Russian Seasons

Zwei Phasen des sowjetischen Kinos

WENN DIE KRANICHE ZIEHEN (1957) | Regie: Michail Kalatosov

 

Kurze Begegnungen

»Russian Seasons« ist ein Projekt, mit dem sich die russische Kultur dem ausländischen Publikum präsentiert. Jedes Jahr wird ein anderes Land ausgesucht, in dem Veranstaltungen aus allen Bereichen der Kultur vorgestellt werden. Der Name des Projekts bezieht sich auf die legendären Tourneen der Ballett-Truppe von Sergej Djagilev. 2017 fand das Festival in Japan statt, 2018 in Italien, 2019 ist Deutschland an der Reihe. Für den Bereich »Film« haben Peter Bagrov, seit August Leiter der Filmabteilung des George Eastman Museum in Rochester, und der Filmkritiker Konstantin Shavlovsky zwei Filmreihen kuratiert, die unterschiedliche Phasen des sowjetischen Kinos dokumentieren. Der Titel des Filmprogramms bezieht sich auf den gleichnamigen Film von Kira Muratova.

Sowjetischer Filmexpressionismus
Der expressionistische deutsche Stummfilm übte auf das Weltkino großen Einfluss aus, dem sich auch der sowjetische Film nicht entziehen konnte. Und das nicht nur in den 1920er Jahren, wie weithin angenommen wird. Fast alle Meisterwerke des deutschen Stummfilms, von DAS CABINET DES DR. CALIGARI (1919) bis zu DIE BÜCHSE DER PANDORA (1929) waren in den sowjetischen Kinos zu sehen, und der Beitrag, den diese Filme nicht nur zur Filmkunst, sondern auch zum Theater, zur Malerei und zur Literatur leisteten, ist einmalig. Unter anderem auch deshalb, weil ab dem Beginn der 1930er Jahre der Verleih ausländischer Filme in der Sowjetunion eingeschränkt wurde und dem Publikum die Bekanntschaft mit weiteren bedeutende Filmströmungen im ausländischen Film nur sehr limitiert möglich war. Erst in den 1960er Jahren begann sich die Situation allmählich zu ändern.

Der Expressionismus wurde beinahe zum Synonym von »westlicher« Ausdruckskraft. Das aktuelle sowjetische Material, gedeutet meistens aus der Klassenperspektive, im bedingungslosen Glauben an die rosige Zukunft, rief eine heitere und gehobene Ästhetik ins Leben: den Konstruktivismus (in den 1920er Jahren), den Suprematismus nach Malevič (am Anfang der 1930er), den sozialistischen Klassizismus (am Ende der 1930er), das Stalin-Empire (in den 1940ern und 1950ern). Aber jeder dunkle Winkel – sei es in der sowjetischen oder in der westlichen Wirklichkeit, in der Außenwelt oder im Bewusstsein der Protagonisten – rief unumgänglich klassische deutsche Filme in Erinnerung. Die Filmemacher gaben solche Anleihen nur ungern zu. Grigorij Kozincev und Leonid Trauberg, die Gründer von FEKS (Fabrik des exzentrischen Schauspielers) bestritten vehement den Einfluss des Expressionismus auf ihre besten Stummfilme DAS TEUFELSRAD (1926), DER MANTEL (1926), S.W.D. – DER BUND DER GROSSEN TAT (1927) und DAS NEUE BABYLON (1929). Lev Kulešov schwor dem amerikanischen Film die Treue und wollte nicht merken, dass seine Jack-London-Verfilmung NACH DEM GESETZ dem deutschen Kino viel näherstand. Während sie den Einfluss expressionistischer Filme auf ihr Schaffen meistens bestritten, gaben sowjetische Filmemacher ihre Begeisterung für expressionistische Malerei und Grafik jedoch gerne zu. Die Namen von Käthe Kollwitz und George Grosz kommen in ihren Aufsätzen und Memoiren immer wieder vor. Das Schlüsselbild von Fridrich Ermlers DER MANN, DER DAS GEDÄCHTNIS VERLOR (1929), Jesus mit Gasmaske am Kreuz, ist ein direktes Zitat von George Grosz. Das hat Ermler nie verheimlicht.

Weiter im Text von Peter Bagrov und zum Programm der Filmreihe (13. September – 17. Dezember 2019)

GRANICA (DIE GRENZE) | SU 1935 | Regie: Michail Dubson
EINIGE INTERVIEWS ZU PERSÖNLICHEN FRAGEN | SU 1978 | Regie: Lana Gogoberidze

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