24. März – 16. Juli 2017
FORUM 042: Alessandra Schellnegger – Einblicke. Hinter den Mauern des BND in Pullach

Als Prolog zur Ausstellung „No secrets! – Bilder der Überwachung“ ermöglicht die Kabinettausstellung von Alessandra Schellnegger Einblicke in das Gelände des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Pullach kurz vor seinem Umzug nach Berlin.

Jahrzehntelang war das hermetisch abgeschirmte Gelände des BND offiziell als Teil der „Bundesvermögensverwaltung, Abteilung Sondervermögen, Außenstelle Pullach“ ausgewiesen worden. Die Nachbarn sollten nicht denken, dass hinter dem vier Kilometer langen Ring von Mauerwerk und Stahlzäunen deutsche Spione tätig waren.

Als Alessandra Schellnegger 2013 im Auftrag der „Süddeutschen Zeitung“ nach langem Warten endlich Zugang zum Gelände des BND in Pullach erhält, ist das für die Münchner Fotografin ein Glücksfall. Denn Blicke hinter seine Kulissen gewährt der BND so gut wie nie. Erst der geplante Umzug der Zentrale von Pullach in die Bundeshauptstadt ermöglichte es ihr, die Arbeitswelten der Agenten zumindest ansatzweise öffentlich zu machen. Ihre Fotoserie zeigt eine seltsam aus der Zeit gefallene Architektur und verwaist wirkende Gebäude. Die Architekturaufnahmen beschreiben den eher musealen Charakter des Ortes zwischen morbid-baufälligen Baracken, Besprechungsräumen mit so liebevollen Namen wie „Alter Fritz“ und Wandgemälden von Künstlerfürsten wie Franz von Lenbach.

Tatsächlich hat der Pullacher Komplex im Lauf der Zeit vielfältige Metamorphosen erfahren. Bevor die Geheimorganisation Gehlen, also die zur Spionageeinheit umfunktionierte frühere Abteilung „Fremde Heere Ost“ im Oberkommando des Heeres, 1947 hier Einzug hielt, war das Gelände in der Nazi-Zeit als „Reichssiedlung Rudolf Heß“ sowie als „Führerhauptquartier Siegfried“ in Beschlag genommen worden.

Alessandra Schellnegger: Einfahrt, aus der Serie: „Einblicke. Hinter den Mauern des BND in Pullach“, 2013 © Alessandra Schellnegger
Alessandra Schellnegger: Schießanlage, aus der Serie: „Einblicke. Hinter den Mauern des BND in Pullach“, 2013 © Alessandra Schellnegger
Alessandra Schellnegger: Baracken, aus der Serie: „Einblicke. Hinter den Mauern des BND in Pullach“, 2013 © Alessandra Schellnegger
Alessandra Schellnegger: Archivraum, aus der Serie: „Einblicke. Hinter den Mauern des BND in Pullach“, 2013   © Alessandra Schellnegger

Mit feinem Gespür für diese Entwicklungen und Absurditäten schafft Schellnegger fotografische Dokumente, die historische Brüche und Kontinuitäten sichtbar machen, aber auch vom Selbstverständnis einer westlichen Staatsmacht im 20. Jahrhundert erzählen. 2015 wurde sie dafür mit dem Preis des Eagle-Eye-Photo Contests des Frankfurter Kunstvereins ausgezeichnet.

Biografie

Geboren 1974 arbeitet die ausgebildete Dekorateurin seit ihrem Fotodesign Abschluss am Berliner Lette-Verein 2005 als freie Fotografin u.a. für die „Süddeutsche Zeitung“ und wird von der Agentur „FOCUS“ vertreten. In ihrer Arbeit zeichnet sich die dokumentarische Ästhetik der Reportagefotografie als gestalterische Leitlinie ab – so auch in ihren Porträts von Künstlern, Politikern oder Schauspielern. Für die Serie „Das Bürohaus Gottes“ (in der sie verschiedene Religionsgemeinschaften porträtierte, die ihre Kirchen alle im selben Haus untergebracht haben) wurde ihr im Jahr 2014 der Martin-Lagois-Fotopreis verliehen. Während zwei sechsmonatiger Aufenthalte in Israel entstand u.a. die freie Serie „Israel Diary“, in der die Fotografin das Land mit seinen verschiedenen Facetten auf ganz persönliche Art festhält und dokumentiert. Alltägliches Leben und Momente des Religiösen in Jerusalem und Tel Aviv, sowie die schwierigen und politisch aufgeladenen Gebiete rund um die West Bank Barrier – die Mauer, die die Israelis von den Palästinensern trennt. Weitere Reportagen aus Israel und dem Westjordanland erschienen u.a. in der „ZEIT“, der „Süddeutschen Zeitung“, sowie in diversen anderen Magazinen. 2015 hat sie in Israel den Autor Dimitrij Kapitelman fotografisch auf seiner Reise begleitet, die unter dem Namen "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters" als Buch bei „Hanser“ erschienen ist. Sie lebt und arbeitet in München.