Katja Raganelli

Porträts von Filmemacherinnen

Katja Raganelli im Gespräch mit Simone Blaché, der Tochter von Alice Guy-Blaché

Das größte Interesse erweckte in meiner Kindheit das Kino. Es fiel mir nicht schwer, mehrere Stunden vor der Kinokasse in Split für die Karten der Abendvorstellung zu warten, damit ich mit meinen Eltern die magische Leinwand erleben durfte, die mich in eine andere Welt versetzte. Joan Crawford, Bette Davis, Katharine Hepburn, starke Frauen in den Hollywood-Melodramen der 1940er und 1950er Jahre, elegant, klug, manchmal auch gnadenlos in der Erfüllung ihrer Lebensträume, faszinierten mich, obwohl ihr Kampf ums Lebensglück selten mit einem Happy End belohnt wurde. Das Leben bestrafte diese mutigen Frauen, die den Emanzipationspfad betraten. Ich verstand damals schon als junges Mädchen ihre Sehnsucht nach Unabhängigkeit, die sie trotz ihrer Stärke so verletzbar machte, sobald sie gegen die Spielregeln der Gesellschaft verstießen. Ich schrieb an Joan Crawford, und sie antwortete mir, schickte ein Porträt mit einer Widmung. Damals schwor ich mir, wenn ich endlich erwachsen bin, werde ich nach Hollywood reisen, um sie persönlich kennenzulernen.

1967 wurde die Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München eröffnet und ich bestand die Aufnahmeprüfung. Das war der Beginn meiner 40-jährigen Filmarbeit, in der 65 Dokumentarfilme und 3 Spielfilme entstanden sind. Als ich 1971 die HFF abgeschlossen hatte, wollte ich »Liebeszauber« von Ludwig Tieck verfilmen. Ich schrieb das Drehbuch und versuchte bei verschiedenen Sendern, das Projekt zu realisieren. Das Drehbuch kam gut an, aber man wollte einen damals sehr bekannten Regisseur den Film drehen lassen. Diese Erfahrung sensibilisierte mich. Ich beschloss, durch die Porträts der Frauen, die es geschafft haben, in dieser männlich dominierten Welt Filme zu machen, auf die schwierige Situation der Frau im Film aufmerksam zu machen.

Mein erstes Porträt war über die französische Filmemacherin Agnès Varda. Sie war elf Jahre älter als ich und enorm mutig. 1954 wagte sie aus eigenen Ersparnissen ihren ersten Film LA POINTE COURTE zu drehen. Ihre Erfahrung als Fotografin bei Jean Vilar am Théâtre National Populaire in Paris beeinflusste sie nachhaltig in ihrer Filmarbeit. Für Agnès Varda ist die Fotografie ein starkes Ausdrucksmittel, welches eine Art Schwingung ausstrahlt. Gerade diese Schwingungen, dachte ich damals, wie auch der festgehaltene Augenblick, sind Elemente der Frauenästhetik in ihren Filmen. Es war kein Zufall, dass ich eine Reihe von Filmporträts über Filmemacherinnen gerade mit Agnès Varda – la mère de la Nouvelle Vague – beginnen wollte. Im Oktober 1976 besuchten wir sie bei den Dreharbeiten zu L’UNE CHANTE, L’AUTRE PAS. Agnès war ganz anders als ich sie mir vorstellte. Damals war sie 48 Jahre alt, und dennoch wirkte sie wesentlich jünger. Ihre kurzen schwarzen rund geschnittenen Haare glänzten im Licht der Scheinwerfer und der Pony ließ ihre lebhaften dunklen griechischen Augen schelmisch dahinter hervorblicken. Um sie herum verbreitete sich eine entspannte Stimmung.

Weiter im Text von Katja Raganelli und zum Programm der Filmreihe (11. September - 18. Dezember 2019)

L'UNE CHANTE, L'AUTRE PAS (Frankreich 1977) von Agnès Varda
Katja Raganelli und die schwedische Filmemacherin Mai Zetterling
HESTER STREET (USA 1975), Spielfilm von Joan Micklin Silver

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