Revolutionär und Ministerpräsident – Kurt Eisner (1867-1919)

Kurt Eisner hat sich für den Journalismus als Beruf entschieden.


Er tritt in das Depeschenbüro „Herold“ in Berlin ein und arbeitet danach bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, sorgt dort für den wechselnden Tagesbedarf an Informationsverarbeitung und lernt den modernen, ökonomisch straff auf Lesergewinnung und Gewinnerzielung gerichteten Apparat der Tagespresse kennen. 1893 hat er genug davon.

Im Mai des gleichen Jahres sieht er sich als Mitarbeiter des „General-Anzeiger für Marburg und Umgegend“ konfrontiert mit der antisemitischen Hetze eines für den Reichstag kandidierenden Bauernführers. Dies ist kein Zufall, denn Eisner wurde zur Verstärkung der zivilen Abwehr vom Marburger Büro des überregional tätigen „Verein zur Bekämpfung des Antisemitismus“ an die Zeitung berufen.

Eisner ergreift mit hellsichtigen Leitartikeln die Gelegenheit, auf den Zusammenhang von antisemitischer Demagogie mit gezielter Zersetzung des politischen Richtungsstreites unter den Parteien hinzuweisen. Mit Ausnahme der SPD kann er in allen politischen  Gruppierungen des Reichstages die Neigung entdecken, sich zur Durchsetzung der eigenen Interessen ebenfalls dieses Mittels zu bedienen. Als Opfer eines derartigen Zerstörungspotentials sieht er das Volk: „Wir“ – „Alle“.

Selbst aus einer jüdischen Familie stammend, definiert Eisner seine Rolle in dieser Auseinandersetzung im Sinne der Solidarität mit einer Minderheit, die – als vordergründige Zielscheibe für größer angelegte politische Auseinandersetzungen – zu schützen eine Pflicht sei, auch wenn er deren religiöse Anschauungen nicht teilt.

Eisner als freier Mitarbeiter von überregional erscheinenden Zeitschriften kommentiert die gesellschaftlichen und politischen Kämpfe unter dem „Neuen Kurs“ der Regierung Kaiser Wilhelm II. Er öffnet sich von einer Position des radikal-liberalen „Gefühls-Sozialisten“ ausgehend schrittweise der sozialistischen Weltanschauung.

Allerdings entspricht deren politische Zielbestimmung einer Revolution als gewaltsamer Umsturz der bestehenden Verhältnisse und Beginn einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung nicht Eisners Ideenwelt. Wie – so fragt er sich – kann nach einem Sturz der überkommenen Herrschaft etwas qualitativ Neues an dessen Stelle treten, wenn dieses Neue nicht schon zuvor als treibende Kraft menschlicher Selbstbestimmung auf dieses Ziel hin wirksam war?

J. H. W. Dietz, Stammbaum des modernen Sozialismus, Stuttgart 1898, Vierfarbdruck © Friedrich-Ebert-Stiftung, Archiv der sozialen Demokratie, Bonn