbeitet unter dem Namen "Moka Panda Innovation" im Bereich Innovationscoaching. Nach ihrem Bachelor-Studium in Internationaler Wirtschaftskommunikation in München war sie als Projektmanagerin tätig. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen Human Centered Design und Kreativität. Das Erzählen von Geschichten versteht sie als Brücke zwischen Menschen, Wandel und Perspektiven.
Dr. Isabella Belting ist promovierte Historikerin und leitet die Sammlung Mode & Textilien im Münchner Stadtmuseum. Sie hat verschiedene Ausstellungen zu kultur- und kostümgeschichtlichen Themen kuratiert.
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Besuchsinformation
Öffnungszeiten
Interimsausstellung “What the City. Perspektiven unserer Stadt” im historischen Zeughaus
Dienstag–Sonntag 11.00-19.00 Uhr
Eintritt frei
Filmmuseum – Vorstellungen
Dienstag / Mittwoch 18.30 Uhr und 21.00 Uhr
Donnerstag 19.00 Uhr
Freitag / Samstag 18.00 Uhr und 21.00 Uhr
Sonntag 17.00 Uhr
Das restliche Museum ist aufgrund der Generalsanierung aktuell geschlossen.
Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln
S/U-Bahn Station Marienplatz
U-Bahn Station Sendlinger Tor
Bus 52/62 Haltestelle St.-Jakobs-Platz
Kontakt
St.-Jakobs-Platz 1
80331 München
Tel. +49-(0)89-233-722370
E-Mail stadtmuseum(at)muenchen.de
E-Mail filmmuseum(at)muenchen.de
Kinokasse Tel. +49-(0)89-233-724150
Informationen zur Von Parish Kostümbibliothek in Nymphenburg






