14. Oktober 2015 – 10. Januar 2016
FotoDoks 2015: Past is Now

Eine Ausstellung im Rahmen des FotoDoks-Festivals für aktuelle Dokumentarfotografie in München

In jedem Heute bleibt das Gestern spürbar – als Vorbild oder prägender Einfluss, als verschwommene Erinnerung, Wiederholung oder Neudefinition von bereits Dagewesenem.

Gemeinsam mit der Partnerregion Ex-Jugoslawien beleuchtet FotoDoks 2015 den Status Quo und das Potential des Gestern im Heute. Die dokumentarischen Positionen der diesjährigen Ausstellung setzen sich in vielfältiger Weise mit dem Thema „Past is Now“ auseinander: Sie arbeiten mit bestehenden Archiven oder lassen neue entstehen; sie gehen auf historische Spurensuche und reflektieren kulturelle Stereotype und musikalische Mythen; sie blicken zurück auf 25 Jahre deutsche Wiedervereinigung sowie auf 20 Jahre Dayton-Friedensabkommen, das den Krieg in Bosnien und Herzegowina beendete. Sie hinterfragen das Versprechen von Europa und, wie immer bei FotoDoks, setzen sich die Arbeiten auch mit der Rolle der Dokumentar-fotografie und den Medien auseinander – und scheuen sich dabei nicht, die dokumentarischen Fühler auch in die Bereiche Video und Malerei auszustrecken und aktuelle Tendenzen wie den Begriff „post-documentary“ zur Diskussion zu stellen.

Jaka Babnik, „Jebodrom“, 2012-2014 © Jaka Babnik
Collaboration-project: „Memories“, 2013/2014 © Leonie Felle
Katja Stuke & Oliver Sieber, „You and Me, Indira“, 2014 © Katja Stuke & Oliver Sieber
Hrvoje Slovenc, „Croatian Rhapsody“, 2014 © Hrvoje Slovenc

 

Die ausstellenden Fotografinnen und Fotografen:

 

Jaka Babnik (*1979, Slowenien)

Jebodrom“, 2012-2014

Landschaften werden in der Fotografie gerne als Zeugen eingesetzt, die entweder augenscheinlich, atmosphärisch oder durch die zusätzliche Information einer Bildunterschrift auf vergangene, oft auch schreckliche, Ereignisse und deren Spuren verweisen. Die Orte in den Fotografien von Jaka Babnik sind dagegen eher erfreulicher Natur und durchaus noch zeitgemäß: „Jebodrom“ ist auf dem gesamten Balkan ein umgangssprachlicher Begriff für Gegenden, die besonders beliebt und geeignet für Sex im Freien sind. Mit dieser Betrachtung verweist Babnik auch auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen, die mitunter ein Zusammenleben auf engerem Raum und den Mangel an intimen Rückzugsorten bedeuten.


Roman Bezjak (*1962, Slowenien/Deutschland)

Sozialistische Moderne“, 2005-2010

Wenn Grenzen verschoben werden oder ein Land, wie im Falle des ehemaligen Jugoslawiens, ganz von der Landkarte verschwindet, sind es oft nur die Gebäude, Denkmäler und Architekturen, die an die vergangene Zeit erinnern. Der Fotograf Roman Bezjak war über fünf Jahre immer wieder in Ost- und Südosteuropa sowie im Osten Deutschlands unterwegs, um öffentliche Zweckbauten, Kulturpaläste, Hotels und Wohnanlagen zu dokumentieren. Die Nachkriegsarchitektur verkörpert nicht nur die einstigen Ideale und Utopien der postsozialistischen Staaten, sondern ruft mitunter auch negative Erinnerung an das überwundene kommunistische System hervor.


