ab 7. November 2019
Hans Magnus Enzensberger. Eine Hommage in Fotografien von Stefan Moses 1963 – 2009

Lounge im Münchner Stadtmuseum

Mit der Eröffnung der Lounge erweitern wir unser Foyer um ein neues Areal, in dem künftig das Spontane seinen Platz haben soll.

Wir gratulieren Hans Magnus Enzensberger zum 90. Geburtstag am 11. November 2019.

Die Präsentation ist eine Hommage an zwei ungemein produktive Künstler, die seit langem von München aus mit ihren Schriften und Bildern das kulturelle Leben in Deutschland inspirieren. Die über Jahrzehnte andauernde Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen dem Dichter und Essayisten Hans Magnus Enzensberger und dem Fotografen Stefan Moses (1928-2018) hat ein Bildkorpus hervorgebracht, das in der Geschichte der Porträtfotografie so einzigartig ist wie in der Kulturgeschichte Münchens. Aus Anlass des 90. Geburtstags von Hans Magnus Enzensberger ergeben sich erstmals Einblicke in dieses faszinierende Langzeit-Projekt.

Das erste Zusammentreffen beider fand im Oktober 1963 in Bad Saulgau statt, einer idyllischen Kleinstadt an der oberschwäbischen Barockstraße und zugleich Schauplatz eines dreitägigen Treffens der „Gruppe 47“. Dort im Hotel Kleber-Post hatten sich die namhaftesten Schriftsteller, Verleger, Kritiker und Journalisten aus der Bundesrepublik versammelt, um ihre jüngsten Arbeiten in Lesungen zur Diskussion zu stellen. Hans Magnus Enzensberger hatte in Saulgau als frisch gekürter und mit 33 Jahren zugleich jüngster Träger des renommierten Georg Büchner-Preises seinen Auftritt.

Zu dem Zeitpunkt hatte sich Stefan Moses als Fotograf in der Welt der Illustrierten ebenfalls einen Namen gemacht. Er war Mitarbeiter der von Henri Nannen gegründeten Illustrierten „Der Stern” und zählte zu den interessantesten und wohl auch neugierigsten Vertretern seines Metiers.

Wenn man Stefan Moses' Aufnahmen aus Saulgau betrachtet, fühlt man sich sofort in eine politisch aufgewühlte Zeit zurückversetzt. Drei Jahrzehnte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war selbst in der schwäbischen Provinz die Auseinandersetzung mit dem Erbe der jüngsten Vergangenheit noch deutlich präsent. Die „Spiegel-Affäre“, die die Republik und das Grundrecht auf Meinungsfreiheit nachhaltig erschüttert hatte, lag gerade einmal ein Jahr zurück. Stefan Moses' Aufnahmen zeigen den jungen Dichter im Gespräch und in angeregter Stimmung, umgeben von Helmut Heißenbüttel, Ingrid Bachér und dem Verleger Rudolf Augstein.

Diese Aufnahmen wären, wenn sie denn damals publiziert worden wären, wie ein Symbol für eine (wieder)gewonnene Freiheit des Denkens, das sich auch durch die Staatsräson nicht einschüchtern bzw. disziplinieren ließ, verstanden worden.

Das Interesse an den politischen Verhältnissen ihrer Zeit und den Auswirkungen auf die deutsche Gesellschaft verbindet beide, Hans Magnus Enzensberger und Stefan Moses, auf verschiedene Weise. Als nahezu Gleichaltrige teilte man einen ähnlichen Erfahrungshorizont. Man hatte noch einmal weitgehend unbeschadet das sogenannte tausendjährige Reich überstanden und sich dabei eine Geisteshaltung angeeignet, die, gepaart mit großer Neugier und souveränem Denken, sich unterschiedlichen Aufgaben, doch ähnlichen Themenfeldern zuwandte. Während Enzensberger als Dichter und brillanter Essayist zu zeitpolitischen Fragestellungen und den Mechanismen der Kulturindustrie in viel gelesenen bzw. diskutierten Aufsätzen reüssierte, fand Stefan Moses sein Lebensthema in den Erscheinungsformen der deutschen Gesellschaft. Angeregt durch August Sander, dessen Buch „Deutschenspiegel” 1962 erschienen war, begann Moses wenig später seine langfristig angelegten Porträtzyklen, etwa zu den Deutschen im Wald. Hier standen Zeitzeugen, deren Lebensschicksal häufig von der Erfahrung der Emigration geprägt war, dem Fotografen Modell. In anderen Porträtserien wie „Politiker hanteln“, „Selbst im Spiegel“ oder „Künstler machen Masken“ lichtete Moses die politische und kulturelle Elite Westdeutschlands ab.

Ab 1984 kam Stefan Moses häufig an Geburtstagen, an denen sich die Familie Enzensberger im Elternhaus in Kaufbeuren zum Feiern versammelte, zu Besuch, um den Tag dort zu verbringen und zu fotografieren. Die Aufnahmen gewähren Einblicke in die Privatsphäre, ohne indiskret zu sein. Die Integrität und der Eigensinn der Individuen wird respektiert.

Wer einmal das Vergnügen hatte, den Fotografen bei seiner Arbeit zu beobachten, wurde schnell gewahr, wie geschickt Stefan Moses es vermochte, seine Modelle im Gespräch charmant zu umgarnen. Diese Atmosphäre lockte selbst die verhaltensten Charaktere aus der Reserve und half diesen, sich mimisch und gestisch von der Befangenheit zu befreien, die die Präsenz eines Fotografen in der Regel mit sich bringt.

Zur Präsentation ist im Schirmer/Mosel Verlag ein Buch mit Texten von Michael Krüger, Ulrich und Hans Magnus Enzensberger sowie dem Herausgeber Ulrich Pohlmann erschienen. Wir danken Else Bechteler-Moses und Alexander Kluge sowie Lothar Schirmer für die Unterstützung bei der Realisation von Präsentation und Publikation.

sfas