Revolutionär und Ministerpräsident – Kurt Eisner (1867-1919)

Kurt Eisner folgt dem Ruf der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD)


Wilhelm Liebknecht, Mitglied im Parteivorstand und Chefredakteur des Zentralorgans „Vorwärts“, holt den 31-Jährigen zum 1. Dezember 1898 in die Redaktion. Als Liebknecht 1900 stirbt, wird Eisner innerhalb des Kollektivs zum anerkannten geistigen Mittelpunkt.

Mit seiner Rückkehr nach Berlin entfaltet der politisch unabhängig denkende Journalist Aktivitäten aus der Einsicht heraus, dass er jetzt nicht mehr nur als Außenstehender für die Sache der SPD eintreten wird.



Als Journalist in der Redaktion des „Vorwärts“ verfolgte Kurt Eisner das Ziel, Einfluss auf zu führende Diskussionen zu nehmen. Dies realisierte er mit Artikelserien zu Themen wie Strafvollzug oder schulische Erziehung, mit denen er öffentliche Debatten anstoßen wollte, um Druck auf die Forderung nach Beseitigung von Missständen und die dafür verantwortlichen politischen Strukturen zu erzeugen. Ab 1902 übertrug er dieses Konzept auf journalistische Beiträge zum Reichstagswahlkampf 1903 sowie auf seine Vor- und Nachbesprechungen zu den Parteitagen der SPD. Für deren Tagesordnungen unterbreitete er Vorschläge für in Zukunft zu behandelnde praktische Aufgaben und wollte dies als Beitrag zur innerparteilichen Demokratie verstanden wissen.


Diese Tatsache verleiht seinen Ideen zur Öffnung der wichtigsten Parteizeitung gegenüber einer linksbürgerlich-aufgeklärten Öffentlichkeit einige Brisanz. Eisner will die engen Taktikvorgaben der SPD-Spitze aufbrechen, die Partei zu einer konstruktiv im Parlament arbeitenden Oppositionsmacht umgestalten und ihr gleichzeitig einen Weg zur aktiven Veränderung der politischen Verhältnisse aufzeigen.

Mit seinem „ganz einheitlich gedachte[n] System der Aktion“, das keiner „Gegenwartsarbeit aus dem Weg geht, das aber auch kein Mittel verschmäht, weder den Kompromiss, noch die Revolution“ steht Eisner vollständig auf dem Boden des Erfurter Programms von 1891 – als Neukantianer und Nicht-Marxist allerdings auch ganz allein.

Allein gegenüber den zeitgenössischen politischen Hauptströmungen innerhalb der SPD:

– den auf der historisch-materialistischen Geschichtsauffassung fußenden orthodoxen Marxisten, für die sich eine revolutionäre Umwälzung zur sozialistischen Gesellschaftsform als logisch zwingende Folge der kapitalistischen Entwicklung darstellt;
– den zur Aufgabe des Revolutionsgedankens bereiten Revisionisten der Marxschen Gesellschaftslehre, die in Erwartung eines evolutionär-friedlichen Hineinwachsens des Sozialismus in die sozialen und politischen Verhältnisse des Gegenwartsstaates dessen Überwindung verfolgen.

Kurt Eisners politische Ideen, sein ethisch begründetes Sozialismusverständnis, wirken für die Parteigenossen provokant. Er erfährt Ablehnung und wird als „Literat“, „Schwärmer“ und „schöngeistiger Phantast“ abqualifiziert – Zuschreibungen, die um so leichter fallen, als er seiner sozialen Herkunft nach jeden „Stallgeruch“ einer authentischen proletarischen Gesinnung vermissen lässt. Was immer dieses Konstrukt innerhalb der SPD um die Jahrhundertwende auch bedeutet haben mag.

Eisners „Politik der Aktion“ wird ideologisch nicht ernst genommen. Seine Forderung nach öffentlicher Ausübung von permanentem argumentativen Druck bis an die Grenzen, die das System setzt, werden in „Debatten über Wenn und Aber“ zurückgewiesen. Auch wegen der auf seine Person gemünzten Anfeindungen vermag er nur wenig durchzusetzen.

Kurt Eisner hat aber – aus Überzeugung für die Richtigkeit seiner Anschauungen und die von ihm gesehene historische Mission der SPD – keine andere Wahl, als die Partei in seinem Sinne voran zu treiben.