Revolutionär und Ministerpräsident – Kurt Eisner (1867-1919)

Kurt Eisner hält fest an der Einheit und Geschlossenheit des Proletariates,


auch wenn die gespaltene Sozialdemokratie in der Friedensfrage getrennte Wege einschlägt.

Die MSPD unter Erhard Auer will eine Revolution auf jeden Fall verhindern und hofft auf Zugeständnisse der Regierung für den ruhigen Aufbau einer parlamentarischen Monarchie. Daher beteiligt er sich als Hauptredner seiner Partei an einer Friedenskundgebung und führt die Mitglieder aus dem Geschehen heraus.

Die USPD unter Kurt Eisner arbeitet seit dessen Entlassung aus der Untersuchungshaft im Oktober 1918 an der Herbeiführung einer Revolution und an der Gründung eines freien Volksstaates. Daher ruft sie zu eben dieser Friedenskundgebung auf.

Auer betreibt mit seinem Vorgehen Wahlkampf für den Fortbestand der bestehenden staatlichen Strukturen. Seinem politischen Gegner Eisner tritt er im Einvernehmen mit der königlichen Ministerialbürokratie entgegen. Eisner nutzt den Wahlkampf als Forum für die Sammlung zum Umsturz. Dafür hat er Vorkehrungen getroffen, Verbündete geworben. Er kann aber am Nachmittag des 7. November 1918 nicht exakt wissen, ob sein Plan aufgeht.

Als dritte Kraft treten Soldaten aus der Münchner Garnison und Kriegsheimkehrer auf. Sie entscheiden sich für Kurt Eisner. Der vielstimmig aufgenommene Ruf „Es lebe die Revolution“ flutet hinein in die bayerische Landeshauptstadt München. Er steigert die Bewegung der Masse zu einem Fest der gewaltlosen Selbstermächtigung.
 

Am Morgen des 8. November lasen die Münchner: „Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt! Bayern ist fortan ein Freistaat!“ Im Sitzungssaal des Landtags trat am Nachmittag der Provisorische Nationalrat des Volksstaates Bayern zu seiner ersten Sitzung zusammen. Er bestand aus den Mitgliedern des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrates, den Fraktionen der sozialdemokratischen Partei und des Bauernbundes aus dem alten Landtag und einigen freisinnigen Abgeordneten, darunter Professor Quidde. Dem neuen Ministerium, das in dieser Sitzung gewählt wurde, und dessen Präsidium Eisner übernahm, gehörten an: die Sozialdemokraten Johannes Hoffman (Unterricht), Roßhaupter (militärische Angelegenheiten), Auer (Inneres), Timm (Justiz), der unabhängige Sozialdemokrat Unterleitner (Soziales) und die beiden bürgerlichen Fachminister Frauendorfer (Verkehr) und Professor Jaffé (Finanzen).

Am 9. November
verließen die durch die Revolution gestürzten königlichen Minister ihre Amtsräume. Mit Kurt Eisner ging ich als sein Sekretär ins Ministerium des Äußeren, mit dem das Ministerpräsidium verbunden war. Vom Turm der Frauenkirche wehte die rote Fahne.Inzwischen hatte auch in Berlin der Arbeiter- und Soldatenrat am 9. November die politische Gewalt ergriffen. Der Kaiser hatte abgedankt, die Republik wurde proklamiert und die Regierung der Volksbeauftragten eingesetzt. Dann kam die Bekanntgabe der harten Waffenstillstandsbedingungen.  


(Felix Fechenbach, Der Revolutionär Kurt Eisner. Aus eigenen Erinnerungen, Berlin 1929)

Schutzwache vor dem Arbeiter- und Soldatenrat im Landtagsgebäude in der Prannerstraße, November 1918. Filmstill aus „Bilder von der Volksbewegung in München“, Messter-Wochenschau 1918.  © Münchner Stadtmuseum, Filmmuseum München

Wie immer die Gliederung und der Aufbau in der zukünftigen Gesellschaft sich vollziehen wird, welche wirtschaftlichen Formen wir finden werden, der Mensch darf nicht das Opfer seiner Verhältnisse werden, sondern der Mensch muß Herr über seine Verhältnisse werden. Der Mensch darf nicht mehr Sklave der Maschinen werden, sondern Herr über die Technik. Der Mensch darf nicht mehr Objekt des Profits werden, sondern jeder, der arbeitet, muß mitbestimmen können an der Gestaltung dieser Arbeit.

Wir haben es immer abgelehnt einen Zukunftsstaat auszumalen: Einen Zukunftsstaat prophezeit man nicht, sondern man schafft ihn. 


(Kurt Eisner, Wahlrede vor den Unabhängigen, 12. Dezember 1918)