Radu Gabrea

Werkschau im Kinosaal + Online

Die ursprünglich ab Ende März angesetzte Retrospektive des rumänisch-deutschen Filmemachers Radu Gabrea können wir ab dem 10. September 2020 nachholen – und zwar in hybrider und erweiterter Form. Dreizehn Filme von Radu Gabrea stehen jeweils für einige Tage online zur Verfügung, während drei ausgewählte Titel, die als 35mm-Kopie vorliegen, vom 20. bis 22. Oktober 2020 um 20.00 Uhr im Kinosaal laufen. Es handelt sich um Gabreas bekanntesten Film Fürchte Dich nicht, Jakob! über ein Beispiel jüdischen Widerstands gegen einen drohenden Pogrom mit André Heller in der Hauptrolle; Rosenemil, ein Kleinganovenstück, das im wilhelminischen Berlin angesiedelt ist; und Cocoşul decapitat (Der geköpfte Hahn), der sich mit der Identität der »Siebenbürger Sachsen« auseinandersetzt. Zu diesen Filmen hält Wolfgang J. Ruf, der Kurator der Reihe, Einführungen im Kino.

Wolfgang J. Rufs einleitenden Text zur Reihe und die Kurztexte zu den meisten Filmen finden Sie im Progammheft-pdf; Informationen über die neu hinzugekommenen Filme, die im Heft noch nicht behandelt wurden, folgen weiter unten auf dieser Seite. Die gültigen Termine für das Programm vom 10. September bis zum 4. November 2020 – Kino und online – stehen auf einem Extrablatt.

Filmmuseum München Online

Struma (Die letzte Fahrt der »Struma«)
Rumänien 2001| R: Radu Gabrea | B: Stelian Tănase | K: Mihai Tănase | M: Adrian Enescu | 55 min | dtF | Ein Film über das tragische Schicksal von Bootsflüchtlingen – exemplifiziert an einem kaum bekannten historischen Fall. Am 12. Dezember 1941 gingen im rumänischen Constanţa 769 Juden an Bord des Schiffs »Struma«, in der Hoffnung auf eine Überlebenschance in Palästina. Doch es erwartete sie eine lange Odyssee mit tragischem Ende. Endlich vor Anker in Istanbul, warteten die Passagiere fast zehn Wochen lang vergeblich auf die Erlaubnis, entweder in der Türkei an Land gehen oder weiterfahren zu können. Am Abend des 23. Februar 1942 wurde das inzwischen manövrierunfähige Schiff von der türkischen Grenzpolizei aufs Schwarze Meer hinausgeschleppt und den Strömungen überlassen. Im Morgengrauen des nächsten Tages wurde die »Struma« von einer Explosion auf hoher See getroffen und sank. Möglicherweise hatte ein sowjetisches U-Boot die »Struma« für ein feindliches Schiff gehalten. Der FiIm basiert auf akribischen Recherchen: Dokumente, Erinnerungen von Hinterbliebenen, knappe Spielszenen und vor allem die detailgenauen Erinnerungen des einzigen Überlebenden der Katastrophe wurden von Gabrea zu einer intensiven Veranschaulichung verbunden.
Online: Montag, 28. September 2020 bis Mittwoch, 30. September 2020

Moştenirea lui Goldfaden (Goldfadens Vermächtnis)
Rumänien 2004 | R: Radu Gabrea | B: Manase Radnev, Radu Gabrea | K: Nic Burghelea, Mihai Tănase, Daniel Florea | 58 min | OmeU | Ein Porträt des heute nur noch wenig bekannten, aber für die Entwicklung des jiddischen Theaters bedeutsamen Autors, Schauspielers, Regisseurs und Theatermanagers Abraham Goldfaden. Vom Schtetl im russischen Wolhynien führte ihn sein erfolgreicher Weg über das rumänische Iaşi, über Bukarest, Odessa und die meisten europäischen Metropolen mit grösseren jüdischen Gemeinden in die Neue Welt. Als er 1908 in New York starb, begleiteten Tausende seinen Sarg. Goldfadens theatralisches Konzept, das zugleich volksnah war, aber auch auf Virtuosität setzte, steht auch am Beginn der spezifisch US-amerikanischen Kunstform des Musicals. Der Film veranschaulicht die Bedeutung dieses Künstlerlebens mit historischen Dokumenten ebenso wie mit aktuellen Impressionen. Eine wichtige Rolle spielt dabei Zalmen Mlotek, der Direktor des National Yiddish Theatre Folksbiene in New York.
Online: Montag, 28. September 2020 bis Mittwoch, 30. September 2020

Evrei de vânzare (Juden zu verkaufen)
Rumänien 2013 | R: Radu Gabrea | B: Radu Gabrea, Magdalena Schubert | K: Alexandru Macarie, Diana Vidraşcu, Nic Burghelea | 70 min | OmeU | Menschenhandel als Geschäftsmodell: Im »real existierenden Sozialismus« sah der Staat das als Möglichkeit, um an die begehrte konvertierbare Währung aus dem Westen zu kommen. So wurden von der Bonner Regierung inhaftierte DDR-Bürger freigekauft. Noch umfangreicher wurde dieses »Geschäft« mit Rumänien betrieben. Unter dem Regime von Ceaușescu durften mehr als 250.000 Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben in die BRD ausreisen – nach Zahlungen der Bonner Regierung. Besonders intensiv betrieben wurde dieser dubiose Handel mit den rumänischen Juden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebten noch 375.000 Juden in Rumänien. 90 Prozent von ihnen haben das Land bis 1989 verlassen – die meisten, um in den neugegründeten Staat Israel auszuwandern. Das kommunistische Regime hat sie regelrecht »verkauft«: zu Beginn im Austausch gegen Industrieanlagen, auch gegen Schweine oder Hühner, später gegen Devisen. Der Film schildert diesen größten Menschenhandel im Europa der Neuzeit und stellt ihn in die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge, auch in diejenigen des »Kalten Krieges«.
Online: Montag, 12. Oktober 2020 bis Mittwoch, 14. Oktober 2020

O poveste de dragoste – Lindenfeld (Eine Liebesgeschichte – Lindenfeld)
Rumänien 2014 | R: Radu Gabrea | B: Adrian Lustig, Radu Gabrea, nach dem Roman »Lindenfeld« von Ioan T. Morar | K: George Dăscălescu | M: Johann Pachelbel | D: Victor Rebengiuc, Victoria Cociaş, Mircea Diaconu, Ion Caramitru, Axel Moustache, Nicodim Ungureanu | 95 min | OmU | Lindenfeld im Banater Bergland, 1827 von deutschen Siedlern aus Böhmen gegründet, hatte in den 1960er Jahren noch eine intakte Dorfstruktur, dann wanderten immer mehr Einwohner ab, in rumänische Städte und nach Deutschland. Das Dorf verfiel. Ulli Winkler konnte schon 1945 flüchten, als die deutschen Einwohner zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert wurden. Seine Jugendliebe Helga blieb zurück. Den alten Ulli, inzwischen ein reicher Geschäftsmann im Westen, zieht es nach Lindenfeld zurück, als er erfährt, dass Helga sowohl das sowjetische Lager als auch die Verbannung in die Bărăgan-Steppe überlebt hat. Die Wiederbegegnung der beiden Alten wird zur bewegenden Auseinandersetzung um Erinnerungen, Schuldgefühle, Scham, Vergebung und Verständnis. Der Lärm der Geschichte, die das Leben dieser Menschen durcheinandergewirbelt hat, klingt nur noch im grotesken Treiben der Theaterleute nach, die von Winklers Sohn engagiert wurden, um für seinen Vater das Dorf wiederzubeleben.
Online: Montag, 26. Oktober 2020 bis Mittwoch, 28. Oktober 2020

Împărăteasa roșie – Viața și aventurile Anei Pauker (Die rote Kaiserin – Leben und Abenteuer der Ana Pauker)
Rumänien 2016 | R: Radu Gabrea | B: Radu Gabrea, Magdalena Schubert | K: Alexandru Macarie | M: Cristian Tarnoveţchi | 60 min | OmeU | Ana Pauker (1893–1960), die rumänische Kommunistin mit jüdischen Wurzeln, war eine Schlüsselfigur in Rumänien unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Als sie Außenministerin wurde, feierte das US-amerikanische MagazinTime sie 1948 auf seiner Titelseite als »the most powerful woman alive«. Obwohl sie Parteigängerin Stalins war, fiel sie 1952 in Ungnade und wurde entmachtet. 1953 wurde sie verhaftet, ihr drohte ein Schauprozess wegen »abweichlerischer Tätigkeit und zionistischer Verbindungen«. Nach Stalins Tod wurde das Verfahren eingestellt. Sie blieb aber bis zu ihrem Lebensende unter Hausarrest, wo sie noch als Übersetzerin wissenschaftlicher Literatur aus dem Deutschen und Französischen tätig war. Systematisch wurde der gefeierte Politstar zur Unperson gemacht; in späteren Geschichtsbüchern oder Lexika des Ostblocks, etwa in der DDR, taucht ihr Name gar nicht mehr auf. Gabrea zeichnete in seinem letzten Film ein vielschichtiges und spannungsreiches Frauenporträt: Ana Pauker ist Jüdin und Kommunistin, Stalinistin und Verfolgte des Stalinismus, Täter und Opfer ...
Online: Montag, 2. November 2020 bis Mittwoch, 4. November 2020


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Dienstag - Sonntag 20.00 Uhr
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