Film und Psychoanalyse

Film im Film

LE MÉPRIS (DIE VERACHTUNG, 1963) von Jean-Luc Godard

Filme über das Filmen sind Filme über das Leben. Denn nicht umsonst teilen die Psychoanalyse als Wissenschaft vom Innenleben und die Welt des Films einen zentralen Begriff, den der Projektion. Was allerdings im Kinosaal in voller Absicht und nach harter Arbeit geschieht, dass nämlich durch die Projektion eine Scheinwelt Gestalt annimmt, die gerade so realistisch ist, dass sie zumindest zeitweise zu überzeugen vermag, das passiert im Leben meist unbewusst und gerade deshalb oft mit Wucht: Wir alle projizieren unsere szenischen Vorstellungen und Lebensentwürfe auf Personen und Situationen, versuchen also Skripte umzusetzen und Anderen implizite Regieanweisungen zu geben, die sich nur allzu oft sträuben, weil sie eben gerade einem ganz anderen Drehbuch folgen.

Während man in der frühen Psychoanalyse davon ausging, dass die Motivation zu einer solchen inszenierenden Projektion weitgehend einer naturwüchsig verstandenen Triebhaftigkeit des Menschen entspringt, rückt schon seit Jahrzehnten immer mehr das in Sozialisationsprozessen geschaffene Begehren in den Vordergrund. Sexualität, Männer- und Frauenrollen, narzisstisch Erstrebenswertes: das entspringt nicht der »Natur«, es wird täglich produziert und in Diskursen korrigiert, ist aber eben auch Quelle triebhaft verfolgter Rollenentwürfe. Inneres Begehren ist also nicht nur privat, sondern sozial. Eine Vorlage dafür aber bilden – unter anderem – die Figuren der Filmindustrie, die andererseits in einer Kreisbewegung das Begehren der Zuschauer aufgreifen und ausdrücken muss, um kommerziellen Erfolg zu sichern.

Die in dieser Staffel der Reihe »Film und Psychoanalyse« gezeigten Filme bilden diese Verhältnisse auf vielfältigen Ebenen ab, indem sie Filmschaffende und Filmschaffen direkt thematisieren: Da wird um Drehbücher und Lebensentwürfe gerungen (ADAPTATION.), da verlieren sich Menschen in veröffentlichten Imaginationen ihrer selbst (SUNSET BOULEVARD), da wird schöpferischer Allmachtsanspruch durch soziale Unordnung zurechtgestutzt (LA NUIT AMÉRICAINE), da entdecken wir historische und moderne Schichten der Geschlechterverhältnisse (THE FRENCH LIEUTENANT ́S WOMAN), und erleben, wie Begehren – und Filmemachen – an der Anpassung an die »Wirklichkeit« scheitern kann (LE MÉPRIS). Schließlich gilt ja auch für Filmschaffende, was Freud über uns alle sagte: »Das Leben ist nicht leicht«.

Matthias Baumgart

Zum Programm der Filmreihe (14. April - 7. Juli 2019)

 

Nächster Termin:

Le mépris (Die Verachtung)
Frankreich 1963 | R+B: Jean-Luc Godard, frei nach dem Roman »Il Disprezzo« von Alberto Moravia | K: Raoul Coutard | M: Georges Delerue | D: Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Jack Palance, Giorgia Moll, Fritz Lang, Raoul Coutard, Jean-Luc Godard | 102 min | OmU

Der Film zeigt auf der Oberfläche der Bedeutung die Auseinandersetzung zwischen den Beteiligten eines Filmprojektes mit allen emotionalen Krisen vor der wunderbar gefilmten Kulisse Capris. Auf einer nächsten, gar nicht verborgenen Ebene, geht es um Godards Auseinandersetzung mit den Bedingungen des Filmemachens, der drohenden Kommerzialisierung des Films und der Identität des Autorenfilms. Drittens geht es bei dem Film um ein Metakunstwerk, wie wir es von Godard kennen: Inwiefern gelingt es einem Autor, Regisseur, Künstler im Allgemeinen, gleichzeitig eine packende Geschichte zu erzählen und uns für die Bedingungen der Produktion von Kunst ernsthaft zu interessieren? Diese Gleichzeitigkeit von Erleben und Reflektieren markiert den Unterschied zwischen philologischem Seminar und Filmerlebnis.

Sonntag, 26. Mai 2019, 17.30 Uhr
Einführung: Katharina Leube-Sonnleitner, Corinna Wernz

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