Antonio Pietrangeli

Wiederentdeckt!

IL SOLE NEGLI OCCHII (SONNE IN DEN AUGEN) | Italien 1953 | Antonio Pietrangeli

»È vietato Boogie Woogie« steht auf einem Schild, das in Antonio Pietrangelis IL SOLE NEGLI OCCHI (SONNE IN DEN AUGEN, 1953) einmal nebenbei zu sehen ist. Boogie Woogie ist nicht erlaubt. Der amerikanische Tanz war eine der Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs in Europa. Für Celestina, die Heldin des Films, wäre ein Boogie Woogie ein heftiger Kultursprung. Sie stammt aus einem Dorf, in dem 1953 noch eine ganz andere Zeitrechnung gilt. Zu ihrer ersten Tanzveranstaltung in Rom, wo sie als Bedienstete (»serva«) arbeitet, stolpert sie in den zu großen Schuhen, die sie von ihrer wankelmütigen Arbeitgeberin bekommen hat.

Celestina ist eine Figur, die in noch einigermaßen unbeholfenen Ansätzen verkörpert, wovon die Filme Antonio Pietrangelis in den Jahren zwischen 1953 und 1965 erzählen: von den enormen Veränderungen, die sich in der italienischen Nachkriegsgesellschaft vollzogen. Zehn Jahre nach IL SOLE NEGLI OCCHI filmt Pietrangeli in IL MAGNIFICO CORNUTO (COCÜ, 1964) einen Seitensprung im Milieu der unternehmerischen Klasse. Der Hutfabrikant Andrea Artusi trifft sich in einem Hotel mit Christiana. Das Liebesspiel gewinnt an Schärfe, weil die blonde Schönheit ein besonderes Kostüm trägt: die schwarzen Strümpfe ihres Dienstmädchens. So wechselt das soziale Stigma die Seite und wird zu einem erotischen Requisit. In IO LA CONOSCEVO BENE (ICH HABE SIE GUT GEKANNT,1965) erzählt Pietrangeli von dem jungen Starlet Adriana, die anfangs Friseuse ist, dann aber allmählich in die Unterhaltungsindustrie hineinwächst. Als sie zwischendurch einmal kurz nach Hause zurückkehrt, wirft ihr die Mutter fast schon resignierend ein schwarzes Kleidungsstück über – als wüsste sie, dass das nur ein Tugendzeichen auf Zeit ist. Denn bis in die urbanen Zentren reicht die alte Moral nicht mehr, die bei Pietrangeli die Mütter verkörpern. Wer im Dorf bleibt, muss heiraten, wie einer der Einheimischen in LO SCAPOLO (DER JUNGGESELLE, 1956) resigniert erklärt. Wer in die Stadt geht, findet Möglichkeiten, kann sich aber auch verlieren.

Alberto Moravia, der große Chronist der italienischen Nachkriegsepoche, war nebenbei auch ein veritabler Filmkritiker. 1953 traf er in einer Besprechung von IL SOLE NEGLI OCCHI eine wichtige Unterscheidung: Er erkannte zu diesem Zeitpunkt bereits »zwei Weisen des Neorealismus« (due maniere del neorealismo).

Der ursprüngliche Neorealismus von Roberto Rossellini, Vittorio De Sica und Luchino Visconti wurde in den frühen 1950er Jahren von einem »Neorealismus Nummer zwei« (neorealismo numero due) abgelöst. Antonio Pietrangeli, Jahrgang 1919 und damit am Ende des Zweiten Weltkriegs genau in einem Alter, um etwas Neues zu beginnen, trat nach einigen Jahren als Kritiker und Drehbuchautor erst 1953 zum ersten Mal als Regisseur hervor. Er wurde schließlich zu einer prägenden Figur für ein italienisches Kino, das zwischen den strengen Rezepten des Neorealismus und der neuen Populärkultur überzeugende Vermittlungsformen fand.

Weiter im Text von Bert Rebhandl und zum Programm-pdf der Filmreihe (29. November - 14. Dezember 2019)

ADUA E LE COMPAGNE (ADUA UND IHRE GEFÄHRTINNEN) | Italien 1960 | Antonio Pietrangeli
LA VISITA (DER EHEKANDIDAT) | Italien 1963 | mit Sandra Milo

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