1. September – 12. November 2017
FORUM 043: Sebastian Jung – Winzerla

FORUM 043, das Ausstellungsformat für junge Fotografie des Münchner Stadtmuseums, präsentiert die Arbeit „Winzerla – Kunst als Spurensuche im Schatten des NSU“ von Sebastian Jung. Winzerla bezeichnet die zu Jena gehörende Plattenbausiedlung, den gemeinsamen Herkunftsort der Mitglieder der rechtsterroristischen Gruppierung NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.

Auch der Künstler Sebastian Jung wohnte die ersten zehn Jahre seines Lebens in dieser thüringischen Neubausiedlung, die noch zu DDR-Zeiten errichtet und nach der Wende fertiggestellt wurde. In den 1990er-Jahren, in denen sich Mundlos, Bönhardt und Zschäpe radikalisierten, war er selbst noch ein kleiner Junge. Die gemeinsame Herkunft bildet den Ausgangspunkt seiner künstlerischen Reflexion über das Winzerla seiner eigenen Kindheit.

Im August 2012, ein gutes halbes Jahr nach Bekanntwerden des NSU als Urheber der rechtsterroristisch motivierten Mordserie an Münchner mit Migrationshintergrund, beginnt Sebastian Jungs Spurensuche nach dem Winzerla seiner Kindheit. Er fertigte die ersten Fotografien an und ergänzte diese im kommenden Jahr um Zeichnungen, für die er sich abermals in die Neubausiedlung begab. Auf diese Weise spürt er jener Zeit nach, die nur noch in seiner Erinnerung existiert, und versucht dabei, diesem kindlichen Zugriff auf künstlerische Weise Ausdruck zu verleihen. Ergänzend erzählt er in kleinen Texten Anekdoten, die sich vorwiegend aus Erlebnissen seines Schulalltages speisen. Gemeinsam mit den Fotografien und Zeichnungen verdichten sie sich zu einer stakkatoartigen Ästhetik des Augenblicks, die den unvoreingenommenen Blick und die diffusen Erinnerungen eines Kindes zu spiegeln sucht.

Sebastian Jung, aus der Serie „Winzerla“, 2015,  Fotografie © Sebastian Jung
Sebastian Jung, aus der Serie „Winzerla“, 2015,  Zeichnung © Sebastian Jung
Sebastian Jung, NSU-Prozess (Carsten S.), 2015, Zeichnung © Sebastian Jung
Sebastian Jung, aus der Serie „Winzerla“, 2015,  Fotografie © Sebastian Jung

Den Sprung in die politische Gegenwart wagte Sebastian Jung, indem er im Herbst 2014 einen Tag lang den NSU-Prozess im Oberlandesgericht München verfolgte. Wiederum reagierte er auf die Ereignisse mit seinem Zeichenstift. Die festgehaltenen Momente wirken dicht und komplex. In ihnen gibt er nicht nur die Protagonistinnen und Protagonisten des Prozesses wider, sondern fängt auch Episoden, wie den immer wieder einnickenden Justizbeamten, ein. Dieser Ansatz zeugt von einer detailverliebten Beobachtungsgabe des Künstlers und entlarvt zugleich den Prozess auf unangenehme Weise als Alltäglichkeit. Im Dialog mit den zuvor angefertigten Fotografien, Zeichnungen und Beschreibungen skizzieren sie eine Gefühlswelt, die zwischen Unbekümmertheit und Beklemmung zu schwanken scheint.

Biografie

Sebastian Jung wurde 1987 in Jena geboren. 2013 schloss er das Studium der Kunst und Gestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar ab. Sebastian Jung nahm an mehreren Einzel- und Gruppenausstellungen teil. Die Arbeit „Winzerla" wurde bereits im Jenaer Kunstverein und der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst Berlin ausgestellt. 2015 wurde sie im Kerber Verlag in Buchform veröffentlicht; die Kunstsammlung Jena erwarb einen Teil der Serie. Sebastian Jung realisierte seither mehrere Kunstprojekte. Sein neustes Theaterprojekt UweUwe.de, mit dem Theaterhaus Jena und Spiegel Online, beschäftigt sich abermals mit dem NSU. Er lebt und arbeitet in Jena.