Collaboration-project: Beate Engl (*1973, Deutschland), Leonie Felle (*1979, Deutschland), Sandra Filiç (*1974, Kroatien), Franka Kaßner (*1976, Deutschland), Anton Bošnjak (*1971, Bosnien und Herzegowina), Philipp Messner (Deutschland), Alexander Steig (*1968, Deutschland), Thomas Thiede (*1967, Deutschland)

Memories“, 2013/2014

Im Rahmen des Austauschprojekts „Collaboration“ unternahmen acht in München lebende Künstlerinnen und Künstler mehrere Recherchereisen nach Mostar und Belgrad und entdeckten auf dem „Partisan Memorial Cemetery” in Mostar ein Denkmal für die gefallenen Partisanen des Zweiten Weltkrieges. Das 1965 von dem serbischen Architekten Bogdan Bogdanović gebaute Monument wurde während des Jugoslawienkrieges zerstört und 2005 als nationales Denkmal von Bosnien und Herzegowina wieder aufgebaut. Heute ist der Ort verlassen und von Pflanzen aller Art überwuchert. In ihrem Kartenspiel „Memories“ dokumentiert die Künstlergruppe die Vegetation am Denkmal und zeigt, wie sprichwörtlich Gras über die Spuren der Geschichte wächst.


Jörg Gläscher (*1966, Deutschland)

Echoland. Über das Ringen um Europa“, 2014

Mit seiner Arbeit „Echoland“ blickt der Fotograf Jörg Gläscher in Brüssel, Frankfurt und Straßburg hinter die Kulissen einer der größten politischen Institutionen der Welt: das Europäische Parlament. Er zeigt das Ringen um Europa in den Büros und Plenarsälen aber auch an denjenigen Orten und Landschaften, an denen Europa tatsächlich stattfindet bzw. seine Spuren hinterlassen hat. In „Echoland“ verbinden sich Vergangenheit und Gegenwart, Innen und Außen, das Verhandeln von Diplomatie und die lebendige Gegenwart des europäischen Gedächtnisses.


Ziyah Gafić (*1980, Bosnien und Herzegowina)

Quest for Identity“, 2010, ongoing project

In einem Völkermord geht es über das Töten hinaus um das Auslöschen von Identitäten. Der Fotojournalist Ziyah Gafić katalogisiert seit 2010 diejenigen Objekte, die als letzte Zeugen an die Existenz der um die 30.000 Vermissten des Bosnienkrieges erinnern: persönliche Habseligkeiten, Alltagsobjekte wie Schlüssel, Bücher, Kämme und Brillen, die aus den Massengräbern exhumiert wurden und bis heute, zwei Jahrzehnte nach dem Konflikt, dazu dienen, die Toten zu identifizieren. Sein visuelles Archiv soll den Hinterbliebenen die Suche nach Angehörigen erleichtern und ermöglicht trotz der Nüchternheit der Darstellung zugleich eine persönliche Identifikation mit den Opfern.


Ibro Hasanović (*1981, Bosnien und Herzegowina/Kosovo)

Study for an Applause“, 2013

Während historische Ereignisse, an die aus politischen oder ideologischen Gründen erinnert werden soll, früher in idealisierten Gemälden verewigt wurden, hat heutzutage die Fotografie weitgehend diese Rolle übernommen. Der Künstler Ibro Hasanović zeigt in seiner Arbeit „Study for an Applause“, dass diese jedoch nicht weniger inszeniert sind. In einer Serie von neun Aufnahmen analysiert er das Applaudieren der neun internationalen Unterzeichner des Dayton-Friedensabkommens am 14. Dezember 1995 in Paris, das in einer ikonischen Fotografie von Gerard Julien (AFP) festgehalten wurde. Der Friedensvertrag beendete den Krieg in Bosnien und Herzegowina und markiert eines der wichtigen historischen Eckdaten zwischen den Jugoslawienkriegen und der sukzessiven Unabhängigkeit der einzelnen Teilrepubliken.

 

Tanja Kernweiss (*1981, Deutschland)

Wishing Well“, 2014, ongoing project

Anfang der 1990er Jahre, während die Sowjetunion zerfällt, der erste Irakkrieg entbrennt und mit dem Konflikt in Jugoslawien auch in Europa wieder Krieg herrscht, vertont eine Band aus der amerikanischen Provinz die Gefühlslage der Jugend: Die Songs von Nirvana, die von Verletzung, Verwirrung und der Suche nach Liebe und Anerkennung handeln, berühren damals wie heute. Zwanzig Jahre nach dem Selbstmord des Sängers Kurt Cobain spürt die Fotografin Tanja Kernweiss dem Mythos um die Band nach und besucht die Orte des Erinnerns und Trauerns, die über die Jahre mit Symbolik und Energie angereichert wurden.


