22. Juni – 16. September 2018
FORUM 046: Claudius Schulze – Naturzustand

FORUM 046, das Ausstellungsformat für junge Fotografie des Münchner Stadtmuseums, präsentiert Werke von Claudius Schulze (geb. 1984, München). Als freier Fotograf arbeitet Schulze u.a. für Magazine wie Der Spiegel, Stern, NEON oder GEO. Sein künstlerisches Werk widmet sich verstärkt der Landschaftsfotografie, die er insbesondere im Großformat umsetzt. Das Münchner Stadtmuseum präsentiert eine Auswahl aus seiner umfassenden Werkgruppe „Naturzustand“ (2011–2017). Die Aufnahmen von Claudius Schulze werden ergänzt von historischen Landschaftsdarstellungen aus den Beständen des Münchner Stadtmuseums. Mit der Gegenüberstellung aktueller und historischer Naturansichten regt die Ausstellung zu einer erweiterten und vergleichenden Wahrnehmung von Landschaften, ihrer Geschichte und ihrer Gegenwart an.

Für seine Werkgruppe „Naturzustand“ reiste Claudius Schulze 50.000 Kilometer quer durch Europa. Mit seiner Großformatkamera fotografierte er von einem Kranwagen herab scheinbar malerische Landschaften. Die Aufnahmen entstanden an der Nordsee und am Atlantik, in den Alpen, Pyrenäen und Mittelgebirgen sowie entlang der großen europäischen Flussläufe. Die Bilder zeigen eine Welt, die vorgeblich so ist, wie sie sein sollte – pittoreske Berglandschaften, satt-grüne Wälder und sonnige Strände. Doch die Idylle trügt: Auf jedem Foto gibt es einen Störfaktor, der sich mal auffällig, mal subtil bemerkbar macht. Denn zum Schutz vor Stürmen, Lawinen und Überschwemmungen hat der Mensch massiv in die Naturräume eingegriffen. Seine Technologien und Bauwerke regulieren die Kräfte der Natur und ihre Kreisläufe. Deiche und Staudämme, Rückhaltebecken und Lawinenzäune schützen uns vor Naturkatastrophen und sie prägen das europäische Landschaftsbild.

Claudius Schulze, Folkestone (aus der Serie Naturzustand), 2014 © Claudius Schulze, Courtesy: Robert Morat Galerie
Claudius Schulze, Lac de Migouélou (aus der Serie Naturzustand), 2015 © Claudius Schulze, Courtesy: Robert Morat Galerie
Claudius Schulze, Lac de Migouélou (aus der Serie Naturzustand), 2015 © Claudius Schulze, Courtesy: Robert Morat Galerie

Es geht in Schulzes Bildern nicht darum, die Grenze zwischen Kulturlandschaft und Naturlandschaft zu zeigen. Im Gegenteil: Die Fotos verdeutlichen, wie sehr sich beide Sphären durchdringen. Denn die Schutzbauten wurden zur Vorbedingung für die Besiedelung und Nutzung der dargestellten Landschaften: In den Bergseen glitzert nur aus dem Grund das Sonnenlicht auf der Wasseroberfläche, weil sie künstlich aufgestaut werden; die Dünen türmen sich nur deshalb auf, weil sie vor Sturmfluten und Erosion geschützt werden. Vom Gebirge bis an die Küsten: Ganze Landstriche können nur bewohnt oder touristisch erschlossen werden, weil komplexe Systeme permanent die natürlichen Kreisläufe steuern. Wir befinden uns in einem neuen „Naturzustand“, dem Anthropozän, in dem der Mensch selbst zum Gestalter der Natur und zum Akteur geologischer und atmosphärischer Veränderungen wurde.

Die lokalen Perspektiven werden in Schulzes Serie „Naturzustand“ in einen globalen Zusammenhang gestellt: Seinen eigenen Aufnahmen fügt der Künstler auch Satellitenbilder und Infografiken bei, welche die zunehmende Transformation, Besiedelung und Ausbeutung natürlicher Ressourcen durch die Menschheit vergegenwärtigen. Dass menschliche Eingriffe jedoch nicht per se ‚schlecht‛ sind, sondern vielmehr lebenserhaltenden Nutzen haben können, führt eine Besonderheit der Münchner Ausstellung eindrucksvoll vor Augen: Aus der Grafischen Sammlung des Münchner Stadtmuseums wurden historische Darstellungen von Überschwemmungen ausgewählt, die zu großen Katastrophen im Münchner Stadtgebiet führten: So stürzte 1813 in München ein Vorgängerbau der heutigen Ludwigsbrücke ein und riss über 100 auf der Brücke stehende Schaulustige in den Tod; beim Hochwasser 1899 stürzten die Luitpoldbrücke und die Max-Joseph-Brücke ein. Schon im 19. Jahrhundert bemühte man sich darum, die Ufer zu befestigen und den Fluss zu kanalisieren, damit dieser seltener über sein Ufer tritt. 1954–1959 wurde schließlich der Sylvensteinspeicher gebaut – ebenfalls mit dem Zweck des Hochwasserschutzes. Als Regulierungsbauwerk ist der Sylvensteinspeicher auch eines der Motive in Claudius Schulzes Werkgruppe „Naturzustand“. Seit der Errichtung des Stausees blieben größere Hochwasserkatastrophen auf Münchner Stadtgebiet aus.

Mit Blick auf die Zukunft kann die Frage nicht lauten, ob der Mensch in die Natur eingreifen soll oder nicht. Vielmehr müssen wir uns darum bemühen, natürliche Systeme nur so zu verändern, dass der intendierte Nutzen in letzter Konsequenz keinen Schaden bringt – für niemanden, weder direkt noch indirekt. Dies ist eine der zentralen Herausforderungen für unsere globalisierte Gesellschaft.

Biografie

Claudius Schulze, 1984 geboren in München, lebt und arbeitet in Amsterdam und Hamburg
2004–2007 Studium: Politik- und Islamwissenschaft, Universität Hamburg
2007–2010 Studium: Konfliktanalyse und -lösung, Sabanci University Istanbul
2009–2010 Studium: Fotojournalismus- und Dokumentarfotografie, London College of Communication
seit 2016 Promotion, London College of Communication

Ausstellungen (Auswahl)

2018 Naturzustand, Fotofestiwal, Lodz
Naturzustand, Triennial of Photography, Hamburg

2017 Naturzustand, Le Latitudini dell’Arte, Genoa
2013 Generations of Christiana, Jan Grarup Gallery, Copenhagen
2012 Socotra. An Island, aff Gallery, Berlin 2011 Socotra. An Island, HotShoe Gallery, London
2010 Picturing an Ethical Economy, Trinity Wallstreet, New York

Eröffnung und Künstlergespräch

Donnerstag, 21. Juni 2018 um 18:00 wird die Ausstellung eröffnet.

Freitag, 20. Juli 2018 um 15:00 Uhr spricht Claudius Schulze mit Katharina Zimmermann über seine Arbeit.