
Christel Buschmann
Die Filme von Christel Buschmann
Melodramen, Blues, Schlager

Das filmische Werk der 1942 geborenen, in Bremen und Hamburg aufgewachsenen studierten Germanistin, Romanistin und Philosophin Christel Buschmann ist überschaubar, aber deshalb nicht weniger beachtenswert. Zwischen 1980 und 1988 drehte sie vier Spielfilme, mit denen sie weltweit auf Festivals vertreten war, und einen Episodenfilm sowie in den 1990er Jahren ein Dutzend Fernsehdokumentarfilme. Auch ein Musikvideo für die erfolgreiche Neue-Deutsche-Welle-Band »Extrabreit« stammt von ihr. 1982 gründete sie ihre eigene Produktionsfirma Rocco-Film. Außerdem lehrte sie als Dozentin für Stoffentwicklung und Dramaturgie an den Filmhochschulen u.a. in Berlin und München und war Stipendiatin der »Villa Aurora« in Los Angeles.
Die Stadt
Christel Buschmanns Lebensmittelpunkte waren immer Großstädte: in den 1960er Jahren Hamburg, in den 1980er Jahren München, Anfang der 1990er Jahre war es das Berlin kurz nach dem Mauerfall. Seit 2007 lebt sie wieder in München. Verheiratet ist sie mit dem Filmemacher Reinhard Hauff. Ihr Herz jedoch scheint vor allem an der Hansestadt Hamburg zu hängen, wo allein drei ihrer Spielfilme angesiedelt sind. Es ist dabei nicht das Hamburg der Binnenalster mit den schönen Villen oder der edlen Stadtviertel mit ihren Gründerzeit- Altbauten, sondern das proletarische Hamburg mit seinen Menschen, die dort leben, welches sie interessiert. Wiederkehrende Schauplätze sind der Hafen und der anschließende Stadtteil St. Pauli mit seinen billigen Imbissbuden, dem Kiez und den vielen verlorenen Seelen, die sich dort treiben lassen. Dabei gelingt ihr, der Akademikerin, durchaus ein Erzählen auf Augenhöhe, mit viel Empathie für die Menschen, für die Orientierungslosen und Gestrandeten sowie für die »kleinen Leute«, die mit ihrer Arbeit dort ein bescheidenes Auskommen finden. Ein regelrechtes Verstehen der Figuren wie der vom jungen Seemann Gibbi Westgermany ist in ihren Filmen gar nicht angelegt. Buschmann, die in ihren Filmen Regie führt und auch die Drehbücher schreibt, zeigt und beobachtet, bewertet aber nicht. Auch, wenn diese Typen sehr eigenwillig sind, sich ständig selbst im Weg stehen und anderen gehörig auf die Nerven gehen können. Nicht Christel Buschmann. Sie liebt diese Lebenskünstler und vor allem ihnen gilt ihr menschenfreundlicher Blick. Das drückt sich auch in der Wahl und Inszenierung der Kleindarsteller*innen aus, die ihren Spielfilmen etwas Dokumentarisches verleihen.
Die Musik
In fast allen von Buschmanns Filmen spielt die Musik neben der Geschichte eine Hauptrolle. In GIBBI WESTGERMANY (1980) ist es der oft mit Joe Cocker und Randy Newman verglichene Paul Millns, ein exzellenter Bluessänger und Songwriter und unbekannter, als er sein sollte, der den Soundtrack für den Film geschrieben hat, In COMEBACK sind es die Songs und »die schwärzeste weiße Stimme« von Eric Burdon. Der Titelsong und die Filmmusik von AUF IMMER UND EWIG (1986) stammen von Chris Rea, und in BALLHAUS BARMBEK — LET´S KISS AND SAY GOODBYE (1988) sind es die Schlager der 1970er und 1980er Jahre. Musikalisch werden Gefühle ausgedrückt, stellvertretend für die Charaktere, die sie selbst nicht äußern können oder wollen. Unkonventionell sind die Kameraarbeit und der Schnitt, die sich einem klassischen Erzählkino verweigern. Wenn die Kamera zu Beginn bei AUF IMMER UND EWIG auf der Straßenkreuzung nach oben fährt und Eva Mattes mit dem entscheidenden Brief in der Hand verloren dort unten stehen lässt, ist das bereits eine Vorschau auf den ganzen Film. Wenn Gibbi in der psychiatrischen Klinik ausrastet, gibt es unerwartet einen harten Cut und einen Szenenwechsel, so als ob nichts geschehen wäre.
Das Unkonventionelle passt zum Künstlerumfeld, mit dem sich Christel Buschmann umgeben hat, mit dem sie arbeitet, und mit dem diese Offenheit und ein Nicht-Verurteilen möglich erscheinen. Der Cast ist in vielen ihrer Filme schlichtweg beeindruckend. Neben ausgebildeten Schauspieler*innen wie Eva Mattes, Eva-Maria Hagen, Werner Stocker und Ulrich Tukur stehen bei ihr auch berühmte Musiker vor der Kamera: Eric Burdon in ihrem Debütfilm GIBBI WESTGERMANY zunächst nur in einer Nebenrolle, in COMEBACK, zwei Jahre später, gibt er ein fulminantes Debüt als Hauptdarsteller – auch vor der Kamera authentisch und mit dem Charisma eines Rockstars. Die legendäre Nico hat einen Auftritt in BALLHAUS BARMBEK, ebenso wie der Local Hero Hamburgs, Rocko Schamoni. Auch Ulrich Tukur bekommt eine Szene mit Gesangseinlage. Intellektuelle wie der Journalist Stefan Aust gehören zur Filmfamilie; er erklärt Felix die Welt im gleichnamigen Film. Der Maler und Performancekünstler Martin Kippenberger spielt wie selbstverständlich eine Rolle, eine unsympathische noch dazu: In GIBBI WESTGERMANY ist er ein Villenbesitzer, der neue Mann von Gibbis Ex-Freundin, sozusagen der Erzfeind.
Christel Buschmann scheint auch im fortgeschrittenen Alter unendliche Energien zu haben. Im September 2024 erschien ihr Roman »Ein glühend heißer Nachmittag«, den sie auf ihrer Website wie folgt charakterisiert: »Die Geschichte einer daueralarmierten, abergläubischen jungen Frau, die zwischen Tragödie und Komödie nicht unterscheiden kann.« In einer Rezension schreibt Alexander Kluge: »Ich bin fasziniert. Kein Film ist so beweglich wie dieser Text. Es geht um eine Momentaufnahme, den Puls unserer Zeit, sie ist nervös, disruptiv und ziemlich fantastisch.« Diese Worte beschreiben auch Christel Buschmanns Spielfilme ziemlich treffend. Seit längerem ist ein neuer Spielfilm in der Pipeline. Das Drehbuch ist geschrieben, das Projekt ALL TOMORROW´S PARTIES, eine schwarze Komödie mit Lars Eidinger in der Hauptrolle, befindet sich in der Finanzierungsphase. Und ein weiterer Roman ist auch in Arbeit. Man darf gespannt sein. (Claudia Engelhardt)
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Donnerstag 19.00 Uhr
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