Borut Krajnc (*1964, Slowenien)

Politics (Politika)”, 2014

Der schmale Grat zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Propaganda wird besonders in politisch motivierten Medienbildern und Kampagnen deutlich. Der slowenische Fotojournalist Borut Krajnc ist seit 1991 für das wöchentliche Magazin „Mladina“ tätig und begleitete unter anderem die Wahlkampagne „Together – Encouraging Each Other” des Präsidentschaftskandidaten und heutigen Präsidenten der Republik Slowenien Borut Pahor. Zwölf der Aufnahmen veröffentlichte er als ewigen Kalender ohne Jahreszahlen und verweist damit neben der Absurdität der verkörperten Rollen auch auf die Wiederholbarkeit derartiger politischer Inszenierungen.


Saša Kralj (*1965, Kroatien)

Vrijeme u scru Bosne / Time in the Heart of Bosnia / Zeit im Herzen Bosniens“ (video), 2014

Genau zwanzig Jahre, nachdem der Associated-Press-Fotograf Saša Kralj während des Bosnienkrieges einen Moment im Leben des jungen Soldaten Rasim in einer Aufnahme festhält, findet er ihn wieder. Er überreicht ihm das gerahmte Bild und spricht mit ihm über den geteilten, traumatisierenden Lebensabschnitt und die Geschehnisse der vergangenen Jahre. Rasims Geschichte von Armut, Arbeitslosigkeit und Schicksalsschlägen beleuchtet einen persönlichen Lebensweg, der laut Saša auch den Zustand Bosniens und des gesamten Balkans beschreibt.


Tom Licht (*1972, Deutschland/Schweiz)

Vater, Sohn und der Krieg / Father, Son and the War“, 2013-2015

Gemeinsam mit seinem Vater bricht der Fotograf Tom Licht 2013 auf eine Reise durch Polen, die Ukraine, Belarus und Russland auf, um den Ort zu finden, an dem 72 Jahre zuvor sein damals 35-jähriger Großvater bei einem Angriff auf ein russisches Dorf im Krieg gefallen war. Auf den Spuren eines Mannes, den sie beide nie persönlich kennengelernt haben, werden sie nicht nur mit den kaum verheilten Narben des Zweiten Weltkrieges, sondern auch mit den eigenen, bis dato unausgesprochenen seelischen Wunden konfrontiert.


Anne Morgenstern (*1976, Deutschland/Schweiz)

Land ohne Mitte / Country Without Centre“, 2012/2013

Auch 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung ist das Bild des ehemaligen Ostens behaftet von sozialen und wirtschaftlichen Stigmata. Die 1976 in Leipzig geborene Fotografin Anne Morgenstern kehrte für ihre 2012/2013 entstandene Arbeit „Land ohne Mitte“ in ihre Heimat Sachsen zurück. In der Stadt Hoyerswerda, die in der deutschen Erinnerung als einstiges Braunkohlezentrum und besonders als Ort der rechtsradikalen Ausschreitungen von 1991 verankert ist, erforscht sie ein Heute, das durch das Gestern geprägt ist.


Vladimir Miladinović (*1981, Serbien)

Rendered History“, 2012, ongoing project

Der serbische Künstler Vladimir Miladinović beschäftigt sich in seiner Arbeit mit der Politik des

Erinnerns, der Manipulation durch Medien sowie der Erzeugung und Neu-Interpretation historischer Erzählungen. Zunächst in lokalen Zeitungsarchiven, dann auch in internationalen Archiven wie beispielsweise „El Pais“ oder „The Irish Times“, recherchiert er seit 2012 Artikel über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien, um schließlich jeweils die ganze Seite mit Tusche nachzuzeichnen. Die Tagesmeldungen – samt den teilweise ikonischen Fotografien aus der Vergangenheit – erhalten auf diese Art eine neue Präsenz, die zudem auch gegenwärtige Strukturen reflektiert.


Merlin Nadj-Toma (*1979, Serbien/Deutschland)

Here is every thing as 22 stars :-)“, 2011/2012

In den vergangenen Jahren ist Serbien zu einem Transitgebiet für illegale Einwanderer aus Zentralasien und Ostafrika geworden, die auf dem Weg in die Europäische Union sind. An der Serbisch-Ungarischen Grenze, der letzten Hürde vor Erreichen des Schengen-Raumes, in dem keine regelmäßigen Einreisekontrollen durchgeführt werden, müssen sie oft wochen- oder gar monatelang ausharren. Die in Hannover geborene Fotografin Merlin Nadj-Toma, selbst Tochter ungarischer Immigranten aus der Vojvodina im Norden Serbiens, dokumentiert das Leben der Menschen in einem illegalen Camp an der Grenze, deren Träume von einer besseren Zukunft auf die harte Realität eines Europas treffen, das sie nicht empfangen möchte.


Dragan Petrović (*1958, Serbien)

Ohne Titel / Untitled

Während seiner Tätigkeiten als Auftragsfotograf bei Hochzeiten, Familienfesten und öffentlichen Feierlichkeiten hat Dragan Petrović – sozusagen nebenbei und zufällig – ein äußerst treffendes und amüsantes Porträt der serbischen Gesellschaft in den Neunzigern geschaffen. Sein beachtliches Archiv, dessen Bedeutung erst in der heutigen Rückschau bewusst wird, zeigt einen Blick von Innen auf „seine Leute“; auf eine Ausgelassenheit und Lebensfreude, die ebenfalls Teil des kollektiven Gedächtnisses der Zeit sind.


Hrvoje Slovenc (*1976, Kroatien/USA)

Croatian Rhapsody“, 2014/2015, ongoing project

Manchmal braucht es die Distanz, um sich der eigenen kulturellen Verankerung bewusst zu werden; der emotionalen Prägung durch Geschichte, Menschen, Bräuche, verbale und nonverbale Sprache. Der kroatische Fotograf Hrvoje Slovenc lebt seit 2002 in New York, wo seine anfängliche Idealisierung der Heimat bald von einem kritischeren und analysierenden Blick abgelöst wurde. In einer nicht-narrativen und offenen Herangehensweise, für welche er den Begriff „post-documentary“ findet, verbindet er Bilder und Geschichten, Fakten und Fiktion und schafft ein assoziatives Porträt seines neu entdeckten Kroatiens.


Katja Stuke (Deutschland) & Oliver Sieber (Deutschland)

You and Me“, 2014

In einer umfangreichen Recherche zeichnen die Künstler Katja Stuke und Oliver Sieber in ihrer Arbeit „You and Me“ die Geschichte der bosnischen Immigrantin Indira nach. Sie kam während des Bosnienkrieges nach Düsseldorf, wo sie von 1992 bis 1999 lebte und unter anderem als Haushälterin der Familie Sieber arbeitete. Als die Abschiebung drohte, zog sie nach Chicago und der Kontakt verlief sich. Ihre Geschichte ist kein Einzelschicksal und verweist auf vielfältige Themen, die mit der Verschiebung von Grenzen, mit Krieg, Migration und Entwurzelung einhergehen.


Michael Wesely (*1963, Deutschland)

Humboldt-Forum, Berlin“, 2015, ongoing project

Der Fotograf und Künstler Michael Wesely ist bekannt für seine extremen Langzeitbelichtungen, die je nach Dauer des darzustellenden Bildinhaltes Tage, Monate oder Jahre dauern können. Mit dem Bild „Humboldt-Forum, Berlin“ zeigt er den Zwischenstand einer im Januar 2014 begonnenen, erstmals digitalen, Belichtung des Umbaus des Berliner Stadtschlosses und dokumentiert damit nicht nur einen Teil Stadtgeschichte der deutschen Hauptstadt, sondern verbindet darüber hinaus die fließenden Prozesse von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer Aufnahme.

 

FotoDoks-Festival: 13.10.-18.10.2015
ausführliche Programminformationen unter: www.fotodoks.de