leere Kinostuhlreihen aus rotem Stoff von hinten

Jane Campion

Retrospektive Jane Campion

Wenn ein Film gut ist, merkt man das meist nach einigen Minuten. Wenn er großartig ist, merkt man es noch früher. THE POWER OF THE DOG beginnt wie ein klassischer Western. Eine Rinderherde wird von Cowboys zusammengetrieben: eine mühselige Arbeit, die die Kamera mit langer Brennweite aufnimmt. Zwei Stiere gehen mit ihren Hörnern aufeinander los. Wie wird ihr Kampf ausgehen? Der Film zeigt es nicht. Vielmehr schneidet er brüsk zu einer Einstellung, die einen komplett anderen Blickwinkel einnimmt.
Nun befindet sich die Kamera plötzlich in der Kantine der Ranch. Durch ein offenes Fenster begleitet sie einen Cowboy, der im Hintergrund von der Arbeit heimkehrt. Sie folgt ihm in einem langen Schwenk, in dessen Verlauf wir durch weitere Fenster sehen, wie er näherkommt. Im dunklen Vordergrund gleitet die Kamera über leere Flaschen und Teller. Wessen Perspektive nimmt sie ein? Es könnte die der Haushälterin sein, die den Ranchbesitzer wenig später begrüßt. Gleichviel, der Blickwechsel ins Innere hat das Vertraute infrage gestellt – und in wenigen Filmsekunden besiegelt, dass Jane Campion mitnichten einen klassischen Western gedreht hat.
Gewiss, die Neuseeländerin hat ein Gespür für die Erzählkraft der wide open spaces, der dramatischen Naturkulissen. Das Bergmassiv, das die Ranch im Hintergrund überragt, spielt eine tragende Rolle im Film, der ihm gar seinen rätselhaften Titel verdankt. Aber ihr Blick darauf ist besonders. Er richtet sich auf die Spannung, die zwischen dem Inneren der Figuren und der Außenwelt herrscht. Campion hat dieses Bildmotiv zuvor schon oft aufgegriffen, etwa in BRIGHT STAR, wo durch ein Fenster eine Schneeballschlacht zu sehen ist, oder in THE PIANO, wo den Innenszenen regelmäßig eine zweite Ebene im Hintergrund eingezogen ist. Dort markiert sie nicht die Spannung zwischen Zivilisation und Wildnis, sondern zwischen den Geschlechtern. Das Zusammenspiel zwischen Perspektive und Szenerie ist entscheidend für diese Regisseurin, die fasziniert ist von den filmischen Bedingungen der Wahrnehmung. THE PIANO fängt mit dem Blick eines Mädchens durch ihre Finger an, der die Welt in andere Konturen und Farben taucht. Schon in ihrem Kurzfilm AN EXERCISE IN DISCIPLINE: PEEL feiert sie diese kindliche Schaulust, als der kleine Junge die unmöglichsten Blickwinkel einnimmt, um das Gesicht seiner Mutter im Detail zu studieren.
Als THE POWER OF THE DOG in Venedig ausgezeichnet wurde, war in der Presse viel von einem Triumph des weiblichen Blicks die Rede. Allerdings verwahrt sich Campion dagegen, eine feministische Filmemacherin zu sein. Womöglich empfindet sie diese Zuschreibung schlicht als eine Kategorisierung, die sie ideologisch und erzählerisch eingrenzt. Ihr Blick schließt nicht aus, sondern auf. So sind ihr zwar einige der abgründigsten Studien toxischer Männlichkeit gelungen, die von Peter Mullan (TOP OF THE LAKE) und Benedict Cumberbatch (THE POWER OF THE DOG) bezwingend verkörpert werden und von John Malkovich (THE PORTRAIT OF A LADY) in einer narzisstischen Variante. Im Gegenzug kann sie jedoch ebenso überzeugend von der Versprechung einer erotischen Begegnung erzählen. THE PIANO und HOLY SMOKE, in denen sie bis dahin ungekannte Seiten Harvey Keitels offenbart, sowie BRIGHT STAR handeln auf je eigene Weise von geteiltem Begehren. Campions Frauenfiguren nehmen nicht selten die aktive Rolle dabei ein oder lassen sich, wie Ada in THE PIANO, wagemutig auf einen Tauschhandel ein, an dessen Ende es zwei Gewinner gibt. Reizarm sind die Beziehungen in Campions Filmen nie. Und niemand filmt Zärtlichkeiten so aufgeklärt, emphatisch und mit solch haptischer Verve wie diese Regisseurin.

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