Hirokazu Kore-eda

Die gefühlte Realität

Hirokazu Kore-eda bei Dreharbeiten zu WIE DER VATER, SO DER SOHN (2013)

Es ist eine merkwürdige Idylle, in die SHOPLIFTERS – FAMILIENBANDE (MANBIKI KAZOKU, 2018) seine Zuschauer einführt. Die Familie Shibata lebt in heiterer Verwahrlosung. Offiziell gemeldet ist an ihrem Wohnort nur Hatsue, deren Rente die schmale ökonomische Grundlage der Gemeinschaft bildet, die sie zuweilen aber auch gern in einer Pachinko-Halle verjubelt. Die Mutter Nobuyo hat einen schlecht bezahlten Job in einer Wäscherei, der Vater Osamu verdingt sich als Tagelöhner und Aki verdient ein Zubrot in einer Peepshow. Die Haupteinnahmequelle dieses kleinen Clans aber sind Ladendiebstähle, an denen bald auch der Neuankömmling Juri mitwirkt, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, das von seiner Mutter in die Winterkälte ausgesetzt wurde. Trotz der prekären Verhältnisse wird man den Verdacht nicht los, dass die kriminelle Energie der Shibata noch weitere Ursachen hat: Der Diebstahl schafft Komplizenschaft.

Hirokazu Kore-eda schaut vorurteilslos auf das Treiben seiner Charaktere, aber sein Blick auf die sozialen Verhältnisse ist zornig: Er erkundet die Ränder, an denen die Menschlichkeit verloren zu gehen droht. Seine Helden sind blinde Passagiere in einem Sozialstaat, der erst hinschaut, wenn es zu spät ist. Im Verlauf dramatischer Enthüllungen, die Kore-eda mit lichter Gelassenheit inszeniert, kommt heraus, dass die Familienverhältnisse nicht so sind, wie sie erscheinen. In der Nestwärme dieses Refugiums nistet durchaus eine Bedrohung des Kindeswohls. Nobuyo und Osamu verbindet ein düsteres Geheimnis, dessen Aufklärung sie erlösen könnte. Ihr Sohn Shota, der nun reif genug ist, sich aus der Amoral zu befreien, muss den Verlust der Geborgenheit verwinden. Der unbestechliche Humanist Kore-eda fällt keine Urteile, sondern hält die Verhältnisse bis zum Ende in der Schwebe. Seine Figuren gehen ihm dabei nicht verloren. Ihre Beweggründe mögen vieldeutig sein, seine Sympathie ist es nicht. Menschlichkeit offenbart sich bei diesem Regisseur in den unerwarteten Situationen und stets ist sie komplexer, als man auf Anhieb denkt.

In SHOPLIFTERS, für den er in Cannes wohlverdient die Goldene Palme erhielt, zieht der Regisseur eine Zwischenbilanz seines bisherigen Schaffens. Sein Werk steckt zwar voller Wendepunkte und beschreibt unterschiedliche Suchbewegungen (der nächste Film des Japaners, THE TRUTH, ist ein Science-Fiction-Drama, in dem Catherine Deneuve und Juliette Binoche die Hauptrollen spielen). Aber die Filme antworten aufeinander. In SHOPLIFTERS verweist das Motiv des sich selbst überlassenen Kindes auf NOBODY KNOWS (DARE MO SHIRANAI, 2004); die Verbindung zweier Familien aus unterschiedlichen Gesellschafts-schichten beschäftigt Kore-eda bereits in WIE DER VATER, SO DER SOHN (SOSHITE CHICHI NI NARU, 2013), dessen Originaltitel sich mit »Endlich Vater sein« übersetzen lässt – was wiederum die große Sehnsucht von Osamu benennt, der in SHOPLIFTERS eine Wahlfamilie um sich schart. Die Erkenntnis der erlösenden Kraft der Wahrheit schließt an seinen vorangegangenen Film DER DRITTE MORD (SANDOME NO SATSUJIN, 2017) an, in dem ein Anwalt zunächst nur zynische Verteidigungsstrategien entwickelt, dann aber der Wahrheit auf den Grund kommen will.

Weiter im Text von Gerhard Midding und zum Programm-pdf der Filmreihe (26. April – 22. Juni 2019)

KUKI NiNGYO (AIR DOLL) | 2009
Der Cannes-Gewinner: MANBIKI KAZOKU (SHOPLIFTERS - FAMILIENBANDE) | 2018

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