24. Mai – 25. August 2019
FORUM 049: Sebastian Riemer – Archivarische Empathie

In seinen Fotografien geht der Düsseldorfer Künstler Sebastian Riemer (geb. 1982 in Oberhausen) den spezifischen Eigenschaften des fotografischen Bildes auf den Grund. Dabei geht er häufig von historischen Aufnahmen aus, die mitunter sogar aus der Anfangszeit der Fotografie stammen.

In seiner seit 2013 entstehenden Serie „Press Paintings“ greift Riemer auf amerikanische Pressefotos der 1920er- bis 1970er-Jahre zurück. Diese wurden als Druckvorlagen genutzt und vor der Drucklegung manuell bearbeitet, um die Bildinhalte den Anforderungen der jeweiligen Presseartikel anzupassen. So wurden etwa mit Pinsel und Farbe die Veränderungen direkt auf die Foto-Oberfläche aufgetragen. In Riemers hochauflösenden Reproduktionen erscheinen diese Eingriffe in übersteigerter Skurrilität und lassen ihren Ursprung weit hinter sich. Abgebildete Personen werden nahezu Körpergröße den Betrachtern gegenübergestellt. Vormals feine Pinselstriche der Retuschen erscheinen als expressive Trompe-l'oeil-Malerei.

Sebastian Riemer, “Abandoned (Socccer)”, 2016, Pigmentprint © Sebastian Riemer
Sebastian Riemer, "Wetzler Boy", 2016/19, 165x125cm, Silbergelatine-Print © Sebastian Riemer
Sebastian Riemer, "Achrome Still (Monuments)", 2016, 166x245cm, C-Print © Sebastian Riemer
Sebastian Riemer, "Double Gothic", 2016, 137x197cm, C-Print © Sebastian Riemer

Riemers seit 2015 entstehende Werkgruppe der „Instant Photos“ beruht auf historischen Daguerreotypien, von denen er Polaroidaufnahmen anfertigt. Dieser Zyklus thematisiert die Fehler der Repräsentation durch die frühen unausgereiften Techniken: Es sind Personen wie Aussparungen im milchigen Lichtkegel zu sehen, der Umraum ist aufgewühlter abstrakter Gestus aus Entwicklerflüssigkeit, der das Bild in ein verwaschenes Blau taucht. Über die Oberfläche ziehen sich einzelne Kratzer. Indem die Personen, die mit dem Habitus der Mitte des 19. Jahrhunderts sowieso aus der Zeit gefallen wirken, wie freigestellt im Bild auftreten, wird ihre Bedeutung und ihre Erzählung mysteriös. Natürlich wird die Aussagekraft und die Lesbarkeit des Porträtfotos befragt, zugleich wird die Distanz veranschaulicht, die zur Gegenwart besteht, und doch sind Riemers Bilder ganz im Heute positionieren.

Riemers Arbeiten gehen über die bloße Aneignung der Vorlagen hinaus, vielmehr wirft er medienspezifische und rezeptionsgeschichtliche Fragen auf. Er befragt das "Postfaktische" der Fotografie, dass ihr seit ihrer Erfindung innewohnt. Die Macht der technischen Bilder ist im digitalen Zeitalter präsenter denn je, weshalb Riemers Revisionen an Aktualität nichts missen lassen; vielmehr werden die bis heute gültigen Mechanismen der Bildproduktion in ihren Anfängen sichtbar und ihr Wirken in Frage gestellt.

Biografie

2003-2010 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Thomas Ruff und Christopher Williams
2006 Meisterschüler von Thomas Ruff

Ausstellungen (Auswahl)

2019 Next Generations – Aktuelle Fotografie Made im Rheinland, Museum Morsbroich, Leverkusen
2018 In plain Air, SCAG Contemporary, Wien
GRLS BBYLON, Setareh Gallery, Düsseldorf
2017 Deutschland 8, White Box Art Museum, Beijing
Quadrate und Mädchen, Goethe Institute, Tel Aviv
Akademie (Arbeitstitel) , Kunsthalle Düsseldorf, Düsseldorf
Ecker Riemer Ruff – Retouched, Museum Folkwang, Essen
2016 Noise, Setareh Gallery, Düsseldorf
That's how the light gets in, Kunsthaus NRW, Kornelimünster
2015 De l'authentique aujourd'hui, Galerie Dix9, Paris
I:I, Parkhaus im Malkastenpark, Düsseldorf
2014 Dystotal, Pori Art Museum, Pori
2013 Spolia, Galerie DIX9, Paris
10 Jahre - 10 Fotos, Museum Kunstpalast, Düsseldorf
2012 Sebastian Riemer, Galerie Clara Maria Sels, Düsseldorf
Für immer jung, Deutsches Historisches Museum, Berlin
Fascinating Documents, House of Photography, Moskau
2010 New Talents Biennale, Kunststation St.Peter, Köln
2009 TANSTAFL, Konsortium, Düsseldorf
2007 Portrety z Autostrady oraz Obrazy okien, Galeria Zpafiska, Krakau
2004 03 --- 04, NRW-Forum, Düsseldorf 

Kurator_innen der Kabinettausstellung:
Daria Bona, Stipendiatin der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, Essen
und Rudolf Scheutle, Sammlung Fotografie

sfas