leere Kinostuhlreihen aus rotem Stoff von hinten

Werner Penzel

Werner Penzel (1950-2024)

»Was wir suchen, finden wir unterwegs« Werner Penzel war ein radikaler Filmemacher. Seine Filme kamen mitten aus seinem Leben. Er wollte das Leben erforschen, und das Filmemachen war ein Mittel für ihn, das zu tun. Er hat sich keine Themen gesucht. Es war gelebtes Kino. Das fing schon früh an. Werner wuchs in den 1960er Jahren in Köln auf, einer Stadt mit lebendiger Subkultur. Da waren die literarischen Kreise um Rolf-Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla, der damals die legendäre Anthologie »Acid« mit Texten der amerikanischen Beat-Poets herausbrachte, und es gab eine avantgardistische Musik-Szene, in deren Zentrum die noch immer stilbildende Band »Can« stand. All das prägte das Klima, in dem Werner aufwuchs, eine Kultur des Underground, zu der er sich schnell hingezogen fühlte. In seiner Biografie überschreibt er diese Zeit für sich mit »Rockmusiker«. Das war, was man in dieser Zeit werden wollte. »Filmemacher« war die andere Möglichkeit, um aufzubrechen.
Noch zu Schulzeiten wurden er und seine beiden Freunde Hartmut Lerch und Ingo Schütze vom WDR angefragt, einen Film über die »Schülerrebellion« zu drehen. Solche Sachen waren damals noch möglich. Daraus entstand ihr erster und gemeinsamer Film HIEBFEST, der dann aber wegen seiner politischen Positionierung der Zensur des Senders zum Opfer fiel. Nach seiner Kölner Zeit zieht Werner nach München und studiert an der neugegründeten Filmhochschule, damals ein Experimentierfeld für viele bunte Vögel. Er lebt in einer Landkommune in Arget, und zusammen mit Musikern und Artisten, die dort ebenfalls wohnten, entstehen seine ersten filmischen Arbeiten HAIKU, BROT UND ZIRKUS, und UMBANDA MAGIC THEATRE. Zeitgleich dreht er an der Hochschule seine beiden Kurzspielfilme NELLIE’S LADEN und HEISSE LUFT, nach Texten von Dylan Thomas und Charles Bukowski. Ansonsten spielte die Hochschule vermutlich keine große Rolle für ihn.
Sein Interesse am Kollektiven und am Nomadischen war ihm eingeschrieben und prägte eigentlich sein ganzes Leben. Anfang der 1970er Jahre unternimmt er ausgedehnte Reisen nach Japan, verbringt einige Zeit in verschiedenen Zen-Klöstern und durchquert Indien. Dort dreht er seinen Kurzfilm BABAJI & DOKRI MAA über ein 100-jähriges Sadhu-Paar, dem er zufällig begegnet war. Nach seinen Reisen durch Asien verbrachte er mit seiner damaligen Lebensgefährtin, der brasilianischen Künstlerin Ana Tamanini, einige Monate mit dem Theater-Kollektiv »Oficina« in São Paulo. Zeitgleich wächst auch in München eine lebendige Subkultur, zu der die Krautrockbands »Amon Düül« und »Embryo« gehören. Werners erster Langfilm VAGABUNDENKARAWANE (1980) ist ein Road-Movie mit »Embryo« und anderen Artisten quer durch die Türkei, den Iran, Afghanistan bis nach Indien. Eine musikalische Begegnungsreise und ein Manifest des freien Unterwegsseins. Ein Projekt, das einem jetzt, im Angesicht der Weltlage, völlig unvorstellbar erscheint! Nach VAGABUNDENKARAWANE, der schnell seine Community findet, folgt der Musikfilm HEARTBEAT mit dem Gitarristen Roman Bunka und seiner Band »Dein Kopf ist ein schlafendes Auto«. So sollte eigentlich auch der Titel des Films lauten. Der wurde dann aber vom ZDF nicht zugelassen. Vielleicht war er zu subversiv. Schon damals konnte man schnell an Grenzen stoßen. Nach dieser Erfahrung und als Befreiungsschlag arbeitet er an dem großen nächsten Film-Expeditions-Projekt RITUAL, das in den Amazonas-Dschungel führen sollte. Für dessen Finanzierung lässt er Anteilsscheine drucken, die jeder erwerben konnte, um den Film möglich zu machen. Das Projekt scheitert und hat sich nicht realisiert. Auch das gehört zum unabhängigen Filmemachen dazu. Trotzdem hat Werner dann doch noch zwei Filme in Lateinamerika realisiert: STERBEN ZU FÜSSEN DER BRÜDER und ADIOS AL ODIO, beide in Nicaragua gedreht. Auf der Suche nach gesellschaftlichen Utopien war der revolutionäre Geist, der in diesem kleinen Land plötzlich Gestalt annahm, für viele eine konkrete Hoffnung, auch wenn sie nicht lange hielt. Davon zeugen diese beiden Filme.
Werner war immer eindeutig: Es gab nur ein Leben als unabhängiger Filmemacher. Die Unabhängigkeit war oberstes Gebot. Und dafür hat er immer wieder nach kollektiven Modellen gesucht. 1985 entsteht »Der Andere Blick«, ein Zusammenschluss junger Filmemacher, die ihre Filme selbstorganisiert ins Kino bringen wollten, und 1987 gründeten wir zusammen unsere gemeinsame Produktions-Plattform »CineNomad«. In diesem Namen lag eigentlich schon das Programm unseres Projekts: Kino und Unterwegssein. Die Zusammenarbeit zwischen uns beiden, die eigentlich wie eine Band funktionierte, hat über 20 Jahre hinweg zu einer ganzen Reihe von Filmen geführt: Der Musikfilm STEP ACROSS THE BORDER, das Cinepoem MIDDLE OF THE MOMENT über das nomadische Leben, die Video-Installation THREE WINDOWS mit dem amerikanischen Dichter Robert Lax. Auch in unseren weiteren filmischen Arbeiten standen Musik und die anderen Künste im Zentrum: NULL SONNE NO POINT mit dem Art Ensemble of Chicago, die Bilder für die Oper »Celan« und BROTHER YUSEF, das intime Porträt des damals fast 90-jährigen Jazz-Saxophonisten Yusef Lateef, das 2005 als Abschluss unserer langen Zusammenarbeit entstanden ist.
Danach ist Werner mit seiner Frau, der japanischen Fotographin Ayako Mogi, und ihren beiden Töchtern Lina und Sayo in die Schweiz gezogen. Im Austausch mit anderen Künstlern gründen sie das kollektive Projekt »Laboratoire Village Nomade« und betreiben es bis zu ihrem Umzug nach Japan. Ab 2010 führen sie das Projekt zusammen auf der kleinen japanischen Insel Awajishima unter dem Namen »Nomadomura« weiter. In diesen Jahren liegt Werners Hauptinteresse mehr auf der Entwicklung kollektiver Lebens- und Kunstformen und ist weniger dem Filmemachen zugewandt. Trotzdem entstehen in Japan zwischen 2013 und 2016 noch einmal zwei Filme, die er beide zusammen mit Ayako Mogi realisiert: WHILE WE KISS THE SKY und ZEN FOR NOTHING. In diesem letzten Film, der den Alltag in einem Zen-Kloster beschreibt, kehrt Werner zu seinen Anfängen und seiner Faszination für den Zen-Buddhismus zurück. Als hätte sich mit diesem Film noch einmal ein Kreis für ihn geschlossen.
Werner war immer auf der Suche. Das zeichnete ihn auch als Filmemacher aus. Aber es ging immer auch um mehr als nur ums Filmemachen. Das Filmemachen war für ihn ein Experimentierfeld, um sich neue Erfahrungsräume zu erschließen, um an einer sozialen Skulptur zu arbeiten, die weit über das reine Darstellen oder Bildermachen hinausging. Wie so manchen seiner Generation, fiel es ihm schwer, in den letzten Jahren und im Angesicht einer sich dramatisch in ganz andere Richtung entwickelnden Welt, weiter an diese Utopie zu glauben. Das erklärt auch, warum kein neuer Film mehr entstehen konnte. Als er im Dezember 2024 starb, blieb etwas unvollendet, das eigentlich nicht zu vollenden ist, sondern immer weiterleben wird: der Glaube an den Geist der Freiheit. (Nicolas Humbert)

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Besuchsinformation

Öffnungszeiten

Interimsausstellung “What the City. Perspektiven unserer Stadt” im historischen Zeughaus
Dienstag–Sonntag 11.00-19.00 Uhr
Eintritt frei

Filmmuseum – Vorstellungen
Dienstag / Mittwoch 18.30 Uhr und 21.00 Uhr
Donnerstag 19.00 Uhr
Freitag / Samstag 18.00 Uhr und 21.00 Uhr
Sonntag 17.00 Uhr

Das restliche Museum ist aufgrund der Generalsanierung aktuell geschlossen.

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U-Bahn Station Sendlinger Tor
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Kontakt

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80331 München
Tel. +49-(0)89-233-722370
E-Mail stadtmuseum(at)muenchen.de
E-Mail filmmuseum(at)muenchen.de

Kinokasse Tel. +49-(0)89-233-724150

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