Alfred Hitchcock

Der Meisterregisseur. Eine komplette Retrospektive

Alfred Hitchcock bei den Dreharbeiten zu THE BIRDS (1963)

Wie nah kann man einem Meister kommen? William Friedkin, Jahrgang 1935, hatte einst eine Begegnung mit Alfred Hitchcock, Jahrgang 1899. Er drehte gerade, im Jahr 1965, die letzte Folge der ALFRED HITCHCOCK HOUR (OFF SEASON, mit John Gavin), und hat davon in einem Interview erzählt.

Schwarzer Schwarm
»An meinem letzten Drehtag kam Hitchcock ins Studio. Er wurde umringt von all diesen schwarzen Anzügen, dem hohen Studiostab von Universal, und sie folgten ihm wie ein Schwarm Krähen ... Wenn er ein Glas Wasser verlangte, war es da. All diese yes men, die sich da tummelten. Der Produzent der Show, Norman Lloyd, der für die Besetzung und für die Arbeit am Script sorgte und die Regisseure aussuchte, führte mich zu Hitchcock. Ich sagte, es sei wirklich eine Ehre für mich, und streckte die Hand aus. Er gab mir seine Hand wie ein König das tut. Er reichte sie mir, als würde er einen toten Fisch anfassen, und sagte: Mr. Friedkin, ich sehe, Sie tragen keine Krawatte. Ich dachte, er nähme mich auf den Arm, und sagte: Nein Sir, heute habe ich mir keine Krawatte umgebunden. Und er sagte: Gewöhnlich tragen unsere Regisseure Krawatten. Dann ging er davon. Und das war’s. Das war das einzige, was er mich je übers Filmemachen lehrte.« Diese schlipsige Episode, das ist Hitchcock wie er leibt und lebt und sich selbst präsentiert. In den Sechzigern war er der absolute Meister der Selbstinszenierung. Gab sich distinguiert und kultiviert, zynisch und ironisch, aber stets grundbürgerlich – wohl auch ein wenig selbstgefällig, war zu jedem Gag bereit. Aber nicht unbedingt für Hemdsärmeligkeit. (Ausnahmen bestätigen die Regel: der helle Mantel, den er bei den Außenaufnahmen zu THE BIRDS im windigen Bodega Bay trägt, oder einmal, kaum zu glauben, Hitchcock im kurzärmligen Hemd im prallen Sonnenlicht!) Hitchcock lebenslang Ende der Fünfziger, im Fünferpack der Filme von VERTIGO bis MARNIE, beginnt Hitchcocks Karriere einen verrückten, schlingernden Drive zu entwickeln. Die Geschichten delirieren, die mise en scène wird abstrakt.

Seine Filme hatten immer schon etwas Pedantisches, das macht ihren ganz speziellen Charme aus. Ernste Miene zu sehr bösem Spiel. Hitchcock, das ist vor allem eine Silhouette, er hat sie selbst skizziert, mit geschwungenem Strich, für seine TV-Show. Ein Markenzeichen, Suspense als Wertarbeit. Made by Hitchcock. »Hitchcock is a lifelong commitment«, hat Dave Kehr geschrieben. »Man beschäftigt sich mit ihm sein Leben lang, bleibt ihm und seinen Filmen verbunden, von der bemerkenswerten Kinounterhaltung, die er in naiver Jugend beschert, zu den subtilen Schattierungen, die man später, bei genauerer Analyse, entdeckt.« Der Baukasten für eine Hitchcock-Philologie ist gesteckt voll, es gibt jede Menge Elemente, die in den diversen Texten über ihn und sein Werk immer wieder auftauchen: die falschen Verdächtigen auf ihrer Flucht, die Schuld und ihre Übertragung, der Voyeurismus, die Frauen, die vornehm tun und sich hinter den Schlafzimmertüren wie Nutten aufführen, die Zigarette ausgedrückt im Spiegelei, die subjektiven Einstellungen und Fahrten, die Geschichte, wie er als Bub vom Vater auf die Polizeiwache geschickt und für ein paar Minuten in eine Zelle gesteckt wurde, die practical jokes, die sich daraus entwickelten, Almas unverzichtbare treue Mitarbeit, die Cameo-Auftritte, die Theorien von Suspense und MacGuffin ...

Die Verfügbarkeit der Filme ist enorm, auf DVD und Blu-ray, da kann man ihre Schönheit und Eleganz bewundern und studieren – die meisten Leute haben die Hitchcockfilme mehrfach gesehen. Aber um mitzukriegen, wie sie funktionieren, muss man sie auf der Leinwand sehen, im Kinosaal sitzen mit dem Publikum, im Dunkeln.

Weiter im Text von Fritz Göttler und zum Programm der Filmreihe (13. September 2019 – 26. Februar 2020)

Alfred Hitchcock mit Janet Leigh bei Dreharbeiten zu PSYCHO (1960)
THE PARADINE CASE (1947)
STRANGERS ON A TRAIN (1951)

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