4. Juli – 31. August 2014
Dokumentarfotografie Förderpreise 09 der Wüstenrot Stiftung

Mit Arbeiten von Paula Markert, Till Müllenmeister, Marcel Noack und Christine Steiner

Die 1990 gegründete Wüstenrot Stiftung fördert Arbeiten junger Fotografen, die sich dezidiert mit den Darstellungsweisen einer abbildorientierten Fotografie auseinandersetzen und dabei Form und Thema in einen neuen Diskussionszusammenhang bringen. Aus insgesamt 80 Bewerbungen hat eine international besetzte Jury insgesamt vier Preisträger ausgewählt: Paula Markert, Till Müllenmeister, Marcel Noack und Christine Steiner, deren Arbeiten sich durch ihre Auseinandersetzung mit „lebenswirklichen“ Themen von der ironisch-künstlerischen Praxis der Postmoderne abheben.

Alle vier Positionen versuchen dabei die Wirklichkeit hinter den Bildern in ihrer Wandelbarkeit und Deutbarkeit erfahrbar zu machen. Für dieses Ziel wählten die Preisträgerinnen und Preisträger der Dokumentarfotografie Förderpreise 09 ganz unterschiedliche Sujets und Präsentationsformen.

Dem klassischen Wandbild verpflichtet ist die Arbeit von Christine Steiner, die sich mit non-territorialen Arbeitsplatzmodellen der modernen Dienstleistungsbranche beschäftigt. Sie erkundet die temporären und konzeptionellen Übergänge, denen Büroräume heute unterworfen sind, da die Arbeitswelt dem Optimierungszwang postmoderner Managementtheorien ausgesetzt ist. Die Präsentation als Wandbild erweitert Paula Markert in ihrer Portraitserie von Protagonisten aus der Finanzwelt um eine Audioinstallation, die die Portraitierten selbst zu Wort kommen lässt. Die Serie untersucht die sozialen Situationen, denen die Akteure der Finanzmetropolen in Paris, Frankfurt, New York und London entstammen, die mit der Mehrheit der Bevölkerung nur wenig Berührungspunkte zu haben scheinen. Till Müllenmeister wiederum kombiniert seine in mehrteiligen Tableaus gefassten Serien über prekäre Lebensverhältnisse in Kenia mit einer großformatigen Diaprojektion von Portraits. Das Projekt interessiert sich für die Lebensumstände und Gefühle von Menschen anderer Kulturen, die oft nicht nur fremd, sondern „befremdlich“ erscheinen, uns als Betrachter jedoch zugleich nur vertraut werden können, wenn wir nationale Verhaltensmuster und Emotionen erkennen. Und Marcel Noack, der die durch Braunkohle-Tagebau bedrohte sorbische Landschaft dokumentiert, zeigt die bereits verschwundenen Orte und Naturräume in zu Triptychen ange-ordneten Wandbildern in Verbindung mit einer Installation aus Landkarte und Archivkästen. Seit die deutsche Bundesregierung entschieden hat aus der Atomenergie auszusteigen, ist der Braun-kohleabbau aktueller denn je.

Die Dokumentarfotografie Förderpreise werden alle zwei Jahre von der Wüstenrot Stiftung in Zusammenarbeit mit der Fotografischen Sammlung des Museum Folkwang, Essen, ausge-schrieben. Die Preise sind mit jeweils 10.000 EUR dotiert und ermöglichen die Realisierung eines neuen Projekts. Nach Ablauf eines Projektjahres wird aus den Arbeitsergebnissen eine Wanderausstellung mit Begleitkatalog konzipiert. Ausstellung, Katalog und Tournee sind Teil des Förderpreises und werden in vollem Umfang von der Wüstenrot Stiftung getragen.

Neben den prämierten Werken werden die Diplomarbeiten der vier Preisträgerinnen und Preisträger präsentiert, an die die Folgeprojekte zum Teil anschließen: Christine Steiner untersuchte Schularchitekturen im Hinblick auf ihre bildungspolitischen Ideologien und Leitlinien. Paula Markert beschäftigte sich mit der Familie als Einflussfaktor auf die Entwicklung der Persönlichkeit. Während Till Müllenmeister den Präsidentschaftswahlkampf in Nairobi dokumentierte, nahm Marcel Noack mit dem Abriss von Wohnraum und öffentlichen Einrichtungen den Wandel seiner Heimatstadt Weißwasser auf.