Film und Psychoanalyse

Film und Diskussion: "Das Böse"

Ursprünglich war geplant, in dieser Spielzeit die Staffel mit vier Spielfilmen fortzuführen. Die Filmreihe ist von den Psycholog*innen der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie München fertig konzipiert und vorbereitet. Ob sie vollständig präsentiert werden kann, steht momentan noch nicht fest. Am 4. Oktober um 18.00 Uhr zeigen wir den Eröffnungsfilm, DAS CABINET DES DOCTOR CALIGARI, der in diesem Jahr sein 100. Jubiläum feiert.  Mit Einführung und Diskussion und Live-Musikbegleitung von Richard Siedhoff.

Stellvertretende Grausamkeit war schon im alten Rom eine staatstragende Belustigung. Die Faszination des Bösen zieht sich durch die Zivilisationsgeschichte. Emotionen wie Schauder, Angst, Schrecken, Widerwillen, Abscheu und Hass werden in der Kunst ästhetisch angeeignet und dadurch kanalisiert. Wenn im Western die Gerechtigkeit durch den Meisterschuss aus der Waffe des Helden siegt, genießen wir klammheimlich die Aggression im legitimen Gewand. Filmpsychoanalyse fragt danach, wann und warum wir das Böse im Kino suchen. Ist Aggression ein Trieb? Eine Reaktion auf gefühlte Bedrohung oder Verlust von sicherer Bindung? Ohnmacht und Wut entstehen, wenn wir uns an etwas anpassen müssen, das wir nicht kontrollieren können. Sie suchen ihr Ventil in der Faszination des Bösen. Das gilt für Zeiten von Krieg und Krise, aber auch von unterschwelliger Veränderung. Gegenwärtig stehen wir inmitten der globalen digitalen Revolution, und das hat die Spielregeln der Ästhetik des Bösen verändert: Es wird nicht mehr moralisch eingehegt, vielmehr haben negative Serienhelden ein Massenpublikum erreicht. In einem medialisierten und entkörperlichten Alltag, aufgerufen zu Dauerkonsum und Dauererfolg, in stets von Algorithmen angestacheltem und niemals gesättigtem Resonanzhunger im Netz schauen wir gern böse Filme an und bleiben brav. Oder?
 Andreas Hamburger

Das Cabinet des Dr. Caligari
Deutschland 1920 | R: Robert Wiene | B: Carl Mayer, Hans Janowitz | K: Willy Hameister | D: Werner Krauß, Conrad Veidt, Friedrich Fehér, Lil Dagover, Hans Heinrich von Twardowski, Rudolf Lettinger | 78 min 
Der Film war nicht nur durch seine meisterhafte expressionistische Bildsprache ein Meilenstein der Filmgeschichte, sondern auch eine eindringliche Inszenierung des Bösen nach dem Schrecken des Ersten Weltkrieges. Siegfried Kracauer interpretiert ihn als verdrängte Vorahnung des »Dritten Reichs«. Aus filmpsychoanalytischer Sicht fragen wir danach, welche Identifizierungen er vor 100 Jahren im Publikum auslöste (oder in Frage stellte) und welche heute. Sind Cesare, der somnambule Mörder, und sein Meister, der Psychiater Dr. Caligari, politische Allegorien, oder geht es um Angst vor Auslieferung und Fremdkontrolle? Und wie wirkt der Film heute auf uns, in einer sich erratisch verändernden Welt, in der solche basalen Ängste auch wieder aufkommen?
Sonntag, 4. Oktober 2020, 18.00 Uhr
Live-Musik: Richard Siedhoff | Einführung und Diskussion: Andreas Hamburger, Salek Kutschinski


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