Revolutionär und Ministerpräsident – Kurt Eisner (1867-1919)

Ein Mann sitzt im Gefängnis. Sein Name: Kurt Eisner.


Er hat sich im Januar 1918 an der Vorbereitung und Durchführung eines Streiks beteiligt, bei dem Arbeiter die sofortige Beendigung des Weltkriegs forderten, und wird nun als Rädelsführer des Hochverrates beschuldigt.

In seinem Tagebuch notiert er: „Das waren die schönsten Tage meines Daseins, die Tage der Erhebung, des Kampfes. Ich sah wieder Menschenseelen....“

Dem „Krieg des Wahnsinns und der Wahnsinnigen“ wurde vom Münchner Proletariat ein Zeichen des Widerstandes entgegengesetzt. Dafür hat Eisner sich bereitgestellt, alles riskiert.Seiner ehemaligen Partei – der Partei der Arbeiterklasse – hat er damit eine Lektion in Sachen „Politik als Aktion“ erteilt.

Nun sitzt er in einer Zelle der Untersuchungshaftanstalt in der Au. Die Zeitumstände und das zu erwartende Strafmaß machen ihn zu einem – wie er es metaphorisch formuliert – „Toten auf Urlaub“.
Da ihm die Möglichkeit politischer Betätigung genommen ist, sichtet Kurt Eisner seine journalistischen und essayistischen Texte aus den letzten 20 Jahren und stellt daraus Gesammelte Schriften zusammen.

Sie erscheinen 1919 im Paul Cassierer Verlag in Berlin. Da ist er tatsächlich tot.

Germaine Krull, Kurt Eisner, Fotografie, vor Februar 1918 © Münchner Stadtmuseum

Bin ich nicht ein Narr, so fragte es damals immer wieder in mir, mein stilles, spät erworbenes Glück draussen in unserer Tanneneinsamkeit aufs Spiel zu setzen, dieses arbeitsschwellende Leben eines menschenscheuen Gelehrten (denn das ist die tiefste Neigung meiner Natur!) in eklem Gewirr und Gelärm zu verlieren – aus Gewissen, aus Pflicht, um der Wahrheit willen! – wo doch diesem deutschen Volk, das von politischer Apathie seit jeher geschlagen, doch nicht zu helfen ist, wo niemand Dich im Grunde braucht, kaum jemand Dich auch nur versteht?

Ist dieser Dein Glaube an die geheime grosse Vernunft, den verborgenen Idealismus, Tatwillen und Opferdrang der Massen nicht wirklich leere Phantasie? Sind nicht die Führer, die Du beschuldigst, die Massen wegen ihrer eigenen unzuverlässigen oder ängstlichen Person zu verderben und zu verraten, die besseren Menschenkenner?

Jetzt war keine Spur mehr von diesen gespenstischen Störungen in mir. Ich hatte ja eben erlebt, dass mein Glauben nicht getrogen. Ich war glückselig, mein Leben hatte wieder Sinn – wenn ich nur den Kampf draussen fortführen könnte.  


(Kurt Eisner, Gefängnistagebuch, Februar 1918)