Michael Pfleghar

Wunderkind und Showman

DIE TOTE VON BEVERLY HILLS (1964) mit Alice und Ellen Kessler (Foto: Moviemax)

Einen Pfleghar-Film sehen, das heißt, eine Reise zu unternehmen in die Vergangenheit der Zukunft. Seine genuinen Cine-Spektakel der Swinging Sixties, die eigentlich unvorstellbar sind im deutschen Kino jener Zeit, gleichen irrwitzigen Trips durch eine Jetset-Pop-Welt, in der ein Supersonic Feeling herrscht, das den Zuschauer verwirrt, verzückt, verändert. Pfleghar versucht in seinen ausgeflippten Filmen, die Komödien, Satiren, Grotesken, Farcen, Possen, Musicals, Comics, Pop Art, Trash und noch viel mehr sind, nichts Geringeres als die Welt aus den Angeln zu heben. Er ist ein Revolutionär des Stils, der Narration, des Rhythmus. Seine attraktiven Scope-Bilder scheinen zu tanzen in Ekstase. Und er macht den deutschen Film international: nicht nur weil er für die damalige Zeit an richtig fernen Orten wie Los Angeles und Tokio dreht, sondern vor allem auch weil er geradezu durchdrungen ist vom Weltkino. In DIE TOTE VON BEVERLY HILLS gibt es eine Szene, die auf einem villenartigen Anwesen in der kalifornischen Wüste spielt. Eine mondäne Party findet dort statt, und die bizarren Gäste stehen wie in einem Marienbad des Pop DeLuxe herum, als wären sie arrangiert worden von Alain Resnais und Jerry Lewis. In SERENADE FÜR ZWEI SPIONE reist ein Agent von Europa nach Amerika: auf Wasserski, von einem Motorboot gezogen – der reine dadaistische Nonsens. In San Francisco angekommen, versucht er zu telefonieren. Weil ihn der Verkehrslärm stört, bittet er aus der Telefonzelle heraus um Ruhe. Und der Alltag verstummt sogleich in dieser die Kinofiktion aufhebenden Szene, die natürlich an Frank Tashlin erinnert, auch an Beatles-Regisseur Richard Lester und Nouvelle-Vague-Mann Philippe de Broca.

Wunderkind und Showman

Pfleghars Kino-Œuvre ist recht schmal geblieben. 3 1⁄2 Spielfilme hat er gedreht zwischen 1963 und 1967. Bereits vor seiner irgendwie unvollendeten Kino-Karriere war er freilich ein Regie-Star beim Fernsehen, das gefeierte, hyperaktive Wunderkind der TV-Shows. Der 1933 geborene Pfleghar begann seine Laufbahn beim SDR in Stuttgart als Schnittmeister. Eine erste Kostprobe seines Regie-Könnens lieferte er dort ab mit dem kleinen, feinen TV-Musical DER SCHALLPLATTENDIEB, das er zusammen mit dem jungen Martin Walser realisiert hat. Bald wechselte Pfleghar zur Bavaria nach München, wo er von 1959 bis 1963 als Oberspielleiter fungierte. In seinen TV-Shows aus dieser Zeit mit Caterina Valente (BON SOIR, KATHRIN!), Vico Torriani (HOTEL VICTORIA) oder Hazy Osterwald verknüpft er das Träumerische mit dem Wirklichen durch eine innere Logik und nutzt dazu alle Möglichkeiten des Mediums Fernsehen. The medium is the message... Der Spiegel war ein wenig skeptisch damals und schrieb über Pfleghars beinahe experimentelle Revue LIEBEN SIE SHOW?: »Der junge Regie-Star hatte ein Spiel mit der Aufnahmetechnik betrieben, das Zuschauer wie Kritiker verstörte. Er häufte Schnitte und Blenden, Tricks und Montagen. Er ließ Motorroller durchs Wasser und Boote auf der Landstraße fahren.« Das relativ neue Medium Fernsehen hat damals gewissermaßen die seit der frühesten Stummfilm-Ära bekannten Kinotricks reanimiert und mit neuer Bedeutung versehen. Pfleghars gesamtes Werk ist gleichsam geboren aus dem Geist des Slapstick.

Weiter im Text von Hans Schifferle und zum Programm-pdf des Abends am 27.4.2019


SERENADE FÜR ZWEI SPIONE (1965) | Foto: Moviemax

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