Enno Patalas

In memoriam

Enno Patalas 1999 bei der Präsentation seines Hitchcock-Buchs im Filmmuseum

"Zu meiner Person: Ich bin Gründer der Filmkunstzeitschrift »Filmkritik« – der derzeit einzigen in der Bundesrepublik Deutschland – und war über zwölf Jahre ihr Chefredakteur; ich habe eine »Geschichte des Films« geschrieben, zusammen mit Ulrich Gregor, und verschiedene andere Bücher zur Filmgeschichte; und ich bin Filmkritiker der »Süddeutsche Zeitung« und des Bayerischen Rundfunks. Und mit Wirkung vom 1. April bin ich vom Münchner Stadtrat zum Direktor des Münchner Filmmuseums berufen worden. Das Münchner Filmmuseum ist ein noch bescheidenes Institut, das aber entwicklungsfähig ist. München hat ein sehr interessiertes Filmpublikum. Es ist die Stadt mit den meisten Studenten in der Bundesrepublik Deutschland – ungefähr 50.000 –, und es hat die einzige Filmakademie Westdeutschlands. Da sich die Einsicht durchzusetzen beginnt, dass die Filmkunst ebenso öffentlicher Unterstützung wert ist wie die traditionellen Künste, besteht Hoffnung, dass auch das Münchner Filmmuseum in der Zukunft über größere Mittel verfügen wird."

Mit diesen Worten stellte sich Enno Patalas am 10. Februar 1973, sieben Wochen vor seinem Dienstantritt, in einem Brief dem Leiter von Gosfilmofond, dem größten Filmarchiv der Welt, vor. Vermittelt hatte ihm diesen Kontakt der Leiter des Österreichischen Filmmuseums Peter Konlechner, der eine gute Beziehung über den »eisernen Vorhang« hinweg pflegte. Der am 15. Oktober 1929 in Quakenbrück geborene Patalas hatte schon in seiner Studienzeit zusammen u.a. mit Theodor Kotulla einen Studentischen Filmclub an der Universität Münster gegründet, sich als in der Tradition von Siegfried Kracauer und der Frankfurter Schule stehender Filmkritiker und Filmbuchautor einen Namen gemacht, als er das Filmmuseum von seinem Gründungsdirektor Rudolf Joseph übernahm. In seinem Brief an Gosfilmofond bekundete Patalas seine Absicht, »die Geschichte des Sowjetfilms zu einem festen Bestandteil des Programms des Münchner Filmmuseums zu machen.« Und er schlug einen Austausch »neuerer deutscher Filme« gegen »ältere sowjetische Filme« vor, da »in den letzten Jahren in der Bundesrepublik von jungen Regisseuren eine Reihe interessanter Filme« gedreht worden sei und er mit vielen Filmemachern »befreundet« sei. Sieben Tage später erhielt er eine Antwort aus Moskau (oder genauer: Belye Stolby, dem Sitz von Gosfilmofond nahe Moskau), in der auf seinen Vorschlag eingegangen wurde. Die Verbindung in die Sowjetunion wurde für Patalas in den nächsten Jahren zur wichtigsten Quelle für den Aufbau einer Sammlung mit über 100 sowjetischen Filmen und für die Entdeckung vollständigerer Kopien vor allem deutscher Stummfilmklassiker, die von der Roten Armee bei der Befreiung Berlins 1945 als Beutegut vom Reichsfilmarchiv nach Moskau gebracht worden waren.
Zu den Lieblingsanekdoten von Patalas gehörte die Geschichte, dass Gosfilmofond als Gegenleistung für deutsche Filmklassiker dann keine neuen deutschen, sondern amerikanische Filme haben wollte. Er erwarb daraufhin auf dem Schwarzmarkt gebrauchte deutsch synchronisierte James-Bond-Filme und tauschte diese gegen Stummfilme von Fritz Lang und F. W. Murnau: GOLDFINGER gegen DER MÜDE TOD.

Weiter im Text von Stefan Drößler und zum Programm-pdf der Filmreihe (9. bis 28. Juli 2019)

Wir freuen uns, dass Edgar Reitz am Sonntag, 28. Juli 2019 um 18.30 Uhr zur Vorführung seines Films DIE NACHT DER REGISSEURE im Filmmuseum zu Gast sein wird!

ABSCHIED VON GESTERN (BRD 1966) | Regie: Alexander Kluge
EL DORADO (USA 1966) | Regie: Howard Hawks
L'ATALANTE (Frankreich 1934) | Regie: Jean Vigo

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