leere Kinostuhlreihen aus rotem Stoff von hinten

Das Erinnern weitertragen

Das Erinnern weitertragen

Vor 90 Jahren, am 30. Januar 1933, fand mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg die Machtübertragung an die Nazis statt. Dieses Datum ist der Anlass, die Reihe mit Filmen zu Themenkomplexen der Zeitgeschichte nach längerer Pause wieder aufzugreifen.
In jeder Staffel gab es einen engen inhaltlichen oder stofflichen Zusammenhang zwischen den Filmen. Eine war den Berichten von Holocaust-Überlebenden gewidmet, eine befasste sich mit den verschiedenen Formen des Schweigens in Opfer- und Täterfamilien, eine thematisierte Aufgaben der Geschichtsvermittlung im Angesicht der verschwindenden Ersten Generation und Möglichkeiten von Generationenerzählungen.
Wenn die direkten Zeitzeugenberichte immer weniger werden, wächst die Bedeutung der Materialien in den Archiven. Den vier Filmen des vorliegenden Programms ist gemein, dass sie nicht unmittelbare Zeugnisse ins Zentrum stellen, sondern überliefertes, bisweilen ignoriertes Archivmaterial – Filmaufnahmen und Fotografien von Täterorten, Dokumentationsmaterial aus einem großen Prozess, Amateuraufnahmen aus einem Schtetl kurz vor der Katastrophe. Trotz dieser engen Verbindung sind die Kontraste zwischen den vier Werken extrem, denn die Filmemacher*innen nähern sich den Materialien mit sehr unterschiedlichen Mitteln und Methoden.
BABI YAR. CONTEXT (2021) von Sergei Loznitsa versammelt eine überraschende Fülle von authentischem Material, das im Zusammenhang mit dem Massaker von Babi Yar gedreht wurde. Loznitsa, Ukrainer, Mitgründer des Gedenkzentrums in Babi Yar, vielfach ausgezeichnet für seine Dokumentar- und Spielfilme, ist freilich nicht unumstritten, denn seine Techniken sind auf eine intensive Immersion des Publikums angelegt, stummes Material ist nachvertont. Das genaue Gegenteil der Methode Claude Lanzmanns, der nie historische Aufnahmen benutzte. Loznitsas THE KIEV TRIAL (2022) verwendet Archivaufnahmen eines großen Kriegsverbrecherprozesses in Kyiv 1946, der zur selben Zeit wie der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher stattfand. Loznitsa versetzt uns direkt in das Verfahren, bleibt bis zuletzt am vermittelten Geschehen, und bietet letztendlich auch eine direkte Auseinandersetzung mit Fragen der Todesstrafe.
Christophe Cognet hat sich in seinen Filmen wiederholt mit Kunst befasst, die gegen alle Widrigkeiten geschaffen wurde. Ein Film handelt von Zeichnungen, die heimlich im Konzentrationslager Buchenwald entstanden (QUAND NOS YEUX SONT FERMÉS, 2006), ein anderer von vier Künstlern, denen es gelang, in Konzentrationslagern zu malen (PARCE QUE J’ÉTAIS PEINTRE, 2013). Sein neuester Film À PAS AVEUGLES (FROM WHERE THEY STOOD, 2021) geht von Fotografien aus, die in einer Vielzahl von Konzentrationslagern trotz des strengen Fotografierverbots aufgenommen wurden – manche mit offiziellem Auftrag, manche heimlich, manche wie nebenbei. Sie reichen von gewagten Beweismitteln für das Undenkbare über Alltagsdokumente bis zu kunstvollen Porträts. Mit den Fotografien auf Glasplatten begibt sich Cognet an die Orte, an denen sie entstanden, und überlagert die heutige Realität der Gedenkorte mit den festgehaltenen Momenten dieser einzigartigen Werke. Die doppelte Bilddimension von Fotografie und Filmaufnahme schafft Distanz und löst sie zugleich auf. »Die stillstehenden dunklen Schemen der Gefangenen auf der Fotografie durchbrechen über das heutige Gelände gehende Besucher* innen der Gedenkstätte. Die schwarze Silhouette eines Gebäudes schiebt sich vor die Überreste einer hölzernen Baracke. Ein weiter Appellplatz umzäunt von grauem Stacheldraht schiebt sich vor eine grüne Baumreihe im Sommerwind.« (Rebecca Wegmann)
Im Jahr 2009 fand der Schriftsteller Glenn Kurtz auf dem Dachboden seiner Eltern in Florida einen dreiminütigen Urlaubsfilm, den sein Großvater David 1938 beim Besuch in seinem Geburtsort Nasielsk in Polen aufgenommen hatte. Nasielsk war eine von hunderten jüdischen Gemeinden, die danach durch den Holocaust zerstört wurden. Glenn Kurtz bemühte sich, die Personen auf den Bildern zu identifizieren, von denen viele später in Konzentrationslagern ermordet wurden. Doch die Bilder erzählen nicht vom kommenden Schrecken. Kinder umringen die Kamera, bärtige alte Männer schauen skeptisch zu, Leute strömen aus einem Gebäude – wenn wir genau hinsehen, erkennen wir, es ist die Synagoge. Die Filmemacherin Bianca Stigter hat für THREE MINUTES: A LENGTHENING eben dies getan: ganz genau hingesehen. Zunächst sehen wir den ganzen kurzen Film, dann einzelne Teile davon, Augenblicke im Ablauf und Details in den Bildern. In der konzentrierten Betrachtung gibt das einzigartige Dokument seine Geheimnisse preis.
Alle diese Filme zeigen die Kostbarkeit der Zeugnisse, die noch weiter sprechen, wenn die Stimmen verstummt sind. Sie lassen die Archive sprechen, oder besser: Sie bringen die Archivmaterialien zum Sprechen.
Christoph Michel

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