Kult-Horror

Vier Perlen des Makabren

PIT AND THE PENDULUM | USA 1961 | Regie: Roger Corman

Ende der 1960er Jahre befand sich das Kino weltweit im Umschwung. Das klassische Studiosystem war im Niedergang begriffen. In Frankreich startete die Nouvelle Vague durch, gefolgt vom Free Cinema in England, vom Jungen Deutschen Film und diversen anderen nationalen neuen Wellen. Aber diese Neuerfindung des Kinos zu jener Zeit beschränkte sich nicht nur auf junge ambitionierte Filme, sondern auch auf Genre-Produktionen. Ende der 1950er Jahre begann nämlich international auch eine Renaissance der populären Kinos (auf dem Weg zum Pop), hervorgebracht meist von kleinen, wagemutigen Firmen wie Hammer oder AIP, die in den Nischen des alten Systems aufblühten. Es gab Spionagefilme, Sandalenfilme, Euro-Western, Thriller, Science-Fiction. Und es gab vor allem eine Wiedergeburt des fantastischen Films. In diesen neuen Horrorfilmen wurde natürlich der schmutzige Glamour von Sex und Gewalt und Exploitation vorangetrieben, und zugleich eine cineastische Unschuld im Sinne von George Méliès und den großen Serials der Stummfilmzeit beschworen. Vielleicht könnte man dieses neue Genrekino und besonders den Horrorfilm als den kleinen, schmutzigen, vernachlässigten Bruder der Nouvelle Vague und aller anderen neuen Wellen bezeichnen, einen aufmüpfigen Bruder, der noch dazu ein wenig an den Rockschößen von Papas Kino hing.

Die Filmkritik nahm damals den Horrorfilm kaum wahr. Wenn sie es tat, beschimpfte sie ihn als Schund und Dreck. Nur eine Publikation gab es, die das fantastische Kino geradezu feierte und es mit den Augen der Surrealisten sah. Es handelt sich um das französische Magazin Midi-Minuit Fantastique, das seit seiner ersten Nummer im Jahr 1962 in jeglicher Beziehung Kultstatus erreichte. Die jungen intellektuellen Autoren dieser Erotica der Cinephilie, Jean-Claude Romer, Michel Caen oder Alain Le Bris, traten meist wie Dandys der Nacht auf. Sie trugen schwarze Anzüge und stets Sonnenbrillen, jederzeit gefasst, der absoluten Realität des Wunderbaren entgegenzutreten. Terence Fisher, Mario Bava, Roger Corman und Barbara Steele gehörten zu den Favoriten der Redaktion. Vor allem Terence Fisher, dem die erste Ausgabe gewidmet war, feierten die Autoren von »Midi-Minuit Fantastique« als genuinen auteur. Jean Boullet, spiritus rector der Zeitschrift und Freund von Jean Cocteau und Kenneth Anger, schrieb: »Der unschätzbare Wert von Fishers Œuvre liegt darin, dass er die Fortschreibung der Mythen garantiert hat.«

Dracula
Gothic Horror is coming home: so könnte man auch das Unterfangen des kleinen englischen Hammer-Studios beschreiben, Ende der 1950er Jahre den Frankenstein-Stoff und den Dracula-Roman für das Kino neu zu interpretieren. Keine Remakes der klassischen, ein wenig theatralischen Universal-Verfilmungen aus den 1930er Jahren sollten entstehen, sondern eigenständige Adaptionen, die auf Mary Shelley und Bram Stoker eingehen und zugleich eine gewisse Modernität ausstrahlen. Mit Christopher Lee und Peter Cushing fand man zwei Darsteller, die unmittelbar zu Ikonen des Horrorfilms wurden. Im Dracula-Film gibt Lee den animalischen, ewig zornigen Gentleman der Nacht, Cushing spielt als Van Helsing einen Freibeuter der Vernunft. Dabei tat sich gerade das britische Kino besonders schwer mit dem Genre des Fantastischen. Trotz einer großen literarischen Tradition im Gothic Horror wird im englischen Kino seit John Grierson und bis zu Ken Loach der Realismus als beinahe einzig gültige Stilrichtung hochgehalten.

Weiter im Text von Hans Schifferle und zum Programm der Filmreihe (17. September - 18. Oktober 2019)

DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT | Italien 1960 | Regie: Mario Bava